Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Timotheus 3,16

Pfarrer Martin Braukmann (ev)

24.12.2013 Oberfischbach

Christvesper 2013

Weihanchten ist ein Geheimnis

Liebe Gemeinde,

und wieder strahlen die Lichter an unserem Weihnachtsbaum hier in der Kirche. Es ist festlich. Wir sind festlich, feierlich. Wie schon Sokrates sagte: schön geht man zum Schönen. Wir haben uns rufen lassen. Die Glocken haben uns eingeladen. Viele Menschen, ihr alle, habt euch aufgemacht in diesen Heiligen Abend hinein. Und es freut mich, dass so viele gekommen sind.

Wie es der Name schon sagt, ist es ein Abend, der aus dem Alltäglichen, Gewöhnlichen, Profanen herausgenommen ist. Es ist der Heilige Abend, an dem wir hoffentlich dem Heiligen Gott begegnen; an dem er uns begegnet. Aber wie kann das geschehen, wie soll das vor sich gehen? Das Geheimnis des heiligen Gottes streift unsere Wirklichkeit wie ein Komet, der auf der Erde einschlägt. Da treffen zwei Welten zusammen. Da gräbt sich das Eine tief im Anderen ein und verschmilzt sogar darin. Und doch wäre es gänzlich unangemessen davon so zu reden, als sei es ein Teil der Erde.

Es ist Heiliger Abend. Nicht wir sind heilig, aber wir sind in diesen Heiligen Abend hineingenommen. Wir feiern, dass Gott zu uns kommt. Er will nicht ohne uns sein. Die Welt mag zuweilen gottlos sein, aber sie ist Gott nicht los. Gott macht sich in dieser Welt fest. Aber er geht nicht darin auf. Er kommt in diese Welt hinein. Himmel und Erde berühren sich.

Es ist Heiliger Abend. Und wir tun oftmals so, als wüssten wir, was da passiert. Nur weil wir es schon x-mal gehört haben, erklären wir uns zu Weihnachts-Fachleuten, zu Experten des Weihnachtswunders und nehmen ihm eben damit seine Unverfügbarkeit. Wir wissen doch, wie die Sache ausgeht und könnten spielend leicht in die Rolle der Hirten schlüpfen; oder der Weisen aus dem Morgenland. Aber davon, was es heißt, dem Geheimnis Gottes zu begegnen, das man nicht begreifen, nicht erklären, nur bestaunen kann, haben wir keine Ahnung. Das haben wir gedanklich im Marschgepäck. Darin lassen wir uns bestätigen und dann kann man ja auch gut wieder nach Hause gehen.

Ich möchte euch eine kleine Geschichte erzählen, die ich in der Predigtvorbereitung bei einem Kollegen entdeckt habe(1):

Eine Frau ging mit ihren Tüchern und ihrer Wäsche zum Brunnen. Auf der nahen Felsplatte wollte sie die Wäsche waschen. Sie band ihr Kind in das Tragetuch auf den Rücken und machte sich auf den Weg zum Brunnen. Dort setzte sie das Kind zum Spielen ins Gras. Ihre Wäsche breitete sie auf dem Felsen aus. Mit einem Eimer, der an einem langen Seil angebunden war, schöpfte sie Wasser aus dem Brunnen. Die eingeseifte Wäsche schlug sie kräftig auf den Stein.

Gelegentlich goss sie Wasser darüber. Diese Tätigkeit beanspruchte ihre ganze Aufmerksamkeit. Plötzlich hörte sie einen Schrei. Ihr Kind war zum Brunnen gekrochen und in die Tiefe gestürzt. Da nahm sie das Tragetuch - und kehrte nach Hause zurück. Abends begrüßte sie ihren Mann am Feuer und erzählte ihm: "Mein Kind ist in den Brunnen gefallen, aber ich habe ja noch das Tragetuch. Darum bin ich nicht traurig."

"So eine dumme Frau", sagen wir.

Aber machen wir es mit unserem Glauben nicht genauso? Jesus wurde an Weihnachten geboren - wir feiern dieses Fest, wir nennen uns Christen, aber viele gehen mit einem leeren Tragetuch ins neue Jahr. Wir haben Jesus verloren und freuen uns, dass wir wenigstens noch das Tragetuch haben. Doch wir binden es vergeblich um, wenn wir Jesus nicht darin tragen. Menschen, die sich über das Tragetuch freuen, aber das Kind verloren haben, sind Dummköpfe. Gott will, dass unser Glaube nicht ein leeres Tragetuch ist, sondern ein immer neues Einlassen auf Gottes Zusagen, denen man unbedingt trauen kann.

Weihnachten ist das "Geheimnis des Glaubens". Schauen wir uns das "Geheimnis des Glaubens" einmal genauer an. Ein Geheimnis liegt nicht auf der Straße herum, ich muss es entdecken. Unser heutiger Text gibt uns Hilfen, wie wir es entdecken und bestaunen können:

Groß ist, wie jedermann bekennen muss,

das Geheimnis des Glaubens:

Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist,

erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden,

geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

Diese Worte stammen aus 1. Tim 3,16. Wenn wir uns den 1. Timotheusbrief anschauen, dann liegt dieser sogenannte Christushymnus in seiner Poesie und Form völlig quer zum Rest des Briefes. In diesem sogenannten Pastoralbrief geht es um kirchliche Strukturen. Wie soll man sich im Gottesdienst verhalten? Was zeichnet einen guten Bischof, Diakon oder eine fromme Witwe aus? Mitten in dieser Strukturdebatte um Form und Inhalte, die der Schreiber des Briefes leidenschaftlich führt, fällt dieser alte, überlieferte Christushymnus mit seiner Struktur und Schönheit völlig aus dem Rahmen. Während alles andere erklärt, diskutiert und vehement verteidigt wird, ruht der Christushymnus und das, wovon er spricht, in sich. Das gilt als bekannt, anerkannt, geglaubt.

Und heute nun trifft dieser Hymnus uns. Mitten im Trubel der Geschäftigkeiten und Wichtigkeiten an dem Tag, dessen Höhepunkt am Heiligen Abend liegt. Hier treffen wir auf das Bekenntnis der Heiligkeit Gottes, das Geheimnis des Glaubens.

Groß ist, wie jedermann bekennen muss,

das Geheimnis des Glaubens.

Kürzer lässt sich das Wesentliche unseres Glaubens, das Leben und Wirken Jesu Christi, wohl kaum mehr formulieren. In drei Gegensatzpaaren ist die ganze christliche Dogmatik entfaltet. Von ganz unten bis ganz oben spannt sich der Bogen, der Himmel und Erde, Sichtbares und Unsichtbares, Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges mit einschließt. Alle christlichen Feste stecken in diesen wenigen Worten. Eigentlich ist damit alles gesagt, und doch redet dieser Vers vom Geheimnis des Glaubens. Auch, wenn noch so oft davon geredet und gepredigt wird, wenn noch so oft davon gesungen wird, wenn noch so oft Bilder dafür gesucht und gefunden werden, wir werden nicht damit fertig. Wir können die Sache mit Gott und der Welt nicht erledigen, abhaken, hinter uns bringen. Sie geht nicht auf in einem Krippenspiel, in dem wir unsere Kinder als Darsteller bestaunen. Und selbst das feierlichste Weihnachtszimmer kann die Herrlichkeit dessen, worum es geht, nicht fassen und auch nicht angemessen widerspiegeln.

Immer wieder von neuem wirft das Geheimnis des Glaubens sein Licht auf uns, auf unsere Welt. Immer wieder von neuem müssen wir uns auf die Suche machen, auf die Suche nach Worten, Klängen und Bildern, die uns helfen das Geheimnis zu umschreiben, zu ertasten. Und wohl dem Menschen, der es sich ein Geheimnis bleiben lässt. Der sich der Versuchung verwahrt, es erklären zu wollen. Nein, erklären lässt es sich nicht, beschreiben vielleicht. Bestaunen ja (2).

Dies beginnt schon mit der ersten Zeile: offenbart im Fleisch. Die Weihnachtsgeschichte des Lukas hilft uns verstehen, was damit gemeint ist. Gott kommt zur Welt. Aber wo immer dieser Satz auch noch so vollmundig verkündet wird, er kann nicht erklären, was das wirklich bedeutet und meint. Denn in dem Moment, in dem sich Gott mitten in dieser Welt offenbart, verbirgt er sich zugleich so tief darin, dass dieses Geheimnis nicht zu lüften ist.

Offenbart im Fleisch. In diesen biblischen Worten kommt etwas für unsere Ohren und unser Verstehen zutiefst Widersprüchliches zum Ausdruck. Dass die Göttlichkeit mitten in der Welt erscheint, offenbar und offenkundig wird, aber eben so, dass sie nach außen hin nicht erkennbar ist. Offenbarung in der Verhüllung. Königlicher Inthronisationsritus, von dem aber eigentlich keiner was mitbekommt. Kosmisches Ereignis verschluckt im Dunst der Welt. Gott in Windeln gewickelt. Gott auf Heu und Stroh. Gott, an dem nichts Göttliches sichtbar oder greifbar wird. Geheimnis des Glaubens.

Unser Christushymnus beschreibt eben das in seiner Struktur der Gegensatzpaare zwischen Himmlischem und Irdischem.

Groß ist, wie jedermann bekennen muss,

das Geheimnis des Glaubens:

Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist,

erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden,

geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

Wie aber können wir uns dem nähern, ohne dass wir uns anmaßen, wir könnten dieses Geheimnis lüften oder gar verstehen? Ohne dass wir uns darin versteigen, es wäre etwas, über das wir verfügen könnten? Wie entgehen wir dem, dass wir uns das leere Tragetuch umbinden und das Kind ersäuft derweil im Brunnen unserer vermeintlichen Christlichkeit, ja selbst mitten in unseren feierlichen Gottesdiensten und Krippenspielen?

Weihnachten geschieht einfach an denen und für die, die es geschehen lassen. Weihnachten verwehrt sich allem Machbarkeitswahn. Gott kommt in die Welt. Gott wird Mensch. Weihnachten ereignet sich. Aber es wird nicht gemacht und es lässt sich nicht liturgisch reproduzieren. Weihnachten wird es für die Menschen, die es zulassen, die sich beschenken lassen. Die sich einladen lassen ins Staunen. Die loslassen, sich öffnen und hingeben. Die passiv werden um dem Handeln Gottes Raum zu lassen: Maria, die dies Geheimnis an sich geschehen lässt. Das Kind in der Krippe, das hineingeboren wird in die Welt, so wie es später in die Herrlichkeit aufgenommen werden wird. Die Hirten und die Waisen aus dem Morgenland, die einfach dem nachspüren, was in Bethlehem geschehen sein soll, ohne es erklären zu wollen; und deren Herzen mehr entdecken als die Augen sehen.

Und wir, wir sind oftmals so vermessen wie der Gockel auf dem Mist, der glaubt, die Sonne ginge morgens auf, weil er so schön kräht. Nichts haben wir begriffen, aber auch gar nichts.

Groß ist, wie jedermann bekennen muss,

das Geheimnis des Glaubens:

Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist,

erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden,

geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

Selbst der Kosmos und die himmlischen Wesen begreifen nicht was dort vor sich geht. Wie es nur sein kann, dass der, der Himmel und Erde geschaffen hat, sich zutiefst in seiner Schöpfung verbirgt, in ihr geradezu aufgeht. Darüber kann man einfach nur staunen. Das will wie in unserem Predigttext lobpreisend bekannt werden, aber es entzieht sich der Erklärung.

Sehr trefflich formuliert das Paul Gerhardt in einem meiner Lieblingslieder:

Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen.
Und weil ich nun nichts weiter kann,
bleib ich anbetend stehen.
O dass mein Sinn ein Abgrund wär
und meine Seel ein weites Meer,
dass ich dich möchte fassen!

Eins aber hoff ich wirst du mir,
mein Heiland, nicht versagen:
dass ich dich möge für und für
in meinem Herzen tragen.
So lass mich doch dein Kripplein sein;
komm, komm und lege bei mir ein
Dich und all deine Freuden!

Ja, groß ist das Geheimnis des Glaubens. Wohl dem, der einstimmt in den Lobpreis der Göttlichen Liebe. Der jedenfalls bindet sich kein leeres Tragetuch auf den Rücken.

Euch allen frohe und gesegnete Weihnachten. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesu, unserem Herrn. Amen

 

Predigtbezüge

(1) Predigteinstieg von Pfr. Ralf Krust zur Stelle, 2007 (Predigten.de)

(2) Pfn. Elke Dangelmaier-Vincon zur Stelle, 2007, (Predigten.de): bei mir zitiert auf Seite 2; liegt inhaltlich sehr dicht zu den Ausführungen von Petra Bahr

Dr. Petra Bahr, GPM 4/2013, 68 Jg, Heft 1

Ausführungen von Dr. Jan-Dirk Döhling zur Stelle bei der Pfarrkonferenz Siegen am 11.12.2013