Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 20,1-17

Pastor Martin Beinhauer

07.10.2007 in Neuhof-Flieden

Zwei Hunde

Liebe Gemeinde,

im Tierheim Alsfeld leben zwei Hunde. Beide sind sie Mischlinge und - wie man sagt, Kinder der Liebe. In beiden ist ein wenig Schäferhund, ein bischen Labrador und der eine hat etwas Pudel mitbekommen, der andere etwas Dackel. Der eine Hund lebt im Zwinger. Auf seiner Beschreibung, die im Internet einzusehen ist, steht: „... nur zu hundeerfahrenen Haltern. Mag keine Kinder und jagt auch gerne Katzen, Radfahrer und Autos. Andere Hunde werden von ihm gebissen. Dieser Hund braucht eine konsequente Hand. ...“ Wenn ich an seinem Zwinger vorbeigehe, legt er die Ohren an, zieht die Lefzen hoch, macht sich zum Sprung bereit und knurrt.
Auf der Beschreibung des anderen Hundes steht: „ ... unkomplizierter Traumhund. Verträgt sich gut mit anderen Hunden, Katzen und auch mit Kindern. Er bellt wenig und kann die Grundbefehle. Er ist zutraulich und kommt zu jedem, der ihn ruft. ...“
Einer von beiden Hunden wird wahrscheinlich sein Leben lang im Zwinger bleiben. Einer wird vielleicht eine Familie finden, oder jemanden, der ihn aus dem Tierheim holt. Einer von beiden wird die Freiheit genießen und auf Wiesen spielen können - vielleicht sogar ohne Leine. Er wird auf Kinder aufpassen und von vielen Händen gestreichelt werden. Einer wird immer an der Leine gehen. Er wird immer unterschiedliche Personen haben, die mit ihm Gassi gehen und meist wird er in seinem Zwinger allein sein. Und er wird sich fragen, warum ihm das Leben so übel mitspielt.

Warum ist das so? Weil einer der Hunde gelernt hat, Regeln zu akzeptieren und einer nicht. Der eine hört, wenn man ihn ruft und der andere tut, was ihm gefällt. Einer der beiden neigt zur Gewalt, so dass man sich und andere vor ihm schützen muss, der andere beißt nicht zurück. Ein Hund kennt keine Grenzen und keine Regeln, ein anderer beachtet sie. Darum gibt man einem Hund wenig Freiheiten und dem anderen viel.
Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil in unserer Kultur uns kein Tier so ähnlich ist, wie ein Hund. Durch unsere Menschheitsgeschichte begleiten uns Hunde schon seit Anbeginn. Sie treiben die Tiere zusammen und helfen bei der Jagd. Hunde eignen sich besonders, für diese Predigt, weil sie - wie wir Menschen - nicht ohne Regeln und Grenzen auskommen.

Grenzen - so wie sie die 10 Gebote sind - schränken uns zwar ein, doch ermöglichen sie eine große Freiheit. Sie schränken ein, weil man nicht das tun soll, wonach einem gerade ist. Ich soll nichts Unwahres sagen, auch wenn ich einen Vorteil davon hätte. Ich soll nicht stehlen, auch wenn ich etwas gerne hätte und es mir nicht leisten kann. Die Regeln schränken nur im ersten Moment ein - in Wirklichkeit geben sie Freiheit.
Stellen sie sich vor, Gott hätte uns erlaubt, das, was uns gefällt, anderen fortzunehmen. Ganz schnell würde jeder verstecken und vergraben, was er hat. Niemand würde mehr sich etwas bauen, oder einen Acker bestellen, weil ja andere ihm den Ertrag ohnehin fortnehmen. Man kann natürlich auch zurücknehmen, was man gern hätte. Ganz schnell würde eine Rangelei und darauf eine handfeste Prügelei im Gang sein.
Das Gebot, „du sollst nicht stehlen“ schafft uns Freiheit: Die Freiheit zu Eigentum. Sie ermöglicht es uns zu sparen, Häuser zu bauen, zu tauschen und Handel zu treiben. Etwas anzubauen und zu wissen, dass es uns und unseren Familien zugute kommt. Und das Gebot ermöglicht es, auch von seinem Gut anderen abzugeben.
Mit den anderen Geboten läuft es ebenso. Jedes Gebot schafft uns eine Freiheit, die unser Zusammenleben trägt.
Ohne Regeln funktioniert unser Leben nicht. Angst und Selbstsucht führen dazu, dass Menschen wie wilde Tiere übereinander herfallen, wenn sie sich keine eigenen Regeln geben. Wir würden tun, was uns in den Sinn kommt - ebenso wie jener Hund, der sich mit anderen Hunden immer beißen muss. Ohne Regeln wären wir wie jener Hund, der tut, was ihm gefällt, und der selbst Herr sein will. Wir würden nicht merken, wie unser Zusammenleben dadurch zerstört wird. Oder würden Sie ihre Kinder mit so einem Tier allein lassen?
Unser Schicksal ohne Regeln wäre dasselbe wie das jenes Hundes: zu unserem Schutz - aber besonders zum Schutz aller anderen - lebt er sein Leben im Zwinger. Wir wären ohne die Gebote so gefangen, wie dieses Tier. Wie schön, wenn wir uns an Gebote halten und uns und anderen dadurch Freiheit schenken. Freiheit zur Familie, zum Eigentum, zum Vertrauen und der Zufriedenheit.

Doch was ist nun mit dem armen Hund, der die Regeln ständig bricht? Den man einsperrt, weil man sonst nicht mit ihm umgehen kann. Der bei jedem Besucher die Zähne fletscht, weil er in jedem Besucher einen Fremden sieht. Der sich auf niemanden einlässt, weil er weiss, dass man ihm wieder das Herz brechen kann. Was ist nun mit dem Hund, der immer aggressiver wird? Auch er ist ein Kind der Liebe wie der andere.
Gibt es einen Menschen, der sich von ihm anbellen läßt? Der ihm konsequent Regeln gibt und in Kauf nimmt, dass der Hund sie immer wieder brechen wird? Wird ein Mensch die Geduld haben, ihn immer wieder auf den richtigen Weg zu bringen? Was wird der Mensch tun, wenn der Hund wieder einmal gebissen hat? Vielleicht in die eigene Hand, oder in die Hand von einem Familienangehörigen. Wird ein Mensch das Herz eines solchen Hundes erobern? So dass der Hund wieder gerne kommt, wenn man ihn ruft?
Manchmal gibt es einen Menschen im Tierheim, der so etwas schafft. Manchmal gelingt es, aus solchen wütenden, und ängstlichen Kreaturen wieder einigermaßen normale Hunde zu machen. Mit viel Geduld, Konsequenz und mit viel Hingebung. Manchmal gibt es einen Menschen, der das Herz eines solchen Tieres wieder gewinnen kann.

Es ist Gottes Ziel, unser Herz zu gewinnen. Zu unserem eigenen besten kommt er zu uns mit Geduld, Konsequenz und Hingebung. In Christus lässt er sich anschreien und verletzen. Er nimmt in Kauf, dass seine Regeln wieder und wieder gebrochen werden. Und wieder und wieder will er uns zurück auf den richtigen Weg bringen. Jesus kommt, um unser Herz zu erobern. So dass wir ihm gerne folgen, wenn er ruft.

Wie das Leben miteinander braucht es auch Regeln für das Zusammenleben mit Gott.

Gott ist eifersüchtig und will allein Gott sein. Er zeigt sich damit gleich als erstes als verletzlicher Gott, den es trifft, wenn wir andere Götter suchen, und diese auch noch anbeten. Niemand vermag das Herz eines Lebewesens zu gewinnen, wenn er nicht das eigene ebenso dran hängt.
Wir denken häufig, dass die Menschen damals nur Holz und Stein angebetet hätten. Das ist nicht richtig, denn die Leute damals waren nicht dümmer als wir es sind. Hinter den Figuren nahm man Gottes Gegenwart wahr.
Auch heute gibt es die Götter aus Holz und Stein: Wenn ich beispielsweise in ein asiatisches Restaurant gehe, finde ich manchmal kleine Häuschen, in denen Figuren sitzen. Vor ihnen sind Räucherstäbchen aufgebaut und manchmal steht ein Schälchen Reis dort. Man erklärte mir, dass diese Häuschen für die Geister des Ortes seien. Als Gegensleistung für den Boden, den man ihnen weggenommen hat, stellt man ihnen ein neues kleines Häuschen zur Verfügung. Natürlich weiss jeder, dass das nur ein kleines Häuschen aus Gips oder Holz ist. Trotzdem wäre so ein Haus genau so ein Bild für eine Gottheit, wie es im zweiten Gebot beschrieben wird. Es würde Gott verletzen, wenn wir diese Geister versuchten mit kleinen Gaben gnädig zu stimmen. Denn dann gingen wir davon aus, dass die Ortsgeister an diesem Ort gegenwärtig sind.
Nicht immer sind solche anderen Götter vergleichsweise harmlos. Gott weiss auch von der Gefahr, die von anderen Göttern ausgehen. Er versucht uns mit dem ersten Gebot vor den Gefahren zu bewahren, die von anderen Göttern ausgehen. Wir sind ihm wichtig, gerade nachdem er viel Zeit mit uns verbracht hat. So wie ein Hundehalter weiss, dass nicht jeder, der einem Hund Fleisch anbietet, es auch gut meint. So weiss auch Gott, dass nicht alle Götter, die uns begegnen, gut für uns sind.
Damals meinte man Gott sei in den Bildern gegenwärtig und kann mitgenommen werden. Gott will das nicht. Nicht das Bild soll angebetet werden, sondern Gott will angebetet sein. Nicht nur an dem Ort, wo die Statur steht, sondern man soll ihn an jedem Ort verehren.

Gott gab seinem Volk die 10 Gebote mit auf den Weg. Als Regeln für das Zusammenleben. Wir alle haben sie im Konfirmandenunterricht auswendig gelernt, als Regeln für unser Leben. Regeln, die uns zunächst einschränken, doch die uns dafür umso größere Freiheit schenken.
Es sind Regeln, die angetrieben sind, von Gottes gutem Willen mit uns. Von Gott, der die Freiheit für uns will. Er kommt zu uns, um uns für diese Freiheit zu gewinnen. Doch vielmehr kommt er, um unsere Herzen zu gewinnen. Die Herzen der Menschen, die Regeln kennen und sich danach halten. Die gut mit anderen zusammenleben können, weil sie Gutes geben und somit auch Gutes erfahren. Gott will aber auch die Herzen derer gewinnen, die in sich verschlossen sind, niemanden mehr trauen. Gott sucht die, die zur Gewalt neigen und denen niemand mehr vertraut. Er sucht die, damit sie neu zu sich finden und herauskommen aus den Mauern, die sie um sich selbst und andere um sie gebaut haben.

Amen.