Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Mose 4,1-4

Pastorin Karla Domning

in einer psychosomatischen Klinik

‚Stabübergabe’ des ärztlichen Direktors

‚Stabübergabe’ des ärztlichen Direktors

Besinnlicher Teil von Pastorin K. Domning zu Beginn der Veranstaltung:

1. Begrüßung

Ich habe einen Stab mitgebracht, nicht, um mich darauf zu stützen wie alte Menschen, sondern um mit Ihnen auf Spurensuche zu gehen, was es bedeutet, den Stab in die Hand zu nehmen. Wir sagen so leicht: ‚ den Stab in die Hand nehmen’, und kündigen an, dass wir, die Mitarbeitenden der Klinik, uns heute hier zur Stabübergabe des ärztlichen Direktors einfinden. Wir sagen diese Worte in unserem Sprachgebrauch daher, und benutzen dabei Worte und Symbole, ohne uns den Sinn  zu vergegenwärtigen. Aber hinter solchen  Symbolen steckt viel mehr menschliche Erfahrung und Weisheit als uns bewusst ist. Von daher will ich heute mit Ihnen über Stäbe der Macht nachdenken. Stäbe wie sie heute auch noch von Machthabern in die Hand genommen werden, von Päpsten und Königen zum Beispiel. Der Stab fungiert als ein Symbol der Macht und der Führung. Wir sagen auch: das Zepter in die Hand nehmen. Könige nehmen bis heute das Zepter in die Hand und sind auf früheren Bildern immer mit Krone auf dem Kopf und dem Zepter in der Hand abgebildet. Das Zepter ist nichts anderes als der Stab. Sceptron  ist einfach das griechische Wort für das deutsche Wort Stab, sceptrum das lateinische. ‚Das Zepter in die Hand nehmen‘ ist also nichts anderes, als den Stab der Führung, der Macht und der Verantwortung in die Hand zu nehmen.

2. Der Ursprung des Stabes

Woher kommt dieses Symbol, was drückt es aus ? Seinen Ursprung hat dieses Symbol von den Hirten, die den Stab in die Hand nahmen und bis heute in die Hand nehmen, um ihre Schafe damit zu weiden. Das Urbild eines Menschen mit einem Stab in der Hand ist also der Hirte. In seiner ursprünglichen Form haben wir es also mit einem Hirtenstab zu tun. Der Hirte, der unterwegs ist, und dabei seine Schafe hütet. Er bewegt sich mit ihnen auf dem offenen Feld, ohne Zaun, auf offener Weidefläche. Von daher ist der Stab auch ein Symbol des Unterwegsseins, ein Pilgerstab, wie ihn Pilger über die Jahrhunderte in die Hand genommen haben, die unterwegs sind auf einem unbekannten Weg, auf dem sie mit Herausforderungen konfrontiert werden, die unberechenbar sind. Es gibt aber  einen großen Unterschied zwischen einem Pilger und einem Hirten. Der Pilger ist alleine unterwegs, der Hirte mit seiner Herde, für die er die Verantwortung trägt. Der Hirte gebraucht seinen Stab nicht nur als Wanderstock, sondern als verlängerten Arm, um die Schafherde zusammenzutreiben und zusammenzuhalten. Er bildet damit ein unsichtbares Gehege, in dem sich die Schafe sicher und wohl fühlen. Er sichert damit die Umgrenzung des Raums der Herde und steckt sie damit ab. Er bildet mit seinem Stab einen unsichtbaren Zaun und verteidigt die Herde bei Angriffen von außen. Wenn z.B. Wölfe  die Schafherde angreifen, nutzt er den Stab als Waffe, um die Wölfe abzuwehren. Er schlägt damit bei Angriffen zurück, um die Schafe zu schützen. Aber auch die eigene Herde hält er in Schach, wenn mal ein Schaf die Herde verlässt und aus der Reihe tanzt. Außer diesen beiden Funktionen hat der Stab noch weitere, um das Überleben zu sichern:  
Der Hirte sorgt für Ordnung in seiner Herde, er mustert und zählt mit dem Stab seine Schafe oder nutzt ihn als Stab der Unterscheidung, um z.B. die ‚Böcke von den Lämmern’ zu scheiden, indem die einen dahin, die anderen dorthin  geführt werden.

3. Die Bedeutung des Stabes als Symbol der Macht und Verantwortung 
           
Der Stab der Hirten ist zum Symbol für andere Machthaber, die andere ‚Herden‘ hüten in Gebrauch gekommen, die eine ‚Herde’, eine Menschengruppe zu führen haben. Stäbe sind zu Insignien  der Macht und  der Autorität geworden. Sie sind Zeichen der leitenden und beherrschenden Gewalt geworden, der stützenden und schützenden Kraft einer Gemeinschaft. Aber auch um in der zu führenden Herde Ordnung zu halten und um über die gemeinsamen Regeln zu wachen. Dieser Stab ist wie ein verlängerter Arm des Machthabenden über sein Herrschaftsgebiet.
Diesen Stab zu halten ist gar nicht so einfach. Er gibt die Freiheit, den Weg anzuführen und die Richtung einzuschlagen, und auch die Macht, die Gruppe in Liebe und Verantwortung zu leiten. Der Stab hat eine eigene Dynamik: er kann schützend und lebensspendend auf die zu leitende Gruppe wirken, aber auch verletzend und zerstörerisch, wenn die Macht nicht mit der Liebe zu den zu leitenden Menschen gepaart ist. Mit dem Stab in der Hand trägt der Machthaber die Verantwortung über seine Herde in Liebe und Fürsorge. Wenn ein Machthaber seine Herde ausbeutet, verletzt oder sie nur für seine eigenen Zwecke missbraucht, ist der Untergang der Herde oder die Stürzung des Machthabers vorherzusehen. Das können wir immer wieder in geschichtlichen Prozessen beobachten.
           
4. Den Stab in die Hand nehmen am Beispiel von Mose: die eherne Schlange

Ein archetypisches Bild von einem Mann mit dem Stab in der Hand in der Bibel ist Mose. Mose, der den Stab in der Hand hält und das Volk der Israeliten aus Ägypten durch die Wüste führt. Wie kommt Mose zu diesem Stab der Führung ? Mose hat sich diese Führungsposition nicht selber ausgesucht. Gott hat ihn dazu auserwählt. Er wird zu seiner Aufgabe ‚berufen‘. Mose will diese Aufgabe nicht annehmen. Er fühlt sich aus eigener Kraft nicht dazu in der Lage. Gott fordert ihn heraus und zeigt ihm einen Stab. Ich lese aus dieser Geschichte vor:  2. Mose 4,1-4.
Mose will diesen Stab der Macht und der Führung nicht annehmen. Er argumentiert, dass das Volk nicht auf ihn hören würde. Er meint, dass er diese Macht nicht hätte. Gott wirft daraufhin den Stab zu Boden. Es passiert etwas Ungewöhnliches: der Stab, den Mose nicht angenommen hat, wandelt sich in eine Schlange. Aber was passiert, wenn jemand das Vermögen und die Macht hat, diese Aufgabe durchzuführen, und will sie nicht annehmen ? Die Macht, die durch die Kompetenz da ist, aber nicht angenommen wird, richtet sich gegen sich selbst, in diesem Fall gegen Mose. Hier in der Geschichte durch die Schlange symbolisiert, die Mose angreifen will und er läuft vor ihr weg. Mose selbst will diese schwierige Aufgabe nicht annehmen. Der Stab der Macht wendet sich gegen ihn, die Schlange wird ihn beißen, wenn er sich nicht besinnt. Die eigenen Kräfte werden selbstzerstörerisch wirken. Gott hat ihm dies verdeutlicht, indem der Stab sich zur Schlange wandelt, die sich gegen Mose richtet. Gott hilft ihm und sagt ihm: nimm den Schwanz der Schlange in die Hand. Mose folgt.  „Da streckte er seine Hand aus und ergriff sie, und sie ward zum Sab in seiner Hand (V 4b).“ Indem er den Stab in die Hand nimmt, akzeptiert er die Führungsaufgabe mit der Hilfe Gottes. Mose hat diese schwierige Aufgabe angenommen das Volk der Israeliten durch die Wüste zu führen. Und er kommt dabei immer wieder an die Grenzen, wenn das Volk murrt und nach Nahrung und Wasser schreit. Mose geht in vollkommenem Vertrauen mit dem Stab in der Hand und folgt damit Gottes Führung.
 
5. Den Stab überreichen
Lieber Herr Dr. X ! Sie mussten die Klinik nicht durch die Wüste führen, aber sicher auch durch große Herausforderungen. Nehmen Sie den Stab, den ich mitgebracht habe in die Hand. Wie war das für Sie diesen Stab der Leitung in der Hand zu halten?
Herr Dr. X: „Es war schwer...!“ 
Sie brauchen es uns auch nicht verraten, was Sie im einzelnen erlebt haben. Aber halten Sie ihn einen Augenblick in der Hand, um ein letztes Mal ein Gefühl für Ihre Aufgabe zu spüren. Wenn Sie einen Moment innegehalten haben, geben Sie den Stab weiter. Und wenn Sie so weit sind, sagen Sie dazu: ‚Ich gebe den Stab an Herrn Dr. Y weiter‘ und überreichen ihn dabei.
( Herr Dr. X übergibt den Stab an Herrn Dr. Y , der den Stab annimmt )
Herr Dr. Y , Sie haben jetzt den Stab der Führung als ärztlicher Direktor
in die Hand genommen. 
Für Ihre neue Aufgabe wünsche ich Ihnen Kraft und Durchstehvermögen,ein gutes Miteinander und Kreativität, um sie in Liebe und Fürsorge durchzuführen. Es wird nicht einfach sein in immer schwieriger werdenden Zeiten. Aber erinnern Sie sich an den Mut und das Vertrauen,von Mose. Zuerst wollte er diese Aufgabe nicht annehmen, aber dann hat er sich durch den Stab einfach führen lassen. Er ist den schwierigen Weg durch die Wüste gegangen, ohne zu wissen, wohin der Weg führen wird, ohne zu wissen, ob es für sein Volk immer genug zu essen geben wird, ohne zu wissen, welche Gefahren auf ihn und sein ganzes Volk zukommen würden. Als Führungsperson hat er auch einiges aushalten müssen, wenn das Volk murrte. Mose hat vollkommen Gottes Führung vertraut, egal welche Hürden und Klippen auf diesem Weg zu bewältigen waren. So wünsche ich Ihnen auch, daß Sie in vollkommenem Vertrauen trotz aller Hürden und Klippen, die in der heutigen Zeit in unserem Gesundheitssystem auf die Krankenhäuser zukommen, den Stab in die Hand nehmen. Und vielleicht hilft es Ihnen dann in schwierigen Zeiten, sich an das Gottvertrauen des Mose zu erinnern. Ich wünsche Ihnen alles Gute und Gottes Segen auf Ihrem Weg.