Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Samuel 12,1-15a

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev.)

01.06.2008 in der Philippus-Kirche, München

Predigttexte:
"Doch dem Herrn missfiel, was David getan hatte. Er sandte den Propheten Natan zu ihm. Natan ging zum König und sagte: "Ich muss dir einen Rechtsfall vortragen. Zwei Männer lebten in derselben Stadt. Der eine war reich, der andere arm. Der Reiche besaß viele Schafe und Rinder. Der Arme hatte nur ein einziges Lamm. Er hatte es sich gekauft und zog es zusammen mit seinen eigenen Kinder auf. Es aß von seinem Teller, trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß. Er hielt es wie eine Tochter. Eines Tages bekam der reiche Mann Besuch. Er wollte keines von seinen eigenen Schafen oder Rindern für seinen Gast hergeben. Darum nahm er den Armen das Lamm weg und setzte es seinem Gast vor.
Vom Zorn gepackt fuhr David auf und rief: "So gewiss der Herr lebt: Dieser Mann muss sterben!" Das Lamm muss er vierfach ersetzen. Wie konnte er so etwas Gemeines tun!"
"Du bist dieser Mann!" sagte Natan."Höre, was der Herr, der Gott Israels, dir sagen lässt:"Ich habe dich zum König über Israel berufen und dich vor den Nachstellungen Sauls gerettet. Ich habe dir die Tochter Sauls, deines Herrn, und seine Frauen gegeben und dich zum König über Juda und Israel gemacht. Wenn du es gewüncht hättest, hätte ich dir sogar noch mehr gegeben. Warum hast du meinen Willen missachtet und getan, was mich beleidigt? Du hast Urija auf dem Gewissen, du hast ihn durch die Ammoniter umbringen lassen, und dann hast du dir seine Frau genommen. Weil du das getan und mir nicht gehorcht hast, werden in allen Generationen Mitglieder deines Könighauses ein blutiges Ende finden. Dir aber sage ich: Durch deine eigenen Söhne lasse ich Unglück über dich kommen. Du wirst es erleben, dass ich dir deine Frauen wegnehmen und sie einem anderen geben, der am hellichten Tag mit ihnen schlafen wird. Was du heimlich getan hast, will ich im Licht des Tages geschehen lassen, und ganz Israel wird es sehen. 
David sagte zu Natan: "Ich bekenne mich schuldig vor dem Herrn!" Natan erwiderte:"Weil du das einsiehst, hat der Herr dir deine Schuld vergeben. Du musst nicht sterben. Aber weil du durch diese Tat den Herrn beleidigt hast, wird der Sohn, den Bathseba dir gegebn hat, sterben. Dann verliess Natan den König und ging nach Hause."

Liebe Gemeinde,

eine ferne Geschichte und doch nahe Geschichte. Sie gilt auch uns und unserer Gesellschaft.  Wer gibt schon gerne Unrecht zu und bereut es? Die Alltagspraxis zeigt, jeder redet sich heraus und versucht andere als Schuldige hinzustellen. Die Opfer aber schweigen nicht. Thomas Mann hat Recht mit seinem ersten Satz seines Romans "Joseph und seine Brüder": "Tief ist der Brunnen der Vergangenheit". Es ist nun einaml so, dass sich bereits alles in der langen Menschheitsgeschichte erreignet hat und sich wieder ereignet. Anscheinend lernen die Menschen nicht aus der Tradition und ihrer geschichtlichen Vergangenheit. Die junge Generation wiederholt die Fehler der älteren. Deshalb geschehen immer wieder im grundegenommen die vergangenen Ereignisse in ähnlicher Weise. Die Gebote werden übertreten. Die Versprechen gebrochen. Die Gier scheint der Lebensmotor zu sein.
Gewiss der Mensch ist unvollkommen. Er verführt sich durch sein Wollen selbst und er wird verführt durch Andere. Er sehnt sich und bemüht sich Vollkommenheit zu erreichen. Er merkt sie gelingt ihm nicht trotz guten Willens. Durch Bildung wie auch durch Vorbilder soll den Jugendlichen der Weg zu einem guten Leben gewiesen werden. Vorbilder wollen ermuntern und zeigen, dass Männer und Frauen durch Fleiß, Können und Anstand etwas geleistet haben.
Auch Vorbilder haben ihre Schattenseiten. Sie werden aufgedeckt und damit gezeigt, das jeder Mensch gute wie schlechte Seiten hat. Der Hinweis auf die Fehler des Menschen soll nicht aus Häme oder Kritiksucht geschehen. An ihren Fehlern sollen die anderen lernen, um es besser zu machen.
Kritik verträgt nicht jeder. Deshalb sind Kritiker in der Öffentlichkeit unbeliebt. Im Alten Testament gab es dafür die Propheten, die auch unbeliebt waren. Sie hatten das Amt des Richters inne und mussten im Auftrag Gottes dem Volk, den Menschen und den Königen ihre Fehler vorhalten. Sie waren  Männer, die das Auge von Gott verliehen bekommen hatten, um Recht und Unrecht zu erkennen und aufzudecken. Sie erhielten auch von Gott das Wort um mutig Unrecht und böse Taten beim Namen zu benennen. Diese Propheten waren auch Menschenkenner. Ein solcher war Natan. Wir wissen wenig über ihn aus der Bibel, lediglich, dass Gott ihm den Auftrag gab dem König David seine Untat vorzuhalten. Das Volk von Jerusalem wusste, dass David seinen General Urija wegen dessen schönen Frau in eine tötliche militärische Falle hatte laufen lassen. Die Soldaten hatten es im Krieg miterlebt und dann in der Hauptstadt Jerusalem erzählt. Öffentlich war also das Verhältnis des Königs mit Urijas Frau Batseba. Der König als Vorbild seines Volkes war ins Gerede gekommen und seine Vergehen waren bekannt. Keiner wollte sie ihm sagen. Denn die Reichen und Mächtigen konnten sich in früheren Zeiten vieles herausnehmen und das Recht zu ihren Gunsten beugen und auslegen. Trotzdem blieb das Unbehagen darüber im Volk, das ein feines Gespür für Recht und Unrecht hatte. Es wusste, dass Unrecht Sitten, Traditionen wie auch Gewohnheiten eines Volkes verdirbt und zersetzt.
Das Großartige an den Geschichten des Alten Testaments ist, dass auch der König zur Rechenschaft gezogen wird. Ein König kann sich nicht über die Gebote hinwegsetzen, auch wenn er es in seiner Machtfülle tut. Er wird zur Rechenschaft gezogen und dass ist gut so. Das Volk wusste, Gott ist ein Richter des Bösen und der bösen Taten.
Im Amt der Propheten sorgte Gott für Recht und Gerechtigkeit. Er hatte durch seine Berufung von Gott her seine Legitimation zum Reden und Handeln. So geht der Prophet Natan zum König David. In seinem Vortrag vor dem König zeigt sich Natan als literarisch gebildeter Mann und Menschenkenner. Durch eine eindrucksvolle Erzählung weist er in höflicher und doch eindringlicher Form den König auf seine Verfehlungen und bösen Taten hin. In verdeckte Form offenbart er dem König sein unsittliches Tun. Er erzählt vom reichen und armen Mann. Der Reiche nimmt in seiner Machtbesessenheit dem Armen sein einziges Schaf und setzt es zum Essen seinen Gästen vor. Auf diese Geschichte reagiert König David mit Empörung. Er weiß, dass er als oberster Richter für Recht und Ordnung in seinem Königreich zu sorgen hat. Der Prophet Natan hat ihm den Rechtsfall anschaulich dargelegt. König David urteilt emotional zornig: "So gewiss der Herr lebt: Dieser Mann muss sterben! Das Lamm muss er dem vierfach ersetzen. Wie konnte er so etwas Gemeines tun!" David beruft sich in seinem Urteilspruch auf Gott dem Richter. Er spricht in dessen Namen das Urteil. Er erinnert an die Wiedergutmachung der bösen Tat. Das Unrecht ist vierfach zu ersetzen. König David verabscheut die böse Tat. Er weiß, dass die böse Tat die Gemeinschaft zerstört. Er betont, dass das Unrecht gesühnt werden muss. 
Bisher hat König David auf den vom Propheten Natan geschilderten Rechtsfall:"Vom Reichen und Armen Mann um das Schaf" als oberster Richter nach dem Recht geurteilt. Natan weiß nun, dass der König ein Rechtsbewusstsein hat. Erst jetzt kann er sich an den König richten: "Du bist dieser Mann". David erkennt, dass der Prophet ihm mit der Erzählung einen Spiegel über sein Verhalten vorgehalten hat. Ja, Natan erklärt ihm an Hand der Erzählung, wie Gott sich zum ihm verhalten hat. Er hat David reich und mächtig gemacht. David wurde maßlos. Er wollte als absoluter Herrscher alles haben. Die Gier nach mehr hat ihn zum Übertreten der Gebote verleitet. Als König hat er Gott nicht für seine Güte gedankt, sondern sich über Gottes Gebote hinweggesetzt und ist somit Gott gegenüber schuldig geworden. Er hat als König von Gottes Gnaden seine Grenzen überschritten.
Natan verkündigt dem König Gottes Urteil an. Zunächst erinnert er ihn an seine Lebensgeschichte und zeigt ihm auf, wie Gott ihn groß gemacht hat. David war undankbar. Er hat Gotte durch sein böses Handeln beleidigt und Gottes Bund gebrochen. Er beging Ehebruch mit der Frau seines Generals Urija und diesen in den Tod geschickt. Der Prophet muss dem König ansagen, dass von nun an in jeder Generation ein Mitglied seines Königshauses ein blutiges Ende finden werde. David weiß nun was in Zukunft auf sein Geschlecht zukommen wird. Es ist auch so in der Geschichte geschehen. Gott richtet öffentlich in der Gechichte. Auch Davids Diebstahl, dass er seinem General seine Frau Batseba weggenommen hat, bleibt nicht ungesühnt. David wird es selbst erfahren, dass seine eigene Söhne über ihn Unglück bringen werden und sich ihm gegenüber genau so verhalten werden, wie er es gegenüber Urija tat. Sie werden ihn bestehlen, ihm seine Frauen wegnehmen. So ist es dann auch durch Absalom geschehen. Gott richtet öffentlich in der Geschichte. Der König ist wegen seines Unrechtes und seiner bösen Tat hart bestraft worden. Gott hat ihn leben lassen, aber seine Nachkommen mussten für seine Tat in der Geshcichte büßen.
Das Großartige an David ist, dass er bereut. Er nimmt seine Schuld auf sich. Er unterwirft sich  Gott. Er nimmt des Königs Schuldbekenntnis und Reue an. Er lässt David durch Natan sagen: "Weil du das einsiehst, hat der Herr dir deine Schuld vergeben. Du musst nicht sterben. Aber weil du durch diese Tat den Herrn beleidigt hast, wird der Sohn, den Batseba dir geboren hat, sterben." David erfährt Vergebung. Gleichzeitig wird im Gottes Worten deutlich, dass Mord nicht vergeben werden kann. Mord fordert seine Genugtuung. Der Sohn Davids mit Batseba wird sterben. Damit erweist sich Gott in der Geschichte als Richter und Schützer der Schutzlosen.
Diese Geschichte über Davids Ehebruch sollte auch uns ein warnendes Beispiel sein. Unsere Gesellschaft sucht ihren Spaß und übertritt immer wieder die Gebote Gottes und auch die moralischen Sitten und deren Werte. Wir lieben das Masslose und den Kitzel beim Übertreten der Gebote. Wir erschrecken, wenn dann das Kartenhaus der Spaßgesellschaft zusammenbricht. Die Schuldzuweisungen der Geschlechter sind groß. Unter den bösen Taten und der Schuld der Eltern leiden die Kinder. Wir sehen es in der Öffentlichkeit und Geschichte und wissen es. Notwendig ist, die Schuld und die Versäumnisse aufzuarbeiten. Schulderkenntnis und Reue wie auch Umkehr sind angesagt. Auch die Wiedergutmachung in der Geschichte gehört dazu. Gott gibt seine Gnade wieder dem Einsichtigen zum Leben. Er will, dass der Sünder sich bekehre und wieder von seiner Gnade lebe.

Amen.


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