Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 5. Mose 6,20-25

Jens Blume (ev.-luth.)

08.05.2011 In Westgroßefehn (ein Gemeindeteil der evang.-luth. Kirchengemeinde Timmel)

im Rahmen eines Abschlussgottesdienstes zu den Festivitäten des Jubiläums "20 Jahre Fehnmuseum Eiland"

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Ein Museum zu besuchen – das hat seinen ganz eigenen Reiz und: seinen ganz eigenen Hintergrund.

Nun sind wir hier in einem Zelt neben dem Fehnmuseum „Eiland“ – aber: das ganze Areal hier: der Hafen, all die Veranstaltungen, die in dieser Fest-Woche ihren Raum hatten – die atmen diese ganz besondere Museums-Atmosphäre...

 

Man geht „anders“ in ein Museum als etwa zu einem Besuch oder ins Kino oder in ein Konzert. Ein Museum kann ein Ausflugsziel sein – aber es ist immer ein Ziel, das man sich besonders vornimmt, und auf das man sich innerlich besonders einstellt.

Man weiß ja von vornherein, dass das „Neue“, das man entdecken wird, „alt“ ist.

Und man öffnet seine Sinne, man öffnet seine Phantasie gegenüber den Geschichten, die sich mit den Dingen, mit den Bildern und vor allem: mit den Worten derer verbinden, die einem die Geschichte nahe bringen.

Das ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt, wenn ich an die Art und Weise denke, wie dieses Jubiläum „20 Jahre Fehnmuseum Eiland“ begangen wird.  Nämlich:

indem die Geschichte unserer Region „lebendig“ wird. Indem in den Blick genommen wird, wie es kam, dass diese schöne Landschaft, in der wir leben dürfen, überhaupt bewohnbar und als Kultur-Landschaft erschlossen wurde.

Man spürt: wir sind mitten drin in dem, was das Leben hier in diesem wunderbaren Teil unseres Landes ausmacht, denn:

Geschichte entsteht aus Geschichten!

Geschichte entsteht aus Lebens-Geschichten und sie lässt sich gerade dann am besten erspüren, wenn jemand etwas von seinen Lebensgeschichten preis gibt, wenn jemand erzählt.

Ich nenne mal – exemplarisch – eine Person, die mich in diesem Sinne sehr geprägt hat – ohne, dass sie das selbst gewollt (oder auch nur gemerkt) hätte.

Ich weiß nämlich noch genau, wie ich als kleiner Junge immer bei Oma Neumann saß.

Auf dem Hof, auf dem ich groß geworden bin, da wohnte (im Altenteilerhaus) eine Familie, die aus dem Osten vertrieben worden war. Unter anderem lebte da Oma Neumann, die irgendetwas um die 90 Jahre alt war.

Das Haus, in dem die Familie lebte, war – aus heutiger Sicht - auch schon ein Museum für sich. Lange Jahre meiner Kindheit war es noch ohne elektrisches Licht – mit Stangenofen in der Küche und Ölofen im Wohnzimmer und mit dem Plumps-Klo hinten am Misthaufen...

Auf jeden Fall – mein Bruder und ich – wir haben (ich weiß nicht wie viele Stunden) gemeinsam mit Oma Neumann verbracht.

Die hatte nämlich zum einen Zeit für uns; und die hatte zum anderen (trotz ihres hohen Alters) immer noch ihre Aufgaben auf dem Hof: Hühner füttern und andere leichte Dinge.

Vor allem aber saß sie ganz oft vor dem Haus (auf so einem kleinen Klappstuhl) und hatte irgendetwas um die Hände. Sie hat Bohnen abgestrümpelt oder auch Erdbeeren, Stachelbeeren oder Johannisbeeren zum Marmelade-Kochen vorbereitet. Sie hat Fallobst ausgeschnitten, so dass man noch Apfelmus davon machen konnte – oder was auch immer...

Ich war (so nebenbei bemerkt) auch immer sehr fasziniert davon, dass Oma Neumann nur noch einen Zahn hatte.

Und damals (ich glaube ich war drei oder vier) wollte ich immer Zahnarzt werden, damit ich ihr diesen Zahn mal ziehen kann. Dazu ist es dann aber (ich glaube zu unser beider Glück) nie gekommen.

Wichtig war aber vor allem:

Oma Neumann hat einfach (so ganz nebenher) erzählt! Wie es früher so war, was sie erlebt hat, wie es mit ihrer Verwandtschaft war und wie es in ihrer Heimat ausgesehen hat...

Eigentlich gar nichts Spektakuläres. Aber sie hat das so lebendig erzählt! Sie hat das als Zeitzeugin so glaubwürdig und echt erzählt, dass wir uns mühelos hinein denken konnten.

In meiner Phantasie war ich damals „so und so oft“ in Schlesien!  Ich kennen da jeden Berg und jedes Feld – ohne, dass ich jemals dort gewesen wäre... //

 

Das ist auch das Besondere an Museen!

 

Das ist das Besondere daran, wenn jemand einen Vortrag hält, wenn jemand erzählt, wenn man Bilder betrachtet, wenn man Gegenstände ansehen oder auch Gegenstände: „be-greifen“ kann.

Denn dadurch erschließt sich deren Geschichte – und sie verbindet sich dann mit unserer eigenen Lebens-Geschichte!

 

Und das ist der Punkt – da berührt sich (für mich) die besondere Situation in Museen, die besondere Situation  dieser Jubiläums-Festwoche hier auf dem Eiland in Westgroßefehn und auch die Aktion „zum Erhalt der Befahrbarkeit des Fehntjer Tiefs“ die sich ja durch diese Woche (vor allem aber durch diesen Tag) zieht, mit dem, was wir in der biblischen Lesung vorhin gehört haben.

Bestimmt erinnern Sie sich. Dort hieß es:

 

Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?, so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand.

 

Das Entscheidende dabei ist für mich nicht die Tatsache, dass oder wie Gott seinem Volk Israel damals geholfen hat, sondern:

Wie dieses Volk mit dieser Erfahrung lebt!

Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird“ – das bedeutet doch: wenn in der Zukunft eine Frage aufkommt, dann antworte mit der Erfahrung von früher!

Und erzähle es dabei nicht so: es war einmal vor über 2000 Jahren – da hat Gott dem damaligen Volk geholfen, sondern erzähle es so:

Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand.

 

Wenn Oma Neumann uns Blume-Jungs mit ihrem Erzählen damals gefesselt und unsere Phantasie auf Reisen geschickt hat – dann deshalb, weil sie von sich erzählt hat. Authentisch! Echt!

Was sie dabei ausgeschmückt und in der Erinnerung schön gefärbt hat – das spielte in dem Moment keine Rolle.

Sie hat uns ihre Lebenswelt, ihre Lebenserfahrung zugänglich gemacht. Und dadurch hatten wir die Chance, sie uns anzueignen, auch darin zu leben und: unsere Lehren daraus zu ziehen.

Dadurch, dass wir im Rahmen des Jubiläums „20 Jahre Fehnmusem Eiland“ jeden Abend einen anderen Vortrag hören konnten – von der Seefahrtschule in Timmel bis hin zu Ortschroniken und Biographien regionaler Persönlichkeiten – vermischten sich die Zeiten!

Man erzählt heute – von den Zeiten von damals, um (auf dem Fundament dieses Wissens) die Zukunft gestalten zu können. Das ist ein guter, gesegneter Weg, das Leben verantwortlich anzunehmen!

 

Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard, vergleicht den Weg durchs Leben mit einem Ruderer. (Bootssport passt ja nun allemal hervorragend zu uns und unserem Anlass heute hier bei diesem Festgottesdienst).

Er sagt sinngemäß: das Leben zu gestalten ist wie mit einem Ruderboot zu fahren: als Ruderer blickt man nach hinten, aber fährt nach vorne.[1]

Was vorne ist, was vorne auf uns zukommt – davon haben wir nur eine vage Vorstellung. Wir planen und nehmen uns Dinge vor – aber wir wissen: nichts, von dem, was kommt.

 

Was wir aber wissen ist: das was war! Darauf können wir blicken – mit unseren Erinnerungen, mit unserer Lebensgeschichte und eben auch mit dem, was wir von denen hören, die vor uns waren.

 

Wenn dich nun dein Sohn oder deine Tochter morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?, so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand.

 

Wenn uns nun morgen unsere Kinder fragen werden: wie war das überhaupt: mit deiner Heimat? Wie ist es gewesen – mit dem „Werden“ der Fehne und mit der Besiedlung dieses Gebietes? Wie war das damals auf den Torfschiffen oder das Leben auf den Werften unserer Region? Wer waren die Reeder? Oder: wie sah es denn aus: das Leben der Seeleute auf großer Fahrt oder auch der Alltag auf den Fischerei- Booten? Wie haben die das geschafft (damals) als der Torf mühevoll gestochen wurde und als kleine Landstellen mit Vieh und Ackerbau einen bescheidenen Lebensunterhalt ermöglichten...?

 

Wenn uns unsere Kinder danach fragen werden – dann tun sie das ja nicht aus irgendeinem „neutralen“ Interesse. Sondern sie fragen, weil ihre Phantasie gern auf Reisen geht. Sie fragen, weil sie ahnen, dass das etwas mit ihrem eigenen Leben zu tun hat und dass es Bedeutung hat für das, was kommt...

Die Grenzen von Zeit und Raum haben dabei ihre Bedeutung – weil es diese Geschichte nur hier an diesem besonderen Ort gab – mit eben den Bedingungen, unter denen Menschen ihr Leben gemeistert haben. Aber:

die Grenzen von Zeit und Raum werden heilsam überwunden, wo es

gelingt, die Erfahrungen der Altforderen mit den eigenen zu verbinden und sich darin als eine Einheit zu verstehen.

 

In unserem Glauben ist das von jeher immer schon so!

Wir hören von den ur-alten Erfahrungen des Volkes Israel mit Gott und wissen: das gilt ja uns! Wir sind die, die befreit werden von allem, was uns zu binden und uns unsere Freiheit zu nehmen versucht. Es ist (sozusagen) der Vater meines Vaters, die Mutter meiner Mutter, die aus Ägypten befreit wurde. Und damit ist es meine Familiengeschichte, damit ist es meine Lebensgeschichte...

 

Wir stehen in dieser österlichen Zeit und wir kennen das Leben Jesu Christi und seine Auferstehung von den Toten und wir vertrauen darauf, dass das „für uns“ geschehen ist.

Natürlich ist das 2000 Jahre her. Aber es ist doch unsere Geschichte! ...

 

Ich glaube, so müssen wir (nicht nur im Glauben) sondern immer mit Geschichte umgehen. „Geschichte entsteht aus Geschichten“.

Und wenn wir ins Fehmuseum Eiland gehen, wenn wir Vorträge hören über die „geschichtlichen Geschichten“ unserer Region und uns damit beschäftigen, dann ist es unsere Geschichte. Und nur wenn wir darum wissen, können wir eine gelingende Zukunft darauf aufbauen.

 

Amen.


[1] Christliche Reden 1848, Düsseldorf 1959, S. 77.