Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 3,1-14

Dr. Christoph Burba

15.01.2005 in der Evangelischen Kirchengemeinde Hörstel

Liebe Gemeinde!

Das ist der Predigttext für den letzten Sonntag nach Epiphanias. Predigten haben einen biblischen Text auszulegen und gerade so über Gott und die Welt zu reden. Und dieser Predigttext redet über Gott und die Welt. Die Predigt hat also nichts weiter zu tun, als den biblischen Text reden zu lassen. Lassen wir also den Text reden. Er gibt Antwort auf zwei Fragen, Fragen, die uns gerade in diesen Tagen und Wochen mit neuer Dringlichkeit umtreiben - beschäftigen, weil das mit dem Tsunamie in Südostasien passiert ist: Dies also sind die beiden oder besser vier Fragen: Wo und wie ist Gott in der Welt, und: Wo und wie ist Gott nicht in der Welt?

Die Antwort, die unser Text gibt, ist eine ganz einfache: Gott ist in einem Dornbusch. Das ist die Antwort auf die Frage, wo Gott ist. Und wie ist Gott in diesem Dornbusch? Gott gibt sich durch Licht und Wort zu erkennen als der, der er ist. Er ist der "Ich bin da". Er ist da und gibt Freiheit. Freiheit in der Knechtschaft. Weite in der Enge. Licht im Dunkeln. So einfach und so überwältigend ist das mit Gott in der Welt. So hat es Mose erlebt. So haben es die Kinder Israel erlebt. Und wie und wo erleben wir Gott in der Welt?

Bevor wir eine Antwort auf diese Frage versuchen, lassen wir uns klar darüber werden, was es mit dem Dornbusch auf sich hat. Einem Busch mitten in der Natur. Was da war und sich mitnichten veränderte, das war der Busch. Gewachsen gerade an dieser Stelle, weil die natürlichen Begebenheiten es erlaubten, dass hier ein Busch wachsen konnte. Deshalb ist er da. So wie er ist, so wie er geworden ist. Ein Busch wie viele andere seiner Kollegen. Und doch war, als die Augen des Mose auf ihn fielen, an ihm etwas dran. Da war mehr als der Busch. Mose war es, als wäre der Busch in Flammen. Aber war er das wirklich? Er brannte doch gar nicht! Jedenfalls verbrannte er nicht! Seltsam. Und dann war es Mose auch noch, als würde da jemand mit ihm sprechen. War es der Busch, war es die Flammengestalt, war es gar Gott? Für Mose fand im Angesicht dieses Busches eine Gottesbegegnung statt. Der Dornbusch wurde ihm mehr als nur ein Busch. Der Busch sah aus wie ein Busch, der Busch war auch ein Busch, und doch war da mehr. Dieses "Mehr" ist es, das Moses' Aufmerksamkeit erregt hat. Dieses "Mehr" entpuppt sich für Mose als Gottes Gegenwart in der Welt. Mose sieht ein Stück Natur, aber er sieht und hört mehr. Dieses "Mehr" bedeutet für Mose und die Seinen Freiheit, bedeutet einen Weg heraus aus der Beklemmung, bedeutet mitten in der mulmig anmutenden Zukunft die Gewissheit: Gott ist da, da wo du bist, wo immer du auch bist, in welcher Situation du auch bist. Gottes Nähe bedeutet für dich die Freiheit, Begleitung auf dem Weg heraus aus der beklemmenden Situation hinein in das weite Land der Freiheit. Und so, wie der Dornbusch Dornbusch bleibt, so bleibt die Welt, wie sie dir begegnet, die Welt wie sie ist. Aber da ist ein "Mehr". Das kannst du wahrnehmen. Sehen mit den Augen des Glaubens. Hören mit den Ohren des Vertrauens. Dieses "Mehr" ist überall, denn Gott ist der Schöpfer von allem: von dir, von der Umgebung, in der du dich bewegst, von allem, was dir begegnet. Aber, und nun kommt das wichtige Aber: Gott ist das alles nicht! Gott ist mehr als alles, was geschaffen ist! Seien es Dinge oder Ereignisse, die uns fröhlich machen, oder seien es Ereignisse oder Dinge, die uns in die Enge treiben, die uns Angst machen und Not. Die Dinge sind wie sie sind, doch der Glaube sieht mehr: wie Mose mehr wahrgenommen hat als allein den Dornbusch.

Ihr sagt: "Das mit dem "Mehr", das ist nicht vorstellbar. Bei Mose mag das ja noch angegangen sein, das war ein Mann Gottes. Aber heute und mit uns? Das kann doch gar nicht sein!" Fangen wir eine Stufe tiefer an. Wie ist das mit einer Rose, die ein liebender Mensch seiner Geliebten schenkt? Ist nicht für die Geliebte, in dem Moment, in dem sie die Rose empfängt, diese Rose mehr als eine Rose? Die Rose ist dieselbe wie sie es war, als sie noch im Geschäft gestanden hat. Aber die Augen der Liebe sehen und spüren mehr als das, was da herangewachsen ist, seinen Weg in das Blumengeschäft gefunden hat und über den liebenden Mensch seinen Weg zu dem geliebten Menschen. Die Liebe ist das "Mehr", das sich mit dieser Rose verbunden hat. Und so ein "Mehr", das kennt Ihr doch alle? Oder?

Die Augen des Glaubens nehmen die Welt wahr wie sie ist. Ohne Wenn und Aber. Sie suchen nicht Gott und Welt miteinander zu vermischen und fragen: Wieso hat Gott das mit dem Tsunamie gemacht oder zugelassen. Die Welt ist Welt und funktioniert nach ihren mehr oder weniger zu durchschauenden und zu handhabenden Gesetzen. Doch Gott ist Gott und nicht Welt. Aber er ist der "Ich bin da". Das hat er Mose gesagt, das hat er Mose zugesagt, das sagt Gott, behaupte ich, allen Menschen, also auch uns zu. Und welche Bedeutung hat diese Zusage Gottes für uns?

Wenn du dir Sorgen um deine Kinder machst: Sie sind wie sie sind, aber Gott ist bei ihnen. Es umgibt sie ein "Mehr", das dir und ihnen Freiheit bringt.

Wenn du dir Sorgen machst, weil du dich einer Operation unterziehen musst: Du bist wie du bist, und die Ärzte sind auch wie sie sind, aber alle umgibt ein "Mehr", niemand ist allein, du nicht, und auch die Ärzte nicht, die, so möchten wir annehmen, ihr Handwerk verstehen. Die Operation ist wie sie ist, und du siehst die Freiheit, die vor dir liegt.

Wenn du älter wirst, immer älter und die Gebrechen kommen, dann ist das alles so wie es ist. Aber da ist "Mehr", zu spüren im Glauben. Einer ist da, der dich hält und trägt. Er umgibt und durchdringt dich wie das Feuer den Dornbusch, und du vergehst nicht. Im Gegenteil: Licht und Leben sind dir in Aussicht gestellt.

Ja, so ist das mit Gott und der Welt, mit Gott in der Welt. Der Tsunamie war der Tsunamie und weder hat Gott ihn geschickt, damit Menschen darin umkommen, noch war Gott an der Reihe, ihn zu verhindern. Niemand braucht also an Gott zu zweifeln, niemand an seinem Glauben zu verzweifeln. Natur ist Natur, und wir haben mit der Natur umzugehen. Die Eingeborenen haben es vielfach verstanden, die unheilvollen Zeichen des zurückgehenden Wassers mit jahrtausendealtem und von Generation zu Generation weitergegebenem Wissen richtig zu deuten, und haben sich geistesgegenwärtig rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Sie hatten so vielfach Leben zu retten vermocht. Viele andere aber wussten einfach nicht was läuft. Was hat so ein Ereignis, so ein überdimensionales Ereignis zumal, mit Gott zu tun? Sehen wir die Natur als die Natur, mit der wir uns arrangieren dürfen und müssen. Gott hat sie geschaffen, wie uns, die wir ein Stück Natur, ein Stück Welt sind. Gott ist das "Mehr" in dieser Welt, das die Welt ebenso wenig verändert wie das Feuer den Dornbusch. Aber eines ist klar: Gott ist da! Auch und gerade bei denen, die in Not geraten. Sei es in Südostasien, bei uns oder an den anderen Krisenherden auf dieser von Gott so geliebten Erde.

Damit sind auch die beiden letzten Fragen beantwortet, wie nämlich Gott nicht in dieser Welt ist. Suchen wir also Gott nicht dort, wo er nicht ist. Er ist nicht das Geschehen, er ist nicht der Dornbusch, er ist kein Gegenstand dieser Welt. Er ist da, in dieser Welt und für diese Welt. Das können wir erfahren. Dann, wenn wir glücklich sind wie die Liebenden, denen es kein Problem ist, ein "Mehr" bei allem, was sie ganz natürlich erleben, zu beschreiben. Und dann, wenn wir in Not geraten, welche auch immer das sein mag. Wir spüren dieses "Mehr" in unserem Herzen, und wie es uns innerlich wärmt und zuversichtlich macht.

Fassen wir zusammen: Gott und die Welt, wie ist dieses Verhältnis zu bestimmen, nachdem wir die Geschichte von dem brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch gehört haben? Was sagt uns diese Geschichte? Gott und die Welt, das ist "eine Welt plus"!

Amen.