Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 12,1-14

Pfarrer Dr. Klaus Beckmann

05.04.2007

Liebe Gemeinde,

Noch sind die Israeliten in Ägypten. Noch lastet die Knechtschaft auf den Menschen. Noch ist Freiheit ein bloßer Traum der Hoffnung, nicht die Wirklichkeit. Noch bestimmt die Angst vor dem Pharao und seinen Aufsehern den Alltag.
Und doch ist Bewegung in das Leben des Volkes Israel gekommen. Das Projekt Auszug steht im Raum, es erfüllt Herz und Geist der Menschen. „Gott ist mit uns, wir werden in diesem Sklavenhaus nicht umkommen!“ So lautet das Motto der Tage.
Mitten in diese nervöse Aufbruchsphase hinein, in der so viele Erwartungen, aber auch Ängste die Menschen beherrschen, stiftet Gott das Passafest. Passa ist das Fest des Aufbruchs, das Fest der großen Erwartung der Freiheit.
Ein ungemütliches Fest. Die Speisen sollen nicht von langer Hand vorbereitet sein. Nur Dinge, die schnell herbeizuschaffen sind, dürfen auf den Tisch kommen. Und die Gäste sollen das Festmahl in Kleidung einnehmen, die zum Aufbrechen zum langen Marsch geeignet ist. Weder dunkler Anzug noch bequeme Strickjacke, sondern Mantel und Wanderschuhe!
Ein sonderbares Fest! Darum aber ist Passa das Fest des biblischen Glaubens schlechthin.
Passa ist das Fest der Liebe Gottes, die sich darin beweist, dass sie Menschen in ihrem gebeugten Leben aufsucht, ihr Schicksal teilt, neues Leben beginnt. Dieser Gott ist der Gott des Auszugs aus schlimmen Verhältnissen. Er ist der Gott, vor dem keine Ordnung besteht, sei sie noch so alt und scheinbar ehrwürdig. Er ist der Gott, der sich selbst verschenkt, der sein eigenes Leben einsetzt, damit Menschen als Menschen leben können.
Dieser Gott achtet das Kleine, das Alltägliche. Zum Beispiel das tägliche Brot. Essen ist kostbar. Damit kein Essen umkommt oder jemand mehr vertilgt, als ihm guttut, soll die Zahl der Gäste der Menge des Essens angepasst sein. „Wenn in einem Haus für ein Lamm zu wenige sind, so nehme man die Nachbarn dazu.“ Nicht die Familie oder der Freundeskreis setzt das Maß, sondern die Vorbereitung zum Aufbruch. Das Lamm soll aufgegessen werden. Niemand soll hungrig auf den langen Weg in die Freiheit gehen, auch niemand mit überfülltem Magen. Wer mit mir aufbricht, ist mein Tischgenosse! Da wird nicht gefragt, was einer sonst denn mit mir zu tun hätte, ob ich selbst ihn denn einladen wollte.
Alles steht unter dem Zeichen des eiligen Aufbruchs. Die Freiheit winkt jenseits der Grenze Ägyptens. Wie gefährlich und schwer der Weg werden wird, wissen die Israeliten noch nicht. Die Pessimisten ahnen es vielleicht. Und doch ist es der Weg Gottes.
Alles hat seinen Platz in dieser Einsetzung des Passafestes. Scheinbar nur bestimmt da die Hektik. In Wahrheit ist alles beschlossen in Gottes unendlicher Güte, in seiner Zuwendung zu unserem Menschenschicksal.
Das Lamm, das eilig verspeist werden soll, wird am 14. Tag des Monats Nisan geschlachtet. Dieses Tier ist die Speise des Wegs in die Freiheit. In die Freiheit, die Gott seine ganze eigene Ehre, seinen Namen, seinen vollen Einsatz wert ist.
An einem 14. Nisan wird noch ein Anderer sterben. Nach unserem Kalender ist es wohl der 7. April des Jahres 30 gewesen. An diesem Rüsttag auf das Passafest stirbt einer und schreit: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Ein Schrei der letzten und bösesten Verzweiflung. Da fährt einer zur Hölle, dorthin, wo Gott unendlich fern ist.
Gott ist dort fern. Und dennoch, nein: gerade deshalb ist Gott da! Gerade weil dieser Eine in der Verzweiflung der Hölle, von Gott und allen Menschen verlassen, stirbt, ist die Hölle nicht mehr Hölle. Niemand ist mehr ewig von Gott getrennt, weil Gott in diesem Sterben am Kreuz selbst sein Leben, seine Ehre, seinen heiligen Namen eingesetzt hat. Christi Leib, für mich, für dich, für uns Menschen gegeben! Das überwindet Hölle, Tod und Teufel, das schafft Leben, wo ich am Ende bin.
Um die Stunde, wo im Jerusalemer Tempel die Passalämmer geschlachtet wurden, ist Jesus gestorben. Gott selbst gab sein Leben, gab es hin als Wegzehrung für unseren Weg ins Leben. Darum feiern wir Christen das heilige Abendmahl. Wir haben Teil an der großen Erwartung des Volkes Israel, auch wenn unsere Vorfahren nicht Sklaven waren in Ägypten, wenn uns die Erfahrung von Knechtschaft und Auszug nicht in den Knochen sitzt. Wir gehören mit zu Gottes Volk, das er zum Leben bestimmt hat. Christi Leib, für uns gegeben!
Nehmt so viele dazu, dass das Lamm aufgegessen wird: Die von Gott bestimmte Speise ist beim Abendmahl das Maß der Tischgemeinschaft, nicht unsere Beziehungen. Wir treten nicht als Familien und Freunde, als solche, die sich mögen und sich etwas zu sagen haben, an den Tisch des Herrn, sondern als Geladene der Zukunft Gottes. Alles, was uns verbindet, ist, dass Gott jeden einzelnen von uns zum Glied seines Volkes gemacht hat. Mein Mahlgenosse ist gerade der, mit dem ich mir vielleicht nichts oder nichts mehr zu sagen habe. Ob ich ihn sympathisch finde, seine Lebensgewohnheiten teile oder mit seinen politischen Ansichten übereinstimme, spielt keine Rolle. Nicht unsere Interessen und Ansichten führen uns im Abendmahl zusammen, sondern die Verheißung Gottes. Das unterscheidet die Gemeinde Gottes von allen Vereinen, wo Interesse und Sympathie die Menschen zusammenführt.
Ja, ich werde die Menschen, die mit mir zur Gemeinde Gottes gehören, kennenlernen. Allein schon, weil ja das Allerwesentlichste uns verbindet. Wir haben einen gemeinsamen Glauben, eine gemeinsame Hoffnung, wir Christenmensch rund um diesen Erdball. Gemeinsam glauben und hoffen wir, gemeinsam sollen wir auch etwas tun, damit diese Erde immer mehr ein Ort der Hoffnung und der Menschlichkeit wird. Aber dennoch kommt es zunächst einmal nicht darauf an, dass ich die anderen Glieder im Volk Gottes mag. Ich folge da nicht meiner Sympathie. Denn nicht ich suche mir das Volk Gottes aus, sondern Gott beruft mich in sein Volk. Gott speist mich mit dem, was ich auf dem Weg durch die Zeit, hin zu Seinem Reich, brauche. Nicht die Gruppe gibt die Wegzehrung, sondern das Wort Gottes, seine Zusage: „Ich bin euer Gott!“
So tun wir als Gemeinde des Herrn gut daran, wenn wir die Gottesdienstgemeinde, die sich zu Predigt und Abendmahl versammelt, nicht mit einem Freundeskreis verwechseln. Der, der mir unsympathisch ist, dessen Ansichten und Lebensweise ich nicht teile oder verstehe, hat das gleiche Zugangsrecht zu Wort und Sakrament wie ich. Die Würdigkeit eines Menschen vor Gott entscheidet sich bei Gott alleine. Wäre Gott nicht gnädig, rechnete er uns unsere Taten und Unterlassungen zu, könnte ein einziger Mensch vor ihm bestehen? Niemand könnte bestehen! Deshalb bin ich froh, dass wir in unserer Landeskirche längst die „Kirchenzucht“ abgeschafft haben, dass Pfarrer und Presbyterium gar nicht in Versuchung kommen können, jemanden seines Lebenswandels wegen vom Abendmahl auszuschließen. Derjenige, den manch besonders frommer Amtsträger womöglich ausschließen wollte, würde den Trost jenes Wortes: „Christi Leib, für dich gegeben“ vielleicht zu Herzen nehmen und sich gesagt sein lassen wie niemand sonst. Gut, dass ich niemandes Richter bin!
Der Gottesdienst schließt mit dem Segen. Der stellt jeden einzelnen und die ganze, in die Woche aufbrechende Gemeinde unter die freundlichen Augen Gottes. Wenn einige aus der Gottesdienstgemeinde danach gemütlich beisammen sein wollen - schön und gut, alle sind herzlich eingeladen zum Kirchenkaffee! Aber das ist ihre persönliche Neigung und Entscheidung, die nichts darüber aussagt, wie sie zur Gemeinschaft der Glaubenden zählen. Wer sich in den Gruppen und Kreisen des Gemeindelebens niemals zeigt, kann Gott genauso nahe sein wie die, die zu meiner Freude regelmäßig kommen. Dass Kirche kein Verein ist - und kein Verein werden darf, wenn sie Kirche bleiben will -, beweist sich darin, dass wir das Zusammenkommen im Abendmahl von jedem Stammtisch und jedem Kaffeekränzchen unterscheiden. Im Abendmahl sind wir Beschenkte des großen Gottes, und nichts, was unter uns Menschen geschieht, reicht so weit, dass es am großen Geschenk Gottes eine Einschränkung bewirken könnte. Das Abendmahl geht auf eine äußerst ungemütliche Sache zurück, jenes eilige Essen der Israeliten, als sie die letzte Nacht in Ägypten ausharrten. Auch das letzte Essen Jesu mit den Jüngern war alles andere als ein gemütliches Beisammensein im Gemeindehaus. Wir sind als Christen auf dem Weg - oder unsere Hoffnung ist bloßes Geschwätz, unser Glaube bloß Gewohnheit. Darum werden wir die Ungemütlichkeit dieses Abends und die Aufbruchstimmung dieses Mahles aushalten.
Noch sehen wir Israel in Ägypten. Noch sind wir zuhause in der Welt der Kriege, der Verfolgungen, des so vielfältigen Unrechts. Und wir sind nicht nur Opfer dieses Unrechts, wir haben auch vielfältig Anteil an Fehlentscheidungen, wir teilen so viele Vorurteile, weil wir vieles nicht wirklich überblicken können und trotzdem mitten in dieser Welt unser Leben leben müssen. Noch ist die Sünde, noch ist der Tod das Hauptkennzeichen unserer Gegenwart. Noch verstehen wir einander oft nicht, noch wirkt gerade das gut Gemeinte oft schlimmen Schaden. Pessimisten sehen einen bösen Weg voraus.
Aber: Es wird der Weg Gottes sein. Er wird in ein Land führen, wo Menschen als Menschen leben, wo wir uns ohne Verstellung erkennen und achten, ja uns an unseren Unterschieden erfreuen, wo niemand niedergedrückt wird durch Schuld, wo Krankheit und Tod besiegt sind. Für uns gegeben hat der große Gott sein Leben, sein Fleisch und Blut. Sie sind Zeichen des Lebens, Siegel der Überwindung von Tod und Schuld. Kein gemütliches Beisammensein, aber voll Kraft zum Leben, zum Lieben, zum Hoffen. Das wollen wir nach Gottes Verheißung und Weisung feiern als Fest für den Herrn.

Amen.