Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Thessalonicher 5,1-11

Eta Reitz

10.11.2002 in der evangelischen Kirchengemeinde Essen-Haarzopf

Liebe Gemeinde!

Wir warten dein, o Gottes Sohn, und lieben dein Erscheinen... haben wir gerade gesungen! Stimmt das denn? Sind wir wirklich Menschen, die den wiederkehrenden Herrn erwarten? Ich bin mir da nicht so sicher. Deshalb ist es wichtig, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie unser Warten aussehen kann.

Früher war das anders: Zu Lebzeiten Jesu herrschte unter den Juden eine sehnsüchtige Erwartung des Messias, da dieser das Reich Gottes aufbauen würde. So fragten die Pharisäer Jesus: "Wann kommt das Reich Gottes?" - Wir haben dies in der Lesung gehört.

In den ersten Gemeinden bestand eine Naherwartung der Wiederkunft Jesu und so stellten die Christen den Aposteln eine etwas andere Frage: "Was bedeutet das nahe bevorstehende Weltende für unsere Verstorbenen und für uns selbst?" Dies bot Anlaß genug, in vielen Briefen dazu Stellung zu nehmen. Ein Beispiel davon gibt uns der heutige Predigttext. Ich lese aus dem 1. Brief an die Thessalonicher im 5. Kapitel die Verse 1 - 11:

  1. Über den genauen Zeitpunkt, Brüder und Schwestern, muss ich euch nichts schreiben,
  2. denn ihr wißt ja: Der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht; keiner weiß, wann es sein wird.
  3. Wenn man euch sagt: "Seid nur ruhig, es ist alles in Ordnung!", gerade dann braut sich ein jähes Vernichtungsgericht zusammen. Es trifft euch ohne Vorwarnung wie die erste Wehe eine schwangere Frau. Keiner entkommt ihm.
  4. Brüder und Schwestern! sitzt nicht im Finstern herum, sonst überrascht euch der Tag des Herrn wie ein Dieb.
  5. Ihr alle seid Kinder des Lichts und des Tages. Wir gehören nicht zu den finsteren Gesellen der Nacht.
  6. Daher wollen wir uns nicht hinlegen und die Zeit verschlafen wie die übrigen, sondern wachen und nüchtern bleiben.
  7. Denn wer nachts schläft, und wer nachts betrunken ist, beide gehören der Dunkelheit.
  8. Wir aber gehören dem Tag. Darum wollen wir einen klaren Kopf behalten. Wir sind gut gerüstet: Unsere Panzer sind Glauben und Liebe, und unser Helm ist die Hoffnung auf das Heil.
  9. Denn Gott will nicht, dass wir dem Zorngericht verfallen, sondern dass wir durch unseren Herrn Jesus Christus, gerettet werden,
  10. der an unserer Stelle gestorben ist. Wenn wir gerettet werden, heißt das, dass wir mit dem Herrn zusammen leben, und dann ist es ganz gleich, ob wir wachen oder schlafen, denn dann ist die Zeit der Bewährung vorbei.
  11. So sollt ihr einander ermahnen und im Glauben stärken, wie ihr es ja auch schon tut.

Wie geht es uns mit diesem Text? Spüren wir den Ernst dieser Sätze, verbunden mit einer großen Verheißung? Halten wir ihn noch für zeitgemäß? Schließlich sind schon fast 2000 Jahre Kirchengeschichte vergangen und bisher ist die Wiederkunft Jesu ausgeblieben. Unsere Fragestellung ist deshalb eine andere: "Was bedeutet die Erwartung des kommenden Gottesreiches für unser Leben in den Stürmen der Geschichte?"

Jeden Sonntag bekennen wir - auf's Neue: "Jesus Christus wird wiederkommen!", indem wir im Glaubensbekenntnis den Satz sprechen: "Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten." Doch unser Akzent liegt auf dem "richten" und nicht so sehr auf der klaren Aussage seines Kommens. Legen wir das Gewicht aber auf das Kommen Jesu, stoßen wir auf die Frage: "Wie wird uns Jesus vorfinden?"

Bei seinem ersten Kommen, kam er in eine Welt, die viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war, um ihn zu erkennen. Die Römer hatten alle Hände voll zu tun, ihre Steuern von den Juden einzutreiben. Die Juden ihrerseits waren damit beschäftigt, sich nach Möglichkeit der römischen Besatzung zu erwehren. Daneben ging es - wie heute auch - um die Machtpolitik im Großen und um die Macht im Kleinen. Es ging um große und kleine Ideen, die in den Köpfen und den Herzen der Menschen waren. Und wie heute auch noch, suchte jeder nach Möglichkeiten, sich Vorteile zu beschaffen. Nur mit einem rechnete keiner: dass der Sohn Gottes, der von den Juden erwartete Messias, in diese Welt kommen würde. Und schon gar keiner rechnete damit, wie Gott seine Liebe für die Menschen dieser Welt zeigen würde! Dass er sich selbst in sie hineinbegibt und damit den Abstand zu dieser Welt überbrückt.

Ungelegen kam ER, der Sohn Gottes. - Unerwartet - von den Großen der damaligen Welt. Keiner hatte ihn auf seiner Rechnung - weder Augustus noch Tiberius, weder Herodes noch der Hohepriester. Unerwartet kam ER - auch für die Kleinen! Sie waren überrascht, ja überrumpelt. Selbst die, welche jahrelang um das Kommen des Messias gebetet hatten, standen ihm, sofern sie ihn erkannten, fassungslos gegenüber.

Und heute? Wahrscheinlich wird es wieder so sein, genauso. Die Welt hat ihre Tagesordnung und wir werden wohl alle mit dieser beschäftigt sein! Manche mit der Verwirklichung ihrer kleinen, privaten Träume und Wünsche. Andere mit der Arbeit an den großen Aufgaben unserer Zeit. Der eine wird sein Haus bauen, der andere an seiner Arbeitsstelle sein. Wieder andere werden in einer Konferenz zu finden sein, um dort zum Wohle der Menschen Gedanken auszutauschen. Manche werden sich als Soldaten im Kampf befinden, andere um den Frieden ringen. Wie dem auch immer sei: Wir werden mit dem befasst sein, was wir immer tun - und dahinein, plötzlich und unerwartet wird ER kommen. Jesus, der Kyrios der Welt.

Ist das nicht beängstigend? Keiner von uns kennt die Welt so, wie Gott sie kennt. Keiner von uns weiß, welches Kapitel im Buch der Welt gerade aufgeschlagen ist. So wenig, wie wir es von unserem eigenen Leben wissen, genauso wenig können wir sagen, wie weit die Stunde für die Welt selbst vorgerückt ist.

Wenn Jesus wiederkommt, so Paulus, dann wird er kommen wie ein Dieb in der Nacht - plötzlich und unerwartet. Kein Warnsystem unserer Welt wird sein Kommen erfassen! Doch wenn wir fest an sein Wiederkommen glauben und uns auf diesen Tag vorbereiten, können wir uns darauf freuen.

In unseren Familien machen uns die Kinder vor, was Vorfreude bedeutet. Denken Sie nur an das Warten auf Weihnachten. Kein Tag vergeht, an dem sie nicht fragen: "Wann ist Weihnachten? Wie viele Tage dauert es noch?" Sie wissen, worauf sie warten, haben eine klare Vorstellung von diesem Ereignis und leben in ungeduldiger Erwartung des heiligen Abends. Es hängt offensichtlich mit unserer Haltung zu einem bevorstehenden Ereignis zusammen, wie wir Menschen in Wartestellung gehen. Wissen wir, dass etwas Positives auf uns zukommt, erwarten wir es mit Freude. Ungewisses hingegen macht uns Angst! Wir aber, die wir der frohen Botschaft vom Kommen des Gottessohnes glauben, wissen doch, was uns erwartet! "Gott wird an jenem Tag alle Tränen von unseren Augen abwischen!"

Warum freuen wir uns dann nicht auf den Tag des Herrn wie die Kinder auf Weihnachten? Warum warten wir gar nicht mehr ungeduldig darauf? Wo sind unsere drängenden Fragen nach dem "Wann" geblieben? Paulus wäre vermutlich erstaunt, wenn er mitbekäme, wie wenig wir noch auf diesen Tag warten. Wie sich Resignation breit macht nach dem Motto: "Die Wiederkunft findet sicher nicht mehr in unserer Lebensspanne statt. Er würde uns wahrscheinlich gerade heute auffordern, einen klaren Kopf zu behalten und gut gerüstet zu sein. Mit Glauben und Liebe, und der Hoffnung auf das Heil, unsere Rettung.

Liebe Gemeinde,
wenn Jesus wiederkommt, ist die Tagesordnung der Welt unwichtig, sind Konferenzen gegenstandslos. Dann sind Problemanalysen der Menschen überholt und überflüssig. Dann zählt nicht mehr, ob wir die Welt bewegt haben. Dann zählen nicht mehr große oder kleine Dinge die wir getan haben. Auch unser Stand in der Hierarchie unserer Gesellschaft wird nicht mehr zählen. Egal ob wir ein anerkannter Mensch sind, ein Mann von Rang, eine Frau von Einfluss, ob unser Wort Gewicht hat oder nicht, all dies verliert an Bedeutung. Dann stellt sich uns nur noch eine Frage: Stehen wir auf der richtigen Seite?! Und es wird zu spät sein, wenn wir uns erst dann dieser Frage stellen.

Es reicht nicht aus, nichts gegen die Kirche, nichts gegen Jesus zu haben. Es reicht nicht aus, Jesus Christus freundlich-distanziert gegenüber zu stehen. Denn am Tag des Herrn werden nicht unsere religiösen Gefühle oder unser Gottesdienstbesuch verhandelt Es wird auch nicht über unser Bibel lesen geurteilt - da gilt nur eines: Haben wir unser Leben für uns gelebt oder haben wir Gott in unser Leben mit einbezogen? Haben wir ihn um Rat gefragt und uns bemüht unser Leben unter seinen Augen, nach seinem Willen zu leben?

Am Ende des Kirchenjahres werden uns solch ernste Themen, mit diesen Fragen ans Herz gelegt, um darüber nachzudenken.

In dieses Nachdenken hinein schenkt uns der Geist Gottes die Gewißheit, das Jesus selbst seine Hand schon längst nach uns ausgestreckt hat. Sein Kreuz hat er für uns getragen und seine Auferstehung für uns errungen. Was Jesus getan hat, das gilt jedem von uns. In unserer Taufe wurde uns dies zugesagt. Es wurde uns zugesprochen, dass Gott uns mit seinem Segen begleitet. Damit hat Jesus den ersten Schritt getan. Wir brauchen nur noch in seine Hand einzuschlagen und unser Leben für IHN zu öffnen. Wie? Indem wir Jesus in alle Fragen unseres Leben mit einbeziehen.

Und dann gilt uns die Verheißung unseres Textes: Wir sind dann Kinder des Lichts und des Tages. Dies befähigt uns einen klaren Kopf zu behalten. Schenkt uns ein klares Urteilsvermögen. So wissen wir, dass wir in einen Kampf eingebunden sind, der in der uns unsichtbaren Welt stattfindet. Aber statt ängstlich davor zurückzuschrecken haben wir - Männer wie Frauen die Gewißheit, dafür gerüstet zu sein. Ja, wir können den Kampf des Glaubens bestehen. Wohl wissend, dass wir unter Gottes Schutz und unter seine Gnade siegen werden.

Wir wissen nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt. Aber jeder von uns hat jeden Tag Zeit genug, um dies eine zu sagen: Jesus, erfülle mein Leben mit deinem Geist und hilf mir ein Mensch zu werden, der dir nachfolgt und an deiner Seite steht.

Wenn wir uns dies täglich bewußt machen, dann werden wir zu wartenden Menschen. Nicht um die Hände in den Schoß zu legen, Nicht, um nun allem gleichgültig gegenüber zu stehen. Warten auf das Kommen Jesu heißt für mich: so zu leben, dass Menschen spüren, dass es sich lohnt, in dieser Zeit mit Gott zu leben. Warten heißt für mich, Gottes Liebe weiterzugeben, in Worten der Ermutigung; Hoffnung aufzuzeigen, wo Resignation sich breitmacht. Ich möchte dies mit einem Bild verdeutlichen:

Orchestermusiker stimmen ihre Instrumente und sich selbst ein, bevor sie miteinander musizieren. Dieses "einstimmen" füllt einerseits ihre Wartezeit auf den Beginn des Musikstückes, andererseits ist es Garant für eine gute Aufführung. Genauso sollten wir uns auf das Kommen Jesu einstimmen. Dies ermöglicht uns, wach und nüchtern zu bleiben. Wir müssen uns selbst immer wieder ermutigen und es unserer Seele zusprechen: "Lobe den Herrn meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat". Unser Instrument - das Wort Gottes hilft uns, unser Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

Warten auf das Kommen Jesu erlaubt nicht den Ausstieg aus der Welt - es stellt uns hinein in diese Welt. Zu den Menschen, die auf die Botschaft Gottes warten, ob es ihnen bewußt ist oder nicht. Zu den Menschen, die so leben, als ob sie Gottes Wort nichts anginge, und zu den Menschen, die auf dem Weg sind.

Über diesem Warten liegt eine große Freude, denn wir wissen, auf wen wir warten. Wir kennen den, der kommen wird, wir dürfen mit ihm reden und ihm alles sagen, was uns heute bedrängt und freut. Die Probleme des "Jetzt" sind ja nur zu ertragen, wenn wir gewiss sind, dass wir unterwegs sind - einem lohnenden Ziel entgegen. Dieses Ziel wird in "IHM" - Jesus Christus -gegenwärtig. Es gibt in Jesus Christus eine Gestalt in der Geschichte, die von der verrinnenden Zeit nicht verschlungen wird. Jesus kann nie Vergangenheit werden, sondern ist immer Gegenwart. Und seiner Enthüllung gehen wir entgegen. Das ist die große, eigentlich ungeheuerliche Zusage des Neuen Testaments. D. h. die vergehende Zeit, in der wir leben, wird gleichsam von allen Seiten durch die Gegenwart des kommenden Herrn durchdrungen. Weil Jesus den Tod überwunden hat, kann er uns von aller Angst vor dem, was kommen könnte befreien. Sind wir uns dessen gewahr, fragen wir nicht mehr nach Zeit und Stunde der "Wiederkunft Christi". Dann wissen und erfahren wir immer wieder, dass es darauf ankommt, allezeit in seiner Erwartung zu leben. Gerade weil "der Herr kommt wie ein Dieb in der Nacht" - leben wir in allen Dunkelheiten der Geschichte schon im Licht des Kommenden Herrn. Dann werden wir uns aller Dinge enthalten können, die uns dieses Licht verdunkeln. Wir werden Ausschau halten nach dem, was unseren Glauben und unsere Hoffnung stärkt. Nach Quellen der Gewissheit, die Gottes Wort Raum geben und es erhellen. Wir werden aber auch die "Gemeinschaft der Gläubigen" suchen und uns gegenseitig ermuntern in dem Wissen, dass Jesus Jeden und Jede unter uns an seiner Seite haben will. Als einen Menschen, der in der Nacht dieser Welt ruft: "Ich warte dein, o Gottes Sohn, und liebe dein Erscheinen." Denn Jesus ist der Herr der Welt und er kommt.

Amen.