Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Könige 5,1-19a

Alexander Dölecke (ev.-luth.)

22.01.2012 in der Timotheus-Kirche in Osnabrück (Widukindland)

3. Sonntag nach Epiphanias

»Das Heil kommt von den Juden!«

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. –
Amen.

Liebe Gemeinde,

Weihnachten ist ja eigentlich schon etwas her, und trotzdem haben wir – Sie mögen es vielleicht mit Verwunderung oder Freude wahrgenommen haben – noch einige Weihnachtslieder gesungen. Vom Kirchenjahr aus gesehen befinden wir uns noch im Weihnachtsfestkreis. An den Sonntagen zwischen dem Epiphaniasfest am 6. Januar und dem Beginn der Passionszeit denken wir darüber nach, was es bedeutet – für diese Welt, aber auch und vor allem für uns ganz persönlich –, dass in Jesus Christus Gott selbst Mensch geworden ist, dass der Schöpfer und Herr der Welt sich klein gemacht hat wie ein Kind, verletzlich, und sich den Menschen ausliefert. Gott kommt in die Welt und überwindet alle Grenzen. Das ist die Botschaft, die von Weihnachten ausgeht: Der Zugang zu Gott ist frei; wir dürfen zu ihm kommen; der Gott Israels stellt sich in die ganze Welt hinein und lädt alle Menschen ein, fortan mit ihm zu leben.1

Erzählt die Hebräische Bibel, das Alte Testament, vom Gott Israels und seinem Volk, so wird in und mit Jesus endgültig deutlich: Alle Menschen aus den Völkern der ganzen Welt dürfen nun mit hinzukommen zu dem Bund Gottes mit seinem Volk. Wie wir es gerade gesungen haben:

»Die Völker haben dein geharrt,
bis dass die Zeit erfüllet ward;
da sandte Gott von seinem Thron
das Heil der Welt, dich, seinen Sohn.
Damit der Sünder Gnad erhält,
erniedrigst du dich, Herr der Welt,
nimmst selbst an unsrer Menschheit teil,
erscheinst im Fleisch und wirst uns Heil.« [eg 42,2.4]

In der Krippe von Bethlehem geschieht etwas grundsätzlich Neues – und wir dürfen nun schauen, was das für uns heißt. Wir dürfen es hinzutreten, das Neue feiern und wir dürfen es leben.

Wenn wir uns nun die Geschichte Gottes mit der Welt und mit uns Menschen genauer anschauen, dann entdecken wir, dass schon vor Christus, in der Zeit, von der das Erste Testament berichtet, Gott die Grenzen immer wieder überschritten hat: Ja, er steht fest zu seinem Volk, zu Israel, und er streitet für es wie eine Mutter für ihr Kind. Und doch, zugleich sind immer auch schon die nicht-jüdischen Völker mit im Blick. Sie finden ihren ganz eigenen Ort in den Erzählungen des Alten Testaments. Dass Gott in Jesus Christus sich der Welt öffnet, dass er sie nicht vergessen hat, sondern sein Heilshandeln auf alle Menschen zielt, scheint immer schon auf und begleitet die Geschichte seit ihrem Beginn.

Davon (und von vielem anderen mehr) erzählt der uns für heute Morgen vorgeschlagene Predigttext. Bevor ich diese längere Geschichte vom Feldhauptmann Naaman und Elisa dem Propheten2 in mehreren Etappen auslegen möchte, hören wir sie zunächst einmal als ganze:

(2Kön 5,1–19a in der revidierten Lutherübersetzung von 1984 lesen)

Liebe Gemeinde,

gestern Abend wurde im Osnabrücker Theater »Minna von Barnhelm«, das bekannte »Lustspiel« von Gotthold Ephraim Lessing, gespielt. Es war ein schöner Abend, letzte Vorstellung, Derniere, festlich gekleidete Menschen im neu gestalteten Theaterfoyer. Ausverkauftes Haus. Eine moderne, aber sehr gelungene Inszenierung mit allem, was man der klassischen Dramentheorie von Aristoteles, Lessing und der ihnen folgenden Bühnendichter nach erwartet.

Unser Text hätte wohl auch das Zeug zu einem abendfüllenden Theaterstück. Ja, die Passage3 von Naaman ist »ein einzigartiges Drama mit […] einer feinen Zeichnung der Charaktere [und] mitunter komödienhaften Zügen wie dem Tänzeln auf dem spiegelglatten Parkett der Diplomatie, den vielfältigen Umwegen, Missverständnissen und Enttäuschungen«4, und wie alle großen Theaterstücke: mit einer Botschaft, die eine tiefe Wahrheit in sich birgt, die in immer neuen Facetten bei jedem Hören oder Lesen entdeckt werden will.

Deshalb lassen Sie uns heute Morgen den Abschnitt aus dem Zweiten Königebuch als klassisches Drama begreifen: fünf Akte – und dazu aus der Fülle der möglichen Themen, die sich anbieten, wenn man es auslegen will, fünf Gedanken zum Text.5 Ja, man könnte sicher noch viel mehr sagen, manches Andere mag sich vielleicht in diesen Tagen auch aufdrängen. Um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen: Man könnte etwa fragen, wie eigentlich Elisas Weigerung, Naamans Geschenke anzunehmen für einen Dienst, für den er eingesetzt worden ist, ins Gespräch gebracht werden könnte mit den gegenwärtig intensiven und anhaltenden Diskussionen in Innenpolitik und Medien?6 Aber lassen wir allzu platt erscheinende Aktualisierungen lieber beiseite und sehen wir, wie wir der Geschichte folgen können, indem wir sie begreifen als eine Art Vorwegnahme der Weihnachtsgeschichte, eine Erzählung auf der Grenze zwischen Israel und den Menschen aus den Völkern, zwischen Gott und Welt. Dazu konzentrieren wir uns bei unserem Durchgang auf die Figur des Naaman und schauen, wie er dargestellt wird, was ihn bewegt und was ihn verändert oder auch nicht…

 

I.

Jedes Drama beginnt mit einer Exposition, einem Auftakt, in dem in die handelnden Figuren und die Problemstellung eingeführt werden. Die Verse 1 bis 5 übernehmen in unserem Text genau diese Funktion: Naaman wird vorgestellt, der Feldhauptmann eines fremden Volkes, der Aramäer, vom König besonders wert geschätzt, ein Mensch, der seine Arbeit zur Zufriedenheit des Herrschers ausübt. Ein gewaltiger Mann – und doch: Er war aussätzig.

Das gilt sicher in mehrfachem Sinne: Aussatz war damals – die Geschichte spielt etwa in der Mitte des neunten Jahrhunderts vor Christus – noch nicht die Lepra-Krankheit, wie sie im Neuen Testament dann erscheint, sondern ›Aussatz‹ meint hier wohl eher eine starke Form der Schuppenflechte.7 Das ist nicht weniger schlimm, denn wenn diese den ganzen Körper übersäen, kann das nicht versteckt werden. Naaman wird es zu spüren bekommen haben: körperlich krank und geplagt, aber auch von den Blicken der Leute um ihn herum getroffen, die ihn immer wieder seltsam angesehen oder sich ekelnd abgewandt haben. Aussätzig: übersät an seiner Haut, und die Erfahrung, nicht dazuzugehören.

Ein gewaltiger Mann, so heißt es. Sein Name, Naaman, bedeutet ›der Freundliche, der Angenehme‹, und doch ist das nur die halbe Wahrheit. Er wird vielmehr ambivalent vorgestellt: ein beim König angesehener Mann, der vieles schon erreicht hat und doch als Aussätziger am Rand der Gesellschaft steht; das von Gott gebrauchte Werkzeug, ein mächtiger Feldherr, und doch von seiner Krankheit schwer gezeichnet. Naaman weiß nicht mehr ein noch aus, zu lange schon plagt ihn sein Ausschlag…

Nun sind beim Theater oder Film ja nicht nur die Hauptfiguren wichtig, nicht umsonst gibt es Film- und Theaterpreise, den Oscar zum Beispiel, extra für weibliche und männliche Nebenrollen. Aber eigentlich sind sie mehr: »supporting acts« heißen sie auf englisch, unterstützende Rollen. Ja, es lohnt sich, auch einen Blick auf die Nebenfiguren zu werfen, auf die, die zwar am Rande stehen und leicht übersehen werden, ohne die aber eigentlich gar nichts läuft:8 Ein namenloses Mädchen, aus Israel verschleppt und wohl schon seit ihrer Kindheit als Sklavin gehalten, gibt den entscheidenden Tipp: »Gehe doch nach Israel, dort kann der Prophet dich vom Aussatz heilen!« Sie, die eigentlich nichts zu sagen hat, bringt neue Hoffnung und den Ausblick auf eine Lösung. Naaman lässt sich bewegen, er lässt sich etwas von dieser Kleinen sagen, von einer unbedeutenden Sklavin. Er ist sich nicht zu stolz, vielmehr, er will aufbrechen in die Fremde, in das verhasste Land Israel, in Feindesland hinein, aus seiner Sicht gesehen.

 

II.

Zweiter Akt. Die Handlung nimmt ihren Lauf und die Spannung steigt. Naaman macht sich auf den Weg. Das ist oft der erste Schritt zur Heilung. Er bleibt nicht bei sich selbst stehen, sondern er geht los. Dem Hinweis seiner Sklavin vertrauend, begibt er sich auf unbekanntes Terrain.

Das ist eine Grenzüberschreitung: Naaman, ein Mensch, der nicht aus dem Gottesvolk stammt, sondern aus der Fremde, zieht hinauf nach Israel. Dort sucht er die Rettung, dort sucht er Heilung. In der Welt, die ihn umgibt, konnte ihm nichts mehr helfen. Und auch wenn er von Israel, von dessen Gott und dem, was ihn dort erwarten wird, nichts weiß, vielleicht allenfalls ahnt, was geschehen wird, wagt er diesen riskanten Sprung. Seine Familie und seine Freunde werden ihn womöglich nicht verstanden haben – und doch lässt ihn nichts davon abbringen, nach Israel zu reisen.

Zuvor hat er sich noch Gastpräsente und einen Begleitbrief seines Königs organisiert. Eigentlich eine freundliche Geste, aber – wie so oft in einem Theaterstück – sie sorgt für einige Verwirrung. Der König Israels sieht darin gerade nicht ein nettes Schreiben eines Kollegen, sondern er wittert eine List: »Merkt ihr denn nicht, wie er Streit mit mir sucht!«

Aber was ist eigentlich das Problem? Warum reagiert der König von Israel so scharf? Ist es nur die Furcht vor dem Fremden oder die Erfahrung mit den Aramäern, die ihn misstrauisch sein lässt? Es ist wohl mehr! Der Aramäer-König hatte seinen Amtskollegen darum gebeten, Naaman vom Aussatz zu heilen – und damit hatte er gezeigt, dass er eigentlich gar nichts verstanden hat: Denn die Heilung vom Aussatz galt damals in Israel so viel wie eine Totenauferweckung, ein Wunder, das ausschließlich Gott tun kann. Ja, wer Aussatz hatte, galt als ›lebendig Toter‹ [Num 12,12; Hi 18,13] und helfen konnte ihm dann nur Gott allein. Es wäre eine schlimme Anmaßung, würde ein Mensch meinen, hier etwas bewirken zu können.

Dieser Gedanke zieht sich durch die ganze Bibel: Es mag andere Götter geben, Dinge oder Menschen, auf die ihr euer Vertrauen setzt, es mag Könige geben, die etwas zu sagen haben, und Menschen, die über euch herrschen, es mag möglich sein, dass wir in dieser Welt vieles tun und einiges bewegen können, aber: Allein der Gott Israels ist der wahre Gott. Er kann als Einziger wirklich heilen und neues Leben schenken. Er hat es am Anfang der Zeit getan, in der Schöpfung der ganzen Natur, und durch seinen Atem erhält er die Welt bis heute. Nicht irgendwelche Götter und auch nicht irgendwelche Menschen können Andere vom Tod befreien – das Leben wird allein von Gott geschenkt.

Der Aramäer-König hatte das nicht begriffen – und die Geschichte scheint zu Ende, bevor sie richtig begonnen hat. Doch im klassischen Drama kommt es im dritten Akt zu einer Wende:

 

III.

In den Versen 8 bis 10 wird sie beschrieben: »Als Elisa, der Mann Gottes, hörte, dass der König von Israel seine Kleider zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: ›Warum hast du deine Kleider zerrissen? Lass ihn zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist.‹« – Die Heilung soll doch noch möglich werden. Elisa, der Prophet in Israel, der Gottesmann, der die Stimme des Schöpfers hört, hat aufgemerkt und lädt Naaman zu sich ein.

Dieser soll nun erfahren, dass in Israel die Rettung zu finden ist. Aber ist das nicht ein wenig zu selbstsicher, klingt es nicht fast schon arrogant, wie Elisa hier auftritt? Wie könnte er garantieren, dass Gott heilend eingreift? Kann er denn etwa über Gott verfügen? Oder drückt sich in seinem Angebot nur die glaubende Zuversicht eines Mannes aus, der sein Leben ganz von Gott her gestaltet? In jedem Fall wird es uns zur Frage: Was trauen wir eigentlich Gott alles zu? Kann und darf er unser Leben verändern? Glauben wir, dass er heil machen kann, wo wir verletzt worden sind? Und vertrauen wir darauf, dass bei ihm das Leben in Fülle zu finden ist?

Naaman folgt der Einladung und findet – verschlossene Türen vor. Keinen Eingang und keine freundliche Begrüßung. Das war nicht so, wie er es erwartet hatte und wie er es als hoher Beamter wohl für standesgemäß gehalten hätte… Ja, für ihn nimmt die Geschichte eine seltsame Wende. Er muss »draußen vor der Tür«9 bleiben. Das scheint doch grotesk: Der Staatsgast, der sich mit Entourage und ebenso großen Hoffnungen auf Heilung auf einen nicht ungefährlichen Weg gemacht hat, wartet nun auf Audienz. Aber Elisa lässt ihn warten, ja, er lässt sich nicht einmal selbst blicken, sondern schickt seinen Diener! Was für eine Provokation! Und so nimmt die Handlung ihren Lauf…

Im Theater folgt allerdings nach dem dritten Akt oft eine Pause:

(kurze Orgelmusik)

 

IV.

Theaterbesucher und Schauspieler sind zurück auf ihren Plätzen, gespannt, wie sich die Handlung weiter entwickeln wird. Man ahnt, worauf alles zuläuft, doch der vierte Akt ist oft versehen mit einem retardierenden, verzögernden Moment. Die Lösung, das Ende scheint schon für alle klar zu sein, noch aber kommt es nicht zum Finale, etwas hält die handelnden Personen zurück.

Naaman ist enttäuscht und erregt vor Wut: Keine standesgemäße Heilung mit großen Gesten, geheimnisvollen Ritualen, exorzistischen Handlungen und großem Drumherum. Nein, nur ein Diener wird geschickt und Naaman soll sich im Jordan waschen, dem dreckigsten Fluss des Orients. Verständlich, dass er das nicht versteht: »Zuhause haben wir doch viel sauberere Flüsse…« Naamans Erwartungen werden nicht erfüllt, ja mehr noch, er wird düpiert, vorgeführt fast schon.

Da will er aufgeben. »Er zog weg«, heißt es. Das will er sich dann doch nicht antun: weil er es nicht einsieht oder weil er meint, die Grenze des Zumutbaren sei erreicht. – Und erneut kommen diejenigen ins Spiel, die die ganze Zeit nur dabei gestanden sind, die Unscheinbaren. Ja, seine Diener werden ihm (erneut) zum Segen. Sie behalten den Durchblick und mahnen ihn zur Besonnenheit: »Naaman, denk doch mal nach. Was ist schon dabei? Und was hast du zu verlieren?«

Hier wird es deutlich: Wenn Gott in ein Leben heilend eingreifen will, dann gebraucht er, jedenfalls meistens, nicht das Große, nicht das Pompöse oder Geheimnisvolle, sondern ganz schlicht und einfach will er zur Wirkung kommen: Die scheinbar Unbedeutenden – die Sklavin in Naamans Haus, der Diener des Elisa und seine eigenen – weisen Naaman den Weg, nicht in die großen Flüsse, sondern in den Jordan: Das ist nicht kompliziert, aber du musst den Weg gehen und du musst ein wenig Vertrauen haben.

Naaman will eigentlich weg – weg aus Israel, wo er alle Hoffnung zerstört sieht. Er kehrt schon um, in sich zurück, er rebelliert. Sein Widerstand scheint zu obsiegen, doch er lässt sich noch einmal abhalten und wählt den Weg in die Tiefe: »Da stieg er ab«, heißt es, »und ging zum Jordan hinunter.« Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Die Worte ›Jordan‹ und ›Abstieg‹ haben im Hebräischen dieselbe Wortwurzel. Naaman muss von seinem hohen Ross heruntersteigen und sich an den Abgrund begeben.

Der Weg nach oben führt nach unten! Wer den helfenden Gott in den Höhen sucht, wird ihn dort kaum finden. Wer Gott heute in den Reihen der Großen und Mächtigen vermutet, dessen Suche nach dem wahren Gott wird womöglich vergeblich bleiben. Weihnachten hat uns daran erinnert: Gott steigt in die tiefsten Tiefen hinein; er wird klein wie ein Kind. Er lässt sich hineinziehen in die Armut, in die Hilflosigkeit und das Elend dieser Welt, er lässt sich verspotten und verachten. Jesus wird geschlagen, und am Ende stirbt er den schändlichsten Tod. Und dann hängt er dort: am Kreuz. Und auch wenn es in unserer Kirche über dem Altar eher wie ein Siegeszeichen scheint, es ist zunächst doch der Ort der tiefsten Verlassenheit und größten Schmach. Gott selbst setzt sich alles dessen aus. Er nimmt es auf sich, trägt es und in Jesus schenkt er allen Menschen das Leben. Wer Gott immer noch in der Höhe sucht, wird den heruntergekommenen Gott nur verpassen…

Naaman steigt ins Wasser. Und am Jordan geschieht das Wunder: Seine Wunden werden offen gelegt, die Schuppen fallen von seiner Haut und es geschieht Wunderbares. Man muss wohl seinen Panzer loswerden, um heil zu werden und sich für Gott zu öffnen…

In Israel hat Naaman Rettung gefunden, sein Leben wurde neu. – Und wohin wenden wir uns? Wo ist für uns die Befreiung zu finden von allem, was unser Leben niederdrücken will? Wo können wir unsere Schuld loswerden? Was ist der Ort, an dem wir Leben empfangen? – Für die Bibel, das Alte und das Neue Testament, gilt unbestritten bis heute und für alle Zeit: In Israel, beim Gott Israels können Menschen das finden, was sie suchen und was ihr Leben heil macht. Beim Gott Israels, durch den wir Menschen aus den nicht-jüdischen Völkern Zugang finden durch Jesus Christus! Durch Gott selbst, der sich auf den Weg begeben hat in die Tiefe und der in Kreuz und Auferstehung den Weg zu sich selbst frei gemacht hat: Alle Welt kann gerettet werden – nicht an Israel vorbei, nicht an seiner Stelle, sondern durch Israel, durch den Juden Jesus von Nazareth.10 Der hat selbst einmal so gesagt: »Das Heil kommt von den Juden!« [Joh 4,20] Es gibt neben unserem heutigen Text wohl nur wenige Geschichten, die diese Perspektive deutlicher akzentuieren könnten!

Ja, beim Gott Israels ist das Leben zu finden. Er besiegt den Tod, er kann Tote auferwecken – Jesus ist hat diese Grenze überwunden und es ist unsere feste Hoffnung, dass wir alle am Ende der Zeit in der Anderswelt ankommen werden [vgl. 1Kor 15] –, Gott schenkt uns neues Leben, das in Ewigkeit Bestand hat. Ja, wir dürfen dazugehören, auch die Menschen, die eigentlich nicht zum Volk Israel zählen. Wir können dabei sein!

 

V.

Auch Naaman darf dazugehören. Er ist nicht mehr aussätzig! Und schon sind wir mitten im Finale, fünfter Akt. Zu den Versen 15 bis 19 könnte man eine ganze Menge noch sagen, lassen Sie mich ganz kurz zwei Aspekte nur herausheben:

Erstens. Es kommt dann ja doch noch zur Begegnung von Elisa und Naaman, bei der letzterer die Erfahrung machen muss: Gesundheit kann man nicht kaufen, auch nicht nachträglich, sie ist und bleibt ein Geschenk. Er will dem Elisa vergelten, was er für ihn getan hat, doch der nimmt die Gabe nicht an. Eine Heilung, eine Lebensveränderung kann man nicht bezahlen, aber man kann darauf antworten. Ein Geschenk kann man nicht aufrechnen, aber wir können unseren Dank dem Schenkenden gegenüber ausdrücken. Und weil ja nicht Elisa derjenige ist, der vom Aussatz heilen kann, sondern allein Gott dies vermag, ist das Bekenntnis und die Anbetung Gottes die einzige Antwort auf sein Geschenk: Er rettet unser Leben, er eröffnet uns neue Perspektiven. Wie antworten wir ihm?

Das führt uns zum Zweiten. Bei einem Theaterstück entscheidet sich erst ganz am Ende, ob es eine Komödie oder eine Tragödie ist, ob es glücklich ausgeht oder mit einer Katastrophe endet. Unser Naaman-Elisa-Stück endet uneindeutig. Naaman bekennt zwar, so deutlich wie kaum eine andere Person in der ganzen Bibel: »Nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel.« Und doch bleibt er letztlich von ihm getrennt. Das ist ein irritierendes Ende: Naaman erfährt die Güte und die Gnade Gottes, aber er kehrt zu seinem König zurück und will in der Heimat weiter den alten Göttern dienen.

Das ist nicht konsequent – und das ist auch nicht verständlich. Aber das gibt es: dass Menschen die Güte Gottes spüren, dass ihr Gebet erhört wurde, dass sie vielleicht sogar ein Wunder erlebt haben, und sich dennoch von ihm abwenden, sich nicht dazu durchringen können, ihr Leben auf eine neue Grundlage zu stellen. Das ist dann das traurige Ende einer eigentlich schönen Geschichte…

Elisas Antwort an Naaman bleibt daher auch ausweichend und ambivalent: »Gehe hin in Frieden!«11 Wenn jemand sich nicht ganz für Gott entscheidet, obwohl ihm oder ihr alles klar sein dürfte, oder wenn jemand sein Vertrauen nicht mehr auf Gott setzen will, auch wenn er so viel Gutes erfahren hat, dann können wir das am Ende nur respektieren und ihn in Frieden ziehen lassen. Nichtsdestotrotz ist es das bittere Ende eines Dramas, bei dem wir dann nicht wirklich entscheiden können, ob es glücklich oder tragisch ausgeht. Gott allein kennt die Wege…

 

   Das war die Geschichte von Naaman: Einer, der von schlimmer Krankheit gezeichnet und aussätzig war nicht nur in medizinischer Hinsicht, wurde zu einem, der Heilung erfahren hat. Einer, der auf sein Ansehen gesetzt hat und auf zauberhafte Rituale, ist zu einem geworden, der auf die Unscheinbaren gehört hat und den Weg in die Tiefe gegangen ist. Einer, der aus den nicht-jüdischen Völker stammt, ist zu einem geworden, der die Grenzen überschritten – und der in Israel seine Rettung gefunden hat. Ja, der weiß: Der Gott Israels allein kann uns das Leben schenken. So gilt es auch für uns: Die Türen sind geöffnet, in Jesus schenkt Gott uns Zugang: zu sich selbst, zur Gemeinschaft mit seinem Volk, zum Leben, das auf ewig hält.

Das war das Drama von Naaman: Einer, dem alles voller Götter war, ist zu einem geworden, der den Gott Israels als seinen Retter erlebt hat. Einer, der zwar Gott als den wahren Gott erkannt hat, ist nicht zu einem geworden, der diese Erfahrung in bleibendes Vertrauen umgesetzt hat – und dessen Wege am Ende doppeldeutig bleiben. Die Ambivalenz, die sich durch sein ganzes Leben zieht, bleibt sein größtes Drama. Am Ende ist Naaman wohl eher ein trauriger Held.12

Der Vorhang ist gefallen – aber mit Bertolt Brecht gesprochen: »De[r] Vorhang zu und alle Fragen offen!«13 Gefragt sind nun unsere Antworten: Machen auch wir uns auf und wenden wir uns dem Gott Israels zu, bei dem allein Rettung für unser Leben zu finden ist? Vertrauen wir uns ihm an und lassen wir uns unseren Panzer nehmen? Wollen wir neu werden in der Begegnung mit ihm? Vertrauen wir auf Jesus, der unser Zugang bleibt? Und wie antworten wir eigentlich unserem Gott auf alles, was wir von ihm erfahren haben? Leben wir konsequent, oder bleibt unser Glaube doppeldeutig? Hat das, was wir sonntags in der Kirche sagen, auch mit dem Handeln in unserem Leben zu tun? Und bekennen wir nicht nur im Gottesdienst, sondern auch im Alltag den Gott, an den wir glauben?

Ja, mit unserem Leben können wir darauf antworten, mit unserem Glauben und unseren Taten, unseren Gebeten und unseren Liedern drücken wir aus, worauf wir vertrauen und was für uns das Ende der Geschichte sein soll.

Weihnachten haben wir es gehört: dass wir, Menschen, die nicht zum Volk Israel gehören, nicht Juden sind, endlich Zugang finden zu ihm: durch Jesus Christus. Das dürfen wir annehmen und das dürfen wir feiern! … und deshalb singen wir fröhliche Lieder! – Amen.

Und der Friede und die Liebe Gottes,
die all unsere menschliche Vernunft übersteigen,
bewahren unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, dem wir gehören. – Amen.

 

 

1 Für den Gottesdienst wurden entsprechend Weihnachtslieder ausgewählt, wenngleich welche, die am Christfest selbst eher seltener erklingen: »Kommt und lasst uns Christus ehren« (eg 39,1–4.7), »Fröhlich soll mein Herze springen« (eg 36,1.3.4.10), »Dies ist der Tag, den Gott gemacht« (eg 42,1–4) und »Jauchzet, ihr Himmel« (eg 41,1–4). Daneben wurde das Epiphaniaslied »O Jesu Christe, wahres Licht« (eg 72,1–6) und als Schlusschoral »Sonne der Gerechtigkeit« (eg 263,1.4–7) gesungen.

2 Es steht zu vermuten, dass die Perikope in der Perikopenordnung deshalb auf die Verse 9–15.19a gekürzt worden ist, weil angenommen wird, dass die Erzählung selbst bekannt ist (etwa weil sie früher häufiger im Kindergottesdienst vorgekommen ist). Diese Bekanntheit des Textes dürfte wohl allerdings eher eine vermeintliche sein.

3 ›Passage‹ meint hier sowohl die Erzählgestalt als auch des Naamans erzählte Reise.

4 Anne-Kathrin Kruse, Rettung – auch für Ausländer. 2 Kön 5,(1–8)9–15(16–18)19a – 3. Sonntag nach Epiphanias (22.1.2012), in: Göttinger Predigtmeditationen 66 (2011/2012), 99–104, 100.

5 Der Idee nach vgl. A.-K. Kruse, Rettung – auch für Ausländer (Anm. 4); ihr folge ich aber weder bei der Einteilung der ›Akte‹ noch bei der Wahl der hier jeweils relevanten Gedanken und Themen gänzlich, sondern greife einzelne Elemente ihrer im Übrigen äußerst anregenden Meditation heraus. Zu weiteren Aspekten, die sich aufgrund dieser Erzählung auszulegen lohnen, vgl. Jens Möllmann, 3. Sonntag nach Epiphanias – 22.1.2012 – 2. Könige 5,(1–8)9–15(16–18)19a, in: Homiletische Monatsblätter 87 (2011/2012), Reihe IV, H. 3, 115–119, 116; etwas abwegig erscheint mir dagegen die Auslegung von Florian Wilk, Stolz und Vorurteil, in: Kanzelreden. Im Namen Gottes. Vierte Predigtreihe, hg. von Christoph Dinkel, Stuttgart 2011, 101–107. – Der folgende (ideal gestaltete) pyramidale Aufbau eines Dramas geht zurück auf Gustav Freytag, Die Technik des Dramas [1863].

6 Am 12. Dezember 2011 wurde in der deutschen Presse erstmalig berichtet, dass Bundespräsident Dr. Christian Wulff im Februar 2010 in seiner damaligen Funktion als Ministerpräsident vor dem Niedersächsischen Landtag nicht die volle Wahrheit über seinen vom Unternehmerehepaar Geerkens erhaltenen Privatkredit gesagt habe; am 4. Januar 2012 hat dieser sich nach weiteren und anhaltenden Anschuldigungen in einem TV-Interview bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zu den ihm gegenüber erhobenen Vorwürfen geäußert. Am 17. Februar 2012 hat Christian Wulff dann seinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten erklärt. In diesem Zusammenhang wäre es etwa reizvoll, die Fortsetzung der Naaman-Passage in 2Kön 5,19b–27 und das Schicksal des Gehasi, des Dieners Elisas, näher zu betrachten.

7 Vgl. hierzu neben anderen überzeugend Martje Mechels, Der Große – ganz klein und die Kleinen – ganz groß! 3. Sonntag nach Epiphanias: 2.Kön 5,1–19a, in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe IV, hg. von Studium in Israel e.V., Wernsbach 2011, 85–90, 86.

8 Vgl. auch Karin Lindner, Umorientierung durch Underdogs. 3. Sonntag nach Epiphanias, in: Deutsches Pfarrerblatt 12/2011.

9 Hinsichtlich 2Kön 5 bieten sich allerlei Konfigurationen zu verschiedenen Klassikern der Theaterwelt an; hier sei wenigstens auf das Drama Wolfgang Borcherts, das im November 1947 in Hamburg uraufgeführt wurde, verwiesen.

10 Vgl. A.-K. Kruse, Rettung – auch für Ausländer (Anm. 4), 103: »Darum geht es an diesem 3. Sonntag nach Epiphanias: zu erkennen, was am Christfest für uns Menschen aus den Völkern passiert ist, zu feiern, dass alle Welt gerettet wird, nicht an Israel vorbei, nicht an seiner Statt – vielmehr in und aus Israel durch den Gott Israels. Mit Israel zu sitzen am Tisch des Herrn.«

11 Vgl. dazu knapp Jürgen Werlitz, Die Bücher der Könige (Neuer Stuttgarter Kommentar. Altes Testament 8), Stuttgart 2002, ad loc. [219f.], 220, sowie J. Möllmann, 3. Sonntag nach Epiphanias (Anm. 5), 115; dagegen Carola Krieg, 3. Sonntag nach Epiphanias: 2 Kön 5,(1–8.)9–15.(16–18.)19a, in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe IV, hg. von Studium in Israel e.V., o.O. 2005, 71–74, 73.

12 Vgl. A.-K. Kruse, Rettung – auch für Ausländer (Anm. 4), 103.

13 Bertolt Brecht, Der gute Mensch von Sezuan. Parabelstück [1938–1940; Uraufführung 1940 in Zürich], Berlin 1964 (1955), 144.