Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 5. Mose 6,1-13

Karin Dauenheimer (ev.-luth.)

12.06.2009 in Dresden

Ökumenisches Abendgebet zum Christopher Street Day 2009

Ökumenisches Abendgebet zum Christopher Street Day 2009

Was für ein gewaltiger Text! Wir haben ihn eben als Lesung schon gehört und ich lese ihn jetzt noch einmal etwas zusammengefasst und frei übertragen:
Dies sind die Gesetze und Gebote, die sollt ihr euch einprägen, also lernen und an eure Nachkommen, also Kinder, Kindeskinder und Schüler und Schülerinnen weitergeben, also lehren. Ihr sollt danach handeln, also diese Gesetze und Gebote mit Leben erfüllen, euer Leben tagtäglich danach richten, damit es euch gut geht. Ausgestattet mit dem Wissen darum, was richtig und gut ist und mit der Geschichte derer, die vor euch waren, also getragen von der Tradition sollt ihr die Vision vom gelobten Land, das Gott fest versprochen hat, lebendig halten. Gott hat es versprochen, ein Land, wo Milch und Honig fließt. All diese Anweisungen, Gebote und Gesetze einerseits und die Hoffnung auf das Zugesagte andererseits müsst ihr euch regelmäßig in Erinnerung rufen, also schreibt es euch hinter die Ohren, tragt es auf der Stirn und in den Augen, schreibt es an Häuser und Zäune! Das verheißene gelobte Land, im wörtlichen und im übertragenen Sinne ist nicht unser Verdienst. Es ist vielmehr ein Geschenk, bessergesagt eine Leihgabe. Generationen vor euch haben bereits daran gearbeitet, Häuser gebaut, Zisternen ausgehauen und Weinberge angelegt. Ihr steht auf vielen Schultern und übernehmt eine große Verantwortung. Gott sichert euch allen, dir und dir und dir und mir ein sinnerfülltes Leben zu. Darum sollt ihr die Geschichte, die hinter uns liegt und die Geschichte, die vor uns liegt, nicht vergessen. Diese Geschichte zeigt euch, dass es möglich ist, aus Sklaverei befreit zu werden.
Soweit noch einmal der Text in einer etwas freien und interpretierenden Übertragung.
1. Was sollten wir zum besseren Verständnis wissen?
2. Was kann uns dieser Textabschnitt sagen, womit können wir ihn in Verbindung setzen?
3. Welchen Zuspruch, welche Ermutigung kann ich daraus für mich persönlich schöpfen?

1.) Zum besseren Verständnis:
Das Volk Israel wurde unter der Führung von Mose, Aaron und Mirjam aus der Sklaverei in Ägypten befreit. Sie ziehen nun jahre-, ja jahrzehntelang durch unwirtliche Gegenden, überwiegend Wüste und Steine.
Die Bibel sagt, es waren 40 Jahre. Eine Zahl, die zum Vergleich einlädt! Hier bedeutet diese Zahl nicht eine exakte Zeitangabe, sondern, es dauerte zwei Generationen vom Aufbruch bis zur Ankunft.
Also, die meisten der hoffnungsvoll Aufgebrochenen werden das verheißene gelobte Land nicht erreichen. Geradezu erschütternd erzählt die Bibel vom Tod Moses, der nur einen Blick dahin werfen durfte, aber selber seinen Fuß nicht hineinsetzen wird. Auf dieser Wüstenwanderung, inklusive vieler Zwischenlager, die detailreich aufgezählt erden, passiert sehr, sehr viel. Das war keine Touristen-Safari, auch kein Abenteuerurlaub. Hunger, Verzweiflung, offene Meuterei.
Dann wieder wunderbare, unfassbare Erlebnisse, die die Hoffnung auf ein reales und erreichbares Ziel wieder aufleben lassen. Diese Leute, Volk Israel genannt, waren vorher Sklaven. Sie waren bei den Ägyptern engen Regeln unterworfen, die sie sich nicht ausgesucht hatten: harte Arbeit, karger Lohn. Jetzt sind sie befreit und sie sind nun frei, ganz frei, irgendwie zu frei.
Damit konnten sie schlecht umgehen, das waren sie auch gar nicht gewohnt. Um die Härten dieser unglaublichen Suchwanderung durchzustehen, brauchen sie ein Geländer, ein Stützkorsett, sie brauchen Regeln und Ordnungen. Und in den Kapiteln rund um unseren Text finden wir massenhaft Regeln und Vorschriften. Viele davon gelten den gläubigen Juden bis heute, wenn sie auch nicht alle wirklich anwenden, wie mir das kürzlich ein Jüdischer Kantor erklärte.
Die Quintessenz dieser Ordnungen ist uns allen mehr oder weniger vertraut: es sind die "10 Gebote". Diese 10 Grundvereinbarungen sollen das Zusammenleben untereinander einerseits und die neue, besondere Form der Religion andererseits - also ein Gott allein - regulieren helfen.
Ich bin immer noch bei Punkt 1. Was sollten wir zum besseren Verständnis dieses winzigen Textstückes wissen? Hinter allem steht wie ein Hintergrundleuchten und als Voraussetzung für alles Hoffen und Kämpfen der Glaube an Gottes Zusage, sein Volk zu führen und zu retten. Und dies nicht, weil es besonders groß oder stark oder besonders vorbildlich ist, sondern allein, weil Gott es liebt. Theologie und Schriftauslegung bewegt sich immer zwischen diesen beiden Polen von Geschichte und Irrationalität.

2.) Welche Vergleichs- und Ansatzpunkte finden wir in diesem Textabschnitt?
Es gab Vorgespräche für diesen Gottesdienst. Vertreter der Vorbereitungsgruppe fragten an, würdest du das machen, wir haben einen Text ausgewählt und wir haben uns das und das dabei gedacht. Sinngemäß: 40 Jahre Wüstenwanderung – 40 Jahre Christopher-Street-Day.
Wir, die Gruppe vom Stammtisch der christlichen Lesben und Schwulen sind dankbar dafür, wie Gott auch uns herausgeführt hat und noch herausführt aus einer vergleichbaren Gefangenschaft und Unterdrückung.
Nachdem ich dann den vorgeschlagenen Text gelesen hatte, rief ich zurück und sagte, da müsst ihr euch aber warm anziehen, wenn ihr wollt, dass ich euch das auslege. Denn zuerst war mir der Teil entgegen gesprungen, der von den Städten, den Häusern, Brunnen und Weinbergen erzählt, die dem wandernden Volk verheißen werden.
Klar gesagt bedeutet das ja nichts anderes, als dass dieses gelobte Land im Moment noch anderen Leuten gehört und von anderen kultiviert und aufgebaut wurde. Um da leben zu können, muss es eingenommen, besetzt, erobert werden. Ja, und die anderen Leute dort, die werden bestenfalls verjagt oder versklavt, vermutlich aber auch reihenweise umgebracht. Das macht das Ganze für mich hochpolitisch und es fällt mir dazu der unendliche, unheilvolle Nahostkrieg ein, die Ausbeutung der gesamten Erde, die Ausbeutung der so genannten 3. und 4. Welt durch uns, die Menschen der so genannten 1. Welt.
Und übersetzt auf unser aktuelles Thema CSD: Befreiung von uns Lesben und Schwulen aus Unterdrückung, Verachtung und Unsichtbarkeit heißt dann auch immer: Besetzen und Umstürzen der vorhandenen kulturellen und sozialen Ordnungen.
Wir wissen alle, dass es nicht funktioniert zu sagen, ich bin lesbisch, ich bin schwul und das ist gut so, das ist okay für mich, ich bin okay, also was soll`s? Wir befinden uns doch vielmehr in einem komplizierten, schmerzhaften Prozess. Immer noch gibt es viele Menschen, die sich durch uns bedroht fühlen, weil ihre ewigen Werte plötzlich auf den Prüfstand sollen. Sie fühlen sich bedroht und fürchten den Verlust wichtiger Werte, sie sehen die Ehe und Familie und damit das ganze Abendland in Gefahr.
Wir sind uns hier einig, dass dies überhaupt nicht unser Ziel war und ist. Aber diese Ängste müssen wir wahrnehmen und auch ernst nehmen. Ich erinnere mich noch zu gut (und erlebe es ja immer wieder), wie auf die Forderungen der Frauenbewegung reagiert wurde und wird.
So, dann nahm ich mir eine Bedenkzeit und dann beschloss ich: Da ihr mich hören wollt, stell ich mich dieser Herausforderung und damit auch einem wichtigen Stück meiner eigenen Geschichte als Christin, als lesbische Theologin in der DDR, als allein erziehende Mutter, als Frau in einer immer noch nicht sehr frauenfreundlichen Gesellschaft…
Wie das Volk Israel in unserem Bibelabschnitt befinden auch wir uns noch mitten drin in einem langen Prozess, in einer langen Suchwanderung. Der CSD ist für uns zu einem Symbol für einen großen Aufbruch geworden, er ist ein Anfangspunkt, dem natürlich auch schon viel vorausging, und an den wir uns alle irgendwie andocken. Es gibt kein Zurück in den Zustand davor. Der Stein ist wirklich ins Wasser geworfen und er hat die gesamte Wasserfläche für immer verwandelt.
Naja, da hinkt das Bild, denn um diese Veränderung am Leben zu erhalten, bedarf es immer wieder neuer Steine. Aber das Bild hinkt für mich dann doch immer noch, denn eigentlich werfen wir hier keine Steinchen. Wir selber sind die Steine, die hineingeworfen werden, besser gesagt, hineinspringen. Denn es geht nicht um irgendetwas, für uns geht es um uns selber, um unsere würdige, lebenswerte und sinnvolle Existenz. Und wir können das auch schlecht auf später verschieben. Ich fasse die überwältigenden Aufbruchserfahrungen zusammen, die viele hier haben, sei es der lange Prozess des Coming out, die Mitarbeit in der Bewegung, die beglückende Erfahrung, ich bin liebenswert und ich bin liebesfähig, wenn auch anders, als es das gesellschaftliche Normbild mir diktieren wollte.
Aber, wenn es um solche hohen Ziele, um derartige Visionen, um die Freiheit selber geht, und wenn es dabei immer um uns selber, uns ganz persönlich geht, da "menschelt" es schnell. Da gibt es viel Murren und Meckern, Neid und Gehässigkeiten. Und diejenigen, die zur Galionsfigur der Bewegung gemacht werden, sich machen lassen, dürfen keine Schwäche zeigen, sonst sind alle ganz doll enttäuscht. Schauen wir noch einmal in die Bibel.
Auch Mose rennt wie ein Irrer immer wieder auf den Berg, schleppt Steinplatten durch die Gegend. Nebenbei erledigt er jede Menge Wunder, um die Menschen bei Laune zu halten. Trotzdem fallen die ihm regelmäßig in den Rücken. Wir erinnern uns, Goldenes Kalb, Fleischtöpfe Ägyptens, wo "nicht alles schlecht war".
Kürzlich sah ich den Film "Milk", der mich sehr einholte. Ganz viel von den beglückenden Erfahrungen der Befreiung einerseits und den Anfeindungen und Verleumdungen ja Bedrohungen andererseits. Und dies nicht immer nur von außen, sondern auch aus den eigenen Reihen. Ich kann bis heute nicht begreifen, wie einige (wenige?), die selber für sich in unseren Gruppen etwas von dieser Befreiung erlebten und dann trotzdem zu Verrätern wurden.

3.) Welchen Zuspruch, welche Ermutigung kann jede und jeder einzelne für sich aus diesem Predigttext schöpfen?
Das kann natürlich nicht ich für euch beantworten, darüber sollten wir uns dann auch noch austauschen, ich möchte nur einige Gedanken anbieten, die für mich stimmen.
Wer aufbricht, der kann hoffen, heißt eben handeln, den Mund aufmachen, sich auseinandersetzen, sich Gesprächen und Anfragen stellen. Und zum Handeln gehört ehrliches Suchen, aber eben auch Versuch und Irrtum dazu. Fehler dürfen gemacht werden. Es geht aber darum, wie wir damit umgehen.
Ich hätte, rückblickend, manches anders gemacht. Aber ich habe nie bereut, den Fuß in die Luft gesetzt zu haben, wie es die berühmte jüdische Dichterin Hilde Domin gesagt hat: Ich setzte meinen Fuß in die Luft und sie trug. Ich habe für mich persönlich diese Erfahrung machen dürfen, die für mich heißt, auch ich bin liebenswert, so wie ich bin, Gott muss sich etwas dabei gedacht haben, als er mir meine Geschichte gab. Und auch ich bin liebesfähig, daran hatte ich vorher jahrelang ernsthaft gezweifelt. Und hinter diese Befreiungserfahrung, diesen Zuspruch, wie ich ihn auch ähnlich hier in unserem Bibelabschnitt finde, wo das Volk Israel die bedingungslose Zusage Gottes erhält, hinter diese Erfahrung kann und will ich nie wieder zurück. Und daraus leitet sich für mich logisch ab, auch tätig zu werden, es weiterzutragen, weiter zu sagen.
Für die christlich Geprägten unter uns muss ich hier auf das Neue Testament verweisen. Dort hat Jesus diese Grundregeln, von denen wir vorhin als den 10 Geboten, auch die 10 Erlaubnisse genannt, hörten, zusammengefasst in einer wunderbaren und schlüssigen Form. Er sagt, Du sollst Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Und wenn wir uns als Staffelläuferinnen und -läufer einreihen, um die Fackel weiterzugeben, übernehmen wir ein Stück Verantwortung dafür, dass die Frohbotschaft auch zu anderen kommt.
Diese Frohbotschaft heißt für die einen: Gott liebt dich und für andere: ich bin liebenswert und liebesfähig. Darum erinnere ich noch einmal an eine Zeile aus dem Lied vom Anfang, wo es heißt: Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Und ganz zum Abschluss schenke ich euch noch eine kleine Geschichte, die unterschiedlich überliefert ist: Ein frommer Rabbi mit Namen Baal Schem Tow erzählt seinen Schülern:" Ich hatte einen Traum. Ich stand vor dem ewigen Weltenrichter und dieser sprach: Ich frage dich nicht, warum bist du nicht Abraham gewesen. Ich frage dich auch nicht, warum bist du nicht Moses gewesen. Ich frage dich, warum bist du nicht du, Baal Schem Tow gewesen?"
Amen