Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 4. Mose 21,4-9

Pastor Dr. Christoph Schroeder

02.04.2006 in der Auferstehungskirche Großhansdorf

Liebe Gemeinde,

Das Volk Israel befindet sich in der Wüste, seit vielen Jahren schon. Aber die lange Wanderung wird bald ein Ende haben. Die Jahre der Entbehrung, des Unbehaustseins, des von Ort-zu-Ort-Ziehens werden bald vorbei sein. Das Gelobte Land liegt greifbar nahe.
Da geschieht etwas Unvorhergesehenes. Die Edomiter, ein Volk, das an das Gelobte Land angrenzt, verweigern den Israeliten den Durchzug. Sie müssen wohl oder übel einen Umweg nehmen, der wieder Zeitverlust bedeutet. Ja, sie müssen zunächst sogar wieder zurückgehen in Richtung Schilfmeer. Auf einmal ist das so nahegerückte Ziel wieder ganz weit weg.

Diese Situation der enttäuschten Hoffnung kennt jeder von uns auch. Nach zehn erfolglosen Bewerbungen eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, das auch noch hoffnungsvoll verläuft. Und dann doch wieder eine Absage. Nun kann man wieder von vorne beginnen. Nach erfolgreich überstandener Operation und Therapie schien der Krebs besiegt zu sein. Und dann bricht er an anderer Stelle doch wieder auf. Enttäuschte Hoffnung. Alle Kraft, die dagewesen war, ist auf einmal wie verpufft.

Das Volk Israel reagiert, wie man in so einer Enttäuschung leicht reagiert: ungerecht. Sie machen ihrem Unmut Luft und suchen sich einen Schuldigen - Mose und auch Gott selbst: “Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.”
Der Arbeitssuchende sagt: “Ich habe keine Lust, noch mal wieder Bewerbungen zu schreiben. Besser wäre es, ich würde von Hartz IV leben.” Die Kranke: “Mich noch einmal der Tortur der Therapie unterziehen. Hätte ich doch den Krebs unbehandelt gelassen. Dann hätte ich mehr vom Leben gehabt statt dieser Quälerei jetzt.”
Verständlich sind diese Reaktionen, aber zugleich ungerecht und auch undankbar. Gewiss, man muss auch mal Dampf ablassen können und der Enttäuschung Raum geben. Wer könnte das denn auch: gleich wieder die Zähne zusammenbeißen und weiter. So übermenschlich ist ja keiner. Aber sich ganz zu verweigern und aufzugeben? Destruktiv werden und das Ziel ganz aufgeben? Denn in Wirklichkeit gibt es ja keine Alternative zu dem angestrebten Ziel - zum Einzug ins Gelobte Land, zur Suche nach einer Stelle, zur Überwindung der Krankheit.

“Da sandte der Herr feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.”

Ist das nicht so - das Aufgeben, das Sich-Verweigern, das frustrierte Sich-Treiben lassen verschlimmern die Lage nur. So nachvollziehbar das auch ist; es schädigt vor allem einen selbst. Das ist wie ein Gift, das in den Körper dringt und alles lähmt. In der Geschichte der Wüstenwanderung erliegen viele diesem Gift der Schlangen. Aber die anderen, die das mit ansehen, besinnen sich. Ihnen wird klar, dass es für sie um Leben und Tod geht. Und dass sie nicht den Tod sondern das Leben wollen. Das wird ihnen schlagartig bewusst, als sie sehen, wie das Gift die umbringt, die sich aufgegeben haben.
Sie tun der ersten Schritt weg vom Abgrund, weg vom Sich-Treiben lassen, weg vom verführerischen Einstimmen in das Selbstmitleid.

“Da kamen sie zu Mose und sprachen: ‘Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben. Bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme.’ Und Mose bat für das Volk.”

Der erste Schritt weg vom Abgrund ist der Mut zur Einsicht und zur Selbsterkenntnis: “Wir haben gesündigt, dass wir wider den Herrn und wider dich geredet haben.” Sie springen über ihren eigenen Schatten, geben zu, dass sie sich verrannt haben. Und Mose hört auf sie. Er legt Fürsprache für sie ein bei Gott.

Was wird nun geschehen? Ihre Bitte ist, dass Gott die Schlangen von ihnen nehme. ‘Gott hat die giftigen Schlangen erst geschickt. Dann kann er sie doch auch wieder wegnehmen. So einfach ist das.’ Aber so einfach ist das eben nicht! So einfach ist das in unserem Leben doch auch nicht!
Jedenfalls tut Gott das hier nicht, was das Volk sich in kindlichem Wunschdenken erbittet: “dass er die Schlangen von uns nehme.” Wenn das Gift einmal da ist, das Denken besetzt und mutlos macht, das Gift, das überall einsickert und sich festsetzt, das Gift, das einen lähmt und leblos macht, dann ist das keine Lösung: “dass er die Schlangen von uns nehme.”
Dem Alkoholiker, der dabei ist, sich zu Tode zu trinken, kann man nicht sagen: ‘Hör doch auf zu trinken.’ Dem Depressiven, der seinen Lebensmut verloren und das Gift der Schwermut in sich aufgenommen hat, kann man nicht sagen: ‘Sei doch wieder fröhlich.’ Dem Volk Israel in der Wüste, das sich destruktiver Schwermut hingibt, ist nicht geholfen, wenn sein Bitte erfüllt wird, ”dass er die Schlangen von uns nehme.”

Gott wird dem Volk helfen, aber auf eine besondere und auf den ersten Blick schwer verständliche Weise. Er sagt zu Mose. “Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.”
Gott nimmt die Schlangen nicht einfach weg. Im Gegenteil: Mose soll genau solch eine Schlange aus Kupfer herstellen und sie an einer Signalstange aufstellen. Jeder, der gebissen worden ist und dann diese Kupferschlange anschaut, “der soll leben.”
Ich verstehe das so: den Biss der Schlange, das Gift der Schwermut, überwinde ich nur, wenn ich mich dem, was mich vergiftet, aussetze.

Bei jeder Krankheit, in jeder Krise, habe ich zwei Möglichkeiten: ich kann fliehen, ich kann weglaufen, ich kann die Augen vor der Wirklichkeit verschließen. Ich kann die Krise und das, was sie mir sagt, verdrängen. Oder ich halte stand, sehe dem, was mich bedrängt, in die Augen, halte den Anblick dessen, was mir zusetzt, aus.
Das ist zugegebenermaßen etwas furchtbar Schweres. Bei einer schweren Krankheit nicht der unrealistischen Phantasie nachhängen, dass alles wieder gut wird, sondern der Möglichkeit ins Auge sehen, dass sie mein Leben beendet. Das soll gut sein?
Genau das sagt Gott zu Mose: “Wer gebissen ist und die Schlange ansieht, der soll leben.”

Letzte Woche erzählte mir eine Mutter von ihrer Tochter, die unter Magersucht litt. Sie erreichte ihre Tochter nicht mehr. Schließlich musste sie sie ins Krankenhaus einliefern, da sie sonst gestorben wäre. Die Mutter kam dort zu dem Entschluss, ihrer Tochter zu sagen: “Ich kann dich nicht aufhalten. Ich lasse dich los. Wenn du sterben willst, dann lasse ich dich gehen.” Die Mutter sah der schrecklichen Möglichkeit ins Auge, ihre Tochter zu verlieren. Sie ließ sie los. Sie versuchte nicht mehr, ihre Tochter zu retten.
Eigentümlicherweise, so erzählte sie, war das die Wende. Das Loslassen der Mutter zwang die Tochter dazu, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen.
Die Mutter hatte die Schlange angeschaut, das, wovor sie am meisten Angst gehabt hatte, die Möglichkeit, ihre Tochter zu verlieren. Und an dem Punkt vollzog sich die Wende zum Leben. “Wer gebissen ist, und sieht die Schlange an, der soll leben.” Der Weg zur Heilung führt durch das Durchleben dessen hindurch, was mich bedrängt.

Allerdings: das bloße Anschauen dessen, was mir zusetzt, ist selbst nicht schon heilsam. Es zieht mich möglicherweise nur noch tiefer hinunter. Mose nimmt nicht einfach eine von den Schlangen, die da umherkriechen, und sagt zum Volk: seht diese Schlange an, sondern er stellt kunstvoll eine kupferne Schlange her und stellt sie an einer Signalstange auf. Diese Schlange ist damit anders; sie ist zugleich Zeichen für die in ihr verborgene heilsame Gegenwart Gottes. Die Mutter, die ihre Tochter loslässt, kann das nur tun, weil sie sich damit rückhaltlos Gott anvertraut, mit allen Konsequenzen, die das haben kann. Sie weiß nicht, ob ihre Tochter leben oder sterben wird. Sie vertraut darauf, dass Gott in der Dunkelheit verborgen da ist.

Ich denke, das ist der tiefere Grund dafür, warum die Geschichte von Mose und der Schlange in der Passionszeit im Gottesdienst vorgelesen wird. Wir vertiefen uns in das Leiden und Sterben Jesu - damit wir leben. Jesus selbst hat so gehandelt. Er hat den Tod besiegt, indem er ihn auf sich genommen hat. Er hat den Tod durch seinen Tod besiegt und ihm die Kraft genommen. Er hat dem Tod standgehalten, ihm die Stirn geboten, ist nicht vor ihm geflohen. Dadurch ist er durch den Tod zum Leben hindurch gedrungen.
Wenn wir diesen Weg mit Jesus gehen und so an seiner Passion teilhaben, dann wird auch uns das, was das Leben zerstört und einengt, das Gift der Schwermut und der Hoffnungslosigkeit, nichts anhaben können.
Ein merkwürdiger Weg der Heilung. Durch das Ansehen dessen, was mich quält, vor dem ich mich fürchte, durch das Ansehen dessen werde ich gesund.
Im Johannesevangelium sagt Jesus in seinem nächtlichen Gespräch mit Nikodemus: “Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.” Auch hier: durch das Ansehen, das Vertrauen auf den Gekreuzigten werden wir das ewige Leben haben.

In der Geschichte von Mose und der Schlange geht es um Leben und Tod. Wie überlebe ich den Biss der Schlange? Wie stehe ich eine Krise durch, die mich schleichend vergiftet und in Schwermut stürzt? Nach dieser Geschichte nicht durch positives Denken, das derzeit so im Schwange ist, sondern durch das Anschauen dessen, was mich quält und mir zu schaffen macht.
Eine Weisheit, die heute nicht mehr gefragt ist. Die aber dennoch wahr ist. Die Verheißung Gottes gilt auch heute noch: “Wer gebissen ist und schaut die Schlange an, der soll leben.”

Amen.