Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1. Timotheus 3,16

Pfarrerin z.A. Bettina Hoy

24.12.2008 in Stuttgart-Steinhaldenfeld

Heiligabend 2008

Liebe Gemeinde,

was denken Sie über Gott? Was erwarten Sie von Gott? Was wünschen Sie sich von Gott?
Dass er machtvoll eingreift und alles Unheil dieser Welt beseitigt? Oder wenigstens, dass er in Ihrem Leben eingereift und beseitigt, woran Sie leiden?
Es ist höchst verständlich, wenn Sie das erwarten. Ja, natürlich wünschen wir alle uns das. Und gerade an Weihnachten wird die Sehnsucht danach besonders groß, dass Gott alles heil und gut machen möge: die Familie, die Krankheit, die Arbeit oder die Suche nach Arbeit, die Liebe, die Gesellschaft, den Weltfrieden ...
Und? Tut Gott das?
Es sieht bis jetzt nicht so aus auf unserer Erde.
Und trotzdem sind Sie heute am Heiligen Abend alle in die Kirche gekommen – wie jedes Jahr, nehme ich an. Das finde ich wunderbar, dass Sie trotzdem gekommen sind. Warum sind Sie gekommen?
Wegen eines Kindes.
Wegen eines Kindes, das vor ungefähr 2000 Jahren geboren wurde. Geboren wie wir – runzlig und rot zwischen den Schenkeln seiner Mutter. Klein und sehr verletzlich – wie jedes Neugeborene. Angewiesen auf die Fürsorge der Erwachsenen und total abhängig von anderen – wie jedes Neugeborene. Höchst lebendig – wie jedes Neugeborene, das ja bekanntlich zuerst einmal schreit. Und wie vor jedem neugeborenen Kind so liegen auch vor diesem alle Möglichkeiten des Menschseins. Was wird, was kann nicht alles aus einem neugeborenen Leben werden, alles ist möglich, alles könnte aus diesem neuen Anfang werden. Ein Zauber umgibt jedes Neugeborene, weil sich mit ihm so viele neue Hoffnungen verbinden.
Und so ist Gott Mensch geworden. So neugeboren, so ohnmächtig, so klein, so verletzlich, so abhängig und zugleich so voller Leben und voller neuer Möglichkeiten. Das ist der Zauber des Weihnachtsfestes. Das ist die Hoffnung des Weihnachtsfestes – jedes Jahr neu.

„Wahrhaftig, das Geheimnis unseres Glaubens ist groß“ – so beginnt ein alter christlicher Hymnus, den wir im 1. Brief an Timotheus in der Bibel finden.
Ein Geheimnis. Ja, das spüren wir auch an Weihnachten. Es ist ein Geheimnis um dieses Fest, das selbst erklärte Atheisten feiern, das auch in angeblich religionslosen Gesellschaften nicht tot zu kriegen war, dieses Fest, das rund um den Erdball gefeiert wird und die Menschen anrührt, manchmal auch zu Tränen rührt. Dieses Fest hat einen Zauber, der uns in die Kirche zieht, der in uns Hoffnung und Sehnsucht aufkommen lässt nach einem erfüllteren Leben, nach mehr Liebe, Sehnsucht nach Frieden in unserem Leben und auf unserer Erde. Sehnsucht nach etwas, das geschieht und unser Leben zurecht bringt.
Und es ist ja auch etwas geschehen. Gott ist Mensch geworden. „Er wurde offenbart im Fleisch“, heißt es weiter in dem alten christlichen Hymnus. Gott handelt anders, als wir erwarten. Gott ist anders, als wir denken. Gott wird Mensch, Gott liefert sich uns Menschen aus. Und was machen wir nicht alles mit dem Christkind ...
So verletzlich wie das Neugeborene – so verletzlich ist auch unser Weihnachtsfest: wie schnell geht etwas schief in all unseren Vorbereitungen, wie schnell gibt es Krach, weil wir alle so viel erwarten von diesem Fest und in diesen Tagen der Weihnachtsstimmung.
Und deshalb ist es gut, dass Sie in die Kirche gekommen sind. Hier sind Sie Gast im Hause Gottes, hier ist in dieser Stunde für alles gesorgt. Ganz gleich, ob Sie zuhause alles geschafft haben, was Sie erledigen wollten, ganz gleich, was Sie nach dem Gottesdienst tun werden. Jetzt sind Sie hier – der Braten kann allein braten und die Geschenke können warten und was noch fehlt, ist jetzt auch nicht mehr zu besorgen. Jetzt ist die ganze Weihnachtshektik einmal unterbrochen, jetzt können Sie alle Geschäftigkeit beiseite lassen, jetzt können Sie etwas für sich geschehen lassen.
Passiv sein, etwas geschehen lassen ist ja etwas, was uns Menschen schwer fällt. Nicht nur heute an Weihnachten, sondern überhaupt. Wir schätzen es, aktiv zu sein; das Leben selbst in die Hand zu nehmen, ist wichtig und richtig. Mehr noch: wir wollen alles unter Kontrolle haben. Niemand möchte gern abhängig sein von anderen und angewiesen auf Hilfe. Doch wir müssen immer wieder erfahren, dass wir mehr oder weniger abhängig sind, dass wir nicht ganz allein ohne etwas von anderen, von außen leben können. Diese Erfahrung machen wir alle – je nach Alter und Situation einmal mehr und einmal weniger. Alte Menschen sind besonders abhängig und Kinder ebenso.
Ja, und so ein Kind ist Gott geworden. Gott lässt seine Souveränität, seine Aktivitäten und seine Macht fahren, um von einer Frau geboren zu werden – und das auch noch unter schlechtesten Umständen: abgekämpft und abgerissen von der Reise finden Maria und Josef kein Quartier. Und dann eine Geburt ohne Hebamme und Facharzt, eine Geburt, die wie jede Geburt schmerzhaft war. Gott kommt uns Menschen wirklich ganz nahe – in unsere Müdigkeit und Bedrängnis, in unsere Verschlossenheit kommt er.
Er wird passiv, um uns Menschen ganz nahe zu kommen. Gott will sich uns Menschen, die wir uns von ihm entfernt haben, nähern. Deshalb wird er wie wir, deshalb teilt er unsere Abhängigkeit, unsere Verletzlichkeit und unsere Schwäche.
Heißt das nicht, dass damit unsere Verletzlichkeit und unsere Abhängigkeit „geheiligt“ werden? Auch später als Erwachsener teilt Jesus unser ganzes Menschsein, unsere vielen, vielen guten Möglichkeiten und unsere Grenzen, unsere Schmerzen, ja sogar unseren Tod. Und das alles wird „gerechtfertigt durch den Geist“ – wie es in dem alten Hymnus weiter heißt. Ja, dass Gott als Mensch geboren wird, das ist eine Einverständnis-Erklärung mit dem menschlichen Dasein in allen seinen Facetten und Erfahrungen, eine Einverständnis-Erklärung auch mit unseren Schwächen. Und wenn Gott sich damit einverstanden erklärt – können wir selbst es doch endlich auch akzeptieren, dass wir angewiesen und abhängig und verwundbar sind, dann können wir doch eigentlich auch mit unserer Schwäche einverstanden sein und annehmen, dass wir nicht alles in der Hand haben. Egal was wir leisten oder nicht leisten, Gott hat sich mit uns einverstanden erklärt.
Und wenn wir an Weihnachten einander etwas schenken, dann drücken wir damit aus: Es ist gut, dass du da bist; lass dir etwas Gutes von anderen geschehen, was du nicht selbst gemacht hast. Insofern sollten wir den schönen Brauch des Schenkens nicht aufgeben. Denn dadurch können wir einander zu Boten Gottes, zu Engeln werden. Und wäre Weihnachten ohne Engel.

In dem alten christlichen Hymnus heißt es weiter: „er wurde geschaut von den Engeln, verkündet unter den Heiden“ – Ja, die Engel, wir haben es vorhin in der Schriftlesung gehört, sie kamen als Boten zu den Hirten und verkündeten: „Euch ist heute der Heiland geboren“. Gott ist nahe, er will euch heilen, er will euer Leben gut machen und Frieden auf der Erde stiften. Diese Botschaft wird nicht nur den Hirten verkündet, sondern gilt letztendlich allen Menschen.
Und deshalb freue ich mich über die vollen Kirchen an Weihnachten, denn die frohe Botschaft von der Nähe Gottes gilt allen Menschen, wirklich und ausnahmslos allen.
Und ich freue mich, dass Sie alle heute gekommen sind und wünsche, dass Sie diese Botschaft nicht nur hören, sondern etwas davon tief in sich spüren können:
Da ist etwas, das unser Dasein rechtfertigt, egal, was wir leisten.
Und da ist etwas, das unser Leben gut machen kann, egal, wie gebrochen es ist.
Da gibt es Licht in der Dunkelheit.
Das ist die Liebe Gottes, die er uns zeigt in einem kleinen Kind.

Die Weihnachtsbotschaft gilt der ganzen müden Welt. Und sie ist nicht nur für heute. Sie ist auch nicht von heute. Sie ist älter als wir. Wir können sie nur hören, weil schon viele andere vor uns sie gehört und erfahren und geglaubt haben. In dem alten Hymnus heißt dies „Er wurde geglaubt in der Welt“. Weil Menschen seit Tausenden von Jahren ihre Erfahrungen mit Gott und ihr Vertrauen auf Gott weitergeben, nur deshalb konnte die Weihnachtsbotschaft bis zu uns kommen und bis heute Menschen bewegen und Hoffnung stiften. – deshalb können wir heute wieder die Botschaft von Weihnachten hören „Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude“.

Freilich handelt Gott ganz anders, als wir es oft erwarten. Er greift nicht machtvoll auf einen Streich ein, sondern wird ein Kind. Er macht sich damit auch von uns abhängig. Wir sind gefordert, das göttliche Kind braucht uns. Es braucht unsere Phantasie und unser Tun, um die Welt zu verbessern – die Welt im großen und die Welt im kleinen Raum. Menschen warten darauf, dass wir uns ihnen zuwenden, wie Gott sich uns zugewandt hat.

Gott kommt uns Menschen ganz nahe. Gott wird ein Kind, das ändert unsere Vorstellungen, die wir von Gott haben, und das erinnert uns daran, dass wir über Gott nicht verfügen können – auch wenn er sich so sehr auf uns einlässt. Er tut es, wie er will. Es bleibt ein Geheimnis.
Und zum Abschluss heißt es in dem alten Hymnus „er wird aufgenommen in Herrlichkeit“ – das Kind, dessen Geburt wir heute feiern, ist aufgenommen in Herrlichkeit. Aufnahme in Herrlichkeit ist auch uns zugesagt. Eine Herrlichkeit, die viel mehr ist als die Herrlichkeit, die wir mit unserem Weihnachtsschmuck erzeugen, eine Herrlichkeit, die wir uns nicht vorstellen können, eine Herrlichkeit, in der Gott selbst die Tränen abwischen wird.
Amen.

Und der Friede Gottes, der so viel mehr ist, als wir Menschen verstehen können, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.