Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über 2. Korinther 4,6

Pfarrerin Heike Bausch (ev)

15.06.2012 in der Ev. Kirche St. Michael in Schlüchtern

zum Abitur 2012

"Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben!"

Liebe Festgemeinde, liebe Eltern,

liebe Abiturientinnen und Abiturienten!

Die Kästchen der Erinnerungen, die Sie eben zum Altar gebracht haben, erzählen von den Stationen Ihres Lebens. Sie erzählen von den Menschen, die Sie auf Ihrem Weg begleitet haben.1

Ich gehe noch einen Schritt weiter. Die Kästchen der Erinnerungen erzählen von Gott, der diesen Weg – bemerkt oder heimlich, still und leise – mit Ihnen gegangen ist. Die Kästchen der Erinnerungen, in die wir gerade hineinschauen durften, und die, die Sie in Ihrem Herzen tragen, – erzählen von dem Glanz, der von Gott her über Ihrem Leben liegt.

Heute geht es darum, zu schauen, wie dieser Glanz weiterstrahlen kann in dem Leben, das vor Ihnen liegt. Deswegen füge ich den Kästchen der Erinnerungen eine Mitte hinzu. Ein Geschenk für jeden und jede von Ihnen. Dieses Geschenk soll zum Zeichen werden für den Glanz Gottes, der auch in Zukunft über Ihrem Leben liegen wird.

Keine Angst – das Geschenk sieht nicht so christlich aus, wie es sich anhört! Das nämlich war die Sorge der Schülerinnen und Schüler im Vorbereitungsgespräch zu diesem Gottesdienst: „Ist das Geschenk etwas Christliches – ein Kreuz etwa?“ So lautete die Frage. Nein, besonders christlich sieht das Geschenk nicht aus! Auf den ersten Blick sieht man ihm seine Christlichkeit nicht an! Das Geschenk ist so christlich, wie Sie es haben oder wie sie es nicht haben wollen.

Ein Geschenk fängt mit der Verpackung an. Ein schönes Papier und eine Schleife, damit der Beschenkte neugierig wird. Mein Geschenk für Sie steckt in einem Säckchen aus transparentem Stoff. Jedes trägt eine andere Farbe, bunt, wie das Leben ist und bunt, wie die Menschen sind.

Die grüne Farbe steht für die Hoffnung, die in uns lebendig ist. Das Gelb steht für das Licht und für die Perspektive, die uns fröhlich stimmt. Die violette Farbe weist uns auf die Treue Gottes in allen Lebenslagen hin. Das Blau erinnert uns an den Himmel, den wir in unserer Seele tragen und der über uns ausgebreitet ist. Natürlich ist auch die Farbe Rot dabei. Sie steht für die Liebe der Menschen, die uns stärkt und sie steht für die Liebe Gottes, die unsere Füße auf einen stabilen Boden stellt.

Die bunten Verpackungen werden ein leuchtendes, strahlendes Geschenk zum Vorschein bringen. Eine kleine Pyramide aus geschliffenem Glas.

Je nachdem, aus welchem Blickwinkel ich sie betrachte oder je nachdem, wie das Licht und die Strahlen der Sonne sich an der Oberfläche der Pyramide brechen, verändert sie ihren Glanz. Farben und Formen entstehen vor meinen Augen. Ein Spiel mit dem Licht, ein Spiel mit dem Glanz. So wie das Leben ein Spiel ist – mit Farben und Formen, mit dem Licht, das für mich scheint oder das sich gerade hinter dichten Wolken verborgen hält.

Die kleine Pyramide aus Glas erinnert an die gigantischen, ägyptischen Pyramiden von Giseh und an die Gedanken, die ihre Erbauer bewegten. Stabil sollten sie sein – für die Ewigkeit gebaut!

Sie ahnen schon die Verbindung zu dem Motto, das Sie als Überschrift über Ihren Abiturjahrgang gestellt haben: „Stabil – 13 Jahre Bank-drücken!“ 2

Sie haben für Ihr Motto einen Begriff aus dem Kraftsport gewählt. Das Bankdrücken dient dazu, die Brustmuskeln auszubilden. Bankdrücken ist eine Grundübung im Krafttraining. Bankdrücken ist ein doppeldeutiger Begriff.

13 Jahre Bank-drücken!“ Spielplatzbänke, Grundschulbänke, Realschulbänke, Küchenbänke, Gesamtschulbänke, Kirchenbänke, Bänke im Beruflichen Gymnasiums ...! Das waren Kraftakte der besonderen Art – gut zu vergleichen mit dem Kraftakt des Pyramidenbaus im alten Ägypten. Auch da hat es Jahre gebraucht, um zum Ziel zu kommen.

13 Jahre Bank-drücken!“ Welch ein Kraftakt für Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten – je nachdem mit viel oder mit einem Minimal-Aufwand! „13 Jahre Bank- drücken!“ Welch ein Kraftakt für Sie, liebe Mütter und Väter, für Ihre Nerven bis in die letzten Prüfungstage hinein! Welch ein Kraftakt für die Geduld, das Wohlwollen und für den Ideenreichtum der Lehrerinnen und Lehrer!

Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sie haben das Abitur auch in diesem Jahr sehr gut bestanden! Originalton einer Schülergruppe aus einem 13-er Religions-Kurs: „Es gab an dieser Schule keine Lehrerin und keinen Lehrer, die sich nicht um uns gekümmert haben. Ihnen war nicht nur der Stoff wichtig, sondern im Vordergrund stand für sie, unsere Person zu festigen!“ Und dann wurde es sogar christlich in unsrem Gespräch: „Die Lehrer waren für uns wie gute Hirten.“ Und schließlich Originalton eines Schülers: „Wir haben eine Grundlage an dieser Schule bekommen, auf der unser Weg vollkommen werden und an die Spitze führen kann!“

Botschaft angekommen, kann ich da nur sagen! Das Gefühl, innere Stabilität für einen weiteren Schritt in die Zukunft gewonnen zu haben, das ist das Beste, was einem Menschen passieren kann – beim Bank-drücken13 Jahre lang!

Was im Sport der Kräftigung des Körpers gilt, haben Sie mit Ihrem Motto hingedeutet auf die Kräftigung ihrer Persönlichkeit. Der Ausbildung der Brustmuskeln im Fitnesscenter entspricht die Ausbildung der Ich-Stabilität eines Menschen, damit er schließlich mit dem Brustton der Überzeugung sagen kann: „Ja, ich habe ein Ziel erreicht und ich bin stolz darauf!“

Wir haben gelernt: „Eigenlob stinkt!“ In Gottes Augen ist das falsch! Wenn es stimmt, dass er uns zu seinem Ebenbild geschaffen hat, dann steckt in jedem von uns etwas von Gott drin! Und das bedeutet: Wir sollen uns nicht selber klein machen und zurücknehmen, um nach außen vornehm-bescheiden zu wirken. Wir sollen groß sein vor Gott und vor den Menschen, wenn uns etwas gelungen ist! Stolz ist ein wichtiges Element eines stabilen Selbstbewusstseins! Wer damit innerlich ausgestattet ist, wird in der Lage sein, die vielen nächsten Kraftakte zu stemmen und die Bänke zu drücken, die das Leben von heute an für sie bereithält: Uni-Bänke, Fachhochschulbänke, Bänke im ICE zum neuen Wohnort fern der Bergwinkelheimat, Examensbänke …! Es geht weiter – und Gott geht mit!

"Er, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben!" Davon erzählt die Pyramide, die ich Ihren Erinnerungskästchen – denen aus Pappe und denen in Ihren Herzen – hinzufügen möchte. Mein Ziel: Lassen Sie sich von der Pyramide erinnern an Gott, der in jeder und jedem von Ihnen drinsteckt, damit Ihr Licht vor den Menschen leuchten kann.

Gradlinig, aufgerichtet und klar verlaufen die Linien der Pyramide. So steht Gott zu uns Menschen. So stellt er uns ins Leben hinein. Manchmal lockt die Verlockung, sich kleiner Tricks auf dem Weg zum Erfolg zu bedienen, mit einem kleinen Mausklick zum Beispiel. Wir stehen immer wieder in der Entscheidung zwischen den beiden Optionen, mit weniger lauteren Mitteln zum Ziel zu kommen oder mit dem Mut zur Lücke einen gradlinigen Weg zu gehen. Das haben wir gerade im Religions-Kurs in der 12. Jahrgangsstufe beim Blick auf die biblischen Aussagen über das Wesen des Menschen entdeckt. Zwei Seiten, zwei Gesichter gehören zu uns – und mittendrin ist Gott!

Die Pyramide soll Sie an die Gradlinigkeit erinnern, mit der Gott zu Ihnen steht. Die Pyramide soll Sie locken, im Vertrauen auf Gott einen gradlinigen und klaren Weg in die Zukunft zu gehen!

Ich glaube, Unklarheit ist das, was Gott am allerwenigsten leiden kann. So gradlinig und offen heraus, wie Jesus Christus mit den Menschen geredet hat, so möchte Gott uns haben. „Eure Rede sei Ja, ja; nein, nein.“ Das hat Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern mit auf den Weg gegeben. „Was darüber (dazwischen und dahinter und hinten herum ist) ist, das ist von Übel“, hat er gesagt.3

Leuchtend, glänzend, klar. Das Quadrat, auf dem die Pyramide steht, gibt Halt, weist mit seiner Vierzahl auf das Streben nach Vollkommenheit hin – nicht damit Sie meinen, Sie müssten vollkommen sein in dem Sinne, dass Sie immer alles richtig machen oder Ihnen immer alles gelingt. Die Pyramide erzählt uns mit den vier nach oben strebenden Dreiecken vom dreieinigen und dreifaltigen Gott. In seinem Namen schicken wir Sie heute auf den Weg in einen neuen Lebensabschnitt!: „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Der dreieinige und dreifaltige Gott, der Sie erschaffen hat, der wird Sie begleiten. Er wird Sie trösten, wenn Sie seinen Trost brauchen. Er wird da sein – durch Menschen, die Ihnen seine Worte sagen und die für Sie seine Zeichen tun! "Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben!"

Ob Sie dieses Licht leuchten lassen und Ihren Weg mit Gott gehen werden, das entscheiden Sie immer wieder neu und ganz alleine. Sie entscheiden, ob Sie nach der kleinen Pyramide in Ihren Erinnerungskästchen greifen an diesem oder an jenem Tag in Ihrem Leben. An dem Tag, der Sie vor Glück im siebten Himmel wohnen lässt oder an dem anderen Tag, der Ihnen die Hölle auf Erden bereitet.

Wir haben es besser als die alten Ägypter, die sich mit dem Bau ihrer gigantischen Pyramiden mühsam den Weg hinauf zu den Göttern bahnen mussten. Wir haben Glück!

Gott kommt uns entgegenkommt. Sein Weg führt von der Spitze der Pyramide hinunter zu uns auf die Erde – dahin, wo wir leben und denken und sind. Gott ist da, wo wir ihm danken für die erreichten Ziele und für geschenktes Glück. Gott ist auch bei den Menschen, die heute nicht in unseren Gottesdienst kommen konnten, weil sie verzweifelt nach dem Sinn in ihrem Leben suchen. Gott scheint für sie weit entfernt zu sein, krank oder unfähig oder gerade verreist.4 An sie denken wir in diesem Gottesdienst und schließen sie nachher in unser Gebet ein.

Nach der Pyramide und ihrer Botschaft zu greifen, verspricht Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, nicht, dass immer alles wieder gut wird oder immer alles wieder so wird, wie es vorher war. Nach der Pyramide und ihrer Botschaft zu greifen, bedeutet, sich auf einen stabilen Boden zu stellen für die unterschiedlichen Situation, die das Leben für Sie bereithält.

Die Vergewisserung der Nähe Gottes durch die Pyramide in Ihren Erinnerungskästchen fordert Sie dazu auf, Ihr Licht glasklar in allen Farben und Formen in alle vier Ecken der Welt hinaus leuchten zu lassen. Verstecken gilt nicht! Abwarten und Tee trinken, führt nicht weiter. Sich zurücklehnen und nehmen, wie es kommt, oder den Weg des geringsten Aufwands gehen – das alles vernebelt die Strahlkraft des Glanzes, der von Gott her über Ihrem Leben liegt.

Bänke stehen für Sie bereitLebensbänke – rechts und links am Weg und manchmal auch mitten auf dem Weg! Die müssen gedrückt werden! Von jetzt an mehr als 13 Jahre lang! Stabilität dazu bringen Sie mit! Also gehen Sie – begleitet vom Motto und von der Mitte und von der Zusage:

"Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben!"

Wir – Lehrerinnen und Lehrer, Mütter und Väter und ich, ihre Pfarrerin aus dem Religionsunterricht – lassen sie voller Vertrauen in Ihre Zukunft ziehen!

Amen.

1 Zu Beginn der Predigt hatten einzelne Abiturientinnen verschieden gestaltete Kästchen zum Altar gebracht. Mit ihnen erinnerten sie sich und die Gottesdienstbesucher an ihre Lebensstationen bis zum Tag des Abiturs. Taufe, Grundschulzeit, Konfirmation, aber auch schwere Lebenszeiten kamen zur Sprache, vor allem aber Dankbarkeit gegenüber Müttern und Vätern für erfahrene Hilfe.

2 Die in der Predigt verwendeten Symbole gestalteten die Titelseite der Gottesdienstordnung: eine bankdrückende Comicfigur, eine Abbildung der Glaspyramide und der Text 2. Kor 4,6. Die kleinen Pyramiden lagen in Körben auf dem Altar bereit. Sie wurden begleitet zur Musik von Saxophon und Orgel im Anschluss an die Predigt in einer feierlichen Gratulationsprozession den Abiturientinnen und Abiturienten überreicht.

3 Matthäus 5,37

4 Mir gefällt diese Beschreibung der Gottesferne von Dorothee Sölle, weil sie Schülerinnen und Schüler unmittelbar aufnehmen und spontan mit ihren Erfahrungen verbinden. Quelle: D. Sölle, Stellvertretung – ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes, Stuttgart 19822, 150/1


 


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