Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 5,19.21

Pfarrer Dr. Thorsten Jacobi

09.04.2004 in der Ev. Kirche zu Elsey in Hohenlimburg bei Hagen/Westfalen

Liebe Freunde,

wie könnt ihr nur Karfreitag feiern? So fragte mich vor kurzem eine Jugendliche. Sie war vielleicht 15, 16 Jahre alt. Und sie stellte ihre Frage voller Empörung. Denn sie hatte gehört von der ‘Passion Christi’, diesem Kino-Film. Sie hatte erfahren, dass dort Jesus gezeigt wird, wie er leidet unter fürchterlichen Qualen und Schmerzen. Über das Internet hatte sie sich entsprechende Bilder angesehen. Bilder voller Brutalität und Grausamkeit. Und nun fragte sie mich, fragt sie auch uns: Wie könnt ihr nur so was wie Karfreitag feiern? Ja, wir können wir nur?! Hat der Karfreitag, dieser Tag des Leidens und Sterbens, hat dieser Tag etwas Gutes an sich? Etwas, das wir wirklich feiern könnten? Was ist da eigentlich geschehen, an diesem Freitag vor den Toren Jerusalems? Da ist der Sohn Gottes gestorben für unsere Sünden, sagen die einen. Unsinn, erwidern die anderen. Wäre das noch ein gnädiger Gott, der auf das Abschlachten seines eigenen Sohnes besteht, um uns vergeben zu können?! Andere sagen, damals, da draußen vor der Stadt, da ist ein Unschuldiger Opfer eines gemeinen Justizmordes geworden. Wieder andere geben zu bedenken: Jesus sei sehenden Auges in den Tod gegangen. Er selbst wollte es offenbar so, warum auch immer. Was also ist da wirklich passiert? Ist am ersten Karfreitag etwas geschehen, was wir mit Fug und Recht feiern dürfen? Ja, sagt unser Predigttext. Denn im 1. Brief an die Korinther heißt es: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber. Denn Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

(1)

Liebe Gemeinde, Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht. Da wird jemand, der ohne Sünde ist, wie ein Sünder behandelt. Jesus wurde schuldig gesprochen, obwohl er die Unschuld in Person war. Eigentlich ein Justizmord. Und so etwas sollen wir feiern? Ja, sagt Paulus. Denn es gibt da einen Zusammenhang, den wir kennen müssen. Es gibt da eine Geschichte im Hintergrund. Die macht deutlich, warum wir Karfreitag feiern können. 

Denn stellen wir uns vor, wir würden in einem Land leben, in dem eine Diktatur herrscht. Und zwar so, dass wir alle gar nicht merken würden, dass wir unter einer Diktatur leben. Das Regime wäre so geschickt im Vertuschen und Bemänteln, wäre meisterhaft in der Tarnung, dass wir uns dauernd täuschen ließen. Es würden zwar immer wieder Leute verhaftet werden und verschwinden. Doch die Diktatur würde uns immer wieder weismachen, dass alles schon mit rechten Dingen zugehe, alles seine Richtigkeit habe. Denn die Diktatur könnte jedes Mal glaubhaft belegen, dass jeder Verhaftete etwas verbrochen hat, also schuldig ist im Sinne des Gesetzes. Wie könnten wir trotzdem feststellen, dass hier Unrecht geschieht? Wie könnten wir der Diktatur auf die Schliche kommen? Die Antwort liegt auf der Hand: Es müsste mal jemanden treffen, der ganz und gar unschuldig ist, ja, der sogar seinem Wesen nach unfähig wäre für die Vergehen, die man ihm nachsagt. Für Paulus ist Jesus so jemand gewesen: Einer, der von keiner Sünde wusste, wie Paulus sagt. Angeklagt und hingerichtet von Glaubenshütern und Ordnungskräften. Die alle nur das Beste wollten: Der Hohepriester, der Jesus anklagte, war besorgt um das Wohlergehen seines Volkes. Der römische Statthalter, der Jesus hinrichten ließ, er wollte Recht und Ordnung aufrecht erhalten. Sie alle, die große Koalition der Gutwilligen, sie waren der festen Überzeugung, das Richtige zu tun. Indem sie den ausschalteten, der ungewöhnliche Gedanken geäußert und außergewöhnliche Dinge bewirkt hatte. Und doch spielten sie gerade auf diese Weise einer verborgenen Macht in die Hände. Von dieser Macht wurden sie gelenkt, so geschickt, dass sie es selbst nicht bemerkten, so wirkungsvoll, dass am Ende aus Jesus ein Opfer wurde, entwürdigt von der Folter und zur Strecke gebracht durch den Tod am Kreuz. Hier war offenbar eine raffinierte Macht am Werk, eine Macht, die sich gerade der Gutwilligen bedienen kann. Sie weiß sich schlau hinter Pflichtbewusstsein und Ordnungs­liebe zu verstecken, sie bedient sich der Anständigkeit und der Fürsorge für das Volk. Paulus nennt diese unheimliche, diese verborgene Macht die ‘Macht der Sünde’. Diese Macht der Sünde lebt davon, dass wir Menschen sie selten zu Gesicht bekommen. Sie verdankt ihren Einfluss dem Umstand, dass wir sie nicht so recht fassen können. Und ihre größte Macht entfaltet sie in denen, die ihre Existenz leugnen. Die Macht der Sünde gaukelt uns vor, böse sei nur das, was nicht unseren moralischen Vorstellungen entspricht. Und sie lacht sich ins Fäustchen, wenn wir mit Sünde nur etwas Sexuelles in Verbindung bringen. Dabei versteckt sich die Macht der Sünde nur zu gerne hinter allem, was uns wichtig und heilig ist, was wir für gut und richtig halten. Die Macht der Sünde verbirgt sich geschickt hinter dem, was wir mit Recht und Ordnung verbinden, sie bedient sich mit Vorliebe dessen, der sich für das Gute und Wahre einsetzt. So flüsterte sie den Schriftgelehrten und Pharisäern ein, etwas für den rechten Glauben zu tun, wenn sie Jesus ans Messer liefern. Die Macht der Sünde raunte den Römern und dem Hohen Rat ins Ohr, etwas für Recht und Ordnung, für den Frieden im Lande zu tun, wenn sie Jesus hinrichten, diesen vermeintlichen Aufrührer.

(2)

Liebe Freunde, diese Macht der Sünde, sie wurde auf Golgatha enttarnt. Das ist das Großartige an diesem schrecklichen Geschehen. Das war das Heilsame an dieser Hinrichtung. Auf Golgatha wurde der Sündenmacht die Maske heruntergerissen. Dort zeigte sie uns ihre ganze hässliche Fratze: unverhohlen und ungeschönt. Denn die Macht der Sünde hatte jemanden ans Kreuz gebracht, der von keiner Sünde wusste. Er wurde zum Opfer der Sünde, ohne an ihr Anteil gehabt zu haben, ohne je ihr Komplize gewesen zu sein. Nie hatte er sich in sie verstrickt, hatte niemals mit ihr gemeinsame Sache gemacht. Bis zuletzt. Denn Jesus hätte sich wehren können. Bei seiner Verhaftung, als die Schwerter gezückt wurden. Da hätte er nach dem gleichen Prinzip verfahren und mit denselben Mitteln zurückschlagen können: Schwert gegen Schwert. Gewalt gegen Gewalt. Statt dessen befahl er seinen Jüngern, die Schwerter stecken zu lassen. Jesus hätte sich in der Folgezeit gewaltsam befreien lassen können. Von Freunden oder von Teilen des Volkes. Er hätte die Massen aufwiegeln können. Statt dessen stand er beim öffentlichen Prozess stumm da und ließ alles über sich ergehen. Jesus hätte sich im Verhör rechtfertigen können. Statt dessen antwortete er dem Pilatus nicht auf ein einziges Wort. Er wehrte sich nicht, bot niemandem die Stirn. Er hielt bloß die Wange hin und ließ sich schlagen, foltern, quälen, so wie er es einst gepredigt hatte: “Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar”. Denn Jesus wollte das Spiel der Sünde nicht mitspielen. Das Spiel von Gewalt und Gegengewalt, von taktischem Kalkül und klug inszenierter Selbstrechtfertigung. Jesus durchschaute diese Strategien. Er sah in ihnen die natürlichen Handlanger der Macht. Er aber war bereit, diese Macht zu enttarnen. Dafür setzte er sein eigenes Leben ein.

(3)

Liebe Freunde, als Jesus schließlich am Kreuz hing, musste die Macht der Sünde erkennen: Sie hatte sich böse vergriffen. Mehr noch, sie war entlarvt worden für alle Zeiten. Die Macht der Sünde musste erkennen, dass sie überführt, dass sie kenntlich gemacht worden war. Lange Zeit hatte die Macht der Sünde Triumphe feiern können. Denn sie hatte stets im Verborgenen gewirkt. Jetzt aber hatte die Macht Gottes den Spieß umgedreht. Diesmal, dieses eine Mal hatte sich die Macht Gottes verborgen, hatte sich schwach und ohnmächtig gemacht, hatte auf alle Pracht und Herrlichkeit verzichtet. Gott hatte seinem Sohn nicht die 12 Legionen Engel geschickt, er hatte ihm nicht die Kraft gegeben, vom Kreuz herabzusteigen. Damit lockte Gott die Macht der Sünde zum Vorschein, gab ihr Raum, sich zu entfalten, sich geradezu auszurasen. Ihr musste sich der Gottessohn ganz und gar ausliefern, damit diese Macht sichtbar wurde. Gott war in Christus, sagt Paulus. Und Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht. Er wurde der Sünde ausgeliefert und ihrer Macht unterworfen. Indem die Sünde ihn tötete, enttarnte sie sich selbst. Auf Golgatha wurde deutlich, dass sie alle manipuliert und jeden benutzt hatte: die Stärke und den Gerechtigkeitssinn Roms, die Sorge und die Klugheit des Hohenpriesters, die fromme Gesinnung der Schriftgelehrten und Pharisäer. Auf Golgatha wurde klar: Die Macht der Sünde hatte sich eingenistet in ihre Gedanken, hatte sich breit gemacht in ihrem Gewissen, hatte sich eingewoben in ihre Gefühle. Alle und jeden hatte sie korrumpiert, durchsetzt und dienstbar gemacht. An dem, der ohne Sünde war, flog alles auf. Und damit wurde auf Golgatha das Ende ihrer heimlichen Diktatur eingeläutet. Das Kreuz hatte die raffinierte Macht der Sünde zum Vorschein gebracht und sie damit zugleich gebrochen. Bloß gestellt und ans Licht gezerrt verliert seitdem die Sünde immer wieder an Macht und Einfluss. Sie ist wie das Rumpelstilzchen, das seine Macht einbüßt in dem Augenblick, in dem sein Name ausgesprochen wird. Die Sünde verliert überall dort, wo wir sie durchschauen, wo wir auf wohlklingende Parolen und eifrige Beteuerungen nicht hereinfallen: Dann etwa, wenn Angriffskriege vergeblich als friedenschaffende Maßnahmen verkauft werden oder wenn ein alkoholkranker Mensch uns ebenso vergeblich einreden will, er schaffe es auch ohne fremde Hilfe. Seit Golgatha wissen wir, wie geschickt die Macht der Sünde uns zu täuschen sucht. Am Kreuz jedoch wurde ihr wahres Gesicht enthüllt, kam ihr wahres Gesicht zum Vorschein. Ihre Entmachtung feiern wir heute, am Karfreitag.

Amen.