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Predigt über 2. Samuel 12,1-15

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev.)

11.08.2002 Kurpredigt in Dorum

Der Predigttext des heutigen Sonntags spricht von der Weltgeschichte unter dem Auge Gottes. Wir hören aus dem Alten Testament:

2. Sam. 12, 1-15:

Doch dem Herrn missfiel, was David getan hatte. Er sandte den Propheten Natan zu ihm. Natan ging zum König und sagte: "Ich muss dir einen Rechtsfalls vortragen: Zwei Männer lebten in derselben Stadt. Der eine war reich, der andere arm. Der Reiche besaß viele Schafe und Rinder. Der Arme hatte nur ein einziges Lamm. Er hatte es sich gekauft und zog es zusammen mit seinen eigenen Kindern auf. Es aß von seinem Teller, trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß. Er hielt es wie eine Tochter. Eines Tages bekam der reiche Mann Besuch. Er wollte keines von seinen eigenen Schafen oder Rindern für seinen Gast hergeben. Darum nahm er dem Armen das Lamm weg und setzte es seinem Gast vor.

Vom Zorn gepackt fuhr David auf und rief: "So gewiss der Herr lebt: Dieser Mann muss sterben! Das Lamm muss er vielfach ersetzen. Wie konnte er so etwas Gemeines tun!"

"Du bist dieser Mann!" sagte Natan. "Höre, was der Herr, der Gott Israels, dir sagen lässt: "Ich habe dich zum König über Israel berufen und dich vor den Nachstellungen Sauls gerettet. Ich habe dir die Tochter Sauls, deines Herrn, und seine Frauen gegeben und dich zum König über Juda und Israel gemacht. Wenn du es gewünscht hättest, hätte ich dir sogar noch mehr gegeben. Warum hast du meinen Willen missachtet und getan, was mich beleidigt? Du hast Urija auf dem Gewissen, du hast ihn durch die Ammoniter umbringen lassen, und dann hast du dir seine Frau genommen. Weil du das getan und mir nicht gehorcht hast, werden in allen Generationen Mitglieder deines Königshauses ein blutiges Ende finden. Dir aber sage ich: Durch deine eigenen Söhne lasse ich Unglück über dich kommen. Du wirst es erleben, dass ich dir deine Frauen wegnehme und sie einem anderen gebe, der am helllichten Tag mit ihnen schlafen wird. Was du heimlich getan hast, will ich im Licht des Tages geschehen lassen, und ganz Israel wird es sehen.""

David sagte zu Natan: "Ich bekenne mich schuldig vor dem Herrn!" Natan erwiderte: "Weil du das einsiehst, hat der Herr dir deine Schuld vergeben. Du musst nicht sterben. Aber weil du durch diese Tat den Herrn beleidigt hast, wird der Sohn, den Batseba dir geboren hat, sterben." Dann verließ Natan den König und ging nach Hause.

Liebe Gemeinde,

gerne hätten wir einen Mann, wie den Propheten Natan, der mutig ist, den Mächtigen ins Gewissen zu reden. Doch wir haben ihn nicht. Deshalb quälen wir uns, wie sage ich das Unrecht meinem Fürsten, wie sage ich es meinem Nachbarn. Als Untergebener ist es schwer, seinem Fürsten den Spiegel vorzuhalten. Ebenso schwierig ist es mit dem Nachbarn. Der Untergebene unterliegt dem Mächtigen, der jede Kritik unterbinden kann. Der Nachbar wird gegenüber Kritik zornig. Ebenso schwer ist es, wir dürfen uns da nicht ausnehmen, selbst Schuld einzugestehen, ohne zornig zu werden.

Doch die Wahrheit lässt sich nicht unterdrücken. Sie möchte heimliches Unrecht aufdecken. Ja, die Wahrheit holt den Übeltäter ein. Dies ist zur Zeit Davids so gewesen und heute auch so. Gewiss schickt heute Gott keinen Propheten, der den Mut hat, dem König gegenüber zu treten. Doch Weltgeschichte ereignet sich unter dem Auge Gottes. Geschichte hat ihr Ziel in der Wahrheit und Gerechtigkeit.

Die Bibel kennt nicht unsere Denkweise: privat und öffentlich oder die Geschichte habe kein Ziel. Vielmehr erscheinen die biblischen Geschichten als ein großes öffentliches Ereignis und mit einer Zielvorstellung. In ihnen werden Vorgänge berichtet, Verhalten der Menschen untereinander beurteilt und gewertet. Das ist biblische Geschichtsschau. Sie ist auch heute aktuell, sowohl im öffentlichen wie auch im privaten Raum.

Der Prophet hat die Gabe von Gott bekommen, Personen und Verhältnisse zu durchschauen. Er hat die Vollmacht von Gott, Kritik und Weisung gegenüber den geschichtlichen Taten wirksam vorzubringen. Er soll nicht bloß die Untat benennen, sondern dem Betreffenden in das Gewissen reden und den Heilungsprozess einleiten. Es geht nicht um Bloßstellung, sondern um Heilung.

Es ist ungemein spannend, wie der Prophet Natan seinen Auftrag ausführt. Als Untergebener weiß er, dass eine negative Botschaft ihn den Kopf kosten kann. Deshalb wählt er die Form des Spiels im Spiel. Es ist die Form, das Geschehen auf einer anderen Ebene zu erzählen, allegorisch, verfremdet. Nicht direkt, sondern indirekt in einer Geschichte bringt er seine Kritik vor. Der König, den es betrifft, wird in die Handlung einbezogen, so dass er mitagiert.

Natan, der Prophet, erzählt einen Rechtsfall aus dem Alltagsleben. David erkennt und versteht das Geschehen. Es erinnert ihn, dass er auch einmal Hirte gewesen ist, bevor er in das hohe Amt des Königs gelangt ist. Ein reicher Mann bekommt Besuch und will seinem Gast ein Festessen vorsetzen. Doch weil er geizig ist, nimmt er das Schaf des Armen; schlachtet es und bereitet dem Gast den Braten zu.

Mit dieser Geschichte legt Natan David einen Rechtsbruch vor, der das Gemeinschaftsleben zerstört hat und der geklärt werden muss. Er muss wieder geheilt werden.

Verständlich, dass David empört reagiert, denn die Gerechtigkeit ist verletzt. Das Zusammenleben ist in Unordnung geraten und damit das gegenseitige Vertrauen zerstört. Als frommer König, der seine Macht von Gott hat, beruft er sich in seinem Urteil auf Gott: "So wahr der Herr lebt; dieser Mann muss sterben. Das Schaf muss vielfältig ersetzt werden. Wie konnte dieser Mann so etwas Gemeines tun." David reagiert aufgrund seines Rechtsempfindens und als Rechtsrepräsentant richtig. Unrecht muss bestraft werden. Ja, es muss wieder gut gemacht werden. Die Ordnung ist wieder herzustellen.

Natan hat David durch die Geschichte zum Richter herausgefordert. Als dieser das Urteil gesprochen hat, verlässt der Prophet die Erzählebene und wendet sich direkt der Realität zu und sagt David auf den Kopf zu: "Du bist der Mann."

Nach diesem Urteilsspruch folgt wie bei jedem Gericht noch eine Begründung. Natan redet im Auftrag Gottes David ins Gewissen und erinnert ihn, was Gott für ihn alles getan habe. Er hat ihn zum König bestimmt und ihn aus der Hand seines Gegners Saul gerettet. Gott hat ihm Macht und Reichtum verliehen. Doch David hat in seiner Macht fülle nicht mehr auf Gott gehört, sondern sich über die Rechtsordnung hinweggesetzt, so wie jeder andere machtbesessene König, um seine egoistischen Ziele zu verfolgen. Davids Schuld besteht darin, dass er bewusst die Ordnung Gottes aus egoistischen Beweggründen übertreten hat. Auch er ist ein zerrissener Mensch, der auf der einen Seite um Gottes Wort weiß und auf der anderen Seite um seinen Egoismus. Die Bibel schildert ihn so, wie er ist, als einen zerrissenen. Aus egoistischen Motiven, blind jeder Vernunft, stiftet er zu einem Mord an seinen Hauptmann Urija an. Er nimmt dessen Frau und begeht Ehebruch. Durch sein Verhalten ist der König als Auserwählter Gottes kein Vorbild mehr. Er hat versagt. Seine Untaten klagen ihn nun an.

Das Aufregende an dieser Geschichte ist, dass der König sich durch Natans Geschichte angesprochen fühlt und nichts von sich weist oder mit Macht unterdrückt. David weiß sich unter und vor Gott. Dies ist für das Volk gut zu wissen, dass ihr König auch einen Richter über sich hat und dass er sich nicht größenwahnsinnig durch sein Tun über alles hinwegsetzen kann. Nur so ist David dem Gespräch des Natan zugänglich.

Wer andere zerstört, der zerstört sich. Dies macht der Prophet dem König David deutlich. Seinem Haus wird es genauso ergehen, wie er an dem Haus seines Hauptmannes Urija gehandelt hat. Damit zeigt der Prophet dem König die Unheilsgeschichte seines Hauses. Sie ist eine Antwort auf die Frage, weshalb immer wieder über große Familien Unglück hereinbricht. Der Prophet macht dies David deutlich, wenn er ihm die Zukunftsgeschichte seines Hauses eröffnet. In jeder Generation werden Mitglieder seines Hauses ein blutiges Ende finden. Ja, seine Söhne werden sich gegen ihn erheben. Der Generationenkonflikt: Vater - Sohn wird auch sein Haus erschüttern- Seine Frauen werden geschändet. All dies wird an König David und seinem Haus öffentlich geschehen, was er heimlich hat tun lassen. Eine furchtbare Zukunftsgeschichte wird damit David eröffnet. Eine Geschichtsschau, die einen doch erschaudern lässt, der Fluch der bösen Tat zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Geschlechts Davids.

David erschrickt über seine Untat und deren Folgen für die Geschichte. Er sieht ein, was er angerichtet hat. Er bereut: "Ich bekenne mich schuldig vor dem Herrn!" Er stellt sich der Wahrheit. Er betont seine Schuld vor Gott. Reue ist nicht bloß ein Lippenbekenntnis, sondern der Wunsch nach einem neuen Lebensanfang. Mit dem Benennen der Schuld wird auch der Neuanfang ausgesprochen. Der Prophet spricht ihm zu, dass Gott die belastende Schuld trägt und ihm somit einen Neuanfang ermöglicht. "Weil du das einsiehst, hat der Herr dir deine Schuld vergeben. Du musst nicht sterben." Nur durch diesen Zuspruch, der die Vergebung beinhaltet, darf David weiterleben. Dieser Glaubenseinsicht stellt er sich. Deshalb kann er wieder "Ja" zu seinem Leben sagen. Von Gott bekommt er die Kraft angesichts der Unheilsgeschichte in die Zukunft zu gehen. Dieser klaren Zukunftsperspektive stellt sich David und wird mit Gott seine Erfahrungen machen Natan hat mit seiner Erzählung David einerseits die Augen für seine Untaten geöffnet und andererseits auch für ihn den Heilungsprozess eingeleitet. Er legt dem König David dar, dass er als unvollkommener Mensch immer der Hilfe und Fürsorge Gottes bedarf. Gott eröffnet durch sein Wort auch einem unvollkommenen Menschen die Zukunft.

Diese Geschichte ist ein Hinweis für unser Leben, die wir unvollkommene Menschen sind und bleiben werden. Gottes Zuspruch gilt dem Glaubenden. Christi Erlösungstat, dass er die menschliche Schuld trägt, gilt auch heute jedem, der bereut und an einen Neuanfang glaubt. Reue ermöglicht wieder Leben. Von daher hat jeder Mensch eine Zukunft und darf sie im Glauben dankbar annehmen.

Doch da ist noch etwas, dass uns erschreckt. Die Strafe bleibt. Das Kind aus der Verbindung mit Bathseba stirbt. Uns stellt sich die Frage: Gibt es eine Sippenhaftung? Gibt es eine Kollektivschuld? Verständlich, dass sich die junge Generation wehrt. Was haben wir mit der Schuld der Väter zu tun? Jeder soll für seine Schuld haften.

Dies ist auch die Antwort der Bibel auf unsere Frage, zur Sippenhaftung antwortet der Prophet Hesekiel: Jeder haftet und büßt für seine Sünden. Es gibt keine Kollektivschuld und auch keine Sippenhaftung, sondern jeder einzelne ist schuldig für seine böse Tat. Der Einzelne wird ernst genommen und er ist für sein Tun verantwortlich. Jeder hat soviel Vernunft, dass er weiß, was gut und was böse ist. Die nachfolgende Generation ist frei von der Sippenhaftung und deren Belastung. Doch sie weiß um die Schuld der Väter. Dieses Wissen wirkt sich nicht negativ aus, sondern ist eine Warnung für die neue Generation: Nicht schuldig zu werden. Es besser zu machen. Denn jede Generation fängt neu ihr Leben an.

Die Väter wissen um ihre Schuld und tragen schwer wie König David und manchmal ziehen sie noch ihre Familie in das Unglück wie David. Sein Sohn Absalom, ein zerrissener Mensch, empört sich gegen seinen Vater, greift ihn an und vollbringt böse Taten. Ganz anders sein Sohn Salomo aus der Gemeinschaft mit Bathseba, der sich anfangs als ein guter König erweist und alles das verwirklicht, was David sich vorgenommen hat und nicht ausführen hat können. Er baut den Tempel zu Jerusalem. Aber auch er ist ein unvollkommener Mensch mit seinen Fehlern und macht gegen Ende seines Lebens aufgrund seines Größenwahnsinns vieles zunichte. Der Mensch bedarf des guten Geistes Gottes, um sein Leben verantwortlich führen zu können.

Der Schuld steht bereits im Alten Testament die Vergebung gegenüber. Ein neuer Geist soll in eine dunkle Lebenssache kommen und Licht bringen, um neue Wege und Auswege zu finden. Die Last der Schuld kann aufgebrochen werden von einem jeden, der bereut. Reue zeigen, Einsicht zeigen, ist eine wichtige persönliche Tat. Sie ist Abkehr von der bösen Tat. Sie ist notwendig, um Ordnung in die zerstörten Dinge zu bringen. Reue ist auch der Ausblick auf ein neues Leben: es besser zu machen. Die Zukunft neu gestalten. Der Zuspruch der Vergebung gibt die Kraft dazu. Vergebung heißt, einer darf trotz seiner Schuld weiterleben. Er lebt weiter mit einer Narbe, die ihn vor jeder weiteren bösen Tat warnen und bewahren möchte und die ihn anspornen möchte, positiv mit Gottes Vergebung zu arbeiten und zu wirken. Dieses Angebot hat David bekommen. Dieses Angebot bekommt jeder, der glaubend bereut.

Wir Christen wissen um die Erlösung in Jesus Christus. Er ist Gottes Angebot an uns. Er gilt für jeden, der schuldig wird, ihn im Glauben zu ergreifen und mit der Kraft der Vergebung neu zu leben und zu arbeiten für sich und in der Gemeinschaft.

Amen.