Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Thessalonicher 3,1-5

Pastor Michael Jordan

22.06.2008 in der St. Christophorus-Kirche in Friedrichstadt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Bruder und Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,
sie kennen ihn sicherlich auch, den Ausspruch:
„wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“.
Das stimmt - und zugleich ist es doch grundfalsch.
Die meisten, die dies sagen, wissen das auch.
Und doch hört man es immer wieder:
„Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“

„Da muss jeder selbst zusehen.“
Das ist der Kompagnon dieses Ausspruches.
Beide Aussprüche haben den einen Nenner:
- ich muss mir selbst den Weg im Leben bahnen
- auf Unterstützung brauche ich nicht zu rechnen
- ich muss es alleine schaffen.
Und man könnte als letztes hinzufügen:
„Hilf dir selbst, dann hilf dir Gott!“
Damit ist sie voll – die Galerie der sogenannten Lebensweisheiten.

Es können natürlich auch bittere Lebenserfahrungen dahinter stehen, Erfahrungen, dass es tatsächlich so war, dass niemand zur Seite stand, dass niemand Hilfe anbot, dass wir tatsächlich allein auf uns angewiesen waren.

Unser Predigttext heute, er beginnt mit einer Bitte um die Fürbitte der Gemeindeglieder in Thessalonich: „Betet für uns ...“.
Die Verfasser des Briefes, sie wissen um die Not, wenn man sich alleine um etwas be-müht. Sie wissen darum und gerade deshalb wenden sie sich an die Gemeinde und bit-ten um ihr Gebet.
Sie bitten die Gemeinde um ihre Fürbitte, dass ihre Mission erfolgreich verlaufe, und dass sie erlöst werden von all den Menschen, die sich ihrer Arbeit und der Ausbreitung des Evangeliums böswillig in den Weg stellen.
Da gab es anscheinend Menschen, denen die Kirche ein Dorn im Auge war. Genaueres erfahren wir nicht. Aber es muss mehr dahinter gewesen sein als bloße Gleichgültigkeit. Nein, bewusste Gegnerschaft war es und die Verfasser des Briefes nennen sie falsche und böse Menschen, Menschen, die nicht zum Glauben finden konnten.

Solche Konflikte gab und gibt es immer wieder. Und wenn man angegriffen wird, dann braucht man Unterstützung von anderen. Die Schreiber unseres Briefes bitten um solche Unterstützung, sie bitten konkret um das Gebet, die Fürbitte der Gemeinde in Thessalo-nich.

„Betet für uns…“, das höre und erlebe ich auch immer wieder bei unseren Kontakten nach Jerusalem und Beit Jala. Die Fürbitte füreinander ist das stärkste Band zwischen uns und unseren Partnern. In Beit Jala beten sie seit einiger Zeit in ihren Gottesdiens-ten für den Fall der Mauer. In der Har-El-Synagoge erlebte ich im letzten Jahr das Gebet für kranke Gemeindeglieder, was mich sehr beeindruckt hat, da jeder mit Namen genannt wurde. Das Gebet füreinander betonen unsere Schwestern und Brüder in der orthodoxen Kirche in Jerusalem – es ist ihr Lebenselixier.

„Betet für uns ...“
Martin Luther hat einmal gesagt, dass wir einander zum Christus werden können und sollen und er hat es konkretisiert: „Christen, die beten, sind eitel Helfer und Heilande.“
Luther traut uns viel zu, er traut uns zu einander zum Christus zu werden, zum Helfer und Heiland, und er nennt konkret das Gebet füreinander.

Was bewirkt unser Gebet?
Nützt es was, wenn ich bete? Nützt es demjenigen etwas, für den ich bete?

Zunächst einmal: Ich bin davon überzeugt, es nützt eine ganze Menge für uns persön-lich, denn es verändert uns und unsere Lebenseinstellung:
- Wer betet, verbindet sich mit Gott.
- Wer betet, erneuert mit jedem Gebet den eigenen Glauben.
- Wer für andere betet, betet sich hinein in ein Vertrauen auf Gott, welches das Gefühl der Ohnmacht und Vereinzelung überwindet.
Beten lernt man, indem man es tut.
Dorothee Sölle und Fulbert Steffensky haben es einmal so ausgedrückt:
„Gott ist kein Automat, in den man eine Münze steckt und dann herausbekommt, was man will. Aber beten verändert die, die es tun. Die großen Wünsche nach Gerechtigkeit, nach dem Sieg über das Unrecht, nach Glück und Heil, nach einem menschenwürdigen Leben, die hat man nicht einfach so, man muss sie lernen. Und man lernt sie, indem man sie ausspricht.“

Es gibt Menschen in unserer Gemeinde, denen es ganz viel bedeutet, dass ich für sie bete. Und es gibt Menschen, die für mich beten und das gibt mir viel Kraft.
Es ist eine Geste der Solidarität, des Füreinander da Seins.

Eine Besucherin unserer Kirche schreibt: „Die Gebete und der Glaube an Gott lassen uns nicht verzweifeln.“
Unser Gebetsleuchter und die tausende von Kerzen, die den Sommer über dort brennen – wie viele dieser Kerzen verbinden sich ganz konkret mit einer Fürbitte.
Unser Gästebuch ist voll solcher Gebets-Einträge:
für unser krankes Kind, für die kranke Großmutter, für unsere Ehe, dass wir wieder zu-einander finden, dass das Mobbing am Arbeitsplatz aufhören möge, für meinen Bruder, dass wir wieder miteinander sprechen …


Am Ende unseres Predigttextes heißt es: „Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.“
Die Herzensrichtung des Gebets und speziell der Fürbitte für andere
ist Liebe und Geduld.

Wer betet, der richtet sich aus auf Gottes Liebe.
Glaubten wir Gott nicht als liebenden Gott, so würden wir nicht glauben.
Manchmal erfahren wir dies, manchmal können wir es nur herbeibeten, dass sich seine Liebe erweise.
Am schwierigsten sind die Gebete um Heilung von schweren Krankheiten.
Da tut sich manchmal über Wochen und Monate nichts und es scheint so, als wenn auch unser Gebet und unsere Fürbitte sinnlos wären.
Das sind echte Anfechtungen für unseren Glauben und unser Vertrauen in Gottes Liebe.

Der Schreiber des Briefes weist uns deshalb neben der Liebe Gottes an die Geduld Christi.
Das ist die Geduld dessen, der selbst die größte Gottesferne am Kreuz erlebt und durch-litten hat.
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Er erlebte diese Gottesferne am eigenen Leib und er schrie sie zu Gott:
lauthals und hörbar für alle Umstehenden, er, der Menschensohn und doch zugleich auch der Sohn Gottes!

Darin ist er uns Beistand und Vorbild,
dass auch wir zu Gott unser Leid schreien können,
dass wir nicht still und stumm alles erleiden sollen,
dass wir auch untereinander und voneinander hören, wenn die Not unerträglich wird.

Die Liebe Gottes, die Christus erlöst hat von seinen Leiden, die ihn auferweckt hat am dritten Tag, sie ist die eine Seite der Medaille des Glaubens;
auf der anderen Seite ist Geduld Christi eingeprägt, der Schrei der Gottesferne, das lan-ge Leid und die Trauer des Karsamstags.

Das ist die wahre Lebensweisheit:
Nicht: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.“,
sondern: „Betet für uns ... und haltet euch an die Liebe Gottes und die Geduld Christi.“

Wer betet, gibt sich nicht ab mit den scheinbar unveränderlichen Gegebenheiten unse-rer Welt und unseres Lebens.
Wer für andere betet, wird ihnen zum Christus, zum Helfer und Heiland
und baut mit am Netzwerk der Liebe Gottes,
die unserem Leben Halt und Sinn verleiht.

Amen