Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über 2. Mose 20,2

Pfarrer Klaus Baschang

19.08.2001 in der Stadtkirche, Karlsruhe

Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt habe.

Liebe Gemeinde,

wer einen Menschen gut verstehen will, muss sich seiner Seele nähern. Die äußere Erscheinung offenbart noch nicht, was einen Menschen im Innersten umtreibt und bewegt und wie er sich selbst versteht.

Genau so ist es bei den 10 Geboten. Wer die 10 Gebote verstehen will, ihren Sinn und ihre Kraft erfassen, ihre Tragweite und ihr Gewicht, muss die Seele der 10 Gebote aufspüren, muss sich durch den Wortlaut hindurch dem Gott nähern, der hinter den 10 Geboten steht.

Das ist gar nicht so schwer. Denn der Gott der 10 Gebote stellt sich selbst vor und definiert sich für uns, damit wir über ihn zuverlässig Bescheid wissen: "Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe." Das ist mehr als eine Visitenkarte. Das ist die Selbstfestlegung Gottes, mit der wir ihn in Anspruch nehmen können. Dieser erste Satz der 10 Gebote ist wie die Präambel einer Verfassung. Die Präambel zeigt an, was die vielen einzelnen Verfassungssätze im Grunde wollen und worauf das ganze Verfassungswerk hinaus läuft. Die Präambel bestimmt darum, wie die Verfassung auszulegen ist. So auch bei den 10 Geboten. Die Selbstvorstellung Gottes ist die Präambel. Wer diese Präambel übersieht, wird den Sinn der 10 Gebote kaum verstehen und ihre Kraft kaum richtig schätzen können.

"Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe." Der Gott der 10 Gebote ist der Gott der Freiheit. Das haben wir am letzten Sonntag schon bei der Wüstenwanderung gesehen. Aber was wir vor einer Woche nur staunend sehen konnten und vielleicht auch mit etwas Misstrauen gegenüber unseren Augen, das hören wir heute aus Gottes eigenem Mund mit großer Gewissheit: "Ich bin der Gott, der der Menschheit Freiheit schenkt und Freiheit zumutet. Beides: Freiheit schenkt und Freiheit zumutet. Man kann den tiefen Sinn der 10 Gebote, man kann ihre ganze innere Dynamik, man kann überhaupt den Gott der Bibel und den ganzen christlichen Glauben nur verstehen, wenn man durch den äußeren Wortlaut der 10 Gebote hindurch in ihre Seele vordringt und diesen guten Willen Gottes für unsere Weit wahrnimmt.

Kirche und Theologie haben sich mit der Freiheit oft sehr schwer getan. Das wissen wir alle. Es gab in der Christentumsgeschichte tragische Missverständnisse, quälende Konflikte, mörderische Verfehlungen. Die Beispiele sind bekannt. Wir wollen sie nicht klein reden. Wir sollten uns aber auch nicht selbstquälerisch an ihnen negativ ergötzen und uns zu lange bei ihnen aufhalten, sonst verlieren wir die Kraft zu Änderungen und zu Besserungen. Wir sollten uns statt dessen auch die Beispiele für die Gegenbewegungen gegen den Freiheitsverrat vor Augen halten, die vielen Beispiele dafür, wie sich im Laufe der Christentumsgeschichte der freiheitliche Geist der Bibel immer wieder selbst durchgesetzt hat und zwar oft genug auch gegen die Kirche selbst. Wer einen Beweis für die Wahrheit und die Kraft der Bibel sucht, der sollte wahr nehmen und ernst nehmen, wie sich die Bibel selbst aus den menschlichen Gefängnissen befreit und die Kirche immer wieder zu dem Gott der Freiheit zurückführt, wenn sie ihn verlässt.

"Mit Mose glauben lernen." Das heißt also heute: mit Mose den Spuren von Gottes Freiheitswillen nachgehen. Das Geschenk der Freiheit wahr nehmen und den Zumutungen der Freiheit standhalten. Wer einmal am Sinai war, weiß, wie beschwerlich dieses Gebirge ist, so beschwerlich wie die Sache mit der Freiheit, herausfordernde Zumutung und beglückendes Geschenk in einem. Der erste Versuch Gottes mit den 10 Geboten war ja dann auch gleich ein Misserfolg. Das goldene Kalb hat die Leute mehr interessiert als Gottes Botschaft, die Mose vom Berg mitbringen sollte. Aber Gott bleibt sich treu. Die Freiheit wird nicht aufgehoben, auch wenn die Menschen die Freiheit gegen Gott wenden.

Die 10 Gebote sind das große Gottesgeschenk auf dem Weg in die Freiheit. Es ist kein Zufall, dass der Sinai der Ort der 10 Gebote ist. Hier konnte sich das Volk noch einmal entscheiden. Zurück nach Ägypten, Unfreiheit gewiss, Vergangenheit - aber da weiß man wenigstens, was man hat. Oder: Weiter nach vorne, in die Freiheit, in die Zukunft, in ein ungewisses Land, in dem man sich nur an die Verheißung Gottes halten kann. Der Weg in die Freiheit ist allemal ein gefährdeter Weg. Er führt unabdingbar durch die Wüste. Auf diesem Weg sind die 10 Gebote das große Gottesgeschenk. Wir brauchen sie, damit wir die Zumutungen der Freiheit bestehen können.

Man kann die 10 Gebote mit Engeln vergleichen, die unseren Weg in die Freiheit begleiten. Sie behüten uns mit helfenden und segnenden Händen. Sie sagen etwa: Lasst Gottes Namen nicht ungebraucht, betet, dazu habt ihr Gottes Namen. Dazu hat er gesagt "Ich bin der Herr, dein Gott", damit ihr zu ihm sagen könnt: "Danke du, Gott, mit dir kann ich alles bereden und das macht mich immer wieder frei". Ein Stoßgebet, vielleicht im Auto oder auf dem Fahrrad, ein Vaterunser einmal am Tag, auch wenn das nach Routine klingt. Hört jedenfalls nicht auf, betend mit dem Ursprung eurer Freiheit in Verbindung zu bleiben. Oder ein anderer Engel: Haltet Abstand von euch selbst und von euren Alltagsgeschäften. Ein Tag in der Woche Tag des Herrn, Tag der Freiheit. Verliert Gott nicht aus dem Gedächtnis. Denn eure Freiheit wird wertlos, wenn sie in euren Geschäften untergeht. Beim Feiertag geht es nicht um Vergangenes, sondern um eure Zukunft und darum auch um die Zukunft eurer Geschäfte. So reden die Engel. Beim Gebot für die Eltern und für die Kinder und beim Gebot für die Eheleute reden sie so: Entdeckt im anderen Menschen den Menschen, der euch menschlich macht. Eure Würde besteht darin, die Würde eurer allernächsten Mitmenschen zu achten und ihr zur Entfaltung zu verhelfen. Es ist ja so leicht, global und universal von der Menschenwürde zu reden. Praktiziert und respektiert Menschenwürde im Nahbereich eurer Familien. Dann werdet Ihr selbst würdevolle Menschen. Und noch eine Engelsstimme auf dem Weg der Freiheit: Werdet nicht maßlos im Begehren, im Durchsetzen vermeintlicher Rechte, im Umgang mit der Wahrheit, im Umgang mit Leben und Gütern anderer Menschen. Werdet nicht maßlos. Freiheit ohne Maß ist unmenschlich. Man weiß dann nämlich nicht mehr, was gilt und worauf man sich verlassen kann.

So säumen die 10 Gebote wie Engel den Weg in die Freiheit, damit wir den Weg nicht verfehlen, den uns Gott zugedacht hat. Seine Engel wirken eigentlich weltweit. Das haben Engel so an sich. Sie überschreiten die Grenzen der Völker, der Rassen und der Religionen. Sie brauchen keine Pässe und Visen, um irgendwo eingelassen zu werden. Sie kommen mit ihrem guten Rat zu allen Menschen, zu den religiösen und zu den unreligiösen. Die 10 Gebote sind für alle Menschen gut. Aber Gottes Engel werden oft nicht genau erkannt. Auch das gehört zu ihrem Schicksal. Oft werden sie nur vage geahnt, sehr oft auch missverstanden, weil man hinter ihnen den Gott nicht sieht, der sie auf den Weg schickt. Wer von dem besonderen Gott der 10 Gebote nichts wissen will, also von dem biblischen Gott, von dem Vater unseres Herrn Jesu Christi - dem helfen auch die 10 Gebote selbst nicht viel weiter. Wer gar Gott und seine Gebote veralbert, dem verweigern die Engel ihren Dienst. Der muss dann selber sehen, wie er einen Weg durch die Wüste der Freiheit findet.

Nun werden mich viele inzwischen ungeduldig fragen: Welche Freiheit ist denn da überhaupt gemeint? Die innere Freiheit des Gewissens und des Geistes? Deutscher Idealismus: "Der Mensch ist frei, und wär' er in Ketten geboren." Oder die äußere politische und soziale Freiheit? Handfest und greifbar: Brüder, zur Sonne, zur Freiheit. Wenn wir Mose fragen würden, um auch darin von ihm für unseren Glauben zu lernen, dann würde er sagen: Ich verstehe eure Frage gar nicht. Die ist so typisch neuzeitlich. Die innere Freiheit ist doch nur echt, wenn sie auch nach aussen wirkt und zwar nicht in der Selbstverwirklichung der Freien, sondern in der Zuwendung zu anderen Menschen, damit diese einen Hauch und Geschmack von dieser inneren Freiheit verspüren. Und die äußere Freiheit bleibt doch nur einigermaßen stabil, wenn sie tief innerlich im Gewissen verankert ist und sich nicht durch Egoismen selbst gefährdet. Die 10 Gebote sind von dem Idealisten Fichte und dem Materialisten Marx gleich weit entfernt. Bei Jesus wird es in der Bergpredigt unüberhörbar deutlich: Es geht um das Herz und um die Hand.

Wir brauchen die Engelsstimmen der 10 Gebote, weil die Freiheit - immerhin das große Gottesgeschenk! - eine gefährliche Freundin ist. Sie kann sich von ihrem Ursprung in Gott lösen. Das kennen wir aus der europäischen Freiheitsgeschichte. Sie flüstert uns zur Zeit ins Ohr, dass die Freiheit des Forschens nicht begrenzt werden darf und weckt die Illusion eines Lebens ohne Leiden und Tod und zwar auch und bewusst auf Kosten von menschlichem Leben, das sich gegen solche Verzweckung nicht wehren kann. Mit süßer Stimme verteidigt sie üble Beleidigungen Gottes als Ausdruck von Kultur und Kunst und merkt gar nicht, wie sie damit ihre eigenen Grundlagen zerstört. In hohen Tönen bezirzt sie uns mit der Idee, dass Tabus schädlich seien und zerrt Zeugung und Sexualität, Geburt und Sterben ohne Hüllen und ohne Scham auf die Bildschirme. Information wird versprochen, Manipulation findet statt. Aktuelles Beispiel: Deutsche Medien wetteifern mit Berichten über die Missionstätigkeit der inhaftierten Helfer in Afghanistan mit dem Unterton, dass Mission eben eh schädlich sei. Fakt ist: Die Helfer haben überhaupt nicht missioniert, nur einige haben in ihrem privaten Gepäck eine Bibel für ihren persönlichen Gebrauch dabei, so wie sie auch ihre Zahnbürste privat gebrauchen. Information? Dekadenz wird zur Delikatesse selbsternannter Intellektueller, Amüsement zum Lebensprinzip, Ehebruch zum Gesellschaftsspiel, mit der Mitteilung auf Plakatsäulen "Ich bin eine Geliebte" - zu ergänzen: eines verheirateten Mannes -, die Öffentlichkeit ergötzt sich daran und Medien machen Kasse. Die Freiheit ist eine gefährliche Freundin. Sie kann jedes Maß verlieren. Dann ist die Freiheit der Trennung von Eheleuten wichtiger als das Recht der Kinder auf ihre beiden Eltern. Dann dürfen Frauen im Großmutteralter Kinder bekommen, ohne dass gefragt wird, was das für diese Kinder eines Tages bedeutet, wenn sie älter werden. Dann werden Kinder in Labors gezüchtet, ohne zu bedenken, welche Folgen das hat, wenn sie später nach ihrer persönlichen Identität fragen. Dann werden menschenverachtende Experimente im rechtsfreien Raum internationaler Gewässer geplant, als ob rechtsfreie Räume auf hoher See auch moralfreie Räume wären. Und dann wird auch noch von der Deregulierung der Werte auf dem Weg in die neue biologische Zukunft dahin philosophiert und gar nicht bedacht, dass in dieser Zukunft vielleicht auch die Lehrstühle für Philosophie abgeschafft werden könnten.

Wenn die Freiheit maßlos wird, dann ist sie nicht mehr die Dienerin Gottes, sondern seine Nebenbuhlerin. Der Platz der Engel wird von den Dämonen besetzt, wenn die Menschen auf die Stimme der Engel nicht mehr hören. Kultureller Niedergang ist kein Naturereignis, gegen das man sich nicht wehren kann. Ich weiß nicht, ob wir auf dem Weg in den kulturellen Niedergang sind, weil wir zu wenig auf Gottes Engel hören und uns zu sehr von der Freundin Freiheit verführen lassen. Aber das weiß ich gewiss: Wer im Bedenken unserer gegenwärtigen Freiheitsprobleme nicht in ein tiefes Nachdenken kommt, der hat schon aufgehört, überhaupt zu denken.

"Mit Mose glauben lernen", heißt also, dem Gott der Freiheit begegnen. Das Geschenk der Freiheit empfangen und den Zumutungen der Freiheit stand halten und dabei die 10 Gebote als Helfer in Anspruch nehmen. Das große Gottesgeschenk der Freiheit auf dem Weg in unsere Zukunft bedarf aufmerksamer Pflege. Wir dürfen nicht innerhalb nur einer Generation die Freiheit für alle nachfolgenden Generationen verbrauchen. Darum stellt uns Gott die Engel der 10 Gebote an unsere Seite. "Von guten Mächten wunderbar geborgen." Ihr alle seid viel mehr behütet und geborgen, als ihr wissen könnt. Der bittere Kelch des Leidens geht zwar an vielen Menschen nicht vorüber, aber er bleibt bei keinem auf Dauer. Gott nimmt ihn zu seiner Zeit wieder in seine Hände zurück, die er um unseretwillen hat durchbohren lassen. Vertraut darauf. Auch in der Wüste seid ihr geborgen, auch auf dem Weg in ungewisse Zukünfte nicht allein. Mit Gott zusammen seid ihr frei und stark. Traut Euch, denn Euch traut Gott. Sonst hätte er sich Euch doch nicht vorgestellt.

Wie ernst es Gott mit der Freiheit für uns meint und mit der Verbindung zu ihm, sieht man an dem Berg, der im Neuen Testament dem Berg Sinai gegenüber steht. Ich meine den Berg Golgatha. Auf ihm steht das Kreuz. Es steht auf dem Berg, damit alle Welt sieht: So tief beugt sich der Gott der 10 Gebote zu uns herab, dass er in unser Leiden eintritt und uns aus dem Tod heraus führt und zwar dann in eine Freiheit, die auf ewig ungefährdet sein wird.

Amen


 


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