Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Korinther 8,9

Pfarrer i.R. Hans Dieter Engelbert

26.12.2001 in der Christuskirche in Bielefeld-Senne

Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.

Liebe Gemeinde,

"Keiner weiß, wie reich du bist" - so heißt es in einem Gedicht von Erich Kästner.
"Keiner weiß, wie reich du bist!
Freilich mein' ich keine Wertpapiere,
keine Villen, Autos und Klaviere
und was sonst sehr teuer ist..."

Gut, es geht also nicht um materielle Güter, die wir ja alle haben, zumal am Weltmaßstab gemessen; dessen sind wir uns ja wohl bewusst.

Aber es schwingt Bedauern mit in dem Satz: "Keiner weiß, wie reich du bist." Denn der Dichter meint eben andere Reichtümer:
"Die Geduld ist solch ein Schatz oder der Humor und auch die Güte, denn im Herzen ist viel Platz und es ist wie eine Wundertüte."

Und wieder wird das Bedauern laut:
"Keiner blickt dir hinter das Gesicht; keiner weiß, wie reich du bist. Und du weißt es manchmal selber nicht."

Zeig doch deine Schätze und gib davon ab! - so meint der Dichter.

Denn: Leider ist eben auch solch innerer Reichtum oft verborgen, keiner merkt ihn uns an, keiner hat was davon; ja ich selbst, der "Besitzer", bin mir dieser Schätze oft nicht bewusst, sie sind wie verschüttet.

Wie hilfreich wäre es für alle Seiten,
wenn wir mit Geduld den Mitmenschen begegnen würden,
wenn wir mit Humor kritische Situationen entschärfen und meistern könnten,
und wenn wir mit Güte auf Nöte anderer eingingen. Es würde auch uns selbst gut tun.

Wie kommen solche Schätze in unser Herz (und wieder heraus)? "Es ist wie eine Wundertüte"! Der innere Reichtum kommt von außen; sagen wir ruhig: "von oben" - er ist ein Wunder, Geschenk, Gnade.

Gnade - das ist auch aus den kurzen Worten des Apostels Paulus herauszuhören: Gnade ist der Inbegriff gütigen Gebens, unverdient empfangen, aber gern gegeben.

Weihnachten will uns wieder daran erinnern, dass wir beschenkt sind. Es soll uns wieder bewusst werden, wie reich wir sind.

Paulus hat zu der christlichen Gemeinde in Korinth offensichtlich großes Vertrauen und stellt ganz zuversichtlich fest: "Ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus". Sind wir Teil dieser wissenden Gemeinde?

Worin die Gnade Jesu Christi besteht, erläutert Paulus mit dem Gedanken des Tausches, des Austausches von Reichtum und Armut: "obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet."

Der Reichtum Jesu besteht darin, dass Jesus im Licht der Liebe Gottes lebt, im Vertrauen auf ihn, unter seinem "Wohlgefallen".

Menschliche Armut hingegen besteht in unserem natürlichen Mangel an solchem Reichtum, bis dahin, dass Menschen sich von Gott verlassen fühlen.

Die Weihnachtsbotschaft nun bringt die Freude, bringt den Frieden, mit Gott und - ach hoffentlich ! - auf Erden, bringt den Menschen sein Wohlgefallen, verkörpert in dem Krippenkind und Heiland.

Er, der Christus Gottes, nimmt dagegen unsere menschliche Armut auf sich, symbolisiert schon durch Krippe und Raummangel der Herberge, fortgeführt dadurch, dass er später keinen Platz hatte, "wo er sein Haupt hinlegen" konnte. Und dazu gehört auch seine Erfahrung, überhört und abgelehnt, verlassen und verstoßen zu werden, so weit, dass sich auch ihm das ewig menschliche "Warum?" auf die Lippen drängte - und er sich doch an Gott klammerte mit dem Psalmgebet:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Haben wir solche Armut wirklich schon ganz abgeben können? Haben wir den göttlichen Reichtum wirklich? Mit dem "Haben" ist das so eine Sache, wenn es als unverbrüchlicher Besitz verstanden wird.

Ist uns das Wohlgefallen Gottes wenigstens deutlich genug geworden, dass daraus "Glaube, Hoffnung und Liebe" erwachsen, die unser Leben tragen, egal, wie es uns mitspielt?

Sind solche Schätze in unser Herz gekommen? Und so, dass wir von ihnen abgeben können, andere etwas spüren lassen? Oder gilt auch hier: "Keiner weiß, wie reich du bist. Und du weißt es manchmal selber nicht!"?

Vielleicht hat das Gedicht diese Schätze nicht direkt im Blick, aber ich meine, auch die dort genannten Schätze hängen oft mit dem Fundus zusammen, den Gott gestiftet hat: wenn nämlich Geduld, Humor und Güte aus solchem Beschenktsein fließen und doch unsere Mitmenschen etwas von diesem inneren Reichtum "mit-bekommen".

Und wie ist es mit dem Abgeben vom äußeren, materiellen Reichtum?

Halten Sie diese Frage bitte nicht für banal, als ob ich jetzt so einen "Brot-für-die-Welt-Schlenker" anhängte, der nicht dahin gehört.

O doch, denn Paulus stellt die Darlegung mit dem Tausch von Armut und Reichtum hinein in seine große Werbung um Spenden für die verarmten Christen in Jerusalem, sozusagen eine erste "Brot für die Welt"-Sammlung oder wenigstens "Brot für Jerusalem"-Sammlung. Er ist dabei ganz nüchtern und realistisch: "Nicht, dass die andern gute Tage haben sollen und ihr Not leidet, sondern dass es zu einem Ausgleich komme." (V. 13) Aber er wirbt doch nachdrücklich, das ganze 8. und auch 9. Kapitel lang!

Und darin steht dann auch das bekannte Wort vom fröhlichen Geber, den Gott lieb hat. (9,7) Dazu noch die kleine Geschichte - sinngemäß - von Peter Bamm aus dem Kalender "Der andere Advent":

Einer fragt den neuen Freund:
- "Wenn du fünf Fernsehgeräte hättest, würdest du mir dann einen abgeben?" - Na klar!
- Wenn du fünf Autos hättest, ... - Aber sicher!
- Wenn du fünf Hemden hättest, ...
Der andere schüttelt den Kopf: nein.
Warum denn nicht, fragt der eine.
Der andere antwortet: Ich habe fünf Hemden.

Ja, es wird schwierig, wenn es mit dem Geben konkret wird; der Teufel steckt "im fünften Hemd".

Würde ich, wenn ich 10 Millionen Mark hätte, eine Million davon abgeben?
Aber sicher!
Würde ich, wenn ich 10 Euro hätte, einen davon abgeben ??
Ich habe 10 Euro !!
Was nun? - Na gut:

Diesen ersten funkelnagelneuen Euro, den ich ausgebe, gebe ich als Zeichen in den Brot für die Welt-Esel da draußen im Vorraum (zusätzlich zur normalen Kollekte!). Und wenn ich richtig hinschaue, sehe ich lauter "fröhliche Geber" vor mir. Und so empfehle ich Ihnen, ebenso zu tun, heute oder an einem der nächsten Sonntage.

1 Euro - ein kleiner symbolischer Dank für den uns zugewandten Reichtum von Weihnachten.

Amen