Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 12,1-10

Pfarrer Hans-Helmut Bayer

19.02.2006 in der Evangelischen Stadtkirche Bayreuth

Liebe Gemeinde,

Hand auf’s Herz: gehören Sie zu den Starken in unserer Gesellschaft oder zu den Schwachen?
Was in unserer Gesellschaft zu zählen scheint, das wissen wir, das ist das, was einen "vorwärts bringt", wie man so sagt.
„Mit diesem Zeugnis wird das nichts mit einer Lehrstelle!“
"So wird das nie ein akzeptables Abitur; einen Studienplatz kannst du dir mit so einem Wisch abschminken…" Wie viele junge Menschen haben sich jetzt am Freitag nach dem Halbjahreszeugnis solche Vorhaltungen anhören müssen. „Du musst stärker werden in Englisch, Latein, Deutsch und Mathe…“
Ach, als Schüler habe ich mich auch oft elend schwach gefühlt. Die Guten, gegen die hatte ich keine Chance und die Streber waren mir ein Gräuel, und die Speichellecker, die Einschleimer, die schon ganz früh kapiert hatten: Es geht in dieser Welt nur darum, die anderen abzuhängen, sie hinter sich zu lassen. Wenn es sein muss, mit ein bisschen Mobbing, - wie ekelhaft. Aber so scheint das ja zu sein: Sozialdarwinismus halt: der Stärkere setzt sich durch, der Große frisst den Kleinen. So ist das überall, in der Schule oder bei der Olympiade. So ist die Welt… -

Was nun? Gehören Sie zu den Starken oder zu den Schwachen? Wahrscheinlich ist das gar nicht so leicht zu sagen. Es wird immer noch jemanden geben, der viel schwächer ist, aber bestimmt auch genug coole Typen, die stärker sind.
Und, was heißt stark? Was heißt schwach?
Geht es um den Geldbeutel? Oder um die körperliche Verfassung, oder die geistige? Um das Zeugnis vom Freitag oder um den Medaillenerfolg bei der Winterolympiade? Oder gar um den Glauben?
Die allein erziehende Mutter mit ihren drei Kindern von drei verschiedenen Vätern - von der die Nachbarn sagen: "Die Schlampe arbeitet nicht, die ist nur zu Hause." - , ist die stark oder ist die schwach? Der Polizist, der auf den Randalierer nicht einprügelt, - ist der stark oder schwach? Der smarte Abteilungsleiter, der seine Kinder immer nur sieht, wenn sie schon im Bett sind und schlafen, - ist der stark oder schwach?
Und dann so ein Predigttext, der die Werteskala, unsere schöne, westliche Werteskala so brutal auf den Kopf stellt, wo Gott zu Paulus spricht: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Dieser kuriose, ja paradoxe Satz - seine Wucht ist mir erst klar geworden, als ihn mir ein Alkoholpatient gesagt hat: Ein Mann aus guter Familie, der einen jahrelangen vergeblichen Kampf gegen seine Sucht geführt hat. Der von Rückfall zu Rückfall getaumelt ist und sich immer wieder neu einredete, diesmal schaffe ich es, diesmal habe ich das im Griff, nur die eine Flasche Bier aus dem Kantinenautomaten und nicht mehr. Und dann wurden es wieder 10, 12 Flaschen in der Arbeit, auf seiner Büroetage, wo es, so glaubte er, niemand merken würde, und nach der Arbeit in die Kneipe und nicht nach Hause und es ging wieder hinein in die Suchtspirale mit all den Ausfällen und lahmen Entschuldigungen. Zuletzt dann wieder die Entgiftung in der Psychiatrie, und der ganze Katzenjammer, der dazu gehört. -
Bis er eines Tages begriffen hatte, was die Anonymen Alkoholiker ihm schon lange gesagt hatten: Du musst dir deine Schwäche eingestehen. Du musst dir klarmachen, dass der Alkohol stärker ist als du. Verlass’ dich nicht auf deine eigene Kraft, sonst bist du verlassen…
Und irgendwann, nach so und soviel Entgiftungen und Rückfällen hatte er’s begriffen: Erst wenn du dir deine Schwäche zugestehst, wenn du das akzeptierst, dass dein Gegner stärker ist als du, wenn du den Kampf aufgibst, dann bist du gerettet. Geh dem Gegner aus dem Weg. Das ist das ganze Konzept. Du weißt, du bist schwach, also lass das erste Glas stehen. Wenigstens heute. Was morgen ist, wer weiß das schon, aber jetzt, jetzt gib zu, dass du schwach bist. Lass das Glas stehen,
geh deinem Gegner aus dem Weg.
Für diesen Patienten war das die Lebensrettung. Und er verknüpfte diese Erfahrung mit diesem Paulussatz: “Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Wir wissen nicht, welche Krankheit es war, mit der Paulus sich auseinandersetzen musste, was „sein Pfahl im Fleisch“ tatsächlich mit ihm machte. Etwas Dämonisches, ja Satanisches, sagt er selbst, setzte ihm fürchterlich zu. Manche tippen auf epileptische Anfälle. Ich weiß nicht, ob man jemals an eine Drogenerfahrung oder ähnliches gedacht hat? Es ist auch egal, Paulus hat darum gerungen, diesen Pfahl loszuwerden, hat Gott bestürmt und angebettelt- und musste doch damit weiter leben. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“.

Wie machtvoll das dann wurde, was Gott mit dem Paulus angestoßen hat! Wie mächtig sie ist, die Liebe Gottes, die der Paulus an sich selbst verspürt hat, - die er weitergibt, - von der er sich tragen lässt, - die ihm hilft so unglaubliche Sachen auszuhalten, die ihn dazu bringt, so tolle Briefe zu schreiben und unüberbietbare Formulierungen zu finden.

Was ist stark? Was ist schwach?
Große Töne spucken, auftrumpfen, den anderen zeigen, was sie für schwache Figuren sind und was für einem mittelalterlichen Gräuelglauben sie mit ihrem Islam anhängen: Das ist nicht stark, selbst wenn damit so starke und mächtige Werte wie die Pressefreiheit und die Meinungsfreiheit angeblich verteidigt werden sollen. Das ist schwach.
Andererseits: Stark ist nicht das Getue um die angeblich beschmutzte Ehre des Propheten. Ehre ist sowieso nicht stark, stark ist die Würde. Aber um die braucht man nicht kämpfen, die kann einem auch keiner nehmen.
Stark war nicht die SS, stark war der schwache Bonhoeffer. Stark waren nicht die Engländer, stark war der schwache Gandhi. Stark war nicht der Kukluxklan, stark war der schwache Martin Luther King. Stark waren nicht Papst und Kaiser sondern Martin Luther, nicht der Stein ist stark, sondern das Wasser, nicht das Schwert sondern das Kreuz, nicht der Hass, sondern die Liebe, nicht der Fürst dieser Welt, sondern Christus, nicht der Tod, sondern das Leben.

Paulus stellt die Maßstäbe auf den Kopf, unsere willkürlichen Allerweltsmaßstäbe von "oben und unten", von "stark und schwach", diesen penetranten Konsens der Gesellschaft gibt er auf. Weil uns diese Maßstäbe krank machen. Weil sie auf die eigene Leistungsfähigkeit setzen, diese Maßstäbe, die sich an Macht, Reichtum und Geld orientieren. Die Maßstäbe, die von vornherein meinen, dass der Mann unter der Brücke "ein armes Schwein ist", ohne auf die Idee zu kommen, dass der reiche Spielsalonbesitzer vielleicht ein viel ärmeres "Schwein" sein könnte ... ? - nicht, weil er ungehörige Geschäfte macht, sondern weil er mit Anfang 40 seine Frau an den Krebs verloren hat und damit seine ganz große Liebe ...
Was ist stark, was schwach?
"Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne."

Das ist kein Wort, das uns aus unseren Schwachheiten befreien kann oder will. Es ist auch kein Wort, das unsere Welt einfach so überwinden könnte. Aber es ist ein tröstliches Wort, weil es mein Leben auch dort verheißungsvoll macht, wo es scheinbar klein, unwichtig und unbedeutsam erscheint. Wo mein Leben anscheinend auf der Verliererseite ist. Gott ist auch hier mittendrin, so sagt es uns der Apostel zu. Gott ist mittendrin in deiner Schwachheit. Bei ihm brauchst du nicht den dicken Max zu markieren, er liebt dich, so wie du bist, sonst hätte er dich anders gemacht. Er liebt dich auch mit den drei Fünfern im Zeugnis.

Wissen Sie jetzt, ob Sie zu den Starken oder zu den Schwachen gehören? - „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, spricht der HERR - " Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit" - sagt Paulus - "damit die Kraft Christi bei mir wohne." Und als gute Lutheraner lassen wir uns an seiner Gnade genügen.

Amen.