Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über 2. Mose 21,2-6

Pfarrer Dr. Klaus Beckmann

21.05.2006 in Kaiserslautern

Hochschulgottesdienst

Hochschulgottesdienst

Die Zumutung der Freiheit 

I. 

Ein archaisch-fremder Text ist das, liebe Gemeinde, so recht geeignet, ein ohnehin festgefügtes Negativbild vom Alten Testament weiter zu fixieren. Körperliche Gewalt, Verstümmelung gar von Gesetzes wegen - das verträgt sich nicht mit aufgeklärtem Bewusstsein, nicht mit modernen Idealen von Würde und Freiheit der Person, nicht mit den Grenzen, die wir der Religion setzen.
Unser Bewusstsein vom Alten Testament malt einen grausamen, herrsch- und rachsüchtigen Gott, der die Menschengeschichte zum Spielfeld seiner Willkür macht und sich die Menschen nach Belieben unterwirft. Wer als Mensch diesem Gott verpflichtet sei, könne gar nicht anders, als zum Unmenschen zu werden, zum besinnungslosen Befehlsausführer oder zum blinden Rächer - dass es „alttestamentarisch“ zugehe, wissen wir sofort, wenn irgendwo aufstörend Grausames geschehen ist, egal, auf welchem religiösen oder weltanschaulichen Hintergrund die handelnden Personen denn tatsächlich handelten.
Aufklärung ist etwas, das zu suchen sich lohnt, Aufgeklärt-Sein ein wünschenswerter Zustand: Freiheit von weltanschaulicher Bevormundung. Indes liegt es im Wesen der Aufklärung, dass sie niemals stehen bleiben kann, erreichte Schritte immer wieder überprüft, dass sie auch ihre eigenen Errungenschaften und Positionen immer neu dem Prozess der Aufklärung übergibt. Freiheitsgewinn, der nicht in ständiger Auseinandersetzung erneuert wird, verstaubt, versteinert zu Ideologie. Wo Aufklärung sich nicht selbst aufklärt, verdirbt sie zu einem Zustand, der Zustände im schlimmsten Wortsinn aus sich heraussetzt.
Treten wir also in den Dienst der Aufklärung und versuchen wir, uns selbst aufzuklären im Angesicht jenes so abständigen, so abstoßenden Textes.  

II. 

Was ist ein hebräischer Sklave?
Der klassischen Antike, Griechen und Römern, war klar, wer Sklave ist: Ein Unterworfener aus einem fremden Volk, ein Mensch minderer Herkunft vom eigenen Volk. Für Platon oder Aristoteles steht außer Frage, dass bestimmte Menschen zur Freiheit geboren sind, zum Herrschen, andere aber zum Beherrschtwerden und Dienen.
Gerecht in diesem Sinne ist eine Ordnung, die das Oben oben hält und das Unten unten. Die viel und vielfach irrtümlich zitierte ausgleichende Gerechtigkeit bedeutet da, dass einer von unten, der zu weit nach oben stieg im Trubel des Lebens, auf das ihm gemäße Kleinmaß zurück gestutzt wird. Nichts schiene dem klassischen Griechen ungerechter, als wenn jeder die Chance hätte, frei zu sein und oben. Nun, daran stören sich nur wenige, die im Glanz aufgeklärter Besitzstände daran gehen, das Alte Testament moralisch zu bewerten.
Für das Alte Testament ist niemand unten geboren, für immer zum Dienen bestimmt. Die biblische Rede von Gott kreist ja um die Befreiung eines Sklavenvolkes, um die Zerstörung einer Ordnung von oben und unten. „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus dem Sklavenhaus Ägyptens in die Freiheit geführt habe.“ Diese Selbstvorstellung schickt der biblische Gott seinen Geboten voraus. Und das ist den Geboten Buchstabe für Buchstabe anzumerken. Nicht mit der Härte des Sklaventreibers werde im Gottesvolk geherrscht, denn Ägyptenland liegt ein für allemal hinter ihm. Gottesfurcht verpflichtet zur Geschwisterlichkeit.
Freiheit, die die Bibel meint, ist nicht die Freiheit des unbezwingbaren Helden, dessen, der über jede Niederlage himmelweit erhaben wäre. Biblische Freiheit ist zugesprochene Freiheit, gilt dem, der in Ägypten das aufrechte Gehen verlernt hat, weil er sich aus dem letzten Rest Hoffnung heraus mit der Pharaonenordnung einließ. Dass die Hoffnung zuletzt stirbt - das lässt Menschen, die keine Chance mehr haben, manches Lügenspiel mitspielen.
Der biblische Freiheitsruf redet jenen Menschen an, der seine Grenzen und Abgründe nur zu gut kennt. Sklave zu sein, kompromittiert. Überall gibt es Obere und Untere, auch noch tief im Dreck. In der Bibel findet sich kein strahlender Held, kein Siegertyp, nur ein Schwarm schräger Vögel.
Dass Sklaven keine Gebote brauchen, weil sie ihr Tun und Lassen nicht verantworten, ist biblisch keine theoretische Weisheit, sondern tiefe Erfahrung. Freie aber brauchen Regeln, damit ihre Freiheiten sich nicht gegenseitig zunichte machen. Und, das ist bahnbrechend in der menschheitlichen Rechtsgeschichte, Gottes schützende Autorität gilt im Alten Testament auch Menschen aus fremden Völkern: Israels Gesetz schützt den Fremdling, trägt der Vergangenheit eigener Fremdlingschaft Rechnung. „Die Fremdlinge sollst du nicht bedrücken, denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen.“ So gilt der Sabbat, der den Menschen von der Arbeitsmaschine unterscheidet, menschliche Lebenszeit zweckfrei adelt, unterschiedslos dem Fremdling, dem, der nicht mit aus Ägypten hinauszog. Auch er sei keine Maschine: Biblische Freiheitsenergie strahlt von Beginn an über Israels Grenze hinaus.
Ein hebräischer Sklave ist kein unten Geborener, sondern schlicht jemand, der Schulden abarbeitet, jemand, der sich auf Rechnung des Nächsten übernahm. Meine niemand, das sei nicht aktuell.
Das biblische Recht ist so klug, dass es dem Bankrotten nicht noch zusätzlich den moralischen Bankrott eines betrügerischen Bankrotts zumutet. Mensch bleibt Mensch, auch im Misserfolg. Darum wird dem Schuldendienst eine Grenze gezogen und der Schuldnersklave nach sechs Jahren freigelassen, einfach so, weil Gott es will. Einmal soll es gut sein, offene Schulden und Rechtsansprüche hin oder her. Einmal muss wieder gelebt werden können mit erhobenem Haupt. Nach sechs Arbeitstagen der Sabbat, nach sechs Knechtsjahren das siebte, das Erlassjahr, in dem ein Menschenschicksal frei wird von seinem Scheitern.  

III. 

Nun zu der Sache mit dem Ohr: Was hat es biblisch mit dem Ohr auf sich?
Der griechische Mensch ist ein sehender. Er besieht die Ordnung der Welt und freut sich ihrer Maße.
Der biblische Mensch kennt die Welt zu gut, um sich an ihrer Ordnung zu freuen. Er erinnert sich des Geschmacks von Staub.
Ist griechisch das Hauptorgan des Menschen das Auge - so biblisch das Ohr.
Der Ruf der Freiheit wird gehört. Er kann in dieser Welt nur gehört werden, weil die Bestimmung des Menschen, ja der ganzen Schöpfung zur Freiheit eben nicht der Weltordnung abzuschauen ist. Das in die Freiheit rufende Wort spricht gegen den Augenschein.
Biblisch ist Freiheit das Thema Gottes. Immer ist die Frage menschlicher Freiheit die Gottesfrage. Wenn’s um die Freiheit der Menschen geht, ist dieser Gott allerdings eifernd, eifersüchtig geradezu. Da pocht er aufs Gehörtwerden. Darum: Bringt den vor Gott, der da spricht: Ich will nicht frei werden!
Wer das Risiko der Freiheit scheut, die Sicherheiten der Knechtschaft dem Wagnis eigener Verantwortung vorzieht, verrät sein Ohr. Mit dem Ohr höre ich den Ruf der Freiheit.
Gott eifert um sein Wegerecht in meinem Gehörgang. Nicht mein Wort in Gottes Ohr - vielmehr sein Wort in meinem Ohr: Das treibt ihn um, wenn er auf die Menschen schaut. „Dir ist gesagt, Mensch, was gut ist“. Gesagt ist: „Ich habe dich in die Freiheit geführt.“
Bin ich aber ein in die Freiheit Geführter, dann gibt es für mich kein ängstliches Abwägen zwischen dem Risiko eigener Verantwortung und dem relativen Komfort der Sklaverei. Die Jammerrede: „Ich habe die Verhältnisse der Unfreiheit doch so liebgewonnen, und was soll nur aus mir werden, wenn ich eigene Schritte gehe“, berührt mein Befreit-Sein ganz empfindlich. Mein Befreiten-Status hat verpflichtenden Charakter: Wo sich Gott meine Freiheit etwas hat kosten lassen, da soll sie mir etwas wert sein.
„Ich habe meinen Herrn lieb, ich will nicht frei werden“: Das verleugnet den einen Herrn, den, der selbst nichts sein möchte als Quelle der Freiheit. Wer den kennt, findet in der Welt keinen Herrn, dem zuliebe er seine Freiheit aufgäbe. Im Gottesvolk gibt es weder Herr noch Knecht. Israels Recht verhält sich subversiv gegen Menschenhierarchie - und Israel bezahlt dafür bis heute.
Nebenbei: Selbst die derzeit so hochheilig gehaltene Familie schafft keine legitime Ausflucht. Alle Bindungen, die aus der Knechtschaft herrühren, sind zu kappen. Freiheit geht vor Beziehungsschutz. Anscheinend sieht Gott den Menschen, dessen Freiheit er hütet, nicht im Maßstab von Heirats- und Geburtenstatistik.  

IV. 

Ist dieses Stück aus der Bibel, das man gleich hinter den Zehn Geboten findet, nun wirklich so abständig, kann es uns wirklich nur Abscheu, bestenfalls Kopfschütteln entlocken? Verbirgt sich hinter Empörung und Unverständnis womöglich ein ganz ungemütliches, weil ganz gegenwärtiges Angesprochensein?
Ich wage zu behaupten, dass in unseren Zeiten über Freiheit geringschätziger geredet wurde - und das unter tosendem Beifall sehr vieler, auch christlicher Münder und Hände.
„Du bist nichts, dein Volk ist alles“ - das sagt das Alte Testament jedenfalls nicht. Zum Volk Gottes gehört einer nur dann, wenn er seine eigene Verantwortung für sein eigenes Leben wahrzunehmen weiß - vor Gott und den Menschen: „Du bist jemand: Glied des von Gott befreiten Volkes!“
So unzeitgeistgemäß die Erinnerung sein mag: Kadavergehorsam ging vor gar nicht langer Zeit einher mit dem Ruf, sich doch frei zu machen von der Judentyrannei. „Judentyrannei“ aber hieß im Letzten: Ein eigenes Gewissen haben, sich selbst verantworten. Dass der Führer der Kadavergehorsamen das Gewissen eine jüdische Erfindung nannte, damit immerhin lag er richtig.
Wir, so fürchte ich, sind des Ohres müde geworden, schauen lieber auf bunte Inszenierungen, hätscheln Gewissheiten und bewundern die Schönheit unserer Weltbilder, statt den Ruf der Freiheit zu vernehmen. Der Ruf der Freiheit hat etwas Ungemütliches, er befragt Ordnung auf Menschlichkeit und lässt manches unschön aussehen. Wer solcher Ungemütlichkeit nachgibt, wird an Beliebtheit einbüßen, wird garstig dastehen neben dem Angepassten. Er wird zu hören bekommen - direkt, mehr noch hinten herum -, er störe Frieden und Eintracht, vergifte Gesprächskulturen, beschädige liebe Gewissheiten. Denn es gibt die, die ein Interesse haben, dass nicht gefragt, nicht die andere Seite gehört wird; es gibt sie in der Politik wie in der Wirtschaft - und, o ja, auch bei Kirchens. Vielleicht gehöre ich ja dazu, dann und wann. Vielfältig hat Freiheit ihren sozialen Preis.
Wohl wahr, es wäre verlockend, etwas weniger frei zu sein, um des lieben, falschen Friedens willen: Vorauseilende Zustimmung zum Vorurteil statt Wettbewerb der Argumente. Ein bisschen Sklave sein, was tut’s, wenn man sich dafür Harmonie erkauft?! Der biblische Freiheitsruf ist hart und fordernd - und ein bisschen Sklave gibt es nicht, wie es Humanität und Wohlfahrt auch nicht umsonst gibt. 

V. 

Nein, niemandem möge das Ohr durchbohrt werden, nur weil er sagt, es sei an dem, was politisch im Argen liegt, ja doch nichts zu ändern. Aber ihn fragen, was er selbst denn versucht habe im Kleinen und Konkreten, das darf man schon.
Niemandem möge das Ohr durchbohrt werden, der behauptet, die Politiker seien sowieso alle gleich und auch gleich korrupt, da lohne es gar nicht, zur Wahl zu gehen. Aber ihn fragen, weshalb er sich mit seinen Tugenden nicht selbst zur Wahl stellt, das darf man schon.
Niemandem möge das Ohr durchbohrt werden, der sich einrichtet zwischen Schubladen - die terroristischen Muslime hier, die dümmlich-militanten Amerikaner da, die machtbesessenen Israelis dort drüben, oben eiskalte Manager, unten Schmarotzer in der sozialen Hängematte. Aber fragen darf man schon, wie viel Anstrengung des eigenen Kopfes und Bereitschaft, sich vom Papagei anders als nur farblich zu unterscheiden, denn hinter so manchem Urteil steckt.
Niemandem werde das Ohr durchbohrt, der aus lauter Aufgeklärtheit die Menschenrechte, wie die westliche Aufklärung sie erstritten hat, zur europäisch-nordamerikanischen Folklore erklärt, einen Pluralismus der Gesellschaftskonzepte hochhält und es als unhistorisch, ja kulturimperialistisch abtut, weltweit für menschenrechtliche Standards zu kämpfen. Aber fragen darf man schon, ob jemand im Ernst meinen kann, es habe etwa die Araberin ihrer kulturellen Prägung wegen Freude daran, sexuell unterdrückt und religiös gegängelt zu werden.
Niemandem werde das Ohr durchbohrt, der unser Land verloren gibt, weil es an Kindern mangelt und die bösen Wirtschaftskonzerne ihren Gewinn mehren durch Arbeitsplatzvernichtung. Aber fragen darf man schon, was denn jeder mit seinem Grips und seinem Fleiß dazu tut, dass unser Land seine Lebensqualität ehrlich erschwingt und dass von unserem Land Anstoß zur Gerechtigkeit ausgeht.  

VI. 

In der Satzung des biblischen Gottesvolkes steht der an jeden Einzelnen gerichtete Anspruch, die eigene Freiheit zu achten und zu nutzen. Das ist ein harter Brocken, denn billiger wäre es allemal, mit der Parole „Führer befiehl, wir folgen“ durch die Welt zu gehen. Wenn die Welt dann nämlich nicht einmal mehr oberflächlich schön ist, nachdem man hindurchging, ist man’s selbst ja nicht gewesen. „Wir haben nichts gewusst, wir haben das nicht gewollt“ - diese Ausrede funktioniert biblisch nicht! „Du hast gehört, dass du aus der Sklaverei herausgeführt bist.“ Und, wie beim Propheten Micha steht: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist.“
Wer es vorzieht, geführt zu werden, statt verantwortlich den eigenen Kopf zu benutzen, der klage hinterher nicht, er sei geführt worden, wohin er doch lieber nicht gekommen wäre. Die verbreitete Phrase, wenn es Gott gebe, müsse er doch alles Unrecht in der Welt von heute auf morgen beseitigen, ist allzu billig, solange ich meinen Teil verweigere, um die Welt wenigstens in kleinen Schritten menschlicher, ein wenig gerechter zu machen. Als kostenlose Ausrede gibt der biblische Gott sich nicht her. Es genügt, dass er in die Freiheit geführt hat.
Ja, ich kann in Ordnungen des Todes heimisch werden, dort Nestwärme spüren und den Luxus der verantwortlichen eigenen Meinung darüber entbehren. Ich kann sagen: Ich habe diese Verhältnisse lieb gewonnen, ich will nicht frei werden, denn draußen weht ein rauer Wind. Ich kann die Ordnung, das Geld, das Vorurteil, die Faulheit meinen Herrn sein lassen - und ich bilde mir besser nicht ein, ich sei in jeder Hinsicht der Habgier, des Vorurteils, der Faulheit ledig. Die Ordnungen des Todes haben ihre anziehenden Seiten. Das haben die Israeliten in der Wüste erfahren, als sie zu den Fleischtöpfen Ägyptens heimkehren wollten. Das erfahre ich, wenn ich einkaufe und nicht frage, welche Rolle in der Ernährungssituation unserer Menschheit mein billig produziertes Fleisch spielt, beispielsweise. Mir ist es bequem, bei der Herde zu bleiben, nicht nachzudenken, wo Nachdenken zum Handeln zwingt, nicht in Frage zu stellen, was man eben so meint, mitzuschwätzen wie alle schwätzen.
Ich kann mich dort einrichten. Aber mein Ohr habe ich, in doppelter Ausfertigung sogar. Und damit höre ich den Ruf der Freiheit: „Du bist befreit, damit du deine Verantwortung wahrnimmst, damit du genau dein Leben lebst und deine Spuren auf dieser Erde hinterlässt.“
Eine Zumutung, allerdings. Ich kann mich dieser Zumutung erwehren, indem ich den Rufer zur Freiheit einen Tyrannen schimpfe, ihn moralisch vor die Tür weise, indem ich sage, das alles sei doch uralt und längst nicht mehr gültig. Aber mein Ohr habe ich doch. Mit ihm höre ich den Ruf der Freiheit. Bequemer, scheint mir, ist das Menschenleben nicht zu haben.

Amen.


 


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