Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 12,9

Pfarrerin Dr. Henrike Frey-Anthes (ev)

01.01.2012

Gottesdienst an Neujahr

Meine Gnade genügt dir. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Liebe Gemeinde,

so lautet die Jahreslosung für 2012.

Meine Gnade genügt dir. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Paulus schreibt diesen Satz im Brief an die Korinther in einer Situation, in der er Gnade nötig hat. Paulus spricht vom einem Pfahl in seinem Fleisch, davon, dass er zu Gott gefleht hat, ihn von seinem Leiden zu erlösen.

Aber Gott hat das nicht getan, er hat Paulus nicht erlöst. Statt dessen hat er zu ihm gesagt:

Meine Gnade genügt dir. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Gott hat Paulus’ Bitte nicht entsprochen. Statt dessen ist Gott gnadenlos ehrlich. Paulus wird nicht sanft darüber hinweggetäuscht, dass es ja gar nicht so schlimm sei oder schon besser werden werde. Nein – es ist schlimm und der Pfahl ist da. Ist das zynisch?

Das könnte man meinen, aber Paulus sieht das nicht so. Er ist nicht enttäuscht – zumindest jetzt nicht mehr, ob er es zuerst war, wissen wir nicht –, sondern er erfährt die Antwort Gottes als Quelle neuer Kraft. Für Paulus liegt gerade darin die Kraft Gottes, dass er sich ent-täuschen lässt. Dass er der Täuschung widersteht, die darin liegt, zu glauben, dass er selbst alles in der Hand hätte, dass sein Glaube ihn vor Leid bewahren und mit Glück belohnen würde. Gott enttäuscht Paulus, indem er ihn vor der Täuschung bewahrt, dass er sein Leben festhalten könnte. Gott tut das und lässt gleichzeitig seine Gnade sichtbar und mächtig werden.

Wie geht das?

Liebe Gemeinde,

ich will Ihnen davon heute eine Geschichte erzählen. Sie ist nicht von mir, sondern vom Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmidt:1

Oskar hat Krebs. Er ist zwar erst 10 Jahre alt, aber er weiß, dass er nicht mehr lang zu leben hat. Im Krankenhaus traut sich das ihm aber niemand zu sagen. Auch seine Eltern sind überfordert von dieser Aufgabe – man kann es verstehen. Oskar aber versteht es nicht. Für ihn sind seine Eltern Feiglinge. Er ist enttäuscht von ihnen. Davon, dass sie ihn aus Liebe lieber täuschen wollen anstatt der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

Da kommt Oma Rosa. Sie hat keine Scheu, vom Tod zu reden. Dort, wo Oskars Eltern überfordert sind, da ist Oma Rosa und enttäuscht Oskar nicht. Sie täuscht ihn nicht darüber hinweg, dass er sterben wird. Sie redet mit Oskar, sie erzählt ihm mit unendlich viel Phantasie von ihrer Karriere als beste Catcherin der Welt, und sie redet mit ihm auch über Gott. Oma Rosa ermutigt Oskar, Briefe an Gott zu schreiben. Oskar soll Gott schreiben und ihn bitten, Oskar doch einmal zu besuchen. Damit Oskar sich nicht so einsam fühlt.

Oskar glaubt aber eigentlich nicht an Gott und so fragt er:

„Ich soll mich nicht so einsam fühlen wegen jemand, den es nicht gibt?“

„Dann sorg dafür, dass es ihn gibt,“ antwortet Oma Rosa. „Jedesmal, wenn du an ihn glaubst, wird es ihn ein bisschen mehr geben. Und wenn du dranbleibst, wird er ganz und gar für dich da sein. Und er wird dir Gutes tun“.2

Meine Gnade genügt dir. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Oskar beginnt eine Brieffreundschaft mit Gott: Er berichtet Gott von seinem Alltag im Krankenhaus, von Oma Rosas Idee, in seinen letzten Tagen ein ganzes Leben zu leben. Jeden Tag wird er nun 10 Jahre älter. So gesteht Oskar mit 18 Peggy Blue seine große Liebe, und trotz einiger Verwicklungen, die die Jugend so mit sich bringt, heiraten sie in der Nacht, als er auf die Dreißig zugeht. Auch das erste Treffen mit den Schwiegereltern übersteht Oskar und Oma Rosa steht dem gestandenen Ehemann bei, als Peggy Blue operiert wird.

Und in all’ dem wartet Oskar auf den Besuch Gottes. Je näher das Ende kommt und je kürzer seine Briefe werden, desto dringender werden Oskars Bitten, dass Gott ihn besuchen möge.

Endlich, Oskar ist bereits 90 Jahre alt und spürt, dass der Tod sehr nah ist, kommt Gott. Oskar schreibt ihm:

„Es war ganz früh am Morgen. Ich war ganz allein auf der Welt. Es war so früh, dass die Vögel noch geschlafen haben, dass sogar die Nachtschwester, Madame Ducru, eingenickt war -, und du hast dich ins Zeug gelegt. Der Himmel wurde fahl. Du hast die Luft ganz weiß gepustet, dann grau, dann blau. Du hast die Nacht vertrieben und die Welt zum Leben erweckt. Du hast nicht aufgegeben.

Da habe ich den Unterschied zwischen Dir und uns verstanden: Du bist ein fleißiger Junge und immer bei der Arbeit. Und da ist der Tag! Und da ist die Nacht! Und da ist der Winter! Und da ist der Frühling! Und da ist Peggy Blue! Und da ist Oskar! Und da ist Oma Rosa! Was für eine Kraft!

Ich habe gespürt, dass Du da warst. Dass du mir Dein Geheimnis verraten hast: Schau jeden Tag auf diese Welt, als wäre es das erste Mal.

Also habe ich Deinen Rat befolgt und mich mächtig angestrengt. Zum ersten Mal. Ich habe auf das Licht geschaut, die Farben, die Bäume, die Vögel, die Tiere. Ich habe gespürt, wie die Luft durch meine Nase strömt und wie sie mich atmen lässt. Ich habe Stimmen auf dem Korridor gehört, die wie im Gewölbe einer Kathedrale hoch nach oben steigen. Ich habe gespürt, wie ich lebe. Ich bebte vor reiner Freude. Vor Glück, dazusein. Ich war überwältigt.“3

Meine Gnade genügt dir. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Gottes Gnade ist mächtig im Leben von Oskar und Oma Rosa – gerade darum, weil beide sich nicht täuschen lassen. Weil sie wissen, dass sie loslassen müssen, ihr Leben nicht selbst in der Hand haben.

Oskar wird sogar begnadet, mit diesem Wissen den mächtigen, starken, klugen und doch so ernsten und schrecklich traurigen Doktor Düsseldorf zu trösten:

„Machen Sie doch nicht so ein Gesicht, Doktor Düsseldorf. Hören Sie, ich will ganz offen mit ihnen reden; ich war immer sehr gewissenhaft beim Schlucken meiner Pillen, und sie waren immer sehr korrekt beim Behandeln meiner Krankheit. Hören Sie also auf, so schuldbewusst zu gucken. Es ist nicht Ihre Schuld, dass Sie den Leuten schlechte Nachrichten überbringen müssen, Krankheiten mit lateinischen Namen, die nicht zu heilen sind. Sie müssen sich entspannen. Zur Ruhe kommen. Sie sind nicht Gottvater. Sie können nicht über die Natur bestimmen. Sie sind nur eine Art Mechaniker. Sie müssen mal loslassen, Doktor Düsseldorf, locker werden und sich selbst nicht so wichtig nehmen.“

Meine Gnade genügt dir. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Oskar wird 110 Jahre alt, bis er schließlich stirbt. Der letzte Brief in dem Buch über Oskar und die Dame in Rosa stammt von Oma Rosa selbst:

„Lieber Gott,

... Vielen Dank, dass du mich den kleinen Jungen hast kennenlernen lassen. Dank seiner war ich fröhlich, ich habe Märchen erfunden, ich wurde sogar zu einer Expertin im Catchen. Dank seiner habe ich gelacht und Freude empfunden. Er hat mir geholfen, an dich zu glauben. Ich bin so voller Liebe, dass es mich verbrennt, hat er mir doch so viel davon gegeben, dass sie mich die paar Jahre, die mir noch bleiben, erfüllen wird. Bis bald, Oma Rosa.“

Meine Gnade genügt dir. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Oskar und Oma Rosa erleben Gottes Kraft. Oskar erlebt, dass es tatsächlich so ist: Gott wird mit jedem Tag ein wenig wirklicher für ihn, bis er ganz da ist. Das letzte P.S. von Oma Rosa an Gott in lautet:

„Die letzten drei Tage hatte Oskar ein Schild auf seinen Nachttisch gestellt. Ich glaube, es ist für Dich. Es stand drauf: ‚Nur der liebe Gott darf mich wecken’“.

Gott ist wahr geworden für Oskar. Oskar ist drangeblieben und tatsächlich: Gott war schließlich ganz und gar für Oskar da. Und er hat nicht nur ihm viel Gutes getan. Gott tut Oskar und Oma Rosa, Oskars Eltern, seinen Freunden und Doktor Düsseldorf viel Gutes – besonders in den Momenten, in denen sie schwach sind. Gottes Kraft ist mächtig in der Gemeinschaft zwischen Oma Rosa und Oskar. Sie ist mächtig in der Phantasie, in den Geschichten, die Oma Rosa und Oskar miteinander teilen, und die für sie ihre Welt verändert. Gottes Gnade ist mächtig in den Irrungen und Verwirrungen, die sich zwischen den Kindern im Krankenhaus ebenso abspielen wie zwischen Oskar und seinen Eltern. In Streit und Versöhnung, Leid und Trauer genauso wie Glück und Freude. Und Gottes Gnade ist mächtig im Trost, den sich die Menschen in dem kleinen Büchlein gegenseitig schenken. Weil sie wissen, dass nicht sie Gott sind, und so die Gnade erfahren, schwach sein zu dürfen:

„Sie müssen sich entspannen. Zur Ruhe kommen. Sie sind nicht Gottvater. Sie können nicht über die Natur bestimmen. Sie müssen mal loslassen, locker werden und sich selbst nicht so wichtig nehmen.“

Liebe Gemeinde,

welche Geschichten könnten wir erzählen von der Gnade Gottes, die in uns mächtig ist? Von unserer Schwäche, die in von Gott geschenkten Worten und Bildern zum Raum der Gnade Gottes wird? Davon, dass Gott für uns wahr geworden ist und uns Gutes getan hat, auch wenn wir schwach waren?

Die kluge Oma Rosa sagt:

„Die interessantesten Fragen bleiben immer Fragen. Sie bergen ein Geheimnis. Jeder Antwort muss man ein ‚vielleicht’ hinzufügen. Nur uninteressante Fragen haben eine endgültige Antwort.“4

Vielleicht wird uns das neue Jahr Wege führen, auf denen wir das erleben, was Paulus erlebt hat. Auf denen wir erfahren, was Oskar und Oma Rosa erfahren haben: Dass Gott uns besucht, uns nahe kommt und wahr wird für uns. Wege, auf denen Gott uns ent-täuscht und so Raum einnimmt in unserem Leben. Auf denen ein Raum entsteht für die Macht der Gnade Gottes, die die Nacht vertreibt und es Morgen werden lässt. Raum, um loslassen zu können und einfach Mensch zu sein und nicht Gottvater sein zu müssen. Raum für Gemeinschaft und Phantasie, für Trost und Liebe, für Vertrauen und Freude.

Meine Gnade genügt dir. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Amen.

1 Eric-Emmanuel Schmidt, Oskar und die Dame in Rosa, Zürich 2005.

2 S. 20.

3 S. 98f.

4 S. 94.