Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 8,9

Vikar Karsten Dittmann

25.12.2001 in der Stiftskirche Cappel (Ev. Kirchengemeinde Lippstadt)

Liebe Gemeinde,
Ebeneezer Scrooge war ein reicher Mann. Er hatte viel Geld an der Londoner Börse gemacht, und sein Name zählte viel in der Finanzwelt, denn es hieß, er könne Geld förmlich riechen. Und doch war er ein armer Mann.

Ebeneezer Scrooge hat nicht wirklich gelebt. Er ist die Hauptfigur in der Erzählung "Ein Weihnachtslied" von Charles Dickens: die übertriebene Karikatur eines armen reichen Mannes, dem in einer einzigen Weihnachtsnacht etwas sehr merkwürdiges widerfuhr. Etwas, das sein Leben völlig auf den Kopf stellte.
Ich lese Ihnen aus der Geschichte einen Abschnitt vor, in dem erzählt wird, was Scrooge für ein Mensch war.

"Oh, er war ein wahrer Blutsauger, dieser Scrooge! Ein gieriger, zusammenkratzender, festhaltender, geiziger alter Sünder: hart und scharf wie ein Kiesel, aus dem noch kein Stahl einen warmen Funken geschlagen hat, verschlossen und selbstgenügsam und ganz für sich, wie eine Auster. Die Kälte in seinem Herzen machte seine alten Gesichtszüge starr, seine spitze Nase noch spitzer, sein Gesicht runzlig, seinen Gang steif, seine Augen rot, seine dünnen Lippen blau, und sie klang aus seiner krächzenden Stimme heraus. Ein frostiger Reif lag auf seinem Haupt, auf seinen Augenbrauen, auf dem starken struppigen Bart.

Er schleppte seine eigene niedere Temperatur immer mit sich herum: in den Hundstagen kühlte er sein Kontor wie mit Eis, zur Weihnachtszeit machte er es nicht um einen Grad molliger. Äußere Hitze und Kälte wirkten wenig auf Scrooge. Keine Wärme konnte ihn wärmen, keine Kälte frösteln machen. Kein Wind war schneidender als er, kein Schneegestöber erbarmungsloser, kein klatschender Regen einer Bitte weniger zugänglich. Schlechtes Wetter konnte ihm nichts anhaben. Der ärgste Regen, Schnee oder Hagel konnten sich nur in einer Art rühmen, besser zu sein als er: sie gaben oft im Überfluß, und das tat Scrooge nie und nimmer.Niemals kam ihm jemand auf der Straße entgegen, um mit freundlichen Blicken zu ihm zu sagen: "Mein lieber Scrooge, wie geht's, wann werden Sie mich einmal besuchen?" Kein Bettler sprach ihn um eine Kleinigkeit an, kein Kind fragte ihn, wie spät es sei, kein Mann und keine Frau hat ihn je in seinem Leben nach dem Weg gefragt. Selbst der Hund des Blinden schien ihn zu kennen, und wenn er ihn kommen sah, zog er seinen Herrn in einen Torweg und wedelte dann mit dem Schwanz, als wollte er sagen: "Gar kein Auge, blinder Herr, ist besser als ein böses Auge."Doch was kümmerte all das den alten Scrooge? Gerade das gefiel ihm. Allein seinen Weg durch die engen Pfade des Lebens zu wandern, jedem menschlichen Gefühl zu sagen: "Bleibe mir fern"; das war es, was Scrooge gefiel."

Das war es, was Scrooge gefiel? "Humbug", pflegte Scrooge zu sagen, wenn ein Gefühl aufzukeimen drohte. Mildtätigkeit und Barmherzigkeit kannte er nicht. Weihnachten galt ihm als Inbegriff der Verschwendung. "Gibt es denn keine Gefängnisse und keine Armenhäuser mehr?" lautet seine zynische Antwort, als er um eine Spende gebeten wird. Er zahlt doch schließlich Steuern, mehr als ihm recht ist. Soll sich doch der Staat darum kümmern. Weihnachten? Humbug.

Humbug wollte Scrooge auch sagen, als ihm der Geist seines früheren Kampanions Marley erschien. Der war an schwere Ketten angeschmiedet und trug schwer daran. Drei weitere Geister sollten Scrooge in dieser Nacht noch heimsuchen. Eigentlich Humbug, völliger Quatsch - und doch schnürte es Scrooge die Kehle zu: Er brachte kaum einen Laut heraus.

Sein Abendbrot war kärglich und er ging früh zu Bett, um nicht unnötig Geld für Kerzen auszugeben. Denn trotz seines Reichtums lebte Scrooge das Leben eines armen Mannes.

Als die Uhr eins schlug, erschien der erste Geist. Er führte Scrooge zurück an Orte, an denen er in der Vergangenheit Weihnachten erlebte: seine alte Schule, an der er als Waise allein zurückblieb, während die Mitschüler in ihren Familien feierten. Er sah seine erste und wohl auch einzige Liebe wieder, eine junge Frau, die er nicht heiraten wollte, bevor er sich nicht eine finanziell gesicherte Existenz aufgebaut hat. Da er aber immer der Meinung war, noch nicht genug Geld angehäuft zu haben, wurde aus der Hochzeit nichts. Scrooge blieb wieder allein zurück.

Er war erschüttert, sein Leben an sich vorbei ziehen zu sehen und zu erkennen, dass er selbst an seiner bemitleidenswerten Situation schuld war. Doch zum Selbstmitleid blieb ihm kaum Zeit. Die Uhr schlug zwei. Der zweite Geist erschien.

Dieses Mal wurde Scrooge in der Gegenwart herumgeführt. Er konnte beobachten, in welch ärmlichen Verhältnissen sein einziger Angestellter lebte. Er lernte dessen jüngsten Sohn, Tiny Tim, kennen, der schwer krank war. Und Scrooge sah seinen Neffen, der zwar nicht wohlhabend, aber glücklich verheiratet war.

Wie konnte es sein, dass diese Menschen nicht reich waren und trotzdem so fröhlich Weihnachten feiern konnten? Scrooge bekam eine Ahnung davon ... - aber schon schlug die Uhr drei und der dritte Geist erschien. Dieser dritte Geist war eine unheimliche Gestalt. Er sprach nicht, sondern wies gebieterisch mit dem Finger in eine düstere Zukunft. Wieder sah er in das Haus seines Angestellten, aber die fröhliche Weihnachtsstimmung war fort. Tiny Tims Platz am Kamin war verwaist, denn der Junge war gestorben. Noch in ein weiteres Totenhaus wurde er geführt - sein eigenes. Er hörte, wie Menschen über ihn spotteten und sich über seinen Tod freuten. Sollte so alles enden?

Ich erzähle Ihnen diese Geschichte, weil sie als eine Auslegung des heutigen Predigttextes verstanden werden kann. Predigttext ist ein einzelner Vers aus dem 2. Korintherbrief:
"Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet."

Obwohl Jesus der Gesalbte Gottes war, nutzt er dies nicht aus. Er betrachtete es nicht als seinen Raub, Gott gleich zu sein, wie es im Philipperbrief heißt, sondern er ging als Mensch bis zum äußersten. Und er ging diesen Weg, um zu zeigen: So tief kann niemand herabsteigen, dass Gott ihn nicht wieder herauf holen könnte.

Gott wurde Mensch. Er wurde kein Gottmensch, der über allem steht, kein Übermensch, dem Leid, Schmerz und Tod nichts anhaben können. Gott wurde ein einfacher, ein sterblicher Mensch. Das ist der Kern der Weihnachtbotschaft.

Auch die Scrooge-Geschichte ist die Geschichte einer Menschwerdung. Sicherlich: Scrooge war ein menschliches Wesen. Aber wenn wir vom Menschen sprechen, so sprechen wir nicht nur von einem Lebewesen. Mensch ist auch ein moralisches Wort. Und in dieser Hinsicht war Scrooge kein Mensch, sondern ein Unmensch.

Er war so kalt, das andere in seiner Nähe fröstelten. Er war so unbarmherzig, dass selbst ein unbarmherzige Natur sagen konnte: Ich gebe immerhin im Überfluss. Aber Scrooge gab nichts. Kinder und Tiere bekamen es mit der Angst zu tun, wenn er vorüber ging.

Schon an dieser Beschreibung ist zu sehen: Es handelt sich um ein Märchen. Alles ist übertrieben. Alles ist unheimlich. Alles ist reine Phantasie. Aber wie Märchen nun mal sind, haben sie trotz aller Unwirklichkeit oft einen wahren Kern.

Von den Geistern der Weihnacht angeleitet blickt Scrooge auf seine Lebensgeschichte zurück: Wie er der geworden ist, der er ist. Und er blickt nach vorne: Wie sein Leben enden wird, wenn er bleibt wie er ist. Eine gescheiterte Existenz. Aber er sieht auch: In der Gegenwart, in der er lebt, gibt es zahllose Chancen, aus dem selbstgebauten Gefängnis auszubrechen. Die Ketten loszumachen, die er sich selbst geschmiedet hat.

"Zur Freiheit hat uns Christus befreit!", schreibt Paulus an die Galater. Und ich glaube, es war dieses Gefühl der Freiheit, das Scrooge fühlte, als er erwachte. Er fühlte förmlich, wie die selbstgeschmiedeten Ketten von ihm abfielen .Aufgeregt stand er auf, zog sich in seinem Überschwang die Sachen falsch an und sagte dabei: "Ich weiß nicht, was ich tue [...] Ich bin leicht wie eine Feder, selig wie ein Engel, vergnügt wie ein Schulknabe, schwindlig wie ein Trunkener. Fröhliche Weihnachten allen Menschen!"

Das waren völlig neue Töne. Und in der Tat: Scrooge fühlte sich wie Neugeboren. Ein neuer Mensch. So heißt es am Schluss:
"Er wurde ein so guter Freund und ein so guter Mensch, wie nur das gute alte London oder jedes andere liebe alte Städtchen oder Dorf in der lieben alten Welt je einen Freund und Menschen gesehen hat. Einige Leute lachten, als sie ihn so verändert sahen; aber er ließ sie lachen und kümmerte sich wenig darum, denn er war klug genug, zu wissen, daß nichts Gutes in dieser Welt geschehen kann, worüber nicht von vornherein einige Leute lachen müssen: und da er wußte, daß solche Leute doch blind bleiben würden, so dachte er bei sich, es wäre besser, sie legten ihre Gesichter durch Lachen in Falten, als daß sie es auf weniger anziehende Weise täten. Sein eigenes Herz lachte, und damit war er vollauf zufrieden."

Scrooge dankte Gott für die Gnade, die ihm widerfahren war: Und die Menschen sagten von ihm: Wenn einer wüsste, was Weihnachten bedeutet, dann sei es Ebeneezer Scrooge. "Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet." Was nützt euch euer Reichtum, schreibt Paulus im zweiten Korintherbrief, wenn ihr damit nichts Gutes tun könnt. Wenn ihr auf eurem Geld sitzt, und euch von den Gesetzen des Kapitals und des Marktes gefangen nehmen lasst. Der Grund für Paulus Worte ist nämlich, dass er mit der Spendenbereitschaft der Gemeinde in Korinth unzufrieden war. Wenn Paulus die Geschichte von Dickens gekannt hätte, vielleicht hätte er geschrieben: Seht euch Ebeneezer Scrooge an. Bei ihm könnt ihr sehen, was es für euer Leben bedeuten kann, Gottes Gnade erfahren zu haben. Es ist zwar nur ein Märchen, aber eines, dass den Kern der Weihnachtsbotschaft, den Geist der Weihnacht, anschaulich werden lässt.

Ich schließe statt des sonst üblichen Kanzelsegens mit den Worten, mit denen auch das Weihnachtslied von Charles Dickens endet:
"Gott segne jeden von uns."

Amen