Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 5,21

Prädikant Wilfried Bergau-Braune (ev.-luth.), Oberstudiendirektor i.R.

30.03.2014 in der Christophorusgemeinde in Göttingen

Sonntag Lätare

Liebe Gemeinde,

wir befinden uns in der sogenannten Fastenzeit; die dauert 40 Tage. In den Läden merkt man das nicht unbedingt, dort liegen ja schon seit längerem die Osterhasen. Doch in manchen Familien nimmt man Rücksicht auf diese etwas stillere Zeit; und der Karfreitag, der bald kommt, ist sogar ein geschützter Feiertag, Vergnügungsveranstaltungen dürfen erst spät beginnen, noch hält der Respekt vor diesem einschneidenden Ereignis: dem Tod Jesu.

Die Passionsgeschichte gehört zu den großen, ausladenden Erzählsträngen der Bibel – ein Drama mit vielen Beteiligten. Im Mittelpunkt der Nazarener, der es gewagt hat, aus der ruhigen Provinz nach Jerusalem zu kommen, in die Metropole, die keinen Aufruhr brauchen kann, er sucht die Auseinandersetzung, ein bewusst kalkulierter Beginn eines Leidensweges. Dann die Abschiedsszenen mit seinen Gefolgsleuten, die Gefangennahme, Verhöre, Verurteilung, Kreuzigung, schließlich Grablegung: Oft in Bildern dargestellt, verfilmt und vertont, das berührt einen, weil das jeden Tag passieren kann, dass man einen Unschuldigen, einen Sympathieträger verurteilt. Unterdrückte haben im leidenden Jesus Trost und Stärke gefunden; andere fühlten sich ermutigt, gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen. Ich selbst habe mich selten mit Jesus identifiziert, er wirkt in allen Szenen so passiv; wehrt sich nicht richtig, widerspricht nicht, leidet still, er hat sich doch sonst recht engagiert mit den Herrschenden angelegt, kurz zuvor noch sogar, als er Geldhändler aus dem geliebten Tempel vertrieb. An dieser großen Erzählung haben mich mehr die Menschen drumherum interessiert. Sie sind nämlich allesamt Versager. Sie laden Schuld auf sich. Das fängt mit Judas an, der sich bestechen ließ und dafür den Aufenthaltsort Jesu an die Häscher verriet. Der großsprecherische Petrus zieht im ersten Moment, als sie Jesus verhaften wollten, sein Schwert, das wirkt schon ein bisschen heldenhaft, dann später aber lügt er, gleich dreimal: nein, ich kenne diesen Menschen nicht; er nimmt Abstand, will nicht als zu seinen Leuten gehörig erscheinen. Die anderen Gefolgsleute sind auch nicht besser: Im Garten Gethsemane schlafen sie ein, während der, dem sie nachfolgen, sich den Angstschweiß von der Stirn wischt. Pilatus ist auch so einer, der versagt. Sitzt auf dem Herrscherstuhl, berät sich mit seinen Hohenpriestern, sagt sogar: Ich finde keine Schuld an ihm – aber dann kommt ihm eine geniale Idee, das Volk soll entscheiden, und er weiß genau, wie es entscheiden wird, er selbst ist dann fein raus, wäscht seine Hände in Unschuld, das ist sogar ein Sprichwort geworden, der Aufrührer ist weg und die hoheitlichen Berater sind zufriedengestellt. Und das sogenannte Volk, die Menge auf dem Vorplatz? Immerhin haben sie in den Monaten zuvor zu Tausenden diesem Mann zugehört. Diese Leute versagen komplett, schreien sich in eine Hysterie hinein, halten es nicht aus, dass einer so anders ist, der bringt unsere Regeln durcheinander, hinweg mit ihm, kreuzige ihn.

Es gibt eigentlich nur einen, der ein gutes Wort für Jesus einlegt, aber da ist es schon zu spät. Ein hochrangiger ausländischer Soldat, der die ganze Szenerie beobachtet hat, sagt, als er Jesus sterben sieht und dessen letzte Worte hört: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist, da sagt er: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen. Aber wie gesagt, da war es schon zu spät.

Diese Passionsgeschichte enthält eine Dramaturgie, die danach hunderte Male in unserer Weltgeschichte aktuell wurde. In jeder Diktatur wird verraten, denunziert. Und man verleugnet: Nein, ich gehöre nicht dazu, zu den Staatsfeinden. Und in unzähligen Massenversammlungen wird der Volkszorn geweckt, werden Köpfe vernebelt, plötzlich gibt es nur noch einen Feind, und der hat es jetzt verdient. Auch aufgeklärte Staaten kennen solche Effekte, da ist es manchmal das Fernsehen oder eine Zeitung, die Stimmung macht. Ich glaube, wegen dieser Parallelen rührt die Passionsgeschichte so an, fast ein Musterbeispiel für Abläufe, die wir kennen. Und das ist ja das Gute an der Bibel, dass hier der Mensch in all seinen Facetten, auch mit seinen Abgründen, ehrlich in Erscheinung tritt.

Und dann schaue ich wieder auf die handelnden Personen in der Geschichte: Pilatus, der hat wohl einfach weitergemacht, das Urteil war eben Staatsraison, formal übrigens korrekt, doch immerhin: Er erhielt eine Warnung von seiner Frau, die hatte einen Traum; Pilatus, mein Mann, das geht nicht gut aus! Gerade Politiker können auf vielerlei Weise schuldig werden, sie müssen ja handeln, entscheiden, sie können es nicht allen recht machen. Doch wie der Statthalter hier sich aus der Verantwortung stiehlt, das ist schon beschämend. Judas – der kriegt ein schlechtes Gewissen, er bringt seinen Auftraggebern die dreißig Silberlinge zurück, die er für seine Denunziation erhalten hat, und denkt, damit mache ich es wieder gut, aber die nehmen nichts zurück, Judas verzweifelt, erhängt sich am Ende. Und Petrus – er schleicht sich aus dem Innenhof des Palastes weg, geht in die Nacht, bereut zutiefst seine Schwäche, weint sogar, so steht es geschrieben, weint vor Scham, Schuld, welche Schmach. Und ich glaube, die ganze Passionsgeschichte ist nur geschrieben worden, um die Frage zu beantworten: Was sollen wir eigentlich machen mit unserer Schuld? Was wird aus uns?

Denn eines ist ja klar: Es gibt kein Leben, ohne dass Schuld entsteht. Und Versagen. Irgendwas passiert immer, manchmal auch nur aus Versehen. Und was dann? Psychologen sagen, man kann die Schuld, das schlechte Gewissen verdrängen. Aber sie meldet sich zurück, oft unvermutet, sogar unbemerkt, erzeugt Neurosen, Unsicherheit, ein Gefühl: Irgendetwas ist nicht in Ordnung. Man kann krank werden daran. Und wir können ja nicht krumm vor Buße durchs Leben gehen. Dieser Kreislauf des Hätte ich doch… Hätte ich doch besser aufgepasst, dann wäre es nicht passiert. Hoffentlich kommt das nicht raus. Hätte ich doch mehr Zeit für die Eltern gehabt. Hätte ich doch damals anders entschieden. Aber es ist geschehen, Unheil, Nachlässigkeit, Unaufmerksamkeit sind entstanden, mit schlechten Folgen für andere. Die Bibel verschweigt nichts, sie kennt dieses Versagen und führt uns die Figuren vor – auch in der Passionsgeschichte. Gerade an den toten Punkten unseres Lebens sollen wir auf das Kreuz Christi schauen.

Warum eigentlich? Was ist denn vollbracht. Nichts ist vollbracht. Vollendet ist das Werk der Henker. Kein rettender Engel; die gänzliche Gottverlassenheit.

Und ich glaube, dass es gerade dieser vollständige Absturz war, die Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflungsschrei am Kreuz gewesen ist, der unzählige Künstler inspiriert hat, dieses Antlitz in einem Bild einzufangen. Denn nun ist es ohne Maske, hier wird nichts entschuldigt oder beschönigt oder bagatellisiert, Opfer wird es immer geben, man müsse das große Ganze sehen – und was der Reden mehr sind, womit wir über eigenes und fremdes Leiden hinweggehen – hier sehen wir ein ehrliches Bild eines verzweifelten Menschen, es ist wie ein Beispiel für all die anderen, die nach ihm ähnlich verzweifelt gestorben sind. Und dieses Beispielhafte, diese elementare Menschlichkeit hat die damaligen ersten Christen dazu geführt zu sagen: An diesem Menschen handelt Gott selbst – er identifiziert sich mit ihm. Es heißt, Gott selbst hat unser Leben geteilt, er kennt auch die Tiefen, die Untiefen, er hat die Folgen des Versagens erfahren, wie in der Passionsgeschichte geschrieben, er kennt auch die Situation, wenn uns die Kälte des Todes anweht, wenn wir alles loslassen müssen und nichts mehr gutmachen können. Paulus, der erste Theologe des

Christentums, der Jesus nie kennengelernt hat, aber sich doch aus dem, was er hörte, seine Gedanken machte, fasste diese Bewegung vom Himmel herab zu uns, den Unperfekten, so zusammen: Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht. (2.Kor.5,21) Das ist eine verschlüsselte Einladung an uns, für uns: Ja – ich kenne euren Schmerz über das nicht Erreichte, all die Enttäuschungen, das Versagen und wie ihr bereut und doch nicht loskommt von dunklen Gedanken. Ihr könnt es mir anhängen. Gott lässt sich selber das nachsagen, was wir verbrochen haben. Er will es um unseretwillen ertragen. Schaut in mein schmerzreiches Gesicht. Es ist kein Blick des Vorwurfs. Sondern es ist ein Spiegel: So seid ihr Menschen, das macht ihr mit anderen Menschen. So kommen wir in ein Gespräch, in eine Zwiesprache mit Gott, und mit ihm sehen wir die Abgründe unseres Menschseins. Das ist wie eine Selbstbefragung: Es steht nicht immer gut mit uns. Das Kreuz Christi motiviert zur Selbsterkenntnis und zum Gedächtnis aller Leidenden. Und der noch im Schmerz liebende Blick des Gekreuzigten sagt uns: Ich bin mit dir. Deine Schuld ist dir vergeben.

Alles Unrecht, die nicht wiedergutzumachende Schuld soll vor Gott gelangen, um von seiner versöhnenden Liebe ertragen zu werden. Gottes Liebe weiß wohl, wie sie mit unserem Unrecht fertig wird. Passion heißt: Gott leidet mit, macht sich mit uns gemein, befreit uns von unseren Versagensängsten. Ja genau – es entsteht ein Aufatmen, eine neue Freiheit, Gott sagt uns nur Gutes nach, obwohl unsere Mühe um ein gelingendes Leben nie ausreicht. Und diese Freiheit von dem Gedanken, irgendwie selbst mit der eigenen Enttäuschung fertig zu werden, befähigt uns, unsere Umwelt neu zu sehen. Denn wenn wir ihm das Unrecht anhängen dürfen, müssen wir es ja nicht mehr unseren Mitmenschen, den Umständen, anderen Völkern oder uns selbst anhängen.

Die Passionsgeschichte zeigt uns Menschen, die versagen. Seitdem sind viele Erzählungen entstanden, die solche Menschen beschreiben. Nicht so dramatisch oft, doch so, dass klar ist: Hier hättest du etwas anders machen können, hier hast du versagt. Hören Sie einmal zu:

In dem strengen Winter, der dem Sommer folgte, war ich an einer Katastrophe schuld. Die Mutter hatte mich mit einem Einkaufszettel ins Dorf geschickt. Auf dem Weg schneite es. Als ich im Kolonialwarenladen ankam, merkte ich, dass das Heft mit den Lebensmittelmarken nicht in meiner Einkaufstasche lag. Oder hatte ich es auf dem ganzen Weg in meinem Fausthandschuh festgehalten? Es vielleicht verloren, weil ich die Finger im Handschuh immer wieder aneinandergerieben hatte, damit sie nicht erfroren?

Die Augen starr auf den Boden gerichtet, lief ich den ganzen Weg zurück, den Spuren nach, die ich auf dem Hinweg im Schnee hinterlassen hatte. Weil es ununterbrochen weiterschneite, waren meine Spuren nur noch an den leicht erhöhten Rändern meiner Schuhabdrücke zu erkennen. Immer wieder schob ich den frischen Schnee zur Seite. Zwei Passanten, die mir entgegenkamen, blieben stehen und sahen zu. Ob sie etwas auf dem Weg gefunden hätten, fragte ich. Was denn, fragte die Frau, was hätten sie denn finden sollen? Etwas Schmales, so groß wie ein kleines Schulheft! Mir liefen die Tränen über das Gesicht. Die Frau strich mir über meinen beschneiten Kopf, ich starrte auf ihre freie Hand und auf die Hände ihres Begleiters. Falls sie das Heft mit den Lebensmittelmarken gefunden hatten, hatten sie es längst in ihre Manteltaschen gesteckt. Als sie weitergingen, blickte ich zurück und sah, dass auch sie noch einmal stehen geblieben waren. Aber sie winkten mich nicht zu sich, sie schauten nur bedauernd zu, wie der Kleine mit Händen und Füßen im Schnee wühlte.

So leise wie möglich ging ich die Stufen zur Veranda hinauf und blieb auf der Schwelle stehen. Ich wagte nicht, die Tür zu öffnen. Aber die Mutter hatte mich gehört, streckte mir die Hand entgegen und zog mich ins warme Haus. Erst einmal brachte ich nichts heraus, als sie mir die leere Einkaufstasche abnahm und hineinschaute. Der gestammelte Satz, mit dem ich auf ihre Frage antwortete, ist vielleicht der längste meines Lebens gewesen. Als ich mein Geständnis wiederholte, weil sie nicht fassen konnte, was ich sagte, war ich auf die Höchststrafe gefasst und stimmte innerlich dieser Strafe zu. Nicht nur ich, die ganze Familie würde den Rest des Monats hungern müssen. Der Verlust eines Monatsheftes war das Schlimmste, was passieren konnte.

Aber die Mutter ging nicht in die Besenkammer, sie blickte mich nur an. Ich meinte zu sehen, wie sich ein Sturzbach von Beschimpfungen und Verwünschungen in ihr anstaute. Ich kannte ihre Wutausbrüche, sie konnte sich durchaus uns Kindern gegenüber gehen lassen und uns anschreien. Aber sie ließ kein Wort heraus. Sie nahm mich an der Hand und ging den ganzen Weg mit mir zurück.

Inzwischen war es fast dunkel, und im Schein der Taschenlampe konnten wir erkennen, dass der immer heftigere Schneefall auch die Ränder meiner Fußabdrücke eingeebnet hatte. Niemand außer uns lief mehr auf der Straße, und die im Nebel schwankenden gelben Lichter in den Häusern waren zu schwach, um uns zu erreichen. Vor meinen Augen dehnte sich eine weiße Fläche, die noch keines Menschen Fuß betreten hatte. Nur an den Schneehäubchen auf den dunklen Latten der Gartenzäune war die Richtung des Weges zu erkennen. Die Mutter sagte nichts, als wir mit schnellen Schritten, die Augen starr auf den Boden gerichtet, den Weg vor- und zurückgingen. Ein paar Mal drückte sie meine Hand, als wollte sie sie wärmen. Wir wussten beide, dass unsere Suche aussichtslos war. Ich spürte ihre Verzweiflung, aber als ich zu ihr aufblickte, lächelte sie mich an, sie machte mir keinen Vorwurf. Mit meiner Hand in der Hand meiner Mutter hätte ich eine Ewigkeit so weiterlaufen mögen. (aus: Peter Schneider, Die Lieben meiner Mutter)

Ja – das ist eine Geschichte vom Versagen. Der Junge hat schuld, dass die Familie nun nicht wusste, wie durch den Monat kommen. Dabei hatte er durchaus nicht eine böse Absicht, er wollte ja helfen, der Mutter den Gang abnehmen. Doch das Versagen bleibt. Nur wegen einer kleinen Unaufmerksamkeit, Fahrlässigkeit, nicht aufgepasst. Mit großen Folgen. Er wird das nie vergessen. Aber ich werde diesen letzten Satz der Geschichte nicht vergessen: Mit meiner Hand in der Hand meiner Mutter hätte ich eine Ewigkeit so weiterlaufen mögen.

Wenn wir Glück haben, materialisiert sich Gottes verzeihende Liebe in die Welt hinein, wird sichtbar unter uns, hier in der Hand der Mutter, ein andermal in der Umarmung des Partners, im Blick der Kollegin, im aufmunternden Wort des Nachbarn oder Freundes. Und wenn keiner da ist, der uns tröstet, so schaue ich auf das Kreuz: Wirf dein Anliegen auf den Herrn, er wird dich versorgen – heißt es schon in der alten Bibel, und Jesus sagte dann in seinem berühmten Gebet: Und vergib uns unsere Schuld.

So leben wir dahin, befreit von dem Zwang, immer alles richtig machen zu müssen; getröstet durch die Nähe Gottes, der gerade an den toten Punkten unseres Lebens sich uns nähert, um uns aufzuhelfen. Nämlich mit der Einladung, das Unvollkommene, das Versagen, das Unheilstiftende unters Kreuz zu stellen, zu schreien und zu klagen, und alles dies verbrennen zu lassen in der ewigen Liebe des Gottes, der ohne Bedingungen für uns eingetreten ist. Noch oft werden wir auf das Kreuz schauen müssen; es bleibt die Wunde der Welt. Und doch dürfen wir unseren Lebensweg aufrecht und getrost gehen, umgeben von der vergebenden Liebe unseres Gottes. Amen.