Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 4,6-10

Pastorin Katharina Junge

04.02.2001 in Celle Blumlage

"Schnell wie die Windhunde, hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder". Zumindest die Älteren von Ihnen kennen diesen Spruch nur zu gut. Er war der Leitspruch der Hitler-Jugend. Den eigenen Körper im Griff haben, ihn stählen, bis er unempfindlich wird für äußere Einflüsse, das war das Ideal. Funktionierende Menschen, die wendig und abgehärtet sind. Menschen, an deren Seele alles abprallt. Menschen, die sich gut eignen, um Krieg zu führen.

Es ist eine bittere Last, die wir aus der Vergangenheit mitbringen. Und wer meint, dies sei längst überwunden, der irrt. Ideale, ob sie nun falsch sind oder richtig, fressen sich in Köpfe und Herzen und leben fort. "Schnell wie die Windhunde, hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder".

Wir haben Glück. Heute tobt in unserem Land kein Krieg. Nur die Meldungen davon dringen bis in unsere Wohnzimmer. Und ab und zu kommen ein paar Flüchtlinge ins Land. Vergleichsweise wenig. Die Kämpfe, das Elend, all das bleibt draußen vor der Tür. Ab und zu ein paar Hilfsleistungen, ein paar deutsche Soldaten, die hier und dort hin geschickt werden um auszuhelfen. Sie erleben etwas vom Krieg, hautnah. Aber wir anderen? Wir schalten den Fernseher aus und gehen zur Tagesordnung über. Wer kann schon helfen? Ich doch nicht. Ich als allerletzte.

Und in den Kinderzimmern treibt der Computer-Krieg seine unseligen Blüten. Spiele, so nennt sich das. Spiele! Welche kranken Hirne meinen, dass so etwas gut sein kann für Kinder. Oder auch nur ein angemessener Zeitvertreib. Menschen in die Luft jagen, feindliche U-Boote sprengen, Feinde niederstrecken. Und selbst dabei sein Leben riskieren. Und wenn's schief geht? Macht ja nichts. Nächste Runde. Neues Leben. Neues Spiel. Neues Glück.

"Schnell wie die Windhunde, hart wie Krupp-Stahl zäh wie Leder." Ein schönes Ideal, nach dem auch heute noch die Kinder-Seelen abgestumpft werden. Nur: Es nennt niemand mehr so. Denn das ist verpönt. Hitler, das war einmal. Aber diese Grausamkeit. Sie lebt ja doch fort. Nur anders.

Da wird jemand, nur wegen seiner Hautfarbe, auf offener Straße niedergeprügelt. Da wird eine Frau vergewaltigt und es wird behauptet, sie habe es im Grunde selber gewollt. Da werden Kinder missbraucht von Menschen, die eigentlich Verantwortung für sie tragen sollten. Da gibt es Leute, die meinen, jüdisches Leben sei unwertes Leben und die bedenkenlos Synagogen anzünden. Auch heute noch. Da werden Menschen aus politischer Überzeugung in die Luft gebombt.
Gewalt gibt es zuhauf. Manches passiert öffentlich. Aber vieles nicht. Das meiste. Gewalt ist nicht nur körperliche Gewalt. Gewalt kann auch geschehen mit Worten. Und wird dann wieder wortreich weggeredet. Denn beweisen lässt sich ja nichts. Wer hat schon immer ein Tonband laufen? Hilde Domin beschreibt diese Gewalt durch Worte in einem Gedicht:

Das eigene Wort
wer holt es zurück,
das lebendige,
eben noch unausgesprochene Wort?
Wo das Wort vorbeifliegt,
verdorren die Gräser,
werden die Blätter gelb,
fällt Schnee.
Ein Vogel käme dir wieder.
Nicht dein Wort,
das eben noch ungesagte,
in deinen Mund.
Du schickst andere Worte
hinterdrein,
Worte mit bunten weichen Federn.
Das Wort ist schneller,
das schwarze Wort.
Es kommt immer an,
es hört nicht auf,
anzukommen.
Besser ein Messer als ein Wort.
Ein Messer kann stumpf sein.
Ein Messer trifft oft
am Herzen vorbei.
Nicht das Wort.
Am Ende ist das Wort,
immer
am Ende
das Wort.

Ja, Gewalt kann auch geschehen mit Worten. Auch durch Schweigen, durch Lieblosigkeit. Gewalt hat unglaublich viele Facetten. Aber eines haben alle Formen von Gewalt gemeinsam: Sie tun weh. Körperlich, seelisch. Oder beides. "Ein Klapps hat doch noch niemandem geschadet." Doch, auch ein Klapps schadet. Ist vielleicht zu erklären, aber nicht zu entschuldigen.

Paulus hat vielfältige Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Als einer, der Gewalt ausübte. Zu einer Zeit, als er noch Jude war und Christinnen und Christen verfolgte. Und als einer, der selber Gewalt erlitten hat. Die junge Christenheit wurde von allen Seiten drangsaliert. Vom Staat, von Anhängern anderer Religionen, von Leuten, die nicht wussten, was sie von Jesus, von Paulus und von der christlichen Bewegung überhaupt halten sollten.

Auch die frisch gegründete christliche Gemeinde in Korinth hatte Probleme mit Leuten, die Gewalt ausübten. Sie drangen von außen ein und versuchten systematisch, alles kaputt zu machen, was Paulus mühsam aufgebaut hatte. Sie zogen seine Lehre in den Dreck, sie machten ihn als Person nieder und stellten sich dafür selber auf den Sockel. Und das übte einen ungeheuren Druck aus auf die Gemeinde, die sich ja gerade erst gefunden hatte und die noch mit Anfangsschwierigkeiten rang.

Paulus kann nicht selber kommen, also schreibt er nach Korinth. Wir haben den Text vorhin schon als Lesung gehört. Ich lese ihn aber noch einmal, weil er nicht leicht zu verstehen ist. Er steht im 2. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 4:
"Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.
Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.
Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.
Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.
Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde."

Da hatten sich doch die Paulus-Gegner über ihn lustig gemacht. Was er denn für einer sei... So ein hutzeliges Männchen. Sicher, er könne gute Briefe schreiben, aber das sei auch schon alles. Wenn man ihn sehen würde, dann wisse man doch, was das wert sei. Gar nichts! So jemand könne einfach nichts zu sagen haben. Nachzulesen im 2. Korinther-Brief Kapitel 10:
"Denn seine Briefe, sagen sie, wiegen schwer und sind stark; aber wenn er selbst anwesend ist, ist er schwach und seine Rede kläglich."

Diese Form von Gewaltausübung kennen wir doch alle: Andere schlecht machen, damit man selber gut da steht. Eigentlich ein Armutszeugnis für diejenigen, die so reden. Und trotzdem tun wir es so oft selber. Aber Paulus hat Erfahrung mit Gewalt, mit verbaler und mit körperlicher Gewalt. Und er weiß, wie er damit umgehen kann. Drei Sachen gehören für ihn dazu:

Erstens: der Glaube. Gott, der sprach: "Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben." Wer an Gott glaubt, ist verändert von Grund auf. Ist im Innersten getroffen. Trägt sein Licht im Herzen. Das ist ein Vorgang, der einen Menschen nicht äußerlich verwandelt. Die Taufe bewirkt nicht, dass einer zum Supermann wird, dass eine die Modelkarriere beginnen kann, dass mein Kind zum Vorzeige-Kind wird. Es geht um das innere Licht, das unbeirrbar leuchtet und das für viele unsichtbar bleibt.

Zweitens: Paulus misst dem Äußeren ausdrücklich keine Bedeutung zu. Und er hat auch eine Erklärung dafür: "Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns." Paulus erklärt es also so: Irdene Gefäße, Gefäße aus Ton, sind unscheinbar. Und Gott sucht sich gerade die unscheinbaren Gefäße aus, die Menschen, die nach außen eben nicht strahlen und alle Blicke auf sich ziehen. Denn wenn von diesen Menschen Licht ausgeht, dann wird es viel klarer, dass es nicht ihr eigenes Licht ist, was da leuchtet. Dann wird viel schneller nach der Kraft gefragt, die dahinter steckt.

Drittens: Was Paulus aus vollster Überzeugung leben kann, ist dies: "Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um. Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe, damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde." Das kann nur jemand sagen, der Erfahrungen mit Leid am eigenen Leibe gemacht hat. Erfahrungen mit Gewalt, aber gerade auch mit Errettung, mit Bewahrung. Das letzte Wort, sagt Paulus, hat niemals die Angst, die du empfindest, sondern die Zuversicht, dass es Auswege gibt. Das letzte Wort hat niemals die Gewalt, sondern die Erfahrung, mitten in der Gewalt bewahrt zu werden. Und sei es, dass du vom Tod ins Leben gehst.
Paulus hat also ein Programm. Und das sieht, kurz zusammengefasst, folgendermaßen aus:

1. Stell den Glauben an oberste Stelle.
2. Mache die Argumente der Gegner zunichte.
3. Halte im Glauben die Situationen aus, in denen du Gewalt erleidest.

Wie lässt sich damit Gewalt überwinden? - Indem das Menschenbild sich ändert. Wer versucht, einen Menschen nicht nach dem Äußeren zu beurteilen, der sieht ganz andere Dinge, ganz andere Qualitäten, ganz andere Werte. Wie heißt es im "Kleinen Prinzen"? "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Wenn ich den Glauben an die oberste Stelle setze, dann fühle ich mich im Innersten getroffen und angenommen und wert geschätzt. Und ich rechne damit, dass es anderen Menschen ebenso geht. Und ich lerne. Lerne, mit den Augen Gottes zu sehen. Und prügele eben nicht auf offener Straße einen Obdachlosen nieder, nur weil ich meine, dass er nicht ins Bild der Stadt passt.

Meine Einstellung ist das eine. Manchmal muss ich aber auch tatkräftig dafür eintreten. Ich erlebe das bei mir selber, dass mir manchmal einfach der Mut fehlt zu widersprechen, wenn jemand z.B. im Bus lauthals ausländerfeindliche Sprüche von sich gibt. Und es gibt andere Situationen, wo wir auch mal tatkräftig einschreiten müssten. Stellung beziehen. Vor ein paar Tagen kam ich vom Einkaufen und sah einen jungen Mann mit einem Hund an der Leine spazieren gehen. Und plötzlich trat dieser Mann seinem Hund mit dem Fuß so kräftig in die Seite, dass der aufheulte. Und das aus nicht erkennbarem Grund. Ich habe das einzig Richtige nicht getan, nämlich zu fragen: "Sagen Sie mal, was machen Sie denn da mit Ihrem Hund?" Ich war zu feige. So einen Tritt wollte ich selber nicht kriegen. Und doch hätte ich es tun müssen, um diesen Hund, der ein genauso wertvolles Geschöpf Gottes ist wie wir, zu schützen. Gewalt überwinden. Manchmal gar nicht so einfach.

Und schließlich hilft mir der Glaube, Situationen, in denen ich Gewalt erleide, auszuhalten. Situationen, die ich nicht verändern kann. Weil ich weiß, dass Gott das letzte Wort haben wird. Mir steht als leuchtendes Beispiel immer Dietrich Bonhoeffer vor Augen, der noch im Konzentrationslager unter den gewaltätigsten Umständen an seinem Glauben festgehalten hat. Und der uns sogar ein Erbe hinterließ, das nach ihm schon Millionen von Menschen getröstet hat. "Von guten Mächten wunderbar geborgen..."

An dieser Stelle ist es aber wichtig, sehr ehrlich mit sich selber umzugehen. Denn es haben schon viele Gewalt erlitten, weil die Zustände angeblich nicht zu verändern waren. Aber was ist wirklich nicht zu verändern und wo fehlt "nur" die nötige Zivilcourage?

Gewalt überwinden. - "Schnell wie die Windhunde, hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder." Das ist jedenfalls nicht der Weg. Wir brauchen weiche, empfindsame Menschen. Menschen, die nicht vor sich selbst davon laufen. Wir brauchen offene Herzen. Wir brauchen Seelen, die sich nach dem Himmel sehnen. Wir brauchen Menschen, die mit dem Blick auf Gott dort zupacken, wo es nötig ist. Ich kenne einen, der hat das getan.