Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Samuel 17ff; Psalm 103

Pfarrer Steffen Hunder

22.04.2007 in der Christuskirche in Neustadt a.d. Weinstraße

Gottesdienst zur „Criminale“, dem Treffen der deutschsprachigen Krimiautoren/innen

Gottesdienst zur „Criminale“, dem Treffen der deutschsprachigen Krimiautoren/innen

König David im Zwielicht

Liebe Gemeinde,

Lieber König David,

deine Heldentat, den Riesen Goliath besiegt zu haben, ist bis heute unvergessen Bester Beleg dafür war der Weltmeisterschaftskampf vergangene Woche zwischen dem 2,13m großen Riesen Walujew und seinem 1,86m großen Herausforderer Tschagajew!

Das Göttinger Tageblatt titelte in seinem Sportteil: Triumph des listigen Davids gegen Goliath. Die Journalisten druckten sogar den Bibeltext ab, der dein Husarenstück erzählt! Also, du siehst, lieber David, deine Großtat, einen übermächtigen Gegner mit List und Geschicklichkeit überwunden zu haben, ist untrennbar mit deinem Namen verbunden!

Als kleiner Hirtenjunge hast du dieses wahrhaft unglaubliche Kunststück vollbracht, einen hochgerüsteten und kampferprobten Soldaten wie Goliath zu besiegen. Damit begann dein unaufhaltsamer Aufstieg zum viel geachteten und geehrten König von Israel! Du hast Geschichte geschrieben mit deinem grandiosen Überraschungssieg! Deshalb bist du auch bis heute im Gedächtnis der Menschen geblieben.

Dein Sieg über Goliath gehört ohne Zweifel auf die helle und strahlende Seite deines Lebens! Doch wir alle wissen, wo Licht ist, da ist auch Schatten. Und genau auf diese dunklen, zwielichtigen Seiten deines Lebens möchte ich im heutigen Gottesdienst zur „Criminale 2007“ zu sprechen kommen.

Bei uns gibt es ein Sprichwort, das heißt: „Wer die Macht hat, der hat das Recht!“ Dahinter steht die bittere Erfahrung vieler, vieler Menschen, die erlebt haben und erleben, wie Menschen, die Macht haben, sie dazu missbrauchen, das Recht zu ihren Gunsten zu beugen! Dafür gibt es in unserem Land und vielen anderen Ländern der Welt unzählige Beispiele.

Manche, die Macht haben, meinen sogar, sie stünden über dem Gesetz und dem Recht. Einer davon war sogar 16 Jahre Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er hat sich bis heute nicht dem Recht unterworfen, dass er selbst gesetzt hat.

Das darf doch nicht sein, wirst du, David, protestieren, dass ein Regierungschef eines Landes die Gesetze, die er selbst gegeben hat, nicht einhält! Ich gebe dir vollkommen recht! Das darf nicht sein! Doch leider Gottes geschieht das!

Menschen haben kein Vertrauen mehr in die, denen sie die Macht gegeben haben, um sie zum Wohle des Landes zu nutzen! Das nennt man bei uns Glaubwürdigkeits- krise! Diese tritt dann ein, wenn die, die Verantwortung für das Ganze tragen, nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben.

Doch wem, lieber David, erzähle ich das! Du bist doch selbst als der große und mächtige König von Israel in eine solche Glaubenswürdigkeitskrise verstrickt gewesen! Erinnerst du dich?

Es war mitten im Krieg gegen die Ammoniter. Dein Feldherr Joab lenkte das Heer in der Schlacht im Felde, während du im Palast in Jerusalem warst! Es war ein lauer Sommerabend. Du wolltest die wunderbare Luft und den Ausblick genießen. Deshalb bist du auf das Dach deines Palastes gegangen. Da fiel dein Blick auf eine wunder- schöne Frau, die auf der Terrasse ihres Hauses badete. Diese Frau faszinierte, ja sie elektrisierte dich! Begehren stieg in dir auf! Die will ich haben, schoss es dir durch den Kopf. Du konntest an nichts anderes mehr denken als daran, diese traumhaft schöne Frau zu besitzen.

Sofort wolltest du von deinen Leuten wissen, wer sie ist. „Aber verehrter König“, sagte dein Diener, „das ist doch Bathseba, die Tochter Elians, die Frau Urias, des Hethiters.“ „Das ist gut!“ rauntest du deinem Diener zu. „Geh zu Bathseba und sage ihr, ihr König verlangt nach ihr — nein sage ihr — ich verzehre mich nach ihr!“ „Aber großer König“, gab dein Diener zu Bedenken, „Bathseba ist verheiratet, sie ist die Frau eures Offiziers Uria, der gerade für euch kämpft!“

Doch du, lieber David, warst nicht mehr zu bremsen! „Komm mir bloß nicht mit solchen moralischen Bedenken um die Ecke!“ schnauztest du deinen Diener an! „Ich bin der König und wenn ich etwas will, dann wird das gemacht, basta!! HoIe endlich die Frau, anstatt mich hier über Recht und Moral zu belehren!“

Wohl oder Übel musste dein Diener zu Bathsebas Haus gehen und ihr deine Begehren mitteilen. Sie hat sich dem nicht widersetzt. Wie konnte sie auch! Du warst der mächtige König und sie die begehrenswerte Frau deines Soldaten Uria! Ihr beide habt natürlich nicht nur geplaudert und Händchen gehalten. Nein, ein Mann ist ein Mann, ein König allzumal. Du wolltest diese Frau mit Haut und Haaren, ohne Rücksicht auf Verluste.

Und so geschah, was kommen musste. Während Bathsebas Mann Uria im Krieg war, hast du seine Frau geschwängert! Jetzt wurde es selbst dir, dem mächtigen König, zu heiß! Das sollte und durfte nicht an das Licht der Öffentlichkeit kommen.

KÖNIG DAVID SCHWÄNGERT FRAU SEINES OFFIZIERS URIA, WÄHREND DER IM FELD KÄMPFT!

Dein Ruf stand auf dem Spiel! Nun war guter Rat teuer! Was tun, um diese hochnot- peinliche Angelegenheit zu vertuschen? Da kam dir die geniale Idee!

Uria darf ausnahmsweise auf Heimat-Urlaub im Haus von Bathseba übernachten. Es war nämlich den Soldaten nicht erlaubt, während des Front-Urlaubes die Tage bei ihren Frauen zu verbringen, sondern sie mussten gemeinsam in einem Heerlager bleiben.

Wahrscheinlich wollte man verhindern, dass die Soldaten ihren Kampfgeist und ihre Moral einbüßten, wenn sie erst wieder mit Frauen und Kindern zusammen sind.

Doch, lieber David, deine Rechnung ging nicht auf! Uria war ein pflichtbewusster und verantwortungsvoller Offizier. Er wusste, was für eine verheerende Auswirkung es auf die Moral seiner Soldaten haben würde, wenn er zu seiner Frau nach Hause gehen würde, während alle anderen dies nicht dürfen. Deshalb sagte er dir: „Die Lade und Israel und Juda wohnen in Zelten, und Joab, mein Herr, und meines Herrn Kriegsknechte liegen auf freiem Felde und ich sollte in mein Haus gehen, um zu essen und zu trinken und mit meiner Frau zu schlafen? So wahr der Herr lebt und bei deinem Leben: So etwas tue ich nicht! Das verstößt gegen meine Ehre als Offizier.

Das kann und will ich meinen Soldaten nicht zumuten! Du hast Uria zu dir in deinen Palast eingeladen, nicht um ihm damit die Ehre zu erweisen, sondern um ihn betrunken zu machen. Du hast bestimmt darauf gehofft, Uria gefügig machen zu können, um doch zu seiner Frau Bathseba zu gehen. Doch Uria hat dir diesen Gefallen nicht getan! Am Abend ging dieser aufrechte Mann wieder zurück zu seinen Soldaten, also dorthin, wo er seiner Meinung nach hingehörte!

Auf diese Weise vereitelte Uria deinen Plan, lieber David, die unrechtmäßige Schwangerschaft Bathsebas vertuschen und Uria unterschieben zu können. Gott sei es geklagt, lieber David, mit diesem Misserfolg hast du es nicht bewenden lassen. Es reichte noch nicht, dass du mit deinem Verhältnis zu Bathseba gegen das Ehebruch- gebot verstoßen hast, nein, um dies zu vertuschen, musstest du noch einen draufsetzen! Du schriebst an deinen Feldherrn Jaob: „Setzt Uria an der Front ein, wo der Kampf am stärksten ist. Dann sollt ihr euch hinter ihm zurückziehen, so dass er getroffen wird und stirbt!“

Das ist starker Tobak, lieber David! Du beauftragst deinen Feldherrn, deinen Nebenbuhler in den Tod zu schicken! Das ist wie ein Auftragsmord, den du damit veranlasst! „Du sollst nicht töten“, so lautet das 5. Gebot. Das heißt klar und deutlich: Du sollst niemanden umbringen oder umbringen lassen!

Du, lieber David, hast Uria umbringen lassen! Darüber gibt es keinen Zweifel! Du hast die größte Schuld auf dich geladen, die uns Menschen möglich ist, nämlich einem anderen Menschen das Leben zu nehmen! Du wolltest die Schuld deines Ehebruchs vertuschen, deshalb hast du noch viel größere Schuld auf die geladen.

EINE BÖSE TAT ZIEHT DIE NÄCHSTE BÖSE TAT NACH SICH!

Diese bittere Wahrheit bestätigst du durch deine zynische Handlungsweise! Leider Gottes verlieren die meisten Mächtigen die Fähigkeit, die dunkle Seite der Macht in ihre Schranken zu weisen. Oft bekommt die dunkle Seite der Macht eine solche beherrschende Dimension, dass der, der die Macht hat, meint, er stünde über allem, was Recht und Gesetz, Menschlichkeit und Moral bedeuten.

Auch du, lieber David, bist dieser Gefahr erlegen. Das beweist die Geschichte vom Ehebruch mit Bathseba und dem Mord-Auftrag für Uria zweifelsfrei! Du warst so stark von der dunklen Seite der Macht durchdrungen, dass dir jegliches Unrechtsbewusst- sein fehlte! Mit menschenverachtendem Zynismus reagierst du auf die Meldung vom Tod Urias und sagst zum Boten des Feldherrn Joab: „So sollst du zu Joab sprechen: Nimm diese Angelegenheit nicht zu schwer, denn das Schwert frisst mal so und mal so!“ Das war blanker Hohn, David, und menschenverachtend! Du hattest jegliches Maß für Recht und Moral verloren! Ganz cool und gelassen ließest du deine Geliebte Batseba um ihren Mann trauern und nahmst sie danach zu dir in dein Haus und sie gebar dir einen Sohn. „Aber“, wie heißt es in der Bibel, „Gott missfiel es sehr, was du getan hast!“ Und er — Gott — ließ es nicht beim Missfallen bewenden, sondern er schickte dir Nathan, seinen Propheten. Und Nathan erzählte dir die Geschichte von zwei Männern — einem Reichen und einem Armen -‚ dem der reiche Mann sein einziges Lamm stahl, um damit seinen Gästen eine Mahlzeit zuzubereiten.

Diese Geschichte brachte dich richtig in Rage! „Bei Gott“, riefst du aus, „der Mann, der das getan hat, verdient den Tod, und das Lamm soll er vierfach ersetzen, weil er so gehandelt und es ihm nicht leid getan hat!“ Du warst gar nicht zu beruhigen. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit hatte dich total in Erregung gebracht. „Zeig mir den Kerl“, hättest du am liebsten geschrieen! Doch bevor du das aussprechen konntest, sagte Nathan ruhig und gelassen: „Du bist der Mann!“

So spricht der Gott Israels: Ich habe dich zum König über Israel gesalbt. Ich habe dich aus der Hand Sauls befreit. Ich habe dir den ganzen Besitz deines Herrn gegeben, habe seine Frauen in deinen Schoß gelegt und dich zum König über Juda und Israel gemacht. Und wenn das noch zu wenig war, hätte ich dir noch dies und dies dazugetan. Warum hast du meine Gebote missachtet und getan, was mir missfällt? Du hast den Hethiter Uria auf dem Gewissen, durch das Schwert der Ammoniter hast du ihn umbringen lassen und dann hast du seine Frau genommen. Genauso wird nun das Schwert sich in aller Zukunft in deiner Familie Opfer suchen, weil du mich missachtet und die Frau Urias zu deiner Frau gemacht hast. Gib Acht! Aus deiner eigenen Familie lasse ich Unglück über dich kommen. Du wirst mit ansehen müssen, wie ich dir deine Frauen wegnehme und sie einem anderen gebe, der am hellichten Tag mit ihnen schlafen wird. Was du heimlich getan hast, will ich im Licht des Tages geschehen lassen, und ganz Israel wird es sehen!“

Das hat gesessen, lieber König David! Diese Worte Nathans müssten dir durch Mark und Bein gegangen sein! Plötzlich wurde dir bewusst, welch große Schuld du auf dich geladen hast. „Ich bekenne mich schuldig vor Gott“, hast du gestammelt! Und Gott hat dein Eingeständnis der Schuld angenommen und bei dir Gnade vor Recht ergehen lassen.

Nathan erwiderte dir: „Auch wenn Gott bei deiner Schuld Gnade vor Recht ergehen lässt und du nicht sterben musst, muss der Sohn, den dir Bathseba geboren hat, sterben, weil du mit deiner Tat Gott verhöhnt hast!“ Nathan, der Prophet, ging danach nach Hause. Seine Mission war erfüllt!

Er hatte dir, David, den Spiegel deiner Schuld vorgehalten, damit du erkennst, was du falsch gemacht hast! Jetzt folgte das bittere Ende für dich und deine Frau Bathseba! Euer Kind wurde krank und starb schließlich! All eure Gebete halfen nichts; die böse Tat hatte ihre unabwendbare Folge!

Gott lässt sich nicht spotten und verhöhnen — auch nicht von den Reichen und Mächtigen dieser Welt -‚ sondern Gott ist und bleibt der Herr der Geschichte! Diese Erfahrung hast du, lieber David, immer wieder in deinem Leben gemacht! Schuld lässt sich nicht dauerhaft vertuschen oder leugnen! Nur wenn ich mich zu meiner Schuld bekenne, bekomme ich die Chance zu einem Neubeginn! Auch das ist eine zentrale Erfahrung deines Lebens, lieber David! Nachdem euer Sohn gestorben war und du dies schweren Herzens als eine Art Wiedergutmachung für deine große Schuld akzeptiert hast, bekamt ihr euren zweiten Sohn — Salomo! Von ihm heißt es in der Bibel: Gott liebte ihn! Und Nathan, der Prophet Gottes, gab deinem Sohn den Namen Jedidja, der Liebling Gottes, weil Gott es so wollte!“

Mit der Geburt deines Sohnes Salomo hat Gott sein Licht wieder in dein Leben geschickt, lieber König David, damit du nicht im Zwielicht bleibst! Du weißt es, lieber David, und wir wissen es auch, niemand von uns ist frei von Schuld und Versagen, wir haben alle unsere dunklen Schattenseiten. Aber Gott sei Dank haben wir einen Gott, der uns so annimmt, wie wir sind! Ihm können wir uns anvertrauen und gewiss sein, er wird uns nicht fallen lassen.

Wie singst du, lieber David, so wunderbar im Psalm 103:
„Lobe den Herrn meine Seele,
und was in mir ist seinem heiligen Namen!
Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat,
der dir all das vergibt,
was du an Schuld auf dich geladen hast
und all deine Krankheit heilt.
Der dich mit Güte und Erbarmen überschüttet!“

Ja, David, solch einen Gott brauchen wir alle!
Einen, der uns mit Güte und Erbarmen überschüttet.

Amen.