Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 2. Timotheus 4, 9-13 und über den „ Mantel und die Bücher – was im Leben schützt und ihm Tiefe gibt.“

Prof. Dr. Hans-Jürgen Benedict (ev)

10.03.2013 in der Hauptkirche St.Katharinen in Hamburg

am Sonntag Lätare

Begrüßung und Hinführung zum Thema

Ich begrüße Sie herzlich zum Gottesdienst am Sonntag Lätare mit dem Wochenspruch aus der Evangeliumslesung „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Ein Wort, mit dem Jesus seinen Weg ans Kreuz deutet, ein Wort, dass aber auch für alle großen menschlichen Unternehmungen gilt: ohne Anstrengung und Opfer nichts Neues.

Mit großen Schritten eilen wir auf das eigentlich frühlingshafte Osterfest zu , und doch ist es immer noch kalt und windig. Ein langer Winter will nicht zu Ende gehen. Und da mögen Sie es mir verzeihen, wenn ich aus der Reihe der vorgesehenen Predigttexte ausschere( Joh 6,47-51 über Jesus als Brot des Lebens) und heute über einen entlegenen Text aus dem 2.Timotheusbrief und ein Thema predige, das auch mit der Kälte in der Welt zu tun hat – über den „ Mantel und die Bücher – was im Leben schützt und ihm Tiefe gibt.“ Ich fand diesen Text alltagsweltlich so anregend, dass ich ihm gerne gefolgt bin. Wir beginnen den Gottesdienst im Namen des Vaters…

Eingangsgebet

Guter Gott, noch klingen die Worte des Psalms in uns nach: „wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth, meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn.“ Wir sind hier in deiner Wohnung St.Katharinen, deren neuer heller Glanz uns erfreut, versammelt. Wir sind gekommen an diesem kalten Märzsonntag mit dem, was uns freut, aber auch mit dem, was uns Angst macht. Sind gekommen mit unseren Sorgen, aber auch mit dem, wofür wir danken können. In einer oft kalten Welt sind es die Worte deiner Boten, die uns wärmen, die Lobgesänge deiner Dichter , die uns in Bewegung bringen, die Klagen deiner Zeugen, die unsern Zweifeln eine Stimme geben. So bitten wir, komme zu uns mit deinem helfenden Wort, komme in unser Leben ,in unseren Alltag ,in unsere Welt. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Bruder und Herrn Amen.

Predigt

Liebe Schwestern und Brüder.

Als Sie vorhin in die Katharinenkirche kamen und der Wind um die Ecken des Kirchenschiffs pfiff, haben Sie vielleicht den Mantelkragen hochgeschlagen und sich etwas fester in die schützende Wollhülle verkrochen. Über den Mantel will ich heute predigen. Und der Text,der dieser Predigt zugrundeliegt, steht im 2.Timotheusbrief. Da heißt es im 4.Kapitel in den Abschiedswünschen des Apostels Paulus, der im Gefängnis sitzt und mit dem Schlimmsten rechnen muss: „Beeile dich(lieber Timotheus), dass du bald zu mir kommst. Denn Demas hat mich verlassen und die Welt liebgewonnen und ist nach Thessalonich gezogen, Kreszensz nach Galatien, Titus nach Dalmatien. Lukas ist allein bei mir. Markus nimm zu dir und bringe ihn mit, ich kann ihn gut gebrauchen. Tychikus habe ich nach Ephesus gesandt. Den Mantel, den ich bei Karpus in Troas gelassen habe, bring mit, wenn du kommst und auch die Bücher, vor allem die Pergamente.“ Wir lernen hier zunächst das missionarische Beziehungsnetz des Apostels Paulus kennen.Es ist Bewegung in der Kirche, im Guten wie im Schlechten. Und dann kommt die merkwürdige Mitteilung des Briefs: „ Den Mantel, den ich bei Karpus in Troas gelassen habe, bring mit“. Welch eine hübsche-alltagsweltliche Formulierung in einem Brief, in dem so viel von guter Lehre, rechtem Lebenswandel, Verwilderung der Sitten, Treue in Verfolgung und Jenseitssehnsucht die Rede ist. „Bring bitte den Mantel mit.“ Ein Freund kannte diesen Vers gar nicht und sagte mir beglückt, wie schön, dass so etwas in der Bibel steht. Das finde ich auch und muss doch gleich hinzufügen: diese schöne menschliche Stelle ist wahrscheinlich erfunden von dem Verfasser dieses dem Paulus zugeschriebenen Briefs. Man sollte nicht sagen eine Fälschung, sondern eine gelungene literarische Erfindung. Eine Erfindung, die Authentizität vortäuscht, damit der Brief als echt gelten kann. „Bring den Mantel mit.“

Mein erster Gedanke dazu heute morgen ist: der Mantel als Symbol alltäglichen Danks. Paulus wird dem Timotheus danken, wenn der Mantel bei ihm ankommt. Dank im Alltag kann vielerlei Anlässe haben. Wie in dem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger Empfänger unbekannt. Retour a l’expediteur ,aus dem ich einige Zeilen zitiere. „Vielen Dank für die Wolken. Vielen Dank für das wohltemperierte Klavier und, warum nicht, für die warmen Winterstiefel. Vielen Dank für mein sonderbares Gehirn und für allerhand andre verborgene Organe, für die Luft und natürlich für den Bordeaux (…).Vielen Dank für die vier Jahreszeiten sowie für den Schlaf(…) und meinetwegen für die Wühlmäuse draußen im Garten auch.“ Dies Gedicht eines nun alles andere als fromm geltenden Schriftstellers steht in der Tradition der biblischen Dankpsalmen und von Luthers Erklärung zum ersten Artikel des Glaubens im Kleinem Katechismus „Ich glaube, dass mich Gott erschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält, dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken.“ Sie kennen das. Vor dem Hintergrund der Dankbarkeit für das Leben nennt Enzensberger wie Luther Grosses und Kleines, Natürliches und Kulturelles in bunter Mischung, allerdings ironisch gebrochen. Gott redet er nicht mehr an, aber er schließt ihn als Empfänger des Danks nicht aus. Auch das Ärgerliche und Zerstörerische, die Wühlmäuse im Garten, schließt er in den Dank ein.Und so könnte man in einem heutigen Dankpsalm auch die lästigen Krankheiten nennen wie etwa die Erkältung mit Schnupfen und Reizhusten, unter dem ich noch leide. Jeder von uns könnte ein solches Dankgedicht schreiben. Und ich empfehle Ihnen, sich nach dem Gottesdienst einmal hinzusetzen und nach dem Vorbild Enzensbergers oder von Brechts kleinem Gedicht Vergnügungen eine solche Komposition alltäglicher Glückserfahrungen zu versuchen.10 bis 15 Zeilen reichen und Sie merken, da kommt ganz schnell ein kleiner Dankpsalm zusammen, der die angeblichen Banalitäten in die größere Perspektive guten gelingenden Lebens rückt.

Dank im Alltag betrifft im Alter, wenn die Vergesslichkeit zunimmt, besonders die gefährdeten Routinen. Ich bin schon dankbar, wenn ich ohne allzu langes Suchen die Brille, das Handy oder den Wohnungsschlüssel wiederfinde, wenn in der Umkleidekabine des Kaufhauses gleich die erste Hose passt. Oder wenn ein verschwundener Text auf dem PC wiederauftaucht. Und natürlich kann ich gut in den Dank einstimmen, wenn im Großen etwas gelingt. Etwa wenn aus politischen oder religiösen Gründen inhaftierte Politiker, Journalisten und Künstler ,für die Menschenrechtsorganisationen sich eingesetzt haben, freigelassen werden. Oder wenn ich höre, dass für eine schwer herzkranke Frau endlich ein Spenderherz gefunden und erfolgreich eingesetzt wurde ,das ihr so Jahre des Lebens schenkt.

Also wenn in dieser auch immer wieder chaotischen Welt etwas wieder an seinen Platz kommt und etwas Rettendes gelingt, dann ist das ein Anlass zum Dank. Es gibt die schöne jüdische Messiasdeutung von der ordnenden Hand des Messias. Sie fragt: Was tut der Messias, wenn er kommt? Und antwortet: Nichts Dramatisches, sondern er rückt diesen und jenen Gegenstand zurecht, und auf einmal liegt die Welt im messianischen Licht da. Vom Kleinen bis zum Großen – vom vergessenen Mantel, dem verlegten Buch, den entführten Touristen bis zu den Waffen, die auf den Schrottplatz und den diktatorischen Politikern wie Assad, die vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag oder auf die Couch gehören.

Mein zweiter Gedanke heute morgen: der Mantel ist mehr als der Mantel, er ist Symbol für den Schutz des Lebens. Hat Paulus diesen Mantel in Troas schlicht vergessen? Oder hat er ihn zeitweilig dem Karpus überlassen, weil dieser keinen hatte? Ließ er ihn in Troas zurück , weil er ihn im Sommer nicht brauchte? Aber lässt man einen Mantel zurück bei so großen Entfernungen? Bring den Mantel mit! Der Grund könnte sein – der Winter naht und es ist kalt im Gefängnis. Ja, mehr noch: es ist kalt in der Welt. In einer oft unwohnlichen Welt ist der Mantel mehr als der Mantel. Er ist Schutzhülle und zugleich Symbol von Schutz. Er ist so etwas wie das Zeichen dafür, dass der Mensch den Unbilden der Welt und des Wetters nicht schutzlos ausgesetzt sein soll. Gott machte Felle für Adam und Eva, als der Cherub sie aus dem Garten Eden vertrieben hatte. Das Sozialrecht des alttestamentlichen Bundesbuchs mahnt dringlich, dem Armen den als Pfand genommenen Mantel vor dem Abend zurückzugeben „denn sein Mantel ist seine einzige Decke für seinen Leib, worin soll er sonst schlafen.“ Wie wahr! Auch ein Apostel Christi friert und braucht den Schutz des Mantels. Der Mantel ist mehr als der Mantel. Er ist Symbol für den Schutz in einer oft ungastlichen Welt. So erinnert diese Stelle auch an die Kleider Christi, die ihm bei der Kreuzigung ausgezogen wurden. Im Johannesevangelium wird berichtet, wie die Soldaten das aus einem Stück genähte Untergewand nicht zerteilen, sondern darüber das Los werfen. So auch die Soldaten auf Wilm Dedekes Gemälde Die Kreuztragung Christi, das im Südschiff ihrer Kirche links neben dem Portal hängt. Es zeigt, wie die Soldaten gerade die Loswürfel um den Rock Christi in die Luft werfen. Jesus, nackt, ohne den Schutz der Kleider, seines letzten Hemds beraubt wird zur Kreuzigung abgeführt. Und weiter weist der Mantel des Paulus voraus auf den Mantel, den der Soldat Martin von Tours mit dem frierenden Bettler teilte. Weist voraus auf die Schutzmantelmadonna, die mit ihrem sternenübersäten blauen Mantel Trost für unzählige Menschen in schweren Zeiten war und in manchen Gegenden der Marienfrömmigkeit es noch ist. Weist auch voraus auf die zu Herzen gehende Szene in Brechts Stück Die Mutter. Sie spielt im Kaufladen. Eine Arbeiterin kann ihrem frierenden Kind keinen Mantel kaufen, weil die Löhne gekürzt wurden. Daraufhin nimmt die mutige Mutter Pelagea Wlassowa ein Schnittmuster eines Mantels aus Papier und zieht es dem Kind an mit den bitteren Worten: „Geh hinaus, Iljitsch, mit deinem Mantel und sag dem Schnee , er soll dich verschonen, da der Fabrikant dich nicht verschonen will. Du hast den falschen Mantel und die falschen Eltern, Iljitsch.Sie wissen nicht, wie man einen Mantel für dich bekommt.“

Wir haben keinen Mangel an Mänteln in unseren Breiten mehr, das Angebot ist vielfältig. Und wenn man nicht Wert auf ganz bestimmte Marken legt, sind gute warme Mäntel auch für den schmalen Geldbeutel erschwinglich. Aber viele Menschen in den ärmeren Ländern Asiens und Afrikas müssen sich immer noch mit Schnittmustern zufriedengeben, auch die Menschen in den Kleiderfabriken Asiens, die die Mäntel, Hosen und Jacken für uns herstellen. „Bring den Mantel mit“, den Mantel, der so nötig ist wie das tägliche Brot, um das wir in dem Gebet bitten, das Jesus uns gelehrt hat.

Aber nicht nur den Mantel soll Timotheus mitbringen sondern auch die Buchrollen und Pergamente. Mein Kommentar Neues Testament Deutsch sagt: Es wird sich um ein Buch oder mehrere Bücher der hebräischen Bibel gehandelt haben, etwa den Psalter und den Propheten Jesaja. Das ist sicher richtig. Aber könnte nicht auch ein außerbiblisches Buch dabei gewesen sein?! Etwa die Irrfahrten des listenreichen und vielerprobten Odysseus,die in manchem doch den Leiden des Apostels auf seinen Reisen gleichen? Oder die Antigone des Sophokles, die Geschichte jener mutigen jungen Frau, die gegen den Willen des Staats ihren geächteten toten Bruder begräbt. „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da“,sagt sie. Eine Schwester Jesu hat ein kluger Ausleger sie mal genannt. Oder vielleicht war unter den Büchern sogar etwas Lustiges von Aristophanes, der Liebesstreik der Frauen um Lysistrata gegen die kriegführenden Männer, eine bis heute aktuelle Komödie.

Bringe den Mantel mit, Timotheus, als Schutz gegen die Kälte und die Bücher als Zeichen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Sondern vom Wort Gottes natürlich, aber auch von Geschichten, Gedichten und Theaterstücken, die von den Leiden und Hoffnungen der Menschen erzählen, die Vorschein von Glück und Versöhnung sind. „Gott hält sich einige Dichter“, hat der katholische Theologe Kuschel mal gesagt, weil sie poetischer und bewegender von seiner Geschichte mit den Menschen erzählen können als wir oft prosaischen Theologen.

Schließlich sind da noch die Pergamentrollen, auf denen etwa Briefe an die christlichen Gemeinden gestanden haben möchten. Vielleicht waren auch persönliche Dokumente des Apostels darunter, ein Brief der Eltern, eines Freundes oder sogar einer Freundin.Und wenn man dem Pergament kratzte, kam vielleicht ein Liebesgedicht von Catull oder eine Weinrechnung zum Vorschein – empfiehlt der Apostel doch an anderer Stelle seinem Schüler, wegen seines kranken Magens ein wenig Wein vermischt mit Wasser zu trinken. Wir wissen nicht, was auf den Pergamenten stand, aber diese Habseligkeiten bringen mir den Apostel bzw. den unbekannten Briefschreiber, der sich seinen Namen leiht, doch näher. In einer Welt, die von den frühen Christen als vergehende erlebt wurde, sind diese Requisiten der apostolischen Erdenfahrt doch etwas sympathische Welthaltiges.

Drittens und zum Schluß will ich fragen: ich welchem Verhältnis stehen diese alltäglichen Dinge, Mantel und Bücher, zu der Seligkeit des Glaubens? Gibt es zwischen diesen beiden Welten Verbindungen? Seligkeit ist ein fast unanfechtbares Gehaltensein im Leben mit und ohne Gott. Wir kennen diese Seligkeit aus dem Verhalten von Kindern – ihr völliges Vertieftsein ins Spiel, ihre beiläufig hingeworfenen Bemerkungen von großer Weisheit. Muss ich auch sterben, fragt die Sechsjährige den Vater. Ja! Darauf nach einer Weile,während sie weiterzeichnet: „Ich sterbe gerne, nur jetzt noch nicht.“ Wir kennen diese Seligkeit in den großen Augenblicken der Kunst, in den Momenten des Wiedererkennens. Seligkeit ist etwas, in dem man sein kann und es doch nicht weiß. So wie der Gaukler, der Mönch wird und nicht weiß, wie er zu Gott beten soll. Der Abt empfiehlt ihm das zu tun, was er gerne macht. Er beginnt hingebungsvoll zu tanzen. Darauf der Abt, der ihn beobachtet hat: „In deinem Tanz hast du Gott mehr gelobt als wir mit all unseren Gebeten.“ Seligkeit ist eine Heiterkeit und Getröstetsein, ein Geschenk der Gnade. Es ist bekannt als Zeichen der Souveränität christlicher Bekenner und Märtyrer, ich erinnere an Dietrich Bonhoeffers Haltung im Gefängnis und kurz vor seiner Hinrichtung .Und doch fallen Menschen in dieser Lage auch alltägliche Dinge ein, wie der letzte Brief an seine Eltern vom Januar 1945 zeigt. Um Zahnpasta, Handtuch, Streichhölzer bittet er und um Bücher, Pestalozzis Lienhard,Natorps Sozialpädagogik und den Plutarch. Alltagsglück und Seligkeit hängen enger zusammen als wir denken. Was im Augenblick des Sterbens Bestand hat, wir wissen es nicht: Vielleicht bleibt zum Schluß die Bitte um den Mantel Gottes: „O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest“, heißt es in einem Gedicht der Else Lasker-Schüler, „ich bin im Kugelglas der Rest. Und wenn der letzte Mensch die Welt vergiesst, du mich nicht wieder aus der Allmacht läßt und sich eine neuer Erdball um mich schließt.“ Möge es so sein. Amen