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Predigt über 2. Korinther 4,3-6

Dr. Lars Klinnert

06.01.2008 in der Evangelischen Jakobus-Kirchengemeinde Hagen-Helfe

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im zweiten Brief des Paulus an die Korinther im vierten Kapitel:

Ist nun aber unser Evangelium verdeckt, so ist’s denen verdeckt, die verloren werden, den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helle Licht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes. Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.

„Der freie Wille ist nur ein gutes Gefühl.“ Mit dieser Schlagzeile war vor einiger Zeit ein großes Interview mit dem renommierten Hirnforscher Wolf Singer überschrieben. Seine These lautet vereinfacht gesprochen: Unser Gehirn funktioniert wie ein komplexes Uhrwerk. Alle unsere Handlungen werden von kausalen Abläufen determiniert. Es gibt keinen Zeitpunkt, zu dem wir als menschliches Subjekt diese Abläufe gleichsam von außen beeinflussen und steuern können. Unser Bewusstsein gaukelt uns lediglich vor, dass wir uns für oder gegen eine bestimmte Handlung entscheiden können – in Wirklichkeit hat unser Gehirn immer schon für uns entschieden.
Nun ist das Problem der Willensfreiheit eine sowohl neurobiologisch als auch philosophisch höchst komplexe Frage, die auch in den nächsten Jahrhunderten nicht so ohne weiteres aufgelöst werden wird. Viel interessanter ist, dass zum Beispiel auch Martin Luther zumindest in wesentlichen Angelegenheiten auf der Unfreiheit des menschlichen Willens bestanden hat. Ja, wir können zwar entscheiden, was wir morgens anziehen, was wir essen und trinken, vielleicht sogar, ob wir etwas moralisch Falsches oder Richtiges tun – ob wir jedoch glauben oder nicht, darüber zu entscheiden, steht uns nicht frei. Dass ein Mensch glaubt, auf das Evangelium vertraut, sich Gott zugehörig fühlt – darüber kann er letztlich nicht selbst bestimmen. Mit der Liebe zu Gott verhält es sich ähnlich wie mit der Liebe zu einem Menschen. Sie lässt sich im Letzten nicht herbeiführen, nicht steuern, nicht begründen – sie widerfährt. Oder, wie es die reformatorischen Theologen mitunter drastisch ausdrückten: Der Mensch wird entweder vom Teufel geritten oder von Gott – über die fundamentale Grundausrichtung seines Lebens hat er jedoch keine eigene Verfügungsgewalt. Ins rechte Verhältnis zu Gott setzen kann der Mensch sein Leben nicht selber, sondern allein mithilfe des Heiligen Geistes. Ja, die Tatsache, dass der Mensch über seine Beziehung zu Gott gerade nicht heute so, morgen so willkürlich entscheiden kann, galt der evangelischen Tradition als einziger Grund unbedingter Heilsgewissheit.
Ob wir also glauben, das heißt uns von Gott angenommen wissen, auf seine liebevolle Begleitung vertrauen und unser Leben nach seinem Willen ausrichten, kann nicht restlos auf unsere eigenen Überlegungen und Entscheidungen, sondern letzten Endes nur auf Gottes Wirken selbst zurückgeführt werden. Wie so vieles, was unser Leben von Grund auf trägt, wie Liebe, Gesundheit oder Vertrauen, so ist auch der Glaube unverfügbar und kann nur als unverdientes Geschenk begriffen werden. Oft ist selbstverständlich nachvollziehbar, wann, wo und weshalb ein Mensch mit dem Glauben in Berührung kommt – anlässlich einer krisenhaften Erfahrung, im Rahmen seiner religiösen Erziehung oder durch das Vorbild anderer Christinnen und Christen: Dass er die biblische Botschaft für sein Leben dann aber auch für gültig annehmen kann, bleibt eben nicht seiner eigenen, rationalen Entscheidung überlassen, sondern ist ein Widerfahrnis, das sich irgendwo in den unzugänglichen Tiefenschichten der eigenen Persönlichkeit, gleichsam im Herzen des Menschen, abzuspielen scheint.

Mit dieser Unverfügbarkeit des christlichen Glaubens befasst sich auch Paulus in unserem Predigttext. Für ihn ist die Entstehung des Glaubens in einem Menschen vergleichbar mit der Entstehung der Welt. So wie Gott am Anfang aller Zeiten das Licht geschaffen hat, das alles Leben überhaupt erst möglich macht, so hat er auch in ihm selbst das Licht des Glaubens entstehen lassen, das ihn seines ewigen Lebens in der Geborgenheit Gottes versichert. Bei allen Anstrengungen, die der Apostel auf sich nimmt, um das Evangelium in der Welt zu verkündigen – letztlich ist er nichts anderes als eine Art Hilfsmittel, durch das hindurch Gott selbst die Menschen erleuchtet, in ihnen die Erkenntnis entstehen lässt, dass sie durch Jesus Christus in eine Gemeinschaft mit ihm aufgenommen sind, die über den Tod hinaus Bestand hat.
Das allein ist für Paulus Sinn und Absicht seines christlichen Zeugnisses: Das Vertrauen in Gottes Liebe zu wecken, sein wärmendes und orientierendes Licht, das er selber erfahren hat, in anderen Menschen anzuzünden. Nicht durch argumentative Überzeugung, nicht durch brillante Rhetorik, sondern weil in der Predigt des Evangeliums der Heilige Geist wirksam werden kann.
Aber was ist eigentlich mit den Menschen, die das helle Licht des Evangeliums nicht erkennen können, die sich Jesus Christus nicht zugehörig fühlen, denen vielmehr die Herrlichkeit Gottes verborgen bleibt? Für Paulus scheint die Antwort klar zu sein: Der Gott dieser Welt, also der Teufel, führt sie in die Irre, sodass sie das helle Licht des Evangeliums nicht erkennen können. Diese Menschen erscheinen für Gott verloren. Ihnen bleibt die liebevolle Beziehung zu Gott versagt. Sie werden am ewigen Heil keinen Anteil haben.

Die Gewissheit des Glaubens hat also immer auch eine Kehrseite. Wenn Menschen die Erfahrung machen, von Gott angenommen und auserwählt zu sein, ziehen sie häufig den Umkehrschluss, all die anderen Menschen, die diese Erfahrung nicht oder vielleicht auf ganz andere Weise machen, als von Gott verworfen, von ihm verstoßen, von seinem Heil ausgeschlossen zu betrachten. Es sind ja keineswegs nur islamische Fundamentalisten, die meinen, sie könnten die Welt in Gläubige und Ungläubige aufteilen. Auch der christliche Fundamentalismus erliegt der Versuchung, die eigene Erfahrung der Zuwendung Gottes für absolut zu setzen. Wer die Wahrheit der biblischen Botschaft nicht erkennt, kann aus dieser Perspektive nur als ein Mensch angesehen werden, der fern von Gott lebt, für den Gottes heilvolles Licht zwar theoretisch ebenfalls scheint, für den es praktisch aber keine Bedeutung erlangt.
Menschen anderer Religionen, zweifelnde oder gar ungläubige Menschen sind unter dieser Perspektive letztlich nur noch Menschen zweiter Klasse. Vielleicht bringt es noch etwas, ihnen das Evangelium nahezubringen, hoffentlich gelingt es noch, sie noch missionieren – doch wenn sie nicht irgendwann in ihrem Leben zum christlichen Glauben kommen und Jesus Christus als ihren Herrn anerkennen, so die Überzeugung mancher Christinnen und Christen, dann ist dies als Zeichen dafür zu werten, dass Gott sich von ihnen unwiderruflich abwendet, dass er die Beziehung zu ihnen endgültig abbricht.
Der Glaube wird so entweder doch wieder zu einer Leistung des Menschen, zu einer freien Willensentscheidung, die dieser treffen muss, um sich Gottes Gnade als würdig zu erweisen – oder er wird zum Zeichen für die absolute Rätselhaftigkeit Gottes, der aus unersichtlichen Gründen dem einen Menschen das ewige Heil, dem anderen Menschen die ewige Verdammnis bringt. Die Gewissheit des eigenen Heils geht auf diese Weise jedenfalls Hand in Hand mit dem Zweifel am Heil der anderen.

Mir bleibt eindrucksvoll eine Fernsehreportage vor Augen, in dem über eine evangelikale Familie im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten berichtet wurde. Die Mutter brach während des Interviews in Tränen aus, weil sie befürchtete, ihre eigenen Kinder würden in die Hölle kommen, wenn sie nicht zum christlichen Glauben fänden. Offensichtlich war sie der Meinung, die Liebe Gottes könne möglicherweise nicht so bedingungslos und umfassend sein wie ihre eigene Mutterliebe.
Für Jesus hingegen gehören bekanntlich Gottes- und Menschenliebe untrennbar zusammen. „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzen Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt – und deinen Nächsten wie dich selbst.“ So antwortet er auf die Frage nach dem höchsten biblischen Gebot. Wer wirklich zu Gott in einer liebevollen Beziehung steht, der muss dem anderen Menschen, der ja ebenfalls ein Geschöpf Gottes ist, gleichermaßen mit bedingungsloser Liebe begegnen. Es wäre aber wohl kaum wahre Liebe gegenüber dem Nächsten, ihn zwar respektvoll zu behandeln, ihm in der Not zu helfen, vielleicht sogar mit ihn in den interreligiösen Dialog einzutreten – ihn aber insgeheim aufgrund seiner anderen Religion, seiner säkularen Lebensweise oder seines Atheismus als vor Gott verloren zu betrachten.
Den Nächsten zu lieben, heißt ihn als von Gott geliebtes Geschöpf wahrzunehmen. Dann bleibt kein Platz für irgendwelche Spekulationen darüber, aus welchem Grund manche Menschen das helle Licht des Evangeliums nicht erkennen können. Dann bleibt allein das Vertrauen, dass die unerschöpfliche Liebe Gottes sich auch zu diesen Menschen ihren Weg bahnen wird, dass selbst dort, wo Menschen Gott verkennen und verleugnen, seine rettende Kraft zur Wirkung kommen kann.

Die unverfügbare Gewissheit des Glaubens, die Christinnen und Christen gegeben ist, sollte deshalb nicht dazu verleiten, über die Beziehung anderer Menschen zu Gott definitive Urteile zu fällen. Es bleibt uns versagt, anhand des Glaubens oder Unglaubens eines anderen Menschen ablesen zu wollen, wie es um ihn in Gottes Augen bestellt ist.
Vielmehr sollten wir zuallererst auf uns selber blicken und den uns geschenkten Glauben für unser eigenes Leben dankbar annehmen. Wir dürfen uns darüber freuen, dass Gott, der sich in unser menschliches Leben hineinbegeben hat in der Krippe und am Kreuz, unser Leben begleitet und in die richtige Richtung lenkt. Selbstverständlich können und sollen wir ähnlich wie Paulus versuchen, diese Erfahrung durch Wort und Tat auch an andere Menschen weiterzugeben, um sie ebenfalls etwas davon spüren zu lassen, dass das Vertrauen auf Gottes Liebe das Leben reicher macht, durch Angst und Trauer hindurch trägt und neue Perspektiven auf Mensch und Welt erschließt.
Ob unser christliches Zeugnis den anderen Menschen jedoch in der Tiefe seines Herzens erreicht, steht nicht in unserer Macht. Zum Glauben an Jesus Christus zu gelangen bedeutet eben nicht, eine theoretische Wahrheit zu erkennen und anzuerkennen, sondern von der Liebe Gottes ergriffen zu werden und auf sie zu vertrauen. Ein solches Vertrauen, das wie ein helles Licht in unseren Herzen scheint, das uns der Gegenwart Gottes in unserem Leben und darüber hinaus gewiss sein lässt, das uns in unserem Alltag an der Herrlichkeit Gottes teilhaben lässt, wünsche ich uns allen in diesem neuen Jahr.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unserer Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.