Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über 3. Mose 19

Pfarrerin Verena Lang

20.06.2004

Flüchtlingssonntag

Fremde Herkunft- Gemeinsame Zukunft

Liebe Gemeinde,

einmal im Jahr denken wir in einem Gottesdienst an all die Flüchtlinge unter uns und auf der Welt. Diese Jahr fällt der Flüchtlingssonntag auch mit dem Weltflüchtlingstag zusammen, welcher in 19 Ländern mit verschiedenen Aktionen durchgeführt wird. Solche Erinnerungstage sind für mich wie Tag-Träume, welche für einen Moment lang zeigen wie eine menschliche Zukunft aussehen könnte. Sie lassen für einen kurzen Augenblick etwas aufleuchten, was eher im Alltag nur untergründig da ist. Sie thematisieren Ziele und Hoffnungen. Was bringt es, fragen wir uns häufig, einmal im Jahr? Vielleicht eben das gleiche wie eineTraumbotschaft, die uns erinnern will, die etwas aufnimmt, was sonst nicht ausgedrückt werden kann, die manchmal auch verunsichert. Warum nicht einen solchen Tag sehen wie eine Himmelsleiter, welche uns eine Verbindung herstellt zwischen der Wahrheit jetzt und der erträumten Zukunft.

Viele biblische Geschichten erzählen davon, von Problemen hart wie Stein und von der Kraft Gottes, die da ist , oft im Verborgenen und in den Krisen entdeckt werden muss.
Wir finden in der Bibel die verschiedensten Flüchtlingsschicksale. Fremdsein, auf der Flucht sein, vertrieben werden, immer wieder begegnen wir diesem Motiv.
Es zieht sich in Variationen durch das Alte und Neue Testament. Es beginnt tatsächlich schon mit Adam und Eva, welche aus dem Paradies vertrieben werden, setzt sich fort mit Kain, Noah rettet sich durch Flucht in die Arche, Abraham zieht auf Gottes Geheiss aus in ein unbekanntes Land, Lot und seine Frau fliehen vor der Zerstörung der Stadt Sodom, Jakob flieht vor Esau, Jona vor seinem Auftrag, Naomi und ihr Mann entfliehen dem Hunger, unzählige Fluchtgeschichten werden allein im Alten Testament erzählt. Das Neue Testament beginnt mit der Flucht der jungen Familie nach Aegypten. Jesus ist zu Beginn seines Lebens ein Flüchtlingskind.
Die Beweggründe zur Flucht sind ebenso vielfältig wie die Menschen. Sie reichen von eigenem Verschulden bis zur Flucht aus Bedrohung durch politische Willkür und Kriege oder Naturkatastrophen. Wer diese Geschichten liest, stellt fest: Gott liebt die Menschen in der Fremde, ihnen gehören sein Schutz und seine Zuwendung. In unserem Predigttext, der übrigens als Leitmotiv auf dem Kalender “Ein täglich Wort steht“, wird der Leser, die Leserin eingeladen sich einmal auf eigene Erfahrungen in der Fremde zu besinnen. „Denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen“, steht da. Das heisst so viel wie: Erinnert euch daran wie es war in der Fremde in Aegypten.
Unser Text legt uns nicht einfach einen wohlwollenden Umgang mit Fremden nahe, weil Gott es so will, sondern es geht letztlich darum, das menschliche Herz zu öffnen, in Kontakt zu bleiben mit unseren Erfahrungen und darauf aufbauend Verständnis zu entwickeln mit unseren Mitmenschen. Schon Wörter sind Erfahrungsspeicher.
Im Wort “fremd“ wird eine Erfahrung schon von der Wortwurzel her angetönt. Das Adjektiv “fremd“ kommt vom neuhochdeutschen Wort “fram“, das heute ausgestorben ist. Man kann es noch im englischen Wort „from=von-her“ erkennen. Ursprünglich hatte es die Bedeutung von entfernt sein, weit weg sein. Fremdsein hat also etwas zu tun mit Entfernung, Abstand haben. Dazu gehört auch keine Verbindung haben, keinen Draht finden zur Umgebung, keine Nähe aufbauen können. Auf dieser ganz elementaren Ebene
hat sich jeder und jede damit schon auseinandersetzen müssen. Wir tragen alle eine bestimmte Mischung von Erfahrungen des Vertraut-seins und Fremdseins mit uns herum, je nach Umständen überwiegt das Eine oder Andere. Wer nach eigenen Erlebnissen sucht, muss nicht ins Ausland gehen. Fremdsein kann man überall erleben bis dahin, dass man sich selber fremd wird, wie es im Text von Kemalettin Kamu heisst: ach die Fremde ist in mir. Es braucht nicht viel und schon kommt man sich bereits als nicht dazugehörend, als danebenstehend vor, z.B. als junger Mensch mit lauter Aelteren, als älterer Mensch mit lauter Jungen. Als Mann allein unter Frauen oder umgekehrt. Ich kam mir vor, wie in einem falschen Film, d.h. was um mich herum war, war so anders, dass ich mich wie ein Fremdkörper darin isoliert fühlte. Solches oder Aehnliches hören wir häufig. Die Schlussfolgerung aus Fremdheitserfahrungen, so legt der Bibeltext es nahe: fühlt euch ein, wie es ist, in der Fremde zu sein. Ihr wisst doch wie es war in Aegypten.
Für uns Schweizer und Schweizerinnen, würde ich es etwas anders formulieren. Wenn schon minimale Erfahrungen von Abweichung in uns Unbehagen und Befremden auslösen, wie muss es dann für denjenigen sein, der als Flüchtling in der Fremde ist?
Flüchtlingsein gehört zu den Extrem-Situationen, zu den Grenzsituationen im Leben. Unser Bibeltext schält dies auch heraus, wenn er andere solche Situationen nennt, etwa die der Witwen und Waisen, welche durch den Verlust ihrer Ernährer ebenso existenziell gefährdet waren und angewiesen waren auf Schutz und Hilfe wie der Fremde.
Der Statistik des Hilfswerkes der Evangelischen Kirchen HEKS entnehme ich: in eine solche Grenz-Situation kamen neu im vergangenen Jahr in der Schweiz 20 806 Personen. Sie alle haben 2003 um Asyl nachgesucht, 20 Prozent weniger als im Jahr 2002. Gesamthaft sind es 90 468 Personen im Asylbereich, also 1, 22 Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon sind ungefähr 24'000 sogenannt anerkannte Flüchtlinge. Die Anderen leben in Unsicherheit wie ihre Zukunft aussehen wird. Das sind nur Zahlen. Dahinter aber verbergen sich menschliche Schicksale.
Viele Flüchtlinge tragen nebst dem Kulturschock, der sie trifft in einem Land mit andern Bräuchen, auch noch schwerwiegende Traumatas von Kriegssituationen oder anderen existenziellen Bedrohungen mit sich herum.

Liebe Gemeinde,

das Thema Flüchtlinge unter uns, es ist kein Einfaches. Und was uns die Bibel vorschlägt: den Fremden zu lieben wie den Einheimischen, das ist schon eine hohe Anforderung, ein Ideal fast. Und gegen Ideale werden häufig Einwände vorgebracht, welche aus eigenen andersartigen Erlebnissen oder aus Medienberichten gespeist sind. Der gemeinsam gelebte Alltag sieht nicht ganz so harmonisch aus. Da sind Spannungen und Konflikte, da muss man sich über alle Sprach- und Kulturunterschiede erst mal mühsam zusammenfinden.
Wer sich mit der biblischen Botschaft verbindlich einlassen will, kommt immer wieder in dieses Spannungsfeld, von konkretem Alltag und Ideal. Es braucht viel bewusste Anstrengung, damit aus Fremden Bekannte, vielleicht sogar Freunde werden, ohne dass das Aufgeben ihrer oder unserer Eigenheit zur Voraussetzung erklärt wird. Die Himmelsleiter ist ein Symbol dafür, dass es eine Verbindung nach oben braucht, um Kraft zu erhalten, diese Spannungen auszuhalten, Aengste zu ertragen, Realität zu spüren und Hoffnung nicht aufzugeben, die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.
Toleranz heisst nicht einfach alles hinzunehmen. Toleranz heisst vor allem, lernen Unterschiede wahrzunehmen und auszuhalten, Fremden mit Respekt zu begegnen und auch die eigenen Grenzen zu akzeptieren, und immer neu versuchen, ins Gespräch zu kommen miteinander, im Wissen darum wie schmerzlich es sein kann, im Exil zu leben.
Es wird auch in Zukunft eine wichtige Aufgabe der Kirche sein, Fremden in unserem Land vom Flüchtling bis zu dem, der Einheimischer geworden ist Unterstützung und Hilfe zukommen zu lassen und sich dafür einzusetzen, dass das allgemeine Klima gegenüber von Menschen in der Fremde, nicht durch Vorurteile und negative Klischees belastet wird.

Ich möchte Ihnen zum Schluss ein Gedicht von Nelly Sachs lesen, welche das Exil aus eigener Erfahrung kannte. Nelly Sachs war Jüdin, sie wurde gezwungen einen andern Namen anzunehmen und sich Sara zu nennen. Sie floh dann mit ihrer Mutter 1940 mit Hilfe von Selma Lagerlöf nach Schweden. Auf diesem Hintergrund ist das folgende Gedicht entstanden.
Kommt einer von ferne
Kommt einer
von ferne
mit einer Sprache
die vielleicht die Laute
verschließt
mit dem Wiehern der Stute
oder
dem Piepen
junger Schwarzamseln
oder
auch wie eine knirschende Säge
die alle Nähe zerschneidet

Kommt einer
von ferne
mit Bewegungen des Hundes
oder
vielleicht der Ratte
und es ist Winter
so kleide ihn warm
kann auch sein
er hat Feuer unter den Sohlen
(vielleicht ritt er
auf einem Meteor)
so schilt ihn nicht
falls dein Teppich durchlöchert schreit -

Ein Fremder hat immer
seine Heimat im Arm
wie eine Waise
für die er vielleicht nichts
als ein Grab sucht.

Amen.


 


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