Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über 2. Mose 3

Predigerin Bärbel Boy

14.07.2002 in der Baptistengemeinde Kiel-Pries

Ich habe mir Großes vorgenommen: Ich will über die Führungspersönlichkeit Mose reden, über Führungsstil und Vision, über all das, was wegweisend für unser Verständnis von Führung bzw. Leitung sein kann. Darüber wie Gott aus Mose einen Führer gemacht hat und wie Gottes Rolle in dieser Geschichte eines Leiters mit Gottes Volk war. Das wäre eine Predigt geworden, die hätte heute Abend noch kein Ende gefunden. Also wird eine Predigtreihe daraus.

Und wo fangen wir an? Wie bei den meisten Karrieren mit einer Bewerbung.

Ich habe beruflich viel mit der Auswahl von Bewerbern zu tun und auch mit der Schulung von Mitarbeitern, ihrer Vorbereitung auf neue Aufgaben. An Bewerbungen habe ich deshalb schon viel gesehen, von der super gestalteten Kreativbewerbung bis hin zu einem knitterigen Zettel Altpapier fehlerhaft beschrieben und offensichtlich aus dem Gefängnis abgeschickt.

Ich stelle mir vor, wie Moses Bewerbung geklungen hätte, wenn er sich bei Gott beworben hätte.
Vielleicht so?

Sehr geehrter Gott Jakobs,
die von Ihnen ausgeschriebene Stelle als Führer und Befreier Ihres Volkes interessiert mich leider nicht. Sie haben zwar recht damit, dass auch mir das Elend meiner Brüder aufgefallen ist, aber Sie wissen sicher auch, spätestens, wenn Sie meinen Lebenslauf gelesen haben, dass ich hier schon einmal einen Versuch gestartet habe und deshalb jetzt im Untergrund lebe. Von weiteren Projekten in dieser Art möchte ich lieber absehen.

Ich bin weder ein guter Redner, noch bin ich ein gewinnender Typ, auf den ersten Blick errege ich eher Asympathien. Ich bin sehr aufbrausend und reagiere spontan ohne jegliches vorheriges Nachdenken. Planvolles Handeln und maßvoller Umgang mit Untergebenen liegt mir nicht. Noch dazu bin ich eigentlich ein Ziehsohn der Pharaonentochter. Also auch von der Herkunft her völlig ungeeignet. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte das Projekt nicht verhindern, nur bin ich nicht der richtige Mann für diese Aufgabe. Es stehen sicher viele andere geeignetere Männer zur Verfügung.

Deshalb bewerbe ich mich hiermit lieber um eine Stelle als Hirtenjunge in der Nachhut Ihres Volkes. Ich möchte gerne mit ausziehen aus diesem Land und mit dabei sein. Als Hirte habe ich zwar noch keine lange Berufserfahrung, aber ich bin dabei recht engagiert und kann sicher noch einiges dazulernen. In der Nachhut falle ich am wenigsten auf, das sind sowieso die Schwächeren und weniger Angesehenen. Als Jüngster von drei Geschwistern bin ich auch von meiner Persönlichkeit her ein typischer Vertreter der Nachhut. Da können Sie mich gut unterbringen und da diene ich Ihnen gerne.

Meinen Lebenslauf und Zeugnisse meiner früheren Tätigkeit habe ich beigelegt. Ein persönliches Gespräch ist eigentlich nicht notwendig. Dafür müssen Sie sich nicht extra hierher bemühen. Eine Ab- oder Zusage per Post wäre allerdings schön.

Mit freundlichen Grüßen

Mose

Lebenslauf:
Name: Mose
Geburtsdatum und -ort: geboren zur Zeit der Sohnestötungen in Ägypten als Israelit
leibliche Eltern: aus dem Hause Levis
Pflegemutter: Tochter des Pharaos
Geschwister: eine leibliche Schwester, ein leiblicher Bruder, beide älter
Kindheit:
als Säugling ausgesetzt von der eigenen Mutter, aufgefunden von der Pflegemutter
Kindheit bei einer israelitischen Amme (vermutlich meine eigene Mutter)
Familienstand: verheiratet, mindestens 2 Söhne, Ehegattin aus dem Stamm der Midianiter Ausbildung und Pupertät im Haus des Pharaos
Ausbildungsinhalte: ägyptisch, Brauchtum und Riten der Ägypter, militärischer Unterricht, Selbstverteidigung, Organisationslehre, ägyptisches Recht
Berufserfahrung:
Praktikum als Aufseher hebräischer Arbeiter
Hirtentätigkeit für einen midianitischen Priester seit drei Jahren, ungekündigt
zusätzliche Kenntnisse: hebräisch, rudimentäre Kenntnisse der israelitischen Religion
derzeitiger Aufenthaltsort:
im Gebiet der Midianiter bei deren Priester Jitro
Besonderheiten: von der ägyptischen Justiz wegen Mordes an einem Ägypter gesucht, deshalb ohne Aussicht auf Rückkehr

Na, hättet Ihr den noch als Hirten in der Nachhut genommen? Naja, zumindest ist er ehrlich und außerdem bescheiden. Und wenn er sich auf eine leitende Stellung beworben hätte, dieser unerfahrene Choleriker ohne Verhandlungsgeschick und ohne Führungserfahrung, dann hätten wir ihm wohl sofort eine Absage geschickt. Völlig ungeeignet und dann noch ein Mörder. Das einzige, was für ihn spricht, ist sein kurz aufgeflammtes Solidaritätsgefühl mit den Israeliten. Aber das könnte auch verletzte Eitelkeit sein, dass ein Aufseher in seiner Gegenwart - immerhin ist er ja Ziehsohn der Pharaonentochter - ein Mitglied seines Stammes schlägt. Seine gute Verbindung zu den Ägyptern hat er damit zerstört. Als Verhandler ist er also nichts mehr wert. Braucht höchstens noch einen Bodyguard. Und als Führer bleibt er komplett ungeeignet. Lediglich seine Selbsterkenntnis können wir ihm zugute halten.
Können wir das?
ich lese Euch das Bewerbungsgespräch mal vor. ...
Hört Ihr uns dort sprechen mit unserer Furcht vor den großen Aufgaben in der Gemeinde?
Und erlebt Ihr Gott, der ganz anders handelt, als wir das für angemessen halten:
Fangen wir an mit der Begegnung: Mose ist bei der Arbeit, er zieht mit seiner Herde höher den Berg hinauf, weil da das Gras noch höher steht. Dort, mitten im Alltag überrascht Gott Mose mit einem Zeichen, dem brennenden Dornbusch.
Mose hat Gott nicht gesucht. Er hat nicht nach Arbeit gefragt. Nicht nach Hilfe. Und Gott geht auf ihn zu und macht auf sich aufmerksam. Mose outet sich gleich als Langsammerker. Er vermutet nicht Gott hinter dem brennenden Busch, sondern interessiert sich mehr für den technischen Hintergrund des Tricks: ich will mal sehen, warum der Busch nicht verbrennt. Denkt er sich.
Gott ruft ihn bei seinem Namen, das heißt, er kennt Mose, er weiß über dessen völlige Disqualifikation Bescheid. Und dann stellt er sich vor, als der Gott der Väter.

Es ist wichtig, dass sich unser Glaube an früheren Gotteserfahrungen festmacht, besonders wenn im gegenwärtigen Augenblick Gott nur nebelhaft zu erkennen oder gar nicht zu sehen ist. Gott reiht sich ein in unsere Geschichte. Er macht unsere Geschichte mit. Damit wir ihn begreifen, macht er sich begreifbar in Geschichte und Geschichten.
Er erklärt Mose, wie er sich an diesem Ort verhalten soll. Und dann beauftragt er ihn zu einem völlig unmöglichen Projekt: dem Auszug aus Ägypten. Und sein wesentliches Argument ist: ich werde ja mit Dir sein. Das laßt Euch mal auf der Zunge zergehen. Ich werde ja mit Dir sein, das ist alles, was Gott als Befähigung notwendig erscheint. Gott beurteilt Befähigung offensichtlich anders als wir. Er fragt nicht nach Erfahrung oder innerer Größe. Er ist selbst die Größe, die wir brauchen.
Mose hält nicht dagegen, er fragt nur danach, wie er seine Legitimation vor den Israeliten unter Beweis stellen soll. Er fragt nach dem Namen Gottes. Er muss ja beweisen können, dass er tatsächlich von Gott beauftragt ist. Gott nennt seinen Namen und das ist weit mehr als die Vorstellung zu Anfang des Gesprächs, er gibt einen Rufnamen an, nicht nur eine Bezeichnung, die sich auf die Geschichte des Gottes in der Vergangenheit bezieht. Auf die einschneidende Veränderung, die diese Namensnennung für das Volk Israel ausmacht. kommen wir noch. Hier beginnt auf jeden Fall eine neue Qualität der Beziehung Gottes zu seinem Volk. Gott macht sich verfügbarer.
Aber die Namensnennung reicht nicht aus, um Mose genug Glaubwürdigkeit mit auf den Weg zu geben. Zunächst erläutert Gott Mose seinen Plan, er sagt ihm genau, was er tun soll, wie alles sein wird. Und dann fragt Mose nochmal, wie er sich gegenüber den Israeliten als der Beauftragte Gottes ausweisen soll.
Verständlich. Wir würden ja auch nicht glauben, wenn so einer daherkäme, ein Mörder, einer, der lange unserer Religion und der Gemeinschaft fern gewesen ist. Verheiratet mit einer Buddistin beispielsweise. Würden wir ihm glauben. Wir glauben uns ja oft schon untereinander nicht, auch wenn wir uns Jahre kennen. Und trauen uns auch oft genug gegenseitig nichts zu. Kritisieren. Und denken, unter uns ist keiner, der geeignet ist.

Fragt Ihr Euch manchmal, wenn hier Laien vorne stehe, was, der oder die will uns Gottes Wort verkünden? Was bilden die sich eigentlich ein?
Fragt Ihr Euch bei manchem, was hier gesagt wird, ob es wirklich Gottes Wort ist? Welches Zeichen hat Euch überzeugt?
Mit welchen Zeichen haben Euch andere überzeugt, denen Ihr gefolgt seid? Welche Zeichen habt Ihr erwartet und nicht gesehen bei denen, denen Ihr nicht gefolgt seid?
Wie geht es Euch, wenn Ihr Aufgaben übernehmen sollt oder wollt?
Fürchtet Ihr Euch, Euch zu engagieren? Habt Ihr Angst, nach der Legitimation gefragt zu werden? Mit welchem Recht stellst Du Dich da vorne hin, machst Du Kinderarbeit, Frauenkreis, Bibellehre? Mose hatte um Beweise gebeten, mit denen er sich quasi als Gottes Beauftragter ausweisen konnte. Wunder, Zaubertricks, Kleinigkeiten im Vergleich zu dem großen Vorhaben, zu dem Mose die Isrealiten überreden wollte: das rote Meer zu durchqueren, vor dem Pharao zu fliehen...
harmloser Stock und Schlange, gesunde Hand, kranke Hand, Wasser, Blut.
Zeichen, die Moses Vollmacht über Gutes und Böses zeigen sollten, eine Macht, die niemals seinem eigenen Vermögen entstammen konnte, sondern nur Gott-gegeben sein konnte.
Was für Zeichen erwarten wir, dass einer alles richtig macht? So wie wir es uns vorstellen. Aber erkennen wir daran Gottes Beauftragung, einen von Gott berufenen Menschen? Oder an dem, was er bewegt. Unsere Kriterien sind auf jeden Fall nicht die richtigen. Das ist uns sicher bei der Bewerbung von Mose klar geworden. Und hätte ich Jesaja genommen oder Petrus oder Paulus, überall das gleiche Bild: in unserer Gemeinde hätten wir denen nicht gleich einen leitenden Posten angeboten. Zu zwielichtig, zu wenig treu, zu aufbrausend...

Wir müssen bereit werden, als einzige wirklich notwendige Befähigung Gottes Begleitung und Beauftragung zu sehen.
Besonders wenn es um uns selbst geht.
Schauen wir uns das Gespräch zuende an: Mose kennt den Plan Gottes, Gott hat ihn eingeweiht, er kann Gott beim Namen nennen, und er hat von Gott die Macht erhalten, sich auszuweisen mit drei Zeichen. Und die große Zusage bekommen, ich, der Gott deiner Väter, den Du jetzt beim Namen rufen kannst, ich bin mit Dir.
Und trotzdem wendet er nochmal ein, dass er nicht der richtige Mann ist. Er zweifelt so lange an sich, windet sich und versucht, die Aufgabe einem anderen zukommen zulassen, bis Gott zornig wird. Wieso vertraust Du mir nicht? Scheint Gott zu fragen. Ich habe für alles vorgesorgt. Und noch während Du hier dumm rum redest, ist schon der Helfer unterwegs zu Dir, den ich Dir an die Seite stelle. Was Du nicht kannst, dafür werde ich dir Menschen an die Seite stellen und Du wirst für Sie die Verbindung zu mir sein.

Gott ruft. Gott macht Führer für seine Gemeinde!
Gott beurteilt die Befähigung. Und er befähigt.
Gott ist mit uns.
Gott gibt uns Helfer an die Seite.
Lassen wir uns rufen?

Was passiert, wenn wir uns von Gott rufen lassen:
1. Gott offenbart sich (Namensnennung)
2. die Qualität der Gottesbeziehung verändert sich.
So ist das bei Mose, was könnte bei uns dabei herauskommen?

Überdenken wir nochmal unser Urteil, wenn Menschen in dieser Gemeinde mitarbeiten. Bedenken wir unsere Kriterien. Was müssen Mitarbeiter bei uns für Kriterien erfüllen? Messen wir Sie einfach zuallererst an Mose, dem Mörder.

Überdenken wir doch nochmal den Text in unserer Bewerbung. Vielleicht sind wir ja doch für die ausgeschriebene Stelle geeignet. Gott ist schließlich mit uns.

Amen.


 


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