Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 12, (1-8) 9-10

Pastor Günther Barenhoff (ev)

12.02.2012 in der Apostelkirche Münster

„Abends in's Theater, morgens in den Gottesdienst“

Oper La Traviata

Liebe Gemeinde,

 

Titelfigur in der Oper La Traviata (übersetzt: die vom Wege Abgekommene oder die vom rechten Weg Abgewichene) ist die Edelprostituierte Violetta Valéry.

 

Sie nimmt die Lebensgeschichte von Alphonsine Plessis auf, die sich als junge Frau aus ärmsten Verhältnissen in die Pariser Gesellschaft „hoch gearbeitet hat“. Auf dem Hintergrund einer persönlichen Beziehung hat Alexandre Dumas ihre Geschichte in seinem Roman „Die Kameliendame“ verarbeitet.

 

Die Handlung der Oper ist in kurzen Worten zusammenzufassen.

 

Auf einem Fest – veranstaltet in der sogenannten Pariser Halbwelt – lernt der junge Alfredo Germont Violetta kennen und verliebt sich in sie. Ein Schwächeanfall deutet schon den Beginn der schweren Krankheit Violettas an.

 

Sie lässt ihr bisheriges Leben  hinter sich, verkauft alles, was sie hat, und zieht zusammen mit Alfredo in ein Haus auf dem Lande, wo die beiden glückliche Tage miteinander verbringen.

 

Der Vater von Alfredo – Giorgio Germont – sucht in dessen Abwesenheit Violetta auf und bittet sie inständig, sich von seinem Sohn zu trennen, da diese Beziehung die ganze Familie kompromittiere und insbesondere eine standesgemäße Heirat der Schwester Alfredos verunmögliche.

 

Unter Tränen ringt sich Violetta zu einem Abschiedsbrief an Alfredo durch, in dem sie vorgibt, seiner überdrüssig zu sein.

 

Auf einem Maskenball in Paris begegnen sich die beiden wieder. Violetta in Begleitung ihres früheren Gönners Baron Duphol. 

 

Alfredo – Teilnehmer in einer Runde, die um Geld spielt – wirft, als er sie sieht, rasend vor Eifersucht das gerade im Spiel gewonnene Geld Violetta vor die Füße, sozusagen als nachträgliche Bezahlung  für ihre Liebesdienste.

Damit überschreitet er die in dieser Gesellschaft gesetzten Grenzen. Sein Vater tadelt ihn, und der Baron fordert ihn zum Duell.

 

Von seinem Vater aufgeklärt darüber, dass Violetta die Beziehung zu ihm auf seinen Wunsch hin abgebrochen habe und über die schwere Krankheit von Violetta nun informiert, besuchen die beiden die schwer kranke und völlig verarmte Violetta.

Alfredo beschwört Violetta mit ihm zurückzukehren, doch es ist zu spät, sie stirbt an den Folgen ihrer schweren Krankheit.

 

Schon in der Ouvertüre wird die Spannung, werden  die Widersprüchlichkeiten, die unterschiedlichsten Gefühlszustände, ja auch die den Inhalt der Oper prägenden Ereignisse in großartiger  Weise musikalisch vorweggenommen.

 

Die ersten sechzehn Takte leise, fast sphärische Klänge, nur ganz schmal mit hohen Streichern besetzt, der Übergang markiert durch den verminderten Akkord und durch abfallende Achtelnoten.

 

Dann wird der Zuhörer das erste Mal getäuscht. Man meint einen Walzerrhythmus zu hören zum ersten großen Thema der Oper, obwohl es ein vierviertel Takt ist.

 

Das so bekannte Thema wird durch die verschiedenen Stimmen geführt, rhythmisch ständig variiert, um dann in kurzen Achteln mit der von Verdi notierten Tempobezeichnung – morendo – ersterbend das Ende der Oper musikalisch vorwegzunehmen.

 

 

Ouvertüre /  Einspielung durch DVD

 

 

Dies ist eines von vielen Beispielen dafür, wie in der Musik, wie in der Instrumentierung, wie in den vom Komponisten gewählten Harmoniefolgen, Inhalte auch ohne Worte ausgedrückt werden und sich den freien Assoziationen des Zuhörers erschließen können.

 

Es ist natürlich kein Bach, bei dem sich Musik und theologische Aussagen so unmittelbar entsprechen.

 

Dass La Traviata zu einer der meisten gespielten und beliebtesten Oper gehört, liegt wohl  nicht so sehr an der Geschichte, die dieser Oper zugrundeliegt, sondern an der Musik.

 

Oder vielleicht doch auch am Inhalt?

 

Wenn der eine oder andere Zuschauer sich plötzlich mit Alfredo identifiziert, der gegen alle Konventionen aus Liebe eine Prostituierte aus ihrer Lebenswelt zurückholen will, scheinbar gegen die bürgerliche Doppelmoral, die ja in dieser Oper in vollem Umfang wieder zum Ausdruck kommt, zu protestieren?

 

Liebe überwindet alle Grenzen?

 

La Traviata: Die vom Wege Abgekommene oder die vom rechten Weg Abgewichene, Violetta ist die Schuldige, die ja dann auch am Ende sterben muss.

 

Was aber ist mit denjenigen, die sie, auch weil sie Macht und das Geld haben, kaufen wie eine Ware und das Ganze wunderbar verschleiert in der glanzvollen Atmosphäre von opulenten Feiern und Festen?

 

Weil diese Oper so häufig gespielt wird und großartige Aufführungen schon stattfanden, etwa in der neueren Zeit besetzt mit Rolando Villazon und Anna Netrebko oder die unvergessenen Aufführungen mit der berühmten Maria Callas, sind natürlich sowohl musikalisch als auch von der Inszenierung her Maßstäbe gesetzt.

 

Musikalisch entsprachen insbesondere das Orchester, aber auch die Sängerinnen und  Sänger sowie der Chor den hohen Ansprüchen.

 

Die Inszenierung hatte einige interessante Ideen – etwa der sich im Verlauf der Aufführung immer weiter öffnende dunkle Spalt, der die scheinbar heile Welt mehr und mehr verdunkelte.

 

Insgesamt empfand ich die Inszenierung dann doch eher – lassen Sie es mich so sagen – westfälisch, korrekt, richtig, manchmal in der bühnenbildnerischen Darstellung nach meinem Geschmack etwas sehr plakativ in der Symbolik.

 

Die Oper und das ihr zugrundeliegende Theaterstück waren damals auch eine Kritik an dem konservativen reichen Bürgertum.

Die gescheiterte Revolution von 1848 und das von ihr eingeleitete zweite Kaiserreich beschwor ja einen heillosen Kapitalismus herauf, in dem es nichts gab, was nicht käuflich gewesen wäre.

 

Eine sogenannte gefallene Frau in den Mittelpunkt einer Opernhandlung zu stellen und das Sujet auch noch als zeitgenössisch zu deklarieren, war ein Affront gegen die herrschende Moral.

Es verwundert daher nicht, dass Verdi gezwungen war, die Handlung in die Zeit um 1700 zurückzuverlegen.

 

Ansätze, die in dieser Oper  angelegte Kritik an der bürgerlichen Doppelmoral, also dem Widerspruch zwischen nach außen vertretenden Werten einerseits und der Realität eigenen Handelns andererseits zu aktualisieren, waren für mich nicht zu erkennen.

 

Aber wie viele aktuelle Beispiele dafür ließen sich doch dafür auch heute finden.

 

Nun, soll ich ja heute Morgen nicht als kritischer Rezensent einer Opernaufführung in den Städtischen Bühnen auftreten, sondern ich soll diese Oper zum Anlass nehmen, darüber zu predigen.

 

 

Grundaufgabe jeder Predigt – nach meinem Verständnis – ist ja, immer wieder die Verbindung herzustellen zwischen den im Alten und Neuen Testament aufgeschriebenen Erfahrungen von Menschen mit ihrem Glauben und mit Gott und dies in Verbindung zu setzen zu den konkreten Erfahrungen von heute.

 

Im Predigttext – wir haben ihn vorher als Lesung gehört – setzt der Apostel Paulus seine persönlichen besonderen Lebens- und Glaubenserfahrungen in Beziehung zu einem aktuellen Konflikt in der von ihm gegründeten Gemeinde in Korinth.

Dort bestritt man seine Apostelrolle, seine Autorität, ja letztlich auch seine Glaubwürdigkeit. Und Paulus wehrt sich dagegen mit einer fast paradoxen Argumentation: nicht seine Stärke, seine besonderen Erfahrungen und Befähigungen sind von Bedeutung. Im Gegenteil: Es sind die mit seiner Person eng verbundenen Erfahrungen der Schwachheit.

 

Auch in die Oper La Traviata sind Glaubens- und Gottesbilder und daraus abzuleitende Verhaltensweisen eingegangen, so wie sie offensichtlich Verdi verstanden hat.

 

Zwei Stellen – zumindest die erste Stelle wahrscheinlich in der italienischen Aufführung dem Zuschauer gar nicht bewusst – bringen dies im Gespräch zwischen Violetta und Germont zum Ausdruck.

 

Als Violetta bei dessen Besuch in ihrem Landhaus Germont eröffnet, dass sie beabsichtige, radikal mit ihrer Vergangenheit zu brechen – fragt er:

 

Ach, Eure Vergangenheit, warum macht sie Euch zur Angeklagten?

 

Und Violetta antwortet (Regieanweisung: voller Begeisterung):

 

Sie existiert nicht mehr. Jetzt liebe ich Alfredo und Gott tilgte sie, weil ich bereute.

 

Germont – nur das Interesse, seine eigene Tochter standesgemäß verheiraten zu können, was aber die Beziehung seines Sohnes zu einer Prostituierten verhindern würde – begründet seine Erwartung an sie mit den Worten:


Eines Tages, wenn sich mit der Zeit
die Liebesfreuden verflüchtigt haben,
wird sich schnell Überdruss einstellen ...
Was wird dann sein? ... Denkt daran ...
Für Euch werden die zärtlichsten Gefühle
keine Wohltat sein!
Denn vom Himmel wurde
diese Verbindung nicht gesegnet.

Ach möge also dieser so
verführerische Traum zerrinnen…
Seid meiner Familie
ein tröstender Engel …
Violetta, denkt doch daran,
noch wäre es die rechte Zeit.
Gott selbst, du junges Mädchen,
gibt einem Vater diese Worte ein.

Violetta, ganz bei sich:


(So gibt es für die Elende - die eines Tages gefallen ist -
keine Stimme der Hoffnung, sich jemals wieder aufzurichten!

Wenn ihr auch Gott barmherzig vergeben hat,
zeigt sich ihr der Mensch doch unerbittlich.)

Violetta hat auf ihre Weise aus ihrem Glauben heraus einen Weg gefunden, mit ihrer Schuld umzugehen.

 

Ob wir es uns heute noch so einfach machen können, die Lebensumstände der Violetta so einfach nur als ihre Schuld darzustellen, habe ich schon zu Beginn problematisiert.

 

Auch deswegen, weil es in der Regel immer zu einfach ist, die Schuld des anderen zu sehen und nicht kritisch zu fragen:

Und was ist mein, unser Anteil daran?

 

Violetta ist sogar bereit, für die Zukunft der Tochter von Germont dieses Opfer zu bringen, als „tröstender Engel“.

 

Sie vertraut auf die Barmherzigkeit Gottes oder wie sie es im Gespräch mit ihrem Arzt zum Ausdruck bringt:

 

Mein Körper leidet, aber meine Seele ist gefasst.

Gestern abend sprach mir ein frommer Priester Trost zu.

Religion ist Trost für die Leidenden.

 

Gott ist barmherzig, aber der Mensch ist unerbittlich.

 

Schildert diese Erfahrung nicht eine Wirklichkeit, wie sie bis auf den heutigen Tag zu erleben ist?

Die Unerbittlichkeit des Menschen, die die von Gott zugesagte und uns erwiesene Barmherzigkeit eben nicht gelten lassen will, hat seine tiefere Ursache doch wohl darin, eigene Schuld und eigenes Versagen nicht zulassen zu können.

 

Die zweite Stelle ist die Schlussszene.

In der Aufführung steht die Gestorbene neben ihrem Totenbett

und singt als letzte Worte:

 

Die Qualen des Schmerzes hören auf.
In mir erwächst . . . mich belebt
eine ungewohnte Kraft!
Ah! Ich kehre ins Leben zurück ... 
O Freude!

Ist hier nicht eine direkte Parallele zu Paulus:

  

Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.

Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

 

Ja, Paulus ist hier mit seinen Erfahrungen ganz nah bei dem, was auch in diesen letzten Worten der Violetta zum Ausdruck kommt.

 

Dass uns diese Erfahrung so auszudrücken eher fremd bleibt, hat Horst Eberhardt Richter in seinem Buch Der Gotteskomplex so begründet:

 

Das Schlüsselproblem des neuzeitlichen Menschen liegt darin, dass er verlernt hat, seine eigenen Grenzen, seine Schwäche und Zerbrechlichkeit, seine Endlichkeit anzunehmen. So verdrängt er das Leiden ebenso, wie den Tod.

Und das gerade macht den Menschen unmenschlich.

 

Es geht nicht um Verklärung des Leidens, auch nicht bei Paulus. Aber sehr wohl um das im Leiden wohl in besonderer Weise erfahrbare Bild unseres Gottes, der für uns gelitten hat:

Darum Gnade, darum Barmherzigkeit, darum trotz allem Hoffnung auch über den Tod hinaus.

 

Das Orgelstück, das wir gleich nach der Predigt hören, verlässt die Oper La Traviata und nimmt doch in gewisser Weise das Ende der Oper wieder auf. Es führt uns zurück zu Johann Sebastian Bach.

 

Als er nach einem schweren Schlaganfall, seinen Tod vor Augen, seinen Schwiegersohn Altnikoll den Choral „Wenn wir in höchsten Nöten sind,“ spielen hörte, korrigierte er den Tonsatz und diktierte ihm dann als sein letztes Werk, das Choralvorspiel zu dem Choral mit dem neuen Text

 

Vor deinen Thron tret ich hiermit

O Gott, und dich demütig bitt:

Wend doch dein gnädig Angesicht

Von mir, dem armen Sünder, nicht.

 

Ein selig Ende mir bescher

Am jüngsten Tag erweck mich, Herr,

dass ich dich schaue ewiglich.

Amen, Amen, erhöre mich.

 

Ja, so war es und wird es immer wieder auch in Zukunft erfahrbar sein:

Auch darin erfahren wir die besondere Gnade Gottes, dass seine Kraft in den Schwachen mächtig ist.

 

Amen.