Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 1.Timotheus 3,16

Pfarrerin Irene Engel (ev)

24.12.2013 in Bad Boll

Heiligabend 2013

© privat

Liebe Gemeinde!

Zu den schönsten Begriffen- so glaube ich-, liebe Gemeinde, gehört das Wort ankommen. Nicht nur in der Weihnachtserzählung spielt dieses Wort eine große Rolle, in unser aller Leben will es seinen Platz haben:

Wir sind ein Leben lang froh, wenn unsere Kinder in all ihren Vorhaben heil und unversehrt ankommen, und freuen uns darüber besonders an Weihnachten.

Und jeder, der im Beruf steht, möchte irgendwann einmal sagen können: Ja, ich hab´s geschafft, ich werde in meinen Fähigkeiten wahrgenommen und wertgeschätzt- ich bin angekommen.

Und vielleicht ist es überhaupt die schönste Liebeserklärung, die ein Mensch je hören kann: Ich liebe dich- endlich bin ich angekommen.

Angekommen sein vermittelt ein Gefühl von Heimat, von Geborgenheit, von sich verstanden fühlen.

Und doch liegen Sehnsucht und Gefährdung, Sehnsucht und enttäuscht Werden oft unsäglich eng beieinander.

Das spüren wir an Weihnachten besonders, weil da das Fenster unserer Seele

besonders weit geöffnet und unsere Seele besonders sehnsüchtig ist, aber eben auch besonders verwundbar.

Unsere Alltagsvernunft, die uns sonst so mächtig regiert, scheint für einen kleinen Moment zurückgedrängt zu sein, und unser Herz stattdessen weit geöffnet. Gefühle, wie wir sie aus der Kindheit kennen, steigen in uns auf: Einmal soll alles gut sein, heil und unbeschädigt.

„Lebendig ist, wer auf seine Seele achtet“, formuliert der Religionsphilosoph Pierre Stutz.

Vielleicht sind wir deshalb an Weihnachten auf ganz eigentümliche Weise lebendig, im Innern lebendig; sind mitunter unruhiger, wacher und sehnsüchtiger als sonst.

Lebendig ist, wer auf seine Seele achtet.

Und in dieser Nacht noch jemand ganz anderen ankommen lässt: Gott selbst,

in Jesus, in diesem armseligen Stall in Bethlehem.

Gott selbst will ankommen in unserer brüchigen, fragmentarischen und sehnsüchtigen Wirklichkeit, die oft so wenig heil und ganz ist.

-2-

So beschreibt es auch unser heutiger Predigttext, der mit seinen abstrakten Worten, mit seinen dichten theologischen Formeln so etwas wie ein Kommentar sein will, ein theologischer Begleittext zu der uns so wohlvertrauten Weihnachtsgeschichte, wie wir sie vorher gehört haben:

1 TIM 3,16

Ganz knapp, fast formelhaft wird hier das Geheimnis von Weihnachten

umrissen:

In Jesus will Gott sich neu mit uns und unserem Leben verweben. Er kommt zur Welt.

Sein Ankommen will uns Mut machen, immer wieder neu zu glauben,

dass Gott mit uns Menschen neue Wege gehen möchte.

Das Fenster unserer Seele ist doch weit geöffnet:

Wir feiern Weihnachten, weil das neue Leben- heute sichtbar in der Krippe in Bethlehem-, weil Christus unser Leben, unsere Hoffnung erneuern möchte.

Weihnachten als neuer Möglichkeitsraum für unser Hoffen und unser Handeln, für unser Kämpfen gegen Unrecht und unser Eintreten für die, die unsere Hilfe brauchen, hat ausgerechnet gerade die jüdische Philosophin Hannah Arendt gespürt.

Einem breiteren Publikum ist sie durch den gleichnamigen Kinofilm im Frühjahr diesen Jahres bekannt geworden:

Hannah Arendt, jüdische Philosophin im Nazideutschland, flieht ins Exil und wird später Millionen Lesern bekannt durch ihre detaillierte Berichterstattung der Eichmannprozesse in Jerusalem. Eichmanns Verurteilung- er hat ja die sogenannte Endlösung der Juden generalsstabsmäßig am Schreibtisch geplant-

protokolliert sie detailliert.

Das weihnachtlich neue Leben als neuer Möglichkeitsraum ist für sie

zarter mutiger Blick nach vorn.

So schreibt sie –fast staunend-: „ Das `Wunder` besteht darin, dass überhaupt Menschen geboren werden, und mit ihnen der Neuanfang, den sie handelnd verwirklichen können kraft ihres Geborenseins… Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten…: `Uns ist ein Kind geboren`.“ (Vita activa, 317)

-3-

Weihnachten will das Fest sein, an dem Gott mit uns neu beginnt. Bei dem er uns ermutigt, uns ändern, verwandeln zu lassen von seiner Botschaft, von seinem Werben, menschliches Leben menschlich zu gestalten, immer wieder, und immer wieder mit neuer Kraft.

Menschliches Leben menschlich machen: vielleicht

endlich das längst fällige Gespräch zu suchen,

endlich den schwelenden Konflikt anzusprechen,

endlich die freie Zeit in bürgerschaftliches christliches Engagement fließen zu lassen,

endlich Fairtrade-Produkte zu kaufen, damit Menschen auch weltweit menschlich leben können.

Eine neue Wirklichkeit ist uns im Geheimnis von Weihnachten geschenkt; diese neue Wirklichkeit will sich mit uns verweben, uns durchdringen und will gelebt sein.

„Gott wird Mensch, dir Mensch zugute“- so haben wir vorher gesungen.

Es soll dann keine christusunabhängige Wirklichkeit mehr geben.

Darf Gott ankommen in unsere sehnsüchtige Seele, die sich im Innersten nichts sehnlicher wünscht und doch auch auf so viel Schmerzliches, Bruchstückhaftes blickt?

Darf Gott auch unser Herz weit machen?

Davon möchte abschließend eine kleine Erzählung einen leisen Eindruck geben:

Es ist das Jahr 1951, Nachkriegsdeutschland, eine Zeit, die viele nur noch aus Filmen und Büchern kennen.

Heinrich Albertz, führender Kopf der Bekennenden Kirche und später bedeutender Bürgermeister in Berlin in einer unruhigen Zeit, erzählt:

Es muss 1951 gewesen sein. Wir hatten ein Haus in einem Vorort von Hannover bezogen. Ein wahrer Glücksfall, sechs Jahre nach der Flucht aus Schlesien nun ein Haus, mit einem großen Garten, eigenen Zimmern für die Kinder, unvorstellbar nach der Enge zuvor. Und es war Weihnachten. Der Morgen des Heiligen Abends, für die Kinder die Stunde größter Ungeduld, für die Frau die Hetze letzter Vorbereitungen auf das große Fest.

-4-

Sie musste noch einmal in die Stadt. Da liegt frierend und mit bettelnden Augen ein völlig verhungerter junger Hund vor der Haustür. Er möchte ins Haus, fressen und trinken. Er wird eingelassen und bekommt, was er will; gierig, völlig verhungert stürzt er sich auf den Fressnapf, umringt von den Kindern. Sie wollen ihn behalten. Aber nun- zu drei Menschenkindern noch ein Hund, und noch dazu dieser, verdreckt, eine Mischung aus Terrier und Pudel, -und wem ist er entlaufen? Außerdem muss meine Frau in die Stadt.

So wird er wieder hinausgeführt. Aber er läuft mit, immer hinter der Frau, als gehöre er schon dazu, bis zur Haltestelle. Die Straßenbahn kommt, er will mit einsteigen. Er darf es nicht. Er bleibt zurück, ein Häufchen Elend, frierend und schmutzig.- Meine Frau ist wohl eine kleine Stunde in der Stadt geblieben. Aber als sie- zurück mit den letzten Einkäufen- wieder aussteigt, sieht sie ihn wieder. Er hat diese Stunde gewartet, auf seine letzte Hoffnung: dass er aufgenommen würde ins Warme und Menschliche. So kommen sie beide zusammen wieder an, jubelnd von den Kindern begrüßt. Der Vater wird gefragt: Ja, am Heiligen Abend müssen wir ihn wohl aufnehmen. Im Stall von Bethlehem war sicher auch ein Hund. Auf den alten Bildern ist er immer wieder zu sehen. Er sieht dem kleinen Heimatlosen sehr ähnlich.

So ist er geblieben. Er blieb 14 Jahre. Er war ein treuer Hund. Er zog mit uns nach Berlin und wurde der unbestrittene Herr ganzer Straßen in Lichterfelde. Er zeugte unzählige Kinder. Noch heute sind sie in Enkeln und Urenkeln zu erkennen, schwarzweiß, sehr preußisch. Er kämpfte mit allen Artgenossen, todesmutig. Er wartete Stunden vor den Gartentoren läufiger Hündinnen und fror einmal beinahe im Eise an. Er war Liebling und Held, sehr robust, fast ordinär, aber zuverlässig und uns allen unbeirrbar zugetan. Er starb 1965. Er hieß Fips.

Wäre es nun nicht der Heilige Abend gewesen, damals in Westerfeld, hätten wir ihn je geschenkt bekommen?

Machen auch wir das Fenster unserer Seele weit auf. Amen