Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 5. Mose 30,6 und Kolosser 2, 9-11

Kirchenrat Dr. Rainer Oechslen (ev.-luth.)

12.08.2012 in München in der Versöhnungskirche

Israelsonntag 2012

©elkb.de

Und der HERR, der Gott, wird dein Herz beschneiden und das Herz deiner Nachkommen, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, auf dass du am Leben bleibst.

5. Mose 30,6

 

In ihm – Christus – wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig

und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm,

der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.

In ihm seid auch ihr beschnitten worden

mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht,

als ihr nämlich euer fleischliches Wesen ablegtet

in der Beschneidung durch Christus.

Kolosser 2, 9-11

 

Liebe Gemeinde!

Auch wir Christen sind beschnitten.

Das ist das erste, was wir zu sagen haben am Israelsonntag 2012.

Auch wir Christen sind beschnitten.

Das rufen wir hinein in den vielstimmigen Streit um die Beschneidung, der in unserem Land aufgebrochen ist. Wollte Gott, ich könnte diesen Satz zum Beispiel in die Süddeutsche Zeitung schreiben.

In ihm“ – Christus – „seid auch ihr beschnitten worden“ schreibt der Apostel Paulus – oder vielleicht einer seiner Schüler in seinem Namen – an die Christen von Kolossä.

Es kann also keine Rede davon sein, dass das Urteil des Landgerichts Köln in Sachen Beschneidung von Kindern uns Christen nichts anginge. Keine Rede davon, dass die Debatte um die Beschneidung nur Juden und Muslime beträfe. Keine Rede davon, dass wir Christen beiseite treten dürften und abwarten, wie die Sache ausgehen wird. Der Streit um die Beschneidung betrifft uns nicht nur als Staatsbürger oder als Leute, die gegebenenfalls mit Juden und Muslimen mitfühlen können. Der Streit um die Beschneidung betrifft uns als Christen in unserem Glauben.

Bibelleser werden einwenden: Der Apostel spricht hier im Kolosserbrief doch offenbar von der Beschneidung im übertragenen Sinn. Er denkt nicht an einen Schnitt in die Vorhaut von Männern und Knaben, sondern an eine „Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht“. Im Römerbrief schreibt er, wie es schon im 5. Mosebuch zu lesen ist, von der „Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht“ (2,29).

Es ist wahr: An die Stelle der Beschneidung ist in der christlichen Gemeinde die Taufe getreten. Das Taufwasser hinterlässt keine sichtbaren Spuren am Körper. Aber schon die Behauptung, dass die Taufe an sich keine Spuren hinterließe, wäre eine Irrlehre. Wenn Paulus von der „Beschneidung des Herzens“ spricht, wenn er sagt, dass wir unser „fleischliches Wesen ablegen in der Beschneidung durch Christus“, dann weist er darauf hin, dass die Taufe alles andere als harmlos ist. Auch von uns wird in der Taufe etwas weggenommen. Etwas „Fleischliches“ – was immer das sei – wird abgeschnitten, ein Vorgang, der wohl kaum schmerzlos sein kann.

Nach der Taufordnung unserer Kirche soll der Pfarrer oder die Pfarrerin einem erwachsenen Taufbewerber drei Fragen stellen: „Glaubst du an Gott den Vater, den Schöpfer aller Dinge? Glaubst du an Jesus Christus, deinen Erlöser? Glaubst du an den Heiligen Geist, der auch in dir wohnt und dich heiligt?“ Dreimal antwortet der Kandidat oder die Kandidatin: „Ja, ich glaube.“ Dann kann der Pfarrer noch eine vierte Frage stellen: „Sagst du dich los vom Bösen und allen seinen Werken?“

Ich bekenne: Ich habe die vierte Frage nie gestellt. Ich sagte mir: Wer sich zu Gott bekennt, hat sich schon losgesagt vom Bösen. Aber vielleicht war das nur eine Ausrede. Vermutlich hatte ich Scheu, allzu deutlich werden zu lassen, dass zur Taufe nicht nur eine Zusage gehört, sondern auch eine Absage. Das Stück Fleisch, von dem wir uns in der Taufe lossagen, heißt zum Beispiel – auch hier folge ich dem Apostel Paulus – „Eifersucht.“ Oder es heißt „Zorn“ oder „Feindschaft“ oder „Neid“ oder „Saufen und Fressen“ (Gal. 5, 20-21).

Auch hier stelle ich mir vor, dass jemand einen Einwand macht. Dieser jemand könnte sagen: „Das alles sind doch unangenehme Eigenschaften: Eifersucht, Zorn, Neid und Sauferei. Von dem allen sage ich mich gerne los.“ – Wirklich? Stell dir vor, du arbeitest seit Jahren fleißig, gewissenhaft, ordentlich. Aber in deiner Firma zählt das nicht. Da gelten die Schaumschläger, die nicht viel von der Sache verstehen, aber um so mehr aus sich machen. Seit Jahren pflegst du liebevoll deinen Groll. Und dann kommt so ein Paulus und nimmt dir deinen Groll weg – und hat keine andere Begründung als den simplen Satz: „Du bist getauft. Und der Neid ist ein Werk des Fleisches.“ Oder stelle dir vor, du isst am Abend dein Wurstbrot und alle paar Tage ein Schnitzel, ein Stück Braten oder ein paar Weißwürste. Dann kommt dein Sohn und sagt: „Papa, so geht es nicht weiter mit der Massentierhaltung und mit dem immer weiter steigenden Fleischverbrauch auf der Welt.“ Du weißt, er hat Recht, aber dir schmeckt deine Schinkensemmel so gut. Dein Sohn nimmt dir den Schinken aus der Hand und sagt nichts weiter als: „Papa, du bist getauft und Fresserei ist ein Werk des Fleisches.“ Oder du arbeitest als Ingenieur bei einem großen Konzern – vielleicht hier in München. Die Firma hat einen guten Ruf. Aber ihr stellt nun einmal auch Militärlastwagen und Panzer her. Gerade wartet ihr auf die Genehmigung, 200 Panzer nach Saudi-Arabien zu verkaufen. Da kommt dein Freund und sagt: „Morgen wirst du kündigen.“ „Warum?“ fragst du – und er: „Du bist getauft. Und Feindschaft ist ein Werk des Fleisches.“

Es ist wunderbar, dass wir getauft sind, dass wir Kinder sind unseres Vaters im Himmel, dass wir Brüder und Schwestern Jesu sind, dass der Heilige Geist uns in der Anfechtung tröstet. Aber zugleich kann diese Taufe auch wehtun, weil sie uns etwas nimmt, ein Stück von unserem alltäglichen, bürgerlichen, normalen Leben, ein Stück liebgewordenen Alltags, den Sonntagsbraten, unsere Stelle bei einem Weltkonzern. Ein Stück „Fleisch“, wie Paulus das nennt.

Halten wir fest:

Wenn wir die Taufe nicht verharmlosen, dann ist die Beschneidung auch das Thema der Christen. Denn in der Taufe wird uns nicht nur etwas gegeben. Es wird uns auch etwas genommen, ein Teil unseres normalen, unseres alltäglichen Lebens. In der Sprache der Bibel heißt dieser Vorgang „Beschneidung des Herzens“.

Auch für Juden und Muslime ist klar, dass die Beschneidung des Herzens wichtiger ist als die Beschneidung des Körpers. Eine Beschneidung des Körpers kann es nur geben für Männer und Knaben. Die Beschneidung des Herzens gilt allen Menschen, Männern wie Frauen.

Zwei Fragen sind jetzt noch offen. Zuerst: Wenn die Beschneidung des Herzens das Wichtigste ist und wenn Juden, Christen und Muslime in dieser Sache einig sind – braucht es dann noch ein äußeres Zeichen am Körper?

Im Fall unseres Herrn Jesus Christus hat sich diese Frage nicht gestellt. Er war beschnitten an seinem Herzen und an seinem Körper. Das Lukasevangelium berichtet unmittelbar nach der Weihnachtsgeschichte: „Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.“ (Luk 2,21)

Die christliche Gemeinde hat sich dann in der Zeit der Apostel dazu durchgerungen, dass die körperliche Beschneidung nicht notwendig ist. Wer Christen, die aus unbeschnittenen Völkerschaften kamen, einreden wollte, sie müssten sich außer ihrer Taufe auch noch beschneiden lassen, der hatte Paulus gegen sich. Die Beschneidung des Herzens genügte.

Für die Juden hingegen – wenigstens für die allermeisten von ihnen – bleibt die körperliche Beschneidung das Zeichen des Bundes mit Gott. Ein großer Kenner Israels sagt: „Die Tora – die Weisung Gottes – lehrt uns die hohe Kunst der Unterscheidung, nicht bloß im großen Ganzen zwischen Gut und Böse, nicht im Allgemeinen zwischen Gott gefällig und Gott widrig.... Sie macht uns Gott sinnlich bis an unseren Leib heran und in unseren Leib hinein.“ (Friedrich Wilhelm Marquardt)

In der Debatte der letzten Wochen wurde gerade dieses „bis in unseren Leib hinein“ zum Problem. Man sagte, durch die Beschneidung würde ein Bub nicht nur unwiderruflich zum Juden oder Muslim, sondern möglicherweise durch den Schnitt an seinem Geschlechtsteil auch traumatisiert, also in seiner Seele verletzt. Man fragte, ob es nicht einfachere, weniger „einschneidende“ Symbole geben könnte, um die Zugehörigkeit zum Judentum zu markieren. Ich nehme solche Argumente ernst. Aber ich glaube, man muss es den Juden überlassen, welche Folgerungen sie daraus ziehen. Wer besser über das Judentum Bescheid wissen möchte als die Juden selbst, der würde alsbald auch besser als wir Christen wissen, was Taufe und Beschneidung des Herzens bedeuten.

Die zweite Frage: Dürfen Eltern so weit reichende Entscheidungen für ihre Kinder treffen?

Kein Zweifel: Durch Beschneidung und Taufe werden Menschen für ihr Leben gezeichnet, auf unterschiedliche Weise, jedoch unwiderruflich. Es bleibt ein Wagnis, solche Entscheidungen zu treffen. Vielleicht werden unsere Kinder sie uns eines Tages zum Vorwurf machen. Zugleich aber glaube ich: Solche Entscheidungen sind unvermeidlich. Meine Kinder konnten sich ihren Vater nicht aussuchen. Sie sind aufgewachsen mit einem Vater, der keine anderen Götter haben durfte und darf als den Gott, der Israel aus der Knechtschaft befreit hat. Vermutlich habe ich das erste Gebot nicht immer eingehalten. Dass es aber für mich gilt, steht außer Zweifel. Sie sind aufgewachsen mit einem Vater, für den der Name Jesus der „Name über alle Namen“ ist (Phil 2,9). Sie sind aufgewachsen mit einem Vater, der gesungen hat und singt und darum bittet, dass Gottes Geist „in seinem Herzen wohne und seine Sinne und Verstand regier“ (EG 328,2). Eine Entscheidung über meine Kinder wäre auch dann gefallen, wenn ich sie nicht zur Taufe getragen hätte. Aber das ist nur der eine Teil der Wahrheit.

Der andere Teil ist: Jeder Mensch hat seine eigene Geschichte mit Gott. Ob unsere Kinder sich im Glauben an Gott auch noch geborgen wissen, wenn sie erwachsen sind, das liegt nicht in unserer Hand. Juden und Muslime entscheiden über die Beschneidung ihrer Söhne. Christen entscheiden über die Taufe ihrer Kinder. Über die Beschneidung der Herzen aber entscheidet Gott allein.

Das Urteil von Köln hat Juden, Muslime und Christen aufgeschreckt. Über vieles müssen wir nun neu nachdenken und diskutieren, was vorher selbstverständlich schien. Über den Weg Gottes mit den Menschen, über das Menschenherz, das beschnittene und das unbeschnittene, entscheidet kein Gericht.

„Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg;

Aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“ (Sprüche 16,9)

Amen