Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1.Petrus 4,7-11

Ann-Kathrin Knittel (ev), wissenschaftliche Mitarbeiterin

17.08.2014 in der Peterskirche in Heidelberg

Universitätsgottesdienst

Das Ende aller Dinge ist nahe. Seid besonnen und nüchtern zum Gebet!

Haltet vor allem an der Liebe zueinander fest, ohne nachzulassen! Denn die Liebe deckt die Fülle der Sünden zu. Seid gastfreundlich, ohne zu murren.

Dient einander – ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat – als gute Haushalter der vielfältigen Gnade Gottes.

Wenn einer spricht, dann Worte Gottes; wenn einer dient, dann aus der Kraft, die Gott ihm schenkt,

damit in allen Dingen Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus; ihm sei die Herrlichkeit und die Herrschaft in alle Ewigkeit. Amen

 

Man hat sie angeschwärzt. Noch ist niemand gekommen, aber zum ersten Mal ist sie froh, dass sich in der Stadt jedes Gerücht wie ein Buschfeuer verbreitet. Jeder kennt jemanden, der wiederum jemanden kennt usw. So gelangt man schließlich auch in die Paläste der Provinzstadthalter. Noch ist niemand gekommen. Ihre Gedanken überschlagen sich. Das ist das Ende. Wohin mit den Kindern? Vielleicht zu den Bekannten aus der Gemeinde in der nächsten Stadt – irgendwo erst einmal Unterschlupf finden. Jetzt schnell das Nötigste zusammenpacken. Ihr fällt die kleine Tontafel mit dem Fischsymbol in die Hände, die ihr einer der Ältesten zur Taufe überreicht hat. Würde sie wieder so entscheiden?... Noch ist niemand gekommen, doch von Ferne hört sie Schritte.

Hierapolis, Kleinasien, 83 n.Chr.

Er weiß nicht wie ihm geschieht, versucht inmitten der Masse seine Mutter nicht aus den Augen zu verlieren. Sein Vater geht immer ein Stück vor den ihnen um sie in der Menge abzuschirmen. Hin und wieder ruft er ihm zu „Pass auf deine Schwester auf“. Alles ging so schnell. Sie sind gekommen. Ein großes „N“ hat man ihnen an die Haustür gemalt; den Buchstaben hat er schon in der Schule gelernt. „N“ für „Nazarener“, die, die zu Jesus von Nazareth gehören. Sie hatten die Wahl: Flucht, Konversion, Geld oder Tod. Sie sind aus der Stadt geflohen, Richtung Norden, wo sie Gleichgesinnte wussten und sich Schutz erhofften. Doch diese Illusion hat nur wenige Wochen angehalten. Wolken ziehen auf – Endzeitstimmung. Sie sind wieder gekommen.

Alqosh, Irak, 07. August 2014

 

Er sitzt am Frühstückstisch, gießt sich etwas Kaffee nach, schiebt die Brotkrümel mit dem Handrücken zusammen. Die Sonntagszeitung schreit ihn an: von der Ungerechtigkeit in der Welt, vom Elend von Millionen. Es geht ihm nicht gut. Doch nicht die Zeitungsmeldungen, nein, sein eigenes Leben macht ihm zu schaffen. Seine Ehe steht auf der Kippe, seinen Job ist er los. Ausgelaugt fühlt er sich, er ist am  Ende. Morgen wird der erste Montag sein, an dem er sich nicht auf den Weg ins Büro machen muss. Vielleicht war sein Trip mit der christlichen Identität doch ein wenig übertrieben. Hat er das wirklich getan – gekündigt des Gewissens wegen? Weil er die Firmenpolitik nicht mehr mittragen wollte und konnte und das Poker-Face abgesetzt hat. Musste es so kommen?

Heidelberg, Deutschland, 17. August 2014

 

Liebe Gemeinde,

drei Szenen, drei Personen, drei ganz unterschiedliche Welten. Die ersten beiden: bedrohlich, finster, Glauben auf Leben und Tod. Eine Welt, die wahrscheinlich keiner von uns so erlebt hat. Und doch schreit uns diese Wirklichkeit an – aus Zeitungen, aus der Tagesschau, aus dem Internet hören wir vom Schicksal der Christen und anderer Religionsgruppen im Irak. Wir hören, wie die wenigen, die nach Jahrzehnten der Krise noch im Land übriggeblieben sind, nun ganz von der Bildfläche zu verschwinden scheinen – bedroht, vertrieben, ermordet. Auf sozialen Plattformen im Internet sieht man nun immer häufiger das arabische N, das Zeichen für Nazarener, mit dem die christlichen Häuser in Mosul markiert wurden als Profilbild von Christen weltweit, die sich mit den Christen im Irak solidarisieren wollen. Auch ich habe solch ein „N“ als Profilbild; und doch drängt sich mir verstärkt die Frage auf: Wie kann ich mein Christsein mit ihrem vergleichen? Wie weit ist ihre Lebens-und Glaubenswirklichkeit von meiner entfernt?

Auch der 1.Petrusbrief, in dem unser Predigttext steht, stellt mir diese Frage. Auch er richtet sich an Christen, die aufgrund ihres Glaubens in existentielle  Bedrängungssituationen gekommen sind. Das ist – so der Verfasser des Briefes – eigentlich nichts Besonders, da Leiden eine Grundkonstante des christlichen Lebens ist. Sicher, auch in Deutschland trifft man hin und wieder auf Unverständnis – „Was Kirche, Gott? Und das glaubst du?“ Das ist unangenehm, ja. Aber nicht lebensbedrohlich. Was also sagt uns, die wir heute hier in Heidelberg sitzen – das ein israelischer Kollege von mir vor wenigen Tagen als „kleines Paradies“ bezeichnet hat – was sagt uns dieser Brief, der sich ursprünglich an Menschen richtet, die sich in einer so ganz anderen Situation befunden haben als wir?

Im Neuen Testament begegnet immer wieder die Aussage, dass die Zugehörigkeit zu Jesus Christus - ganz unabhängig von Ort und Zeit, Geschlecht, Volkszugehörigkeit oder anderen Unterscheidungsmerkmalen – miteinander verbindet und das Leben des Einzelnen fundamental neu bestimmt. Auch für den Verfasser des Briefes ist klar, dass ein Leben auf den Spuren von Jesus von Nazareth sich in der Lebensgestaltung der Einzelnen ausprägt. Wir sind und sollen als Christen nicht nur daran erkennbar sein, dass wir am Sonntag im Gottesdienst sitzen. Nein, nach dem Neuen Testament hat unser Leben mit Christus eine neue Ausrichtung bekommen. Wir laufen sozusagen unter dem „Betriebssystem Jesus von Nazareth“. Das heißt, vielleicht leiden wir nicht „als Christen“ (1. Petr 4,16) in dem Sinn, dass wir aufgrund unseres Glaubens verfolgt werden, aber wir leiden als Christen, weil unser Glaube unser ganzes Leben umfasst, weil wir als unsere Existenz als von Christus her bestimmt sehen. Sicherlich sind wir in einer anderen Position: wir sind in keiner Minderheitenposition, wir tragen unsere Glaubenszugehörigkeit nicht wie einen Stempel vor uns her und wir haben es doch überwiegend selbst in der Hand, wo wir  aus Glaubensgründen Einschränkungen in Kauf nehmen. Und dennoch ist unser Ringen um den Glauben in der Gesellschaft, in der wir leben und auf dem Lebensweg, den jeder Einzelne zurückgelegt hat nicht weniger echt, dennoch gehen uns Krisenzeiten an die Substanz. Nicht jede Not, die uns trifft leiden wir aus Glaubensgründen, viele bringt auch einfach das Leben mit sich. Dennoch müssen wir danach fragen, wie wir als Christen in Notzeiten so leben können, dass wir dem Leben, dass wir dem Glauben Raum geben können.

Da wäre es manchmal ganz hilfreich so eine Art Handbuch für dieses Betriebssystem „Jesus von Nazareth“ zu haben. Und so gibt der erste Petrusbrief eine Art Handreichung dafür, wie sich Glaubensbekenntnis in den verschiedenen Bereichen des Lebens und in den verschiedenen Rollen, die man in unterschiedlichen Kontexten einnimmt, ausprägen kann: innerhalb der Familie, als Bürger im Staat, in Hierarchie- und Beschäftigungsverhältnissen, in der Gemeinde. Und die Grundfrage bei all dem lautet: Wie wird Gott dadurch verherrlicht? Das heißt, wie wird unser Leben eine Art Werbeflyer für das Betriebssystem Jesus von Nazareth?

Das Ende ist nahe herbeigekommen – so beginnt unser Predigttext. Welche Hinweise werden nun angesichts dieser Perspektive gegeben? Wie handeln, wenn das Ende nahe scheint?

- Nun, mit dem ersten Petrusbrief wird man wohl sagen müssen: so weitermachen wie bisher. Denn die Ratschläge, die er gibt unterscheiden sich nicht fundamental von den Ratschlägen z.B. der Paulusbriefe, die ca. 30 Jahre zuvor geschrieben wurden. Was sollen wir tun?

Seid besonnen und nüchtern zum Gebet! (V.8)

Nichts Spektakuläres und doch so viel: Basiskommunikation der christlichen Gemeinde. Besonnen und nüchtern soll es sein, kein sich-hinein-steigern in die eigene Angst oder ekstatisches Erwarten der Endzeit.

Das Gebet ist keine Flucht aus der Welt der Welt hinaus. Hier geht es darum mit Gott einen Blich auf die Welt und auf das eigene Leben zu werfen, den Horizont weit zu machen. Das Beten führt wieder in die Welt zurück

Manchmal reicht es, nur stille zu sein und zu hören. Man muss nicht viele Worte machen, man kann auf alten erprobten Wegen gehen und mit den Worten der Psalmen oder des Vater unsers zu beten um die Erfahrung zu machen: Gebet trägt.

Was sollen wir tun?

Haltet vor allem an der Liebe zueinander fest, ohne nachzulassen! Denn die Liebe deckt die Fülle der Sünden zu. Seid gastfreundlich, ohne zu murren. (V.9)

Liebe und gegenseitige Unterstützung wird den bedrängten Christen ans Herz gelegt. Es wirkt geradezu logisch:  in der Not muss die Gemeinde näher zusammen rücken. Doch schnell schleicht es sich ein, dass man in der Ausnahmesituation ausnahmsweise anders handelt, dass man schaut wo man bleibt. Krisensituationen sollen nicht den Blick auf den anderen verstellen. Der Liebe Raum zu geben heißt dem Leben Raum zu geben. Ich bin nicht nur mein Leid, unser Leben geht nicht in der Krise auf. Es bleibt die Ermunterung zu Gemeinschaft mit dem Ausblick: Die Liebe  trägt.

Ein letztes Mal: Was sollen wir tun?

Dient einander aus der Kraft, die Gottes euch schenkt. (nach V.10)

Es geht nicht darum Übermenschliches zu leisten oder gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Diese Aufforderung ist eigentlich eine Zusage. Es ist die Zusage des Gottes, der die Verzweifelten trösten lässt, von dem im Buch Jesaja steht (Jes 40,29-31):

Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Vielleicht bedarf es gerade der Krise um zu verstehen: Gott trägt.

Er hat Angst; Schweiß rinnt von seiner Stirn. Bald werden sie kommen. Bald geht es zu Ende. Noch hat er die Möglichkeit einfach zu verschwinden – seine Freunde sind sowieso alle eingeschlafen. Das ist also die Konsequenz davon, dass er der Welt zeigen wollte, wie Gott ist. Noch könnte er gehen. Dann fällt ihm ein, was er selbst gesagt hat: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ (Joh 15,13) Er könnte gehen, aber er bleibt.

Gethsemane, Palästina, 33 n.Chr.

Gott selbst ist Mensch geworden – inmitten von Krise, Gewalt und Tod. Er schenke uns die Kraft, zu Menschen zu werden in aller Vorläufigkeit und Krisenhaftigkeit unserer Welt,  und  mit unserem eigenen Leben ein Zeugnis seiner Liebe zu sein

- damit in allen Dingen Gott verherrlicht werde durch Jesus Christus; ihm sei die Herrlichkeit und die Herrschaft in alle Ewigkeit. Amen (V.11)