Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Samuel 18-20

Pfarrerin Sylvia Bukowski

in Wuppertal-Unterbarmen

Liebe Gemeinde,

»Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei!« hören wir in der Schöpfungsgeschichte, und die meisten von uns können das aus eigenen schmerzlichen Erfahrungen von Einsamkeit bestätigen. Es ist doch nichts so schlimm, wie keinen zu haben, mit dem man reden kann, wenn es einem schlecht geht, und selbst Erfolg, und Geld können die innere Leere nicht ausfüllen, die Alleinsein verursacht. Wir alle sind angewiesen auf »die Hilfe durch ein Gegenüber«, wie Gott sie dem einsamen Adam geschaffen hat. Und so wie im Hebräischen diese Hilfe durch ein Gegenüber nicht einfach die »Gehilfin« ist, die Luther in seiner Übersetzung daraus macht, so ist es, glaube ich, auch grundsätzlich viel zu kurz geschlossen, immer nur in einer Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau die Abhilfe für die Einsamkeit zu sehen. Denn darüber wird leicht die Kostbarkeit von Freundschaften vergessen, die Männer und Frauen auch unter sich haben können. Und wie oft erweisen sich solche Freundschaften sogar noch tragfähiger als Ehen. Und wie reich wird auch das Leben eines Paares erst dann, wenn es sich nicht gegen den Rest der Welt abschottet, sondern alte und neue Freundschaften pflegt. »Ein Freund, ein guter Freund, das ist das beste, was es gibt auf der Welt ... « behaupten die Comedian Harmonists in einem Schlager der 20er Jahre, und recht haben sie!

Deshalb will ich heute auch einmal eine Freundschaftsgeschichte in den Mittelpunkt meiner Predigt stellen, und zwar die Geschichte von David und Jonatan. Es ist meines Wissens die einzige Freundschaftsgeschichte, die die Bibel mit einiger Ausführlichkeit erzählt, und sie ist so schön, so traurig, aber auch so abgründig, wie Freundschaften eben sein können. Für mich und vielleicht auch für andere Frauen ist sie noch dazu besonders interessant, weil sie einen tiefen Einblick gibt in das, was Männerfreundschaft bedeuten kann. Viele von uns denken bei diesem Sprichwort ja zuerst einmal nur an Abenteuer, Sport und Saufkumpanei, während wir alles Tiefe und Gefühlvolle für »Frauensache« halten und dementsprechend nur für uns reklamieren. Die Geschichte von David und Jonatan kann uns da heilsam korrigieren und umgekehrt vielleicht auch Männer darin bestärken, sich aus den überkommenen und oft auch verinnerlichten Klischees von Männlichkeit zu lösen und neue Seiten bei sich zuzulassen.

Doch zunächst noch etwas zum Hintergrund dieser beiden Freunde: Wie Sie sich vielleicht erinnern, stammt David aus ganz kleinen Verhältnissen. Es ist der jüngste von acht Söhnen und sticht zunächst nur dadurch heraus, daß - wie die Bibel betont - »bräunlich« ist, »mit schönen Augen und von guter Gestalt«. Im Kampf gegen den bislang unbesiegbaren Goliat erweist sich David dann unerwartet als schlauer und treffsicherer Schütze und erringt dadurch die Aufmerksamkeit des Königs Saul. Der holt ihn an seinen Hof und entdeckt, daß David noch andere Talente hat: Wie kein anderer kann er mit seinem Lautenspiel das Gefühl tiefer Niedergeschlagenheit vertreiben, das Saul immer häufiger, vielleicht gerade wegen David überkommt.
Am Königshof lernen sich schließlich auch David und Jonatan kennen. Jonatan ist der älteste Sohn Sauls und damit Anwärter auf den Thron. Er gilt als einer der mutigsten Kämpfer Israels, ist seinem Wesen nach aber immer ein bescheidener Mensch geblieben, wie die jüdische Tradition besonders betont. Von der Begegnung Davids und Jonatans berichtet 1. Samuel 18, 1-4 nun folgendes:
»Als David aufgehört hatte, mit Saul zu reden, verband sich das Herz Jonatans mit dem Herzen Davids, und Jonatan gewann ihn lieb wie sein eigenes Herz. Und Saul nahm ihn an diesem Tage zu sich und ließ ihn nicht wieder in seines Vaters Haus zurückkehren. Und Jonatan schloß einen Bund mit David, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes Herz. Und Jonatan zog seinen Rock aus, den er anhatte, und gab ihn David, dazu seine Rüstung, sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gurt ... «

Ich bin mir bewußt, daß es müßig ist, darüber zu spekulieren, wodurch Jonatan sich so zu David hingezogen fühlte, ob es irgendeine verborgene Ähnlichkeit war, die Jonatan an David entdeckt hatte, oder ob ihn gerade das Fremde, das Schillernde an diesem vielseitig begabten Hirtenjungen faszinierte. Aber eins wird hier auf jeden Fall noch einmal bestätigt: Freundschaft kann selbst die größte soziale Kluft überbrücken, und auch in dieser Männerfreundschaft sprengt die Liebe alle gesellschaftlichen Konventionen, die Oben und Unten festlegen. Gleichzeitig machen mich diese Sätze aber auch hellhörig für eine Problematik, die ich aus vielen Freundschaften kenne: Es ist immer die Rede von Jonatan. Sein Herz verbindet sich mit dem Davids, er liebt David wie sein eigenes Herz, und genauso ist er es, der mit einer mir sonst eher für Frauen typisch erscheinenden Hingabe David alles schenkt, was bisher ganz eng zu seiner Persönlichkeit gehört hat: seinen Rock, seine Rüstung, sein Schwert, seinen Bogen und seinen Gurt. Mich rührt das, und gleichzeitig werde ich, wie gesagt, stutzig. Denn das alles erscheint nur sehr einseitig, die ganze Liebe geht hier immer von ein und demselben aus, und das Wegschenken seiner Kriegsausrüstung kommt mir vor wie ein Verzicht auf die eigenen Stärken. Dieser Eindruck bestätigt sich später, als Jonatan freimütig zu David sagen kann: »Du wirst König werden über Israel, und ich werde der Zweite nach dir sein!«

Ist dieses Zurückstehen ein Zeichen echter Freundschaft, vielleicht sogar ein neidloses Anerkennen des Willen Gottes, der eben David und nicht Jonatan erwählt hat? Oder liegt darin eine Problemanzeige für ein grundsätzlich ungleichgewichtiges Verhältnis? Ich finde das in diesem Zusammenhang schwer zu entscheiden, aber ich lerne, daß Aufopferungsbereitschaft nicht nur eine weibliche Tugend oder Untugend ist. Ich lese weiter (Kap. 19, 1-7):
»Saul aber redete mit seinem Sohn Jonatan und mit allen seinen Großen davon, daß er David töten wolle. Aber Jonatan, Sauls Sohn, hatte David sehr lieb und sagte es ihm weiter und sprach: Mein Vater Saul trachtet danach, dich zu töten. Nun, so hüte dich morgens früh und verstecke dich und bleibe verborgen. Ich aber will hinausgehen und mich neben meinen Vater stellen auf dem Feld, wo du bist, und über dich mit meinem Vater sprechen; und was ich erfahre, will ich dir kundtun. Und Jonatan redete das Beste von David mit seinem Vater Saul und sprach zu ihm: Es versündige sich der König nicht an seinem Knecht David, denn er hat sich nicht an dir versündigt, und sein Tun ist dir sehr nützlich. Er hat sein Leben gewagt und den Philister erschlagen, und der HERR hat großes Heil für ganz Israel vollbracht. Das hast du gesehen und dich darüber gefreut. Warum willst du dich denn an unschuldigem Blut versündigen, daß du David ohne Grund tötest? Da hörte Saul auf die Stimme Jonatans und schwor: So wahr der HERR lebt: Er soll nicht sterben! Da rief Jonatan David und sagte ihm alle diese Worte und brachte ihn zu Saul; und David diente ihm wie früher.«

Es wird Jonatan nicht leicht gefallen sein, seinem Vater gegenüber so eindeutig für David einzutreten, denn bestimmt hat es ihn nicht kalt gelassen, wie sehr der alternde König unter den strahlenden Erfolgen dieses jugendlichen Helden litt und wie merklich es ihm zu schaffen machte, daß ausgerechnet sein eigener Sohn mit seinem Konkurrenten so eng befreundet war.
Auch sonst kommt das ja manchmal vor, daß Freundschaften bei anderen Neid und Mißtrauen auslösen, weil sie sich dadurch ausgeschlossen fühlen, vor allem eben, wenn sie wie Saul unter der eigenen Einsamkeit leiden und nicht schaffen, aus ihrer Haut herauszukommen.
Aber trotz allem inneren Zwiespalt entscheidet sich Jonatan, David vor Saul die Stange zu halten, und hier gelingt es ihm ja auch noch, den Vater umzustimmen. Bald darauf trachtet Saul jedoch David erneut nach dem Leben. Und als Jonatan da noch einmal fragt: »Warum soll David sterben? Was hat er denn getan?« - da wirft Saul in seinem Jähzorn den Speer nach dem eigenen Sohn!
Nicht zuletzt wegen dieser Episode sieht die jüdische Tradition in der Freundschaft Jonatans mit David eine Illustration des Satzes aus dem Hohenlied: »Die Liebe ist stark wie der Tod« (8,6).

Aber das ist nicht das einzige Mal, daß Jonatan sein Leben aufs Spiel setzt, um David vor der Mordlust seines Vaters zu schützen, und schließlich bleibt trotz allem keine andere Wahl, als daß David in den Untergrund geht. Das bedeutet, daß die beiden Freunde voneinander Abschied nehmen müssen: Ich lese 1. Samuel 20,41f:
»Und als der Knabe weggegangen war, stand David auf hinter dem Steinhaufen und fiel auf sein Antlitz zur Erde und beugte sich dreimal nieder, und sie küßten einander und weinten miteinander, David aber am allermeisten. Und Jonatan sprach zu David: Geh hin mit Frieden! Für das, was wir beide geschworen haben im Namen des HERRN, dafür stehe der HERR zwischen mir und dir, zwischen meinen Nachkommen und deinen Nachkommen in Ewigkeit.«

Ich wüßte gern, warum hier ausdrücklich betont wird, daß David bei diesem Abschied am allermeisten geweint hat. Daß er trauriger war als Jonatan, kann ich mir nicht vorstellen. Aber vielleicht merkt er jetzt erst richtig, wieviel er Jonatan verdankt und wie selbstverständlich er dessen Liebe hingenommen und für sich genutzt hat. Manchmal bringen ja gerade Abschiede die Versäumnisse besonders deutlich ins Bewußtsein.

Aber wie dem auch sei, mir geht sehr zu Herzen, wie diese beiden kampferprobten Helden da umeinander weinen und sich mit großer Zärtlichkeit voneinander verabschieden. Kriege ich so etwas bei Männern heute nur nicht mir, oder fällt es ihnen heute tatsächlich schwerer, so offen Gefühle voreinander und füreinander zu zeigen? Und woran liegt das?

Aber noch etwas anderes bewegt mich bei diesem Abschied. Denn obwohl es auch an anderer Stelle einmal heißt, daß Jonatan zu David ins Versteck geht, »um ihn in seinem Vertrauen auf Gott zu stärken«, wird Gott erst hier in seiner Bedeutung für diese Freundschaft erkennbar:
»Für das, war wir beide geschworen haben im Nahmen des HERRN, dafür stehe der HERR zwischen mir und dir, zwischen meinen Nachkommen und deinen Nachkommen in Ewigkeit.«

Ich höre aus diesen Worten nicht nur eine Bekräftigung früherer Versprechen, sondern ein »In-Gottes-Hand-Legen« all dessen, was zu dieser Freundschaft gehört hat, des Guten und Klaren wie des Schwierigen und Dunklen. Und auch die Zukunft, die nun auf getrennten Wegen erlebt werden muß, wird Gott anvertraut.

Das finde ich tröstlich auch für eigene Freundschaftsgeschichten. Denn neben allem Schönen gibt es doch auch in unseren Freundschaften manches Schillernde, auch bei uns ist längst nicht alles ausgewogen, auch wir bleiben einander immer wieder etwas schuldig und werden einander nicht gerecht. Da ist es gut, in Gottes Hand einen Ort zu wissen, wohin wir alles legen können, auch das, was wir nicht einmal richtig in Worte fassen können, auch das, was uns schwerfällt, uns selber einzugestehen.

Für die Geschichte von David und Jonatan erhält dieser Abschied aber nun dadurch noch ein besonderes Gewicht, daß er bald zu einem endgültigen wird: Denn Jonatan bleibt trotz allem, was gewesen ist, an der Seite seines Vaters und stirbt mit ihm und zwei anderen Brüdern zusammen in einer Schlacht gegen die Philister. David erreicht, nicht zuletzt durch dieses gewaltsame Ende der Familie Sauls, sein lang ersehntes und mit allen Mitteln vorbereitetes Ziel und wird König über Israel. Aber obwohl Davids eigenes Machtinteresse immer den Tod Sauls und seiner Söhne einkalkulieren mußte, ist seine Trauer ehrlich. Es ist schließlich nicht alles so glatt schwarzweiß, wie wir meinen oder gern hätten. In schmerzhafter Zerrissenheit klagt David: »Wie sind die Helden gefallen im Streit ... Jonatan ist auf den Höhen erschlagen. Es ist mir leid um dich, mein Bruder. Ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir köstlicher gewesen, als Frauenliebe ist.«
(2. Samuel 1,26).

Als König hat sich David später oft skrupellos verhalten. Aber was er Jonatan zum Abschied versprochen hat, hält er: Er nimmt Jonatans gelähmten Sohn - den einzigen Überlebenden der Familie Sauls - wie einen eigenen Sohn bei sich auf. Das tut er um Jonatans willen, denn die Liebe dieser beiden Männer kann selbst der Tod des einen nicht zerstören.

Ich habe am Anfang gesagt, mit der Geschichte von David und Jonatan wolle ich die Bedeutung von Freundschaft in den Blick rücken. Ich meine in der Tat, der Gottesdienst ist ein guter Ort, um sich bewußtzumachen, wie kostbar Freunde sind und wieviel Grund wir haben, Gott für die Gabe der Freundschaft zu danken. Hier haben wir aber auch die Möglichkeit, die Schmerzen und Enttäuschungen von Freundschaften bei Gott aufgehoben sein zu lassen, damit wir nicht bitter werden, sondern in Frieden beieinander bleiben oder voneinander Abschied nehmen können. Denn auch unsere Freundschaften sind geborgen in der Hand unseres Gottes.

Amen.

 

aus: Sylvia und Peter Bukowski, Ein Buch voller Leben. Entdeckungen in der Bibel. Predigten zu ungepredigten Texten Neukirchener Verlag, 4. Aufl. 1999.