Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 5, 19.20

Pfarrer Jens Burgschweiger (ev)

23.10.2011 in der St. Marienkirche Minden

anlässlich einer Gedenkfeier

 

Gehalten anlässlich einer Gedenkfeier zum Tage des Bomberabsturzes „Grease Ball“ über Dankersen am 26.November 1944 im Beisein von Angehörigen des damals zu Tode gekommenen Bomberbesatzungsmitgliedes Ted Raybold aus Kentucky/Amerika.

Das Treffen und die Gedenkfeier wurden vom Rotary-Club Minden-Bad Oeynhausen auf Initiative der Amerikaner hin organisiert.

Der Gottesdienst wurde zweisprachig gehalten, die Predigt den Angehörigen in englischer Sprache ausgehändigt.

„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt:

Lasst Euch versöhnen mit Gott.“ (2.Korinther 5, 19.20)

Dear american friends, liebe Gemeinde!

Wenn man – mit Bertolt Brecht gesprochen - als „Nachgeborener“ sich über eine Zeit äußert, die man nur aus Geschichtsbüchern und allenfalls vom Hörensagen kennt, gerät man schnell in den Verdacht erfahrungsferner Naivität.

„Der hat leicht Reden“, urteilt dann manch Älterer.

Und hat Recht damit.

Denn es ist ja wahr: ich habe nicht eine einzige Nacht meines Lebens als Kind im Luftschutzkeller verbringen müssen; habe sie nicht erlebt, die Ängste und das Grauen: das Heulen der Sirenen, die Bilder brennender Häuser, verkohlter Leichen, Schutt und Rauch und Trümmer. Die Todesangst. Das alles lebt nicht in mir als Teil meiner Erinnerung, meines Selbst, hat sich nicht meiner Seele eingebrannt für immer. Ich kenne Krieg nur aus dem Fernsehen.

Auch die Ängste der amerikanischen Jungs in ihren stählernen Festungen – die meisten von ihnen nicht getrieben von Fanatismus, Hass oder Gefühlen persönlicher Feindschaft, sondern allein um ihrer patriotischen Pflicht zu genügen – die Ängste dieser großen Kinder, es könnten ja vom Alter her meine Söhne sein, ihre Ängste, dort über den Wolken zu sterben, nicht mehr heimzukommen zu Vater und Mutter – auch das ist meinem Leben fern.

„Der hat leicht Reden“. Das ist so.

Und es ist doch auch wieder nicht so.

Denn leicht fällt es mir ganz und gar nicht, zu reden über etwas, das für viele mit tiefen Emotionen besetzt ist.

Und wenn ich dann lese... in den Aufzeichnungen von Ted Raybold.... über „Teddy“, seinen Onkel,... wie er mit 18 das Gymnasium verließ - ich sehe meine Besselschüler vor mir –, wie Teddy im Frühjahr '44 in die Air Force eintrat, weil er den Traum hatte, Pilot zu werden. Und wie er dann doch nicht Pilot wurde, sondern Frontschütze in der „Grease Ball“ - und dann in seinem letzten Brief nach Hause schrieb: er bereite sich gerade auf seinen 13. Einsatz vor, „vielleicht“ – so schrieb er - „vielleicht mein letzter“. - Es wurde ja auch tatsächlich sein letzter. Teddy war gerade 19, als er über Dankersen abstürzte..., und seine Mutter zuhause, die – wie alle Mütter, die ein Kind verlieren - nie über den Tod ihres kleinen „Baby Boy“ hinwegkam, immer wieder seine Briefe las, die sie gleich neben der Bibel im Wohnzimmer am Kamin aufbewahrte,...wenn ich das alles so lese, dann rückt mir diese Zeit plötzlich ganz nah. Und das Reden fällt mir gar nicht mehr leicht.

Denn ganz gleich, ob Amerikaner, Deutscher oder Angehöriger einer anderen Nation – Teddy steht doch für all die jungen Männer, die ihr Leben eigentlich noch vor sich hatten, die dieses Leben in einem sinnlosen Krieg verloren und in ihren Familien - und nicht nur in ihren Familien - eine Lücke hinterließen, die noch heute klafft.

Wenn ihr Tod aber einen Sinn hatte, dann den, diese Lücke offen zu halten für heutige und nachfolgende Generationen – als Mahnung zum Frieden und zur Versöhnung.

Und so bin ich überaus dankbar, dass unsere amerikanischen Freunde heute hier sind.

So I am very thankful that our American friends are with us today. They have helped and animated us to remember and to reflect upon those parts of our common history which connect us, serve as links in and through our past. We see tokens of humanity in a time characterised by inhumanity.

We see the appreciation of the enemy as a human being. We see tokens of good nature, respect and pity discovering dignity in one’s neighbour’s face. This is the message we can find on the memorial stone.

Es sind die Zeichen der Menschlichkeit in einer von Unmenschlichkeit geprägten Zeit.

Es ist die Wahrnehmung verfeindeter Soldaten als Menschen. Es sind, wie es auf dem Gedenkstein heißt, die Zeichen „von Güte, Respekt und Mitgefühl“, welche die Würde im Antlitz des Nächsten erkennt.

„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“, sagt ein jüdisches Sprichwort.

Oder mit den Worten aus Brechts Gedicht „An die Nachgeborenen“:

„Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid. (...)

Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.“

„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“.

Und ich füge hinzu: „Das Geheimnis der Erinnerung heißt Versöhnung.“

Denn erst die Versöhnung lässt aus der Erinnerung einen neuen Anfang entstehen und öffnet den Weg in die Zukunft.

Versöhnung also. Und zwar Versöhnung inmitten augenscheinlicher Unversöhnlichkeit der Welt.

Versuchen wir zu verstehen, was das heißt.

Zunächst: Versöhnung ist mehr als menschliche Möglichkeit. Sie ist zuerst und grundlegend eine göttliche Wirklichkeit.

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ Schreibt Paulus.

Das ist erst einmal zu begreifen.

Das Wort von der Versöhnung ist aufgerichtet. Bleibt aufgerichtet. War aufgerichtet.

Auch 1944.

Trotz Krieg. Trotz Feindschaft. Trotz Bombenterror. Hunderttausendfachem Tod und Verderben.

Das Wort von der Versöhnung blieb aufgerichtet. War Realität. Wirklichkeit Gottes inmitten aller Unversöhnlichkeit der Welt. Unbegreiflich.

Das Wort blieb gültig. Obwohl es keiner mehr in den Mund nahm. Ausradiert war. Aus dem Wörterbuch des Unmenschen.

Wo stünden wir heute, wenn wir in unseren Sünden und den Sünden unserer Väter gefangen wären?

Wo stünden wir dann?

Wenn das Wort von der Versöhnung unter uns nicht aufgerichtet wäre?

Das Wort von der Versöhnung war tot. Und lebte dennoch weiter. Unbegreiflich, aber wahr. Weil in der Tiefe menschlicher Wirklichkeit die Wirklichkeit Gottes – „sub specie contraria“ - auch unter dem Augenschein des Gegenteils – existiert.

Ein Bild vielleicht, zugegeben etwas surreal:

Ich stelle mir ein Konzert vor. Auf dem Programm stehen Mozart-Walzer. Auf dem Notenblatt der Musiker: Mozart. In den Fingern der Musiker: Mozart. In ihren Herzen sowieso.

Dann der Dirigent. Was macht er, der Verrückte? Hebt den Taktstock und dirigiert. Kriegsmärsche.

„Die Fahne hoch...“. Die Musiker stutzen, schauen sich verwundert an. Da intoniert die 1.Geige

schon den Marsch und nach und nach fallen alle Stimmen ein.

Die Zuhörer – auf Mozart eingestellt – sind irritiert. Aber der verrückte Dirigent schlägt sie alle in seinen Bann. Die Zuschauer klatschen, johlen, beginnen im Marschtakt mitzusingen. „Die Fahne hoch...“.

Mozart – längst vergessen. Der Marsch, der verrückte Dirigent, die entfesselt aufspielenden Musiker, die johlende Menge – das ist die Realität.

Aber ist es wirklich die einzige Realität?

Mozart bleibt ja. In den Fingern der Musiker. In ihrem Herzen. Bleibt - nicht in der Masse Mensch, aber in jedem Einzelnen von ihnen. Als verschüttete Sehnsucht. Verdrängt.

Aber doch wirklich.

Mozart bleibt – auch wenn auf der Bühne des Lebens gerade etwas anderes gespielt wird.

Das Wort von der Versöhnung bleibt. Blieb auch 1944. Inmitten von Feindschaft, Krieg und Terror. Lebte weiter. Nicht tot zu reden. Totzuschweigen. Einfach nicht weg zu befehlen.

Warum lebte es weiter? Weil der weiterlebte, in dem dieses Wort Gestalt annahm.

Das Wort von der Versöhnung blieb, weil Christus blieb. Ohnmächtig. Gekreuzigt. Gestorben und begraben, - ja sterbend in jedem Opfer. Begraben auch mit jedem Soldaten, jedem Mann, jeder Frau, jedem Kind.

In jedem einzelnen von ihnen lebte Christus. Litt Christus. Starb Christus. Und war doch nicht tot zu kriegen.

Eine Augenzeugin erinnert sich:

"Mit Interesse habe ich den Artikel vom Absturz des amerikanischen Flugzeugs über Dankersen gelesen. Ich erinnere mich gut an die auch für uns dramatischen Minuten.

Ich lebte damals im Absturzgebiet, ein brennender Flügel glitt torkelnd in geringer Höhe über das Haus hinweg, in dem ich wohnte. Die Wiese nebenan und die Felder ringsherum waren übersät mit Trümmerteilen.

Das heftigste Erlebnis war aber für mich der Tote am Wegrand. Es war ein Dunkelhäutiger, ein junger hübscher Mann, wie ich fand. "Neger" hatte ich mir immer nur hässlich vorgestellt. Der Tote trug eine tolle Armbanduhr am Handgelenk. Ich hatte großes Mitleid mit diesem jungen Menschen, obwohl ich ja gelernt hatte, dass man unsere Feinde verachten mußte. Wenn Sie möchten, zeichne ich auf, wo der Tote lag, auch den Häuserkomplex, über dem die Maschine abstürzte, kann ich aufzeichnen.

Meine Gefühle damals waren zwiespältig. Mein Vater wurde im Mai 1944 als Deserteur erschossen. Das prägt ein Kind in seiner Gefühlswelt.“

Einmal abgesehen von dem kleinen Detail, dass es sich bei dem Mann nicht um einen Farbigen gehandelt haben konnte, finde ich diese Erinnerung sehr sprechend.

Wie die Begegnung mit dem Toten dem jungen Mädchen diesen ganzen ideologischen Schleier von den Augen reißt.

Zum ersten Mal sieht sie einen Amerikaner. Aber es ist nicht der Feind, den zu hassen sie gelernt hatte. Sie sieht einen Menschen, einen „jungen hübschen Mann“ mit einer tollen Armbanduhr. Nicht Hass und Genugtuung empfindet sie. Vielmehr Bewunderung und Mitgefühl. Vielleicht hätte der gutaussehende junge Amerikaner ja ihr Freund werden können – wenn er nicht tot gewesen wäre.

Liebe, Versöhnung - aufgerichtet in ihrem Herzen. Das Wort von der Versöhnung spricht aus ihr, aus ihren Gefühlen und Empfindungen.

Nicht das Mädchen entscheidet sich, stimmt sich auf Versöhnung. Die Versöhnung berührt das Mädchen. Christus spricht aus der Tiefe ihrer Seele.

So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst Euch versöhnen mit Gott.“

Botschafter an Christi Statt. Botschafter der Versöhnung mit Gott, das sind wir, noch bevor wir es werden. Das Wort hält auch unsere Vergangenheit aus, unsere Unversöhnlichkeit, hält unserer Feindschaft stand.

Aber eigentlich wartet es immer nur darauf, dass wir diesem Wort entsprechen. Mit unserem Leben, Unserem Denken. Unserem Handeln.

Ein Sprung in die Gegenwart. Erinnern Sie sich noch, wie die Norweger mit dem erschütternden Attentat auf der Insel Utoya am 23.Juli umgegangen sind?

„Heute sind unsere Straßen mit Liebe gefüllt“, rief Norwegens Kronprinz Haakon vor rund 150 000 Menschen in Oslo aus. Drei Tage, nachdem ein rechtsradikaler Norweger 76 Kinder, Jugendliche und andere in grenzenloser Mordlust und aus Hass auf alles Fremde getötet hat, antworteten die Menschen in fast allen norwegischen Städten mit „Blumenzügen“: In Massen strömten sie mit Blumen in der Hand auf die Straße.
Er sei jetzt völlig sicher, dass Norwegen „diese Prüfung bestehen wird“, sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg, als er die riesige Menschenmenge sah, die sich vor dem Osloer Rathaus versammelt hatte. Der Regierungschef schlug einen Ton an, wie man ihn selten oder nie nach so beispiellos brutalen Terroranschlägen gehört hat. „Wir werden uns unsere Geborgenheit zurückerobern“, rief er aus. Und Kronprinz Haakon legte die sonst übliche royale Zurückhaltung ab. „Nach dem 22. Juli gibt es keine Ausrede mehr für den Kampf um eine freie und offene Gesellschaft“, sagte er.

Aber als Antwort auf Gewalt kam vom Prinzen nicht Härte oder der Ruf nach höheren Strafen, sondern gleich zweimal der Satz: „Heute sind unsere Straßen mit Liebe gefüllt.“ Seinen Zuhörern gab der Kronprinz mit auf den Weg, dass man die schrecklichen Morde nicht ungeschehen machen könne – „aber wir können wählen, was sie mit uns machen.“

Hass verzehrt. Liebe überwindet. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde Böses mit Gutem“. Sagt auch Paulus. - Vielleicht ist das ein Weg, die Versöhnung Christi zu leben. Botschafter der Versöhnung zu werden. Sicherlich kein einfacher. Aber ein Weg.

Denn es stimmt ja auch: Wo Versöhnung ist, können wir uns auf Dauer dieser gar nicht entziehen.

Das ist heute nicht anders als damals. Im November '44.

Die Bestattung der jungen Männer der Grease Ball durch Dankerser Bürger. Die Ausstattung des Grabes durch Pfarrer Gluer. Die letzte Ehre, wie man sagt. Eine Handlung, die den Menschen sieht. Auch so ein Zeichen der Versöhnung. Über alle Feindschaft hinweg.

Zeugnis dieser größeren Wirklichkeit in Christus. Größer als alles menschliche Gegeneinander.

Versöhnung. Nicht nur im Herzen. Nicht nur individuell. Auch im politischen Leben. Die Luftbrücke über Berlin. Der Marschall-Plan. Politische Zeichen der Versöhnung. Erste Schritte hin zur deutsch-amerikanischen Freundschaft, wie sie heute besteht.

An diesen Gottesdienst schließt sich nachher die Gedenkfeier auf dem Friedhof an. Ein Gedenken an die Opfer. Nicht des Vaterlandes, sondern der Vergangenheit. Diese Feier soll ein Zeichen sein der Versöhnung, der Freundschaft und des Friedens.

Ein Stein mit einer Gedenkschrift erinnert an die sieben beim Absturz ums Leben gekommenen

jungen Amerikaner.

Auch am Grab des deutschen Jagdflieger-Piloten Siegfried Meyer auf dem Nordfriedhof wird ein Kranz niedergelegt – stellvertretend für die 26 deutschen Besatzungsmitglieder des Jagdgeschwaders, die an jenem 16. November 1944 ums Leben gekommen sind.

Opfer waren sie alle. Keine Helden.

Das heißt, vielleicht war einer doch ein Held. Teddy Raybold nämlich.

Er stieß - so kann man nachlesen - beim Anflug auf das Ziel versehentlich an den Bombenabzug.

Und daraufhin ließ das ganze Geschwader die Bomben fallen. 30 Tonnen Bomben rauschten herunter ins offene Feld, 15 Meilen vor dem Ziel. Militärisch ein Desaster. Menschlich eine – wenn auch unfreiwillige Heldentat. Durch diese Bomben kam jedenfalls kein Mensch ums Leben.

Ja, wenn ich' s mir - mit der mir als Nachgeborener zustehenden Naivität - recht überlege:

Teddy Raybold ist wirklich ein Held, ein echter Kriegsheld nach meinem Geschmack. Und so allemal ein Botschafter der Versöhnung.