Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Samuel 17,41-47

Bernd Friedrich

08.03.2009 in der evangelisch-methodistische Auferstehungskirche Stuttgart, Sophienstraße 21

Gottesdienst mit Interviewgast Matthias Berg (Hornist und Sportler)

Woraus schöpfe ich Kraft?

Liebe Gäste und Freunde in diesem Gottesdienst,

unsere Frage heute lautet: Woraus schöpfe ich Kraft? Was gibt uns Hoffnung, wenn es schwer wird? Was verleiht uns Flügel, wenn die Ängste und Widerstände in unserem Leben unüberwindbar erscheinen?

Erfolg und Zuversicht fallen ja nicht einfach vom Himmel. Oder vielleicht doch? Gibt es vielleicht doch so etwas wie eine Kraft aus dem Himmel, einen lebendigen Gott, der uns stärkt und neuen Mut geben kann? So wie es David gebetet hat, in Psalm 31, den wir gerade gesungen haben.

David war um das Jahr 1.000 v. Chr. ein angesehener König in Israel. Aus dem Alten Testament wissen wir ziemlich viel über ihn. Auch seine Gefühle und Gedanken sind uns überliefert aus zahlreichen Gebeten und Psalmen. 40 Jahre hat er sein Volk regiert. Was hat diesem Mann Mut und Selbstvertrauen gegeben? Woraus hat er Kraft geschöpft?

Unser Predigttext geht zurück in die Zeit, als David noch ein Teenager war, unbekannt, ein Nobody. Es ist die Geschichte eines Hirtenjungen,  der sich - nur mit einer Steinschleuder bewaffnet - dem mächtigen Philister Goliat entgegen stellt. Warum macht er das? Was ist seine Motivation? Ich lese einige Sätze aus 1. Samuel Kap. 17, Verse 45-47:

David antwortete (dem Philister Goliat): "Du trittst gegen mich an mit Schwert, Spieß und Lanze. Ich aber komme mit dem Beistand des allmächtigen Gottes, des Herrn der Heere Israels. (...)Jedermann (wird) erkennen, dass das Volk Israel einen Gott hat, der es beschützt. Auch die hier versammelten Israeliten sollen sehen, dass der Herr nicht Schwert und Spieß braucht, um sein Volk zu retten. "

Wir wissen, wie die Sache ausgeht. Der Kampf "David gegen Goliat" ist  sprichwörtlich. Der Teenager gewinnt das ungleiche Duell gegen das brüllende Kraftpaket. Matthias Claudius hat den finalen Treffer in diesen schönen Reim gepackt:

"Und damit schleudert er auf ihn und traf die Stirne gar, da fiel der große Esel hin, so lang und dick er war. Und David haut in guter Ruh ihm auch den Kopf noch ab dazu."

Ende gut alles gut. Wenn Siege doch immer so einfach wären. Wenn wir doch bei den Kämpfen und Krisen in unserem Leben nur schon vorher wüssten, dass es am Schluss ein schönes Happy-End gibt, so wie bei Rosamunde Pilcher oder bei den alten Hollywoodfilmen. -

Doch das wirkliche Leben ist anders. Es ist oft ungerecht und das Ende ist nicht kalkulierbar. Auch darum sollten wir uns diese Geschichte noch etwas genauer anschauen. Es geht mir um einen Blick in die Vorgeschichte dieses Erfolges, einen Blick hinter die Kulissen.

Zunächst müssen wir feststellen: Die Bedrohung für König Saul und sein Volk durch diese Philister war ziemlich real. Die Philister siedelten im heutigen Gazastreifen. Sie hatten tolle Waffen, starke Kämpfer, eine Elitearmee und sie unternahmen gut organisierte Raubzüge. Mit seiner Bauernarmee konnte König Saul dem nur wenig entgegen setzen.

Aus den Städten und Dörfern werden eiligst Leute zur Verstärkung geholt, so auch einige ältere Brüder von David. 30 Kilometer von Betlehem entfernt stehen sich beide Armeen an einem Tal gegenüber - schon sechs lange Wochen.

Goliat in voller Montur und waffenstarrend verhöhnt Israel. Der Drei-Meter-Mann schreit: "Schickt mir einen, der mit mir kämpft. Wenn ich gewinne, dann seid ihr unsere Sklaven. Wenn ihr gewinnt, dann sind wir eure Sklaven." In der Bibel heißt es dazu:  

"Als Saul und die Männer Israels das hörten, erschraken sie und hatten große Angst" (1. Samuel 17, Verse 11 und 24).

Die Nerven liegen blank. Von Gott spricht in dieser Situation niemand.

Doch dann kommt David und bringt Proviant für seine Brüder. Als er den Philister hört, ist er empört, er regt sich auf: "Dieser Unbeschnittene darf doch nicht das Heer des lebendigen Gottes verhöhnen." (17,26). David hat eine starke Überzeugung. David will kämpfen, um jeden Preis. Seine Brüder und der König wollen ihn davon abhalten. Aber David ist wild entschlossen. - Was ist das: Ein Akt der Verzweiflung? Dummheit oder Größenwahn? Selbstüberschätzung oder Selbstopferung? Wer kämpft schon gegen einen Riesen? Und dann auch noch freiwillig?

Ich frage mich: Was ist dieser vorwärts stürmende junge Mann eigentlich für ein Typ; dieser David, der da mit Brachialgewalt aufs Schlachtfeld stürmt? In 1. Samuel 16 (V 12 und 18) wird er so beschrieben:

"David war schön und kräftig und seine Augen leuchteten. Er kam aus einer angesehenen Familie, war ein tüchtiger Kämpfer. Er versteht es zur rechten Zeit das rechte Wort zu sagen. Er war von schöner Gestalt und der Herr steht ihm bei."

Und David war Schafhirte. Er kannte die Stille. Draußen bei den Schafen, da war er allein. Da hat er gebetet und gesungen. Zuneigung und Liebe zu Gott sind in ihm gewachsen. Wir wissen das aus dem Psalm 23 - diese kraftvollen und tröstenden Worte:

"Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (...) Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, so fürchte ich kein Unheil. Denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich."

Gott hat das gut gefallen. Er ist auf diesen jungen Mann aufmerksam geworden. Er schickt den Propheten Samuel, ihn zum Nachfolger von  König Saul zu berufen und ihn zu salben. Gott erteilt dem Propheten dabei eine Nachhilfestunden über die Gedanken Gottes. Gott sagt  (1. Samuel 16,12):

"Der Mensch sieht was vor Augen ist, ich, der Herr aber sieht ins Herz."  

Was David auszeichnet ist dieses Herz, seine Fähigkeit, Gottes Gedanken in sein Leben mit hinein zu nehmen. David war offenbar der einzige weit und breit, der Gott in dieser Krise ganz konkret etwas zutraut. David brannte für ein großes Ziel. David war einer, der glaubte, dass Gott stärker ist als diese Feinde. Als Coach oder Trainer  würden wir heute sagen: David war mental optimal eingestellt.

Aber er war auch technisch und kämpferisch besser vorbereitet als seine Brüder und der König dachten. Er war Schafhirte. Mit der Schleuder konnte er umgehen. Er hat sie oft genutzt, vielleicht Hundert mal oder Tausend mal. Er war ein Könner, da draußen in der Natur. Er wusste, wie man in freier Wildbahn lebt und wann man kämpfen muss.  Er hat die Schafe verteidigt auch gegen Bären und Löwen. Er hatte schon Krisen gemeistert und sich bewährt. David war ein Mensch, der Mut und Charakter entwickelt hat, auch wenn das sonst nirgends bekannt war.

Was könnte das für uns bedeuten? Wenn du etwas wirklich Großes bewirken willst, dann kommt es nicht darauf an, irgendwo bei den oberen Zehntausend geboren zu sein. Auch ein größeres Bankkonto ist nicht entscheidend, auch nicht beste Gesundheit. Schöne Diplome oder Titel allein bringen niemand in die Erfolgsspur.

Letztlich kommt es auf diese Fragen an: Hat der Mensch die richtige Einstellung, hat er technisch was drauf und hat er sich in Krisen bewährt. Die Testfragen ergeben bei David dreimal Ja. Und dann wird es für die Gegner wirklich gefährlich. König Saul konnte das nicht wissen und Goliat war offenbar zu dumm, die Gefahr zu erkennen, denn der nachfolgende Dialog aus der Bibel - dem auch unser Predigttext entnommen ist - enthält auch die letzten Worte Goliats (Verse 41-45):

Goliat rückt vor, sein Schildträger ging vor ihm her. Als er nahe genug war, sah er, wer ihm da entgegen kam: ein Halbwüchsiger, kräftig und schlank. Voll Verachtung brüllte er ihn an: "Was willst du mit deinem Stock? Bin ich vielleicht ein Hund?" Er rief den Fluch seiner Götter auf David herab. "Komm nur her", spottete er, "dein Fleisch will ich den Geiern und Raubtieren zu fressen geben!"

Doch David antwortete: "Du trittst gegen mich an mit Schwert, Spieß und Lanze. Ich aber komme mit dem Beistand des allmächtigen Gottes, des Herrn der Heere Israels. Ihn hast du verhöhnt. Dafür gibt er dich heute in meine Gewalt. Ich werde dich töten und dir den Kopf abschlagen, und die Leichen der anderen Philister werde ich den Geiern und Raubtieren zu fressen geben. Dann wird jedermann erkennen, dass das Volk Israel einen Gott hat, der es beschützt. Auch die hier versammelten Israeliten sollen sehen, dass der Herr nicht Schwert und Spieß braucht, um sein Volk zu retten. Der Herr selbst führt den Krieg und wird euch Philister in unsere Gewalt geben." (1. Samuel 17, 41-47)

Alle Welt soll erkennen, dass Israel einen großen und starken Gott hat. Das ist die unmögliche Aufgabe (die "mission impossible") von David. Die Welt soll etwas von Gott zu sehen bekommen, dass er sein Volk beschützt. Solche starken Worte, die denkt man sich nicht mal eben ad hoc auf dem Schlachtfeld aus. David weiß, wovon er spricht. Er kennt diesen Gott aus vielen Stunden mit seinen Schafen da draußen in der Einsamkeit.

Ein großer und starker Gott, der macht auch in unserem Leben den Unterschied aus. Ein großer und starker Gott ist wie der 12. Mann im Fußballspiel, wenn es eng wird. In den Stellungskriegen unseres Lebens und im täglichen Abwehrkampf ergeht es uns vielleicht wie den verzagten Truppen Israels. Angesichts der Überlegenheit unserer Gegner vergessen wir dann unsere eigene Stärke und die Stärke Gottes.

Es ist deshalb wichtig, sich immer wieder an ein paar grundlegende Wahrheiten zu erinnern: Wir sind getauft. Wir gehören zur Mannschaft Gottes. Wir sind seine Kinder. Nichts und niemand kann uns von seiner Liebe trennen, wie es Paulus einmal geschrieben hat (Römer 8). Und wenn es in unserem Leben heiß her geht, dann hilft die kraftvolle Gewißheit von Martin Luther aus dem Jahr 1529 weiter:

"Ein fester Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. (...) Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren; es streit für uns der rechte Mann, den Gott selbst hat erkoren. Fragst du, wer er ist? Er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaot, und ist kein anderer Gott; dass Feld muss er behalten." (GB 366 - Martin Luther)

Alle Welt soll erkennen, wie kraftvoll Gott für seine Leute handeln kann. Das gilt für uns persönlich. Das gilt auch für die Zukunft unserer  Gemeinde! Wenn es um einen geistlichen Kampf geht, dann kommt es nicht allein auf unsere eigenen Kräfte an. Es kommt darauf an, ob Gottes Kraft zum Einsatz kommt. Dieses trotzige Beharren war David zu eigen, denn nach der Papierform war der Kampf gegen die Philister schon entschieden. Dieses trotzige Beharren ist auch ziemlich evangelisch, sogar dann, "wenn die Welt voll Teufel wär" wie Luther textet. Dieses trotzige Beharren ist auch heute möglich, wenn wir in den   Bewährungsproben unserer Zeit der Kraft Gottes vertrauen.

Doch zurück zum großen Show-down in dem Tal bei Betlehem.  Die Armeen halten den Atem an: Ungefähr so wie beim Elfmeterschießen. Jeder weiß: Gleich schlägt es ein. Der riesige Philister macht ein paar Schritte, der Waffenträger vorne weg. Eine entscheidende Kleinigkeit hatte er allerdings bei seinem überheblichen Auftritt glatt übersehen, nämlich, dass er trotz Rüstung verwundbar ist. Seine Stirn ist nicht geschützt. Goliat verschwendet seine Zeit mit starken Sprüchen gegen Gott und dessen kleinen Freund.

Doch: Was eben noch so großspurig und stark daher kommt, stürzt binnen eines Augenblicks zusammen wie ein amerikanischer Immobilienfonds an der Wall-Street. Davids Stein - präzise und genau gegen die Stirn dieses Muskelmanns geschleudert - legt Goliat flach. David haut ihm den Kopf ab. Was unmöglich war ist eingetreten. Der ungleiche Kampf endet mit einer Sensation. Die Philister fliehen, die Israeliten hinterher. Doch eine Sensation ist es genau genommen eigentlich nicht. Die meisten hatten nur Gott nicht auf der Rechnung. Matthias Claudius formuliert die Pointe so:

"Trau nicht auf deinen Eisenhelm noch auf die Panzerung. Ein großes Maul es auch nicht tut, das lern vom langen Mann. Und von dem kleinen lerne wohl, wie man auf Gott vertrauen soll."

Lerne doch, wie man auf Gott vertrauen kann. Egal wie groß die Feinde, Anfechtungen, Zweifel und Demütigungen sind - wenn Gott auf unserer Seite ist, dann wird das Leben letztlich gelingen. Gott kann uns die Kraft schenken, in den großen und kleinen Kämpfen des Alltags zu bestehen. Und wenn wir unterliegen, gibt er uns die Stärke nicht zu resignieren.

David war nicht fehlerlos. Aber er war ein Mann, der wusste, worauf es wirklich ankommt: Auf ein gute Vorbereitung, auf etwas Mut und auf eine große Portion Vertrauen in die Stärke Gottes. Genau so sehn Leute aus, die das Leben erfolgreich meistern. Und sie beten dann vielleicht auch ein Gebet von David wie dieses aus Psalm 18 (vgl. 2. Samuel 22):

"Ich liebe dich Herr, denn durch dich bin ich stark! Du mein Fels, meine Burg, mein Retter, du mein Gott, meine sichere Zuflucht, mein Beschützer, (...)  Wenn ich zu dir um Hilfe rufe, dann rettest du mich vor den Feinden. Ich preise dich Herr. (...) Herr du bist mein Schutz und meine Hilfe, du hältst mich mit deiner mächtigen Hand. Deine Antwort auf mein Gebet macht mich stark. Du hast den Weg vor mir frei gemacht, nun kann ich ohne Straucheln vorwärts gehen."

Liebe Freunde, ich mache jedem Mut, diese Kraftquellen für sein Leben zu aktivieren. Wer einen solchen Rückhalt hat, der schöpft auch heute und in der nächsten Woche Kraft für ein Leben, das gelingt. Amen.

Folgt Hornstück mit Matthias Berg: Lindberg - Old Psalm