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Predigt über 2. Mose 13,20-22

Pastor Peter Fahr

31.12.2005

Abendmahlsandacht zu Sylvester 2005

Abendmahlsandacht zu Sylvester 2005

Ja, ihr Lieben, Weihnacht ist vorbei,
festzuhalten wünscht man sich, was doch so kurz,
wiederkehren muß das täglich Einerlei -
Weihnachtsfreude ist bald wieder schnurz.
Schade ist das, hoffentlich war’s schön bei euch.
Und hier in der Kirche fühlten wir Erlösung,
hier im Stall von Bethlehem, da war‘n wir alle gleich,
gleich geliebt von Gott: für uns‘re Sünden Genesung.
Jetzt sind wir in arm und reich und dick und dünn geschieden,
und es fällt uns schwer zu halten jenen Frieden.
Sicher, der festliche Baum steht noch da,
Stimmung, Zauber, Geschenke sind noch ganz nah.
Doch die Planung des ersten Monats im Jahre,
alles dessen, was anliegt, stürmt uns entgegen.
In der kurzen Spanne zwischen Wiege und Bahre
Rast die Zeit und reißt uns mit auf ihren Wegen.
Weihnachtszauber klingt wohl noch herüber,
aber neue Tage in der Ferne winken,
haltet an, Ihr Lieben, sinnt mal drüber,
wenn wir am Altar aus einem Kelche trinken.

Heute dürfen wir noch mal verweilen,
müssen noch nicht ganz in uns’ren Alltag eilen.
In der Neujahrsnacht, da steht die Zeit ein wenig still,
und wir hoffen, daß aus dieser Rast
uns auch etwas Kraft zuströmen will.
Darum kosten wir sie aus, ganz ohne Hast.
Denn des Jahres letzte Nacht
liegt jetzt vor uns und entfacht ihr Feuer.
Zauberhafte Lichter erscheinen am Himmel,
Buntes Leuchten oben, und unten frohes Gewimmel.
Kinder lieben das Funkeln, den Lärm, und nichts ist zu teuer,
schön ist’s wenn es nur ordentlich zischt und kracht.
Mit dem Feuerzauber wollen wir vertreiben
alles, was uns ängstigt; möge bleiben,
was uns Hoffnung macht und stärkt,
daß der Mensch die Gnade Gottes merkt.
Und ich wünsch euch allen viel Freude,
hoffe, niemand tut euch etwas zu Leide.
Großen und kleinen Kindern ist es ein Vergnügen,
eine ganze Nacht anstatt im Bett zu liegen
um die Häuser ziehen, Leute erschrecken,
Böller werfen, schlafende Hunde wecken.
Ordentlich soll es heulen und knallen und zischen,
Lichter, Krach, Gestank die Sorgen von der Seele wischen.
Wollen hoffen, daß nichts Böses geschieht,
wenn sich Groß und Halbgroß betrinkt,
während man laut durch die Straßen zieht,
dabei dann in Spaß und Vergessen versinkt,
wenn es kracht und stinkt und blitzt,
wenn der Schalk im Nacken sitzt.
Meistens denkt man sich nichts dabei,
wenn man einander mit Knallern bewirft
- ja, ihr wißt, daß ihr das nicht dürft.
Groß ist aber das Wehgeschrei,
wenn was Schlimmes ist gewesen.
Lange braucht’s, bis man genesen.

Liebe Leute, nun aber Schluß mit Moral,
denn des Jahres letzte Nacht ist allzumal
etwas Magisches, Geheimnisvolles,
eh‘ der übliche Trott beginnt,
grad für uns was extra Tolles,
eh‘ die Zeit uns wieder durch die Finger rinnt.
Und ein Miesepeter will ich nicht sein,
bin doch beim Feuerwerk selbst noch ganz klein,
freu mich wie ein Kind an schönen Effekten,
die die Pyrotechniker, die aufgeweckten,
in die kleinen Pappgefäße sperrten.
Kaum entzündet, sausen die ans Licht gezerrten
kleinen chemischen Wunderdinger
unter großem Qualmen und Zischen nach oben,
hoch hinaus, zerplatzen in tausend Strahlenfinger,
und mit offenen Mündern loben
wir mit unseren Seufzern des Menschen Vermögen,
solchen Zauber am Himmel zu entfachen,
staunen über den Lichtersegen -
ja, ihr Lieben, das sind schon Sachen!

Und so flüchtig wie das Leben
sind die leuchtenden Wunderlichter,
ist der Krach, der Qualm - und Gott ist unser Richter,
ob wir im schonungslosen Lauf der Zeit
immer nach dem Richtigen streben.
Kinder - nichts ist hier von Ewigkeit.
Von der ganzen leuchtenden Pracht
bleibt aus der Sylvesternacht
schmutziges Papier und and’re Reste nur,
Plastikdeckel, Raketenstöckchen,
kaum ein vom Schmutz verschontes Eckchen,
hoffentlich kommt bald die Müllabfuhr...
Wenn wir uns in dieser Nacht der Nächte
wünschen, daß die Zeit uns eine Pause gönnt,
daß das Spiel des Lichts am Himmel niemals ende,
und der große Gott, der allgerechte,
seine Herrlichkeit an uns verschwende,
wissen wir, daß gar nichts bleibt und alles weiter rennt.

Singen woll’n wir jenes Lied heut nicht,
doch den Text will ich euch lesen,
über unser flüchtig Wesen,
der uns hält den Spiegel vor’s Gesicht:

Ach wie flüchtig, ach wie nichtig
ist der Menschen Leben!
Wie ein Nebel bald entstehet
und auch wieder bald vergehet,
so ist unser Leben, sehet!
Ach wie nichtig, ach wie flüchtig
sind der Menschen Tage!
Wie ein Strom beginnt zu rinnen
und mit Laufen nicht hält innen,
so fährt unsre Zeit von hinnen.
Ach wie flüchtig, ach wie nichtig
ist der Menschen Freude!
Wie sich wechseln Stund und Zeiten,
Licht und Dunkel, Fried und Streiten,
so sind unsre Fröhlichkeiten...
Ach wie nichtig, ach wie flüchtig
sind der Menschen Sachen!
Alles, alles, was wir sehen,
das muß fallen und vergehen.
Wer Gott fürcht', wird ewig stehen.

Freunde, Freunde, ist das traurig,
dieses Lied ist wirklich schaurig.

Klar, es stimmt, doch will ich davon nichts mehr hören.
Schluß damit, ich will der negativen Stimmung wehren.
Laßt uns heute einmal anderes probieren,
nicht der Menschen Flüchtigkeit studieren.
Viel zu viel hab ich dazu jetzt schon gesagt,
immer nur Melancholie an meiner Seele nagt.
Nein, die Flüchtigkeit von Feuerwerken,
kann - ihr glaubt es nicht - uns auch bestärken,
ist für anderes ein feines Bild,
ist mit Spiel und Glück und Freude
eine echte Augenweide,
ist ein Bild für das, was nicht nur flüchtig,
sondern was für unser ganzes Leben richtig.

Das was wir nicht greifen können,
ist nicht nur ein Bild für Flüchtigkeit,
es entzieht sich unserem Verstande,
kommt vielleicht zu uns aus Gottes Ewigkeit,
ist ein seltsam Phänomen am Rande
dessen, was sich unsern Augen zeigt,
denn nicht alles, was zu hoch für uns’re Sinne
ist deshalb nicht echt. Der Schöpfer neigt
viele Male sich uns zu in Wundern. Eine Spinne
Läuft an langem Faden auf und nieder,
viel zu leicht für uns’re groben Glieder,
webt ein Netz, das zart und fein sich wiegt im Wind.
Blätter, Zweige, Sturmwind haben‘s rasch verschlissen,
unser Finger hat es, ohne es zu merken, leicht zerrissen,
Manches Tierchen drin brutal und echt sein Ende find’t.

Eine Wolke schwebt und zieht durchs Blau,
Kinder träumen gern, sie schweben mit.
Fluggeräte merken ganz genau:
das klappt nicht, der Wolkenritt.
Fliegen einfach durch die Watte,
die sich schon verflüchtigt hatte,
machen glauben, eine Wolke ist ein Gespenst,
nur ein Nichts, das du vom Ansehn kennst,
aber nicht verstehst, weil’s deiner Hand
gar nichts bietet, keinen Widerstand.
Doch die Wolke ist ganz echt, und das
Wasser, was sie trägt, macht dich bei Regen naß.

Gas und Luft, ein Hauch, ein Wehn,
nichts davon ist für das Aug‘ zu sehn,
Doch wie hart des Sturmes Wucht
wissen wir, wenn wir die Flucht
vor dem Wetter rein ins Haus antreten,
manchmal nur noch hoffen können oder beten,
daß die aufgewühlte Luft
nicht zu hart an unser Leben knufft.

Weiter könnt ich vieles euch erzählen,
Elektronen hier als Beispiel wählen,
sehr mich wundern, wie Atome ganz viel leeren Raum
zwischen Kern und Schale haben, doch die Sachen,
die uns in der Welt viel Freude machen,
Holz, Metall und Steine, Menschen, Tiere, Blume, Baum
doch so handfest, greifbar, hart oder weich sind;
und wie schön und herrlich, bunt und reich find‘
ich die Schöpfung, die der große, unermeßliche
Gott und Erfinder alles Lebens, der unvergeßliche
Herrscher des endlosen Alles,
der Galaxien, Materiewolken, Quasare,
schwarzen Löcher und unseres blauen Balles
ausgedacht. Ich weiß, daß ich niemals alles erfahre.
Unbegreiflich und flüchtig, unverständlich und fern
ist uns vieles, auch wenn wir gern
täten, als ob wir alles wüßten,
keinerlei Kenntnis bei uns vermißten.

Vieles, was uns flüchtig scheint,
zeigt uns nicht sein wahres Sein.
Rauscht nur kurz vorbei, und man meint:
das ist ja wohl nichts gewesen.
Das war leider nur ein schöner Schein,
aus dem Sinn gekehrt mit festem Besen.
Doch was kurz und flüchtig war,
ist nicht dieses fremde Ding,
unser Sein mit Haut und Haar
unser Denken, Fühlen, Merken
alles, was wir tun an Werken,
ist’s, was sich im Irrtum verfing,
aber jene zarte Ahnung,
jene rasch vorüberziehende Erscheinung
sei uns eine kräftige Ermahnung,
daß aus andren Welten etwas kommt, um unsre Meinung
ganz und gar zu ändern, zu läutern, zu heilen,
daß wir nicht in die Wüste eilen,
uns mit uns’ren viel zu hohen Gedanken,
unserm Hochmut mit Gott verzanken,
dann uns im Wüstensand der Selbstüberschätzung verzetteln,
aber statt beim liebenden Gott um Gnade zu betteln
stur und unbeirrbar uns weiter verlaufen
und im Wahn nicht einmal verschnaufen.

Täten wir das, was würden wir sehen?
Wolken und Feuer, die vor uns gehen.
Etwas, was wir nicht erwarten,
kommt ganz klein und fein, mit zarten
Fingerzeigen auf den Irrtum hin,
daß wir nicht auf uns vertrauten,
nicht auf uns’re Kräfte bauten,
sondern unsren ganzen Sinn
auf die Liebe Gottes richten,
uns’ren ganz Wahn auslichten,
und anstatt, daß wir uns weiter verlaufen,
sinnend doch einmal verschnaufen.
Täten wir das, was würden wir sehen?
Wolken und Feuer, die vor uns gehen.
Vor uns am Himmel wie Leuchten und Rauchen -
laßt uns Raketen als Gleichnis brauchen.
Laßt uns heute innehalten,
unser Sylvesterfeuerwerk gestalten,
daß wir an die Wüste denken,
uns in Gottes Führung versenken,
Wolkensäule, Feuersäule -
Lichter in des Lebens Eile,
die uns helfen richtig gehn,
daß wir nicht, eh wir’s uns versehn,
grad im Dschungel größter Flausen
hurtig in den Abgrund sausen.
Wolkensäule, Feuersäule
sieht man eine kleine Weile,
freut sich an Gottes Fingerzeig,
daß, was wir zu bieten haben,
nicht grad ewige Güter sind,
weder für Frau oder Mann oder Kind,
wohl aber Gottes Himmelsgaben,
machen uns tatsächlich reich,
reich an Güte, reich an Liebe,
daß wir einander nicht durch Hiebe,
sondern durch Gemeinsinn erfreuen
und langsam das Antlitz der Welt erneuen.

Stundenlang könnt‘ ich weiterdichten,
eure Geduld zu Grunde richten.
Schluß jetzt, wir rufen - Herren und Damen -
Gott zu loben das Schlußwort...

Amen.