Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Timotheus 1,7

Prälat Dr. Bernhard Felmberg (ev)

30.06.2010 in der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin

Ökumenischer Gottesdienst anlässlich der 14. Bundesversammlung

Liebe Gemeinde,

 

das hat sich Timotheus anders vorgestellt:

 

Erst die Entflammung und die Berauschung durch den Heiligen Geist und jetzt die pure Ernüchterung. Die Menschen sind doch nicht so einfach für das Evangelium zu gewinnen. Mutlosigkeit macht sich beim Mitarbeiter des Paulus breit.

 

Timotheus leidet unter Selbstzweifeln und fragt sich: „Warum hat meine Arbeit nicht den gewünschten Erfolg? Ich mühe mich tagein tagaus. Ich stehe früh auf und gehe spät ins Bett. Ich führe stundenlang Gespräche. Und wenn ich den Eindruck habe: Jetzt hat es der Andere begriffen, worum es mir in meinem Anliegen geht, dann kommen doch wieder Töne und Sätze, die deutlich machen, dass all meine Bemühungen fruchtlos waren.“

 

Timotheus ist sich sicher: „Meine Predigten und Reden greifen nicht, andere abstruse Lehren und Gedankengebäude hingegen ziehen die Menschen viel stärker an.“

 

Am schlimmsten aber leidet er unter denen, die sich fromm geben, letztlich aber „lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, charakterlos, dem Guten feind, unbedacht und aufgeblasen“ sind.

 

Kein Zweifel: Timotheus braucht Zuspruch und Unterstützung.

 

Und diese Unterstützung kommt von keinem geringeren als vom Apostel Paulus selbst. Paulus kennt Timotheus gut und lange. Zuspruch, Ermutigung, Wegweisung und Hoffnungskraft sind für die meisten von uns besonders wertvoll und aufbauend, wenn wir uns verstanden fühlen mit unserer Geschichte, unseren Hintergründen, unseren Stärken und Schwächen.

 

Echte Wertschätzung, wache Begleitung und ein sorgfältiges Gespür für das, was jemand in einer ausweglosen Lage wirklich braucht, sind Garanten dafür, dass Menschen, die sich frustriert und abgehängt fühlen, neuen Mut und Kraft schöpfen.

 

Diese Menschen merken dann, dass ihre Lage beachtet wird. Unsere Gesellschaft braucht solche Ermutiger und Hoffnungsspender wie Paulus es für Timotheus war. Und übrigens: Dies gilt für die Ohnmacht des Schwachen ebenso wie für die häufig gefühlte Ohnmacht der Mächtigen.

 

Paulus nimmt sich Zeit. Er schreibt einen Brief. Gelungene  Kommunikation, einfühlsame Sprache, die Türen zu neuen, lebenswerten Räumen öffnet, ist und bleibt das Geheimnis gegenseitigen Vertrauens und Verstehens.

 

Das rechte Wort zur rechten Zeit, ein Wort, das der Anteilnahme und dem Interesse an der Person entspringt und auf Antwort angelegt ist, hat die Kraft, Verkrampfungen und Verkrümmungen zu lösen. Und wie lautet das Wort?

 

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,

sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. (2Tim 1,7)

 

Das ist die Botschaft des Paulus an den verzagten Timotheus.

 

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht.

 

Verzagtheit ist keine Gnadengabe Gottes. Darin ist sich der Apostel gewiss. Gott entflammt uns. Er möchte, dass diese Flammen das Leben der Menschen erhellen und erwärmen. Das Evangelium funzelt nicht vor sich her. Jeder, der mit Gottes Wort in Berührung kommt, weiß, dass er Freiheit gewonnen hat. Freiheit aufzutreten, zu sprechen, hinauszugehen und niederzureißen, was ihn und andere klein macht.

 

Die Furcht hingegen lässt kaum Wege finden. Sie lässt nur kurze Schritte zu, lässt uns nur durch angstvolles Tasten vorankommen und bringt uns schnell aus dem Gleichgewicht.

 

Der Geist der Feigheit, der Geist der Furcht ist uns nicht von Gott gegeben. Vielmehr gilt: Was dich einengt, das kommt aus dir selbst.

 

Und so ist der Ruf: „Fürchte dich nicht“, die christliche Hymne schlechthin.

 

Dieser Ruf ist nötig, weil er lebensspendend und hoffnungstragend ist.

 

Er ist nötig, weil er sich gegen die allzu berechtigten Gefühle und die ängstliche Vernunft, all die Unsicherheiten und Unabwägbarkeiten zur Wehr setzt, die aus uns herausströmen, ob wir es nun wollen oder nicht. Er ist nötig, weil er das göttliche „Ja“ zu uns immer wieder als Fermate gegen unsere aufgeregte Orchestrierung einsetzt.

 

Nein, Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben. Von ihm kommt anderes und dieser guten Dinge sind drei.

 

Er gibt uns den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

 

Der Geist der Kraft lässt uns gemeinsam um einen guten Weg ringen. Diese Kraft brauchen wir, wenn wir etwas Gutes erkennen und zustande bringen wollen. Der Geist der Kraft braucht viele Trägerinnen und Träger in der Politik und im gesellschaftlichen, ja auch im kirchlichen Leben.

 

Es ist eine Kraft, die dem anderen nicht schadet, ihn nicht niederringt, sondern im Blick behält und als Gegenüber braucht und befragt. 

 

Er ist ein Geist, der im Miteinander wirkt:

 

Im miteinander Ringen um die Ermöglichung lebenswerten Lebens.

 

Im miteinander Teilen und Bewahren der Ressourcen, die uns anvertraut sind.

 

Im miteinander Beten und Tun des Gerechten, wie Dietrich Bonhoeffer es ausgedrückt hat.

 

Ein solcher Geist sprengt die engen Grenzen der Furcht.

Er macht die Räume weit und schenkt neue, unverkrampfte Ideen.

 

Er lässt auch den Anderen, den Gegnern und Widersachern Raum zum Atmen.

 

Denn ohne sie, die Anderen, die Konkurrenten auf dem demokratischen Markt, ohne die Opposition und die antagonistischen Kräfte in den eigenen Reihen verlören wir den Geist der Kraft aus Gott, eben weil er sich nur im Ringen um Wahrheit, im Teilen und im Bewahren des Lebensnotwendigen, im Beten und Tun des Gerechten entfaltet, ergießt und verschenkt.

 

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,

sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

 

Der Geist der Liebe. Wer denkt da nicht gleich an das Hohelied des Paulus im 13. Kapitel des Korintherbriefes? Auf Hochzeiten wird es ständig gelesen.

 

Im Bundestag, im Bundesrat, in der Bundesversammlung kommt es eher selten zu Gehör. – Vielleicht, weil dort eher Bündnisse auf Zeit und nicht für ein Leben geschlossen werden.

 

Paulus selbst hält die Liebe gar nicht für eine „rosarote Gefühlsregung.“ Er sieht in ihr eine akzeptierende, eine wertschätzende und anerkennende Haltung. Die Liebe denkt positiv, sie verhält sich konstruktiv. Ohne Liebe ist alles nichts. Sie verhält sich angemessen und bewahrt diejenige Haltung, die mir die Furcht kurz zuvor gerade noch rauben wollte.

 

Die Liebe fällt nicht aus der Rolle.

Die Liebe legt dem Leben und allen Dingen gegenüber eine eigene, feste und geklärte Haltung an den Tag.

 

Sie arbeitet nicht mit Maßeinheiten.

Sie rechnet nicht zu und nicht ab. Mit niemandem.

 

Die Liebe stellt nicht bloß und zerrt nicht ans Licht.

Und selbst wenn sie etwas aufdeckt, hält sie es dennoch geschützt vor den Blicken und Angriffen einer abrechnenden, berechnenden Öffentlichkeit.

 

Wer diese nüchterne Liebe übt, betritt einen Raum,

in dem Offenheit und Vertrauen miteinander in Frieden leben.

Sie gewährt Schutz, ermöglicht ein Sich-Öffnen, bewahrt Intimität und Verschwiegenheit.

 

Eine solche Liebe bekommt keine weichen Knie, sie hat Bestand, denn Furcht ist nicht in der Liebe.

 

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,

sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

 

Besonnenheit – eine Kardinaltugend im alten Griechenland

und eine Grundeinstellung, die das rechte Maß zu halten weiß.

Bescheidung und Begrenzung charakterisieren sie. Aber diese Beschränkung ist nicht aus Furcht erzwungen, sondern eine aus Kraft und Liebe gewonnene politische Haltung.

 

Besonnen verhält sich, wer in schwierigen Situationen mit Umsicht handelt. Begierde nach größtmöglichem Ansehen, oder politisches Kalkül zur Wahrung parteipolitischer Interessen sind für den Geist der Besonnenheit vielleicht nicht immer die am besten geeigneten Berater.

 

„Gewinne Abstand!“ rät stattdessen Gottes Geist. Für heute heißt das konkret:

„Es gibt ein Leben nach der Wahl. Es gehört auch zu dir.

Und es ist gutes Leben. Ein ehrenvolles Leben. In Kraft und Liebe.

In Anerkennung deiner Verdienste und in Gottes Vergebung aus Gnade.

Ein Leben im Glauben an das Gute im Menschen und an eine Welt,

die es verdient hat, dass du dich um sie kümmerst – mit Geist und Verstand.“

 

Liebe Gemeinde,

 

der Brief an Timotheus wurde aufgehoben, weitergereicht, vielfach abgeschrieben, in den Kanon der Bibel aufgenommen, unzählige Male vorgelesen, in Versen zu Taufen und Konfirmationen, zu Trauung und Beerdigungen, zu Predigten und als ganz privater Trost gelesen. Denn er wirkt. Er hat seine Gültigkeit längst bewiesen.

 

Somit können wir darauf vertrauen: Gott hat uns diesen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben. Er will erkennbar in unseren beruflichen und privaten Zusammenhängen wirken. Dass wir in uns die Gott gegebenen Ressourcen heben, der Angst entgegenzustehen, die Furcht zu besiegen und uns unseres Glaubens nicht zu schämen.

 

Kein Zweifel, liebe Gemeinde, Timotheus brauchte Zuspruch und Unterstützung. Und Sie, die Sie heute zur Wahl stehen, und Sie, die Sie heute wählen, Sie brauchen Sie auch. Greifen Sie zu!

 

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,

sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

 

Amen.