Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 5. Mose 6,20-25

Dr. Christian Staffa

26.01.2005 in der Jerusalemkirche Berlin

Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus

Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus

Der Predigtext für diesen Gottesdienst zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, den morgigen Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, steht im 5. Buch Mose, dem Deuternomium, oder hebräisch im letzten Buch der Torah mit dem Titel „Reden“, devarim, im 6. Kapitel, die Verse 20-25:

Wenn dich nun dein Kind morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen,
Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?,
so sollst du deinem Kind sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten,
und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand;
und der HERR tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten
und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen
und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land
zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte.
Und der HERR hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, daß wir
den HERRN, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlgehe unser
Leben lang, so wie es heute ist.
Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun
und halten vor dem HERRN, unserm Gott, wie er uns geboten hat.

Einen solchen Text an diesem Tag? „Dass es uns wohlgehe unser Leben lang.“ Da stockt uns der Atem. Wir können diesen Text nicht hören, ohne die Bilder des Elends, wie Menschen dieses Wohlgehen in das totale Gegenteil verkehrt haben für Juden, Sinti und Roma, und die Völker, die Deutschland überfallen hat. Können wir antworten, wenn unsere Kinder uns heute oder morgen fragen? Wie können wir fragen, wie könnten wir antworten?
Dieser Text ist der Leittext des Deutschen Evangelischen Kirchentages in diesem Jahr, das ja ganz von dem 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, der Befreiung oder Niederlage der Deutschen gezeichnet ist. Wir wollen diese Wahl des Kirchentages ernst nehmen und uns etwas für dieses Jahr sagen lassen.

Als wir in der Arbeitsgemeinschaft „Juden und Christen beim Kirchentag“, die es seit 1961 gibt, zusammen saßen und hörten, dass dieser Text: „Wenn dein Kind dich morgen fragt“ das Leitwort des Kirchentages und Bibelarbeitstext werden sollte, war ich begeistert. Endlich ein Kerntext der jüdischen Tradition, ein Text der das Ineinander von Geschichte und Gegenwart, das Überspannen von Zeit und Raum deutlich macht, ein Text der von Befreiung spricht, Befreiung von der Sklaverei; ein Text über Freiheit und Gerechtigkeit; ein Text der nach dem Tun, nach einer gottgefälligen Praxis fragt; ein Text der uns Christen dazu bringen könnte, dieses biblische Lehrstück, in ein produktives Verhältnis zur Geschichte von Kirche und Christen zu bringen. Was eine kühne, aber doch enorm wichtige Entscheidung!
Die jüdischen Mitglieder der AG waren demgegenüber mehr als reserviert. Ja, sie waren zum Teil empört und in großer Sorge. Wie könnt ihr diesen Kerntext unserer Glaubenspraxis einfach, ohne uns zu fragen, für solch ein Massenereignis wie den Kirchentag benutzen? Ohne uns zu fragen! Im selben Kapitel, das nun als Ganzes Bibelarbeitstext des Kirchentags wird, steht in den Versen 4 und 5 das Shema Jisrael: Der Herr unser Gott ist ein Herr und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
Das wollt ihr Christen auslegen, was kann dabei herauskommen, wenn nicht wieder und wieder Verzerrung! Das Shema Jisrael war der Ausruf mit dem auf den Lippen oder im Herzen vor Auschwitz und vielleicht in Auschwitz viele Juden ermordet wurden. Es ist der Text, den viele von uns morgens und abends beten. Und ihr wollt euch diesen Text auf einem Kirchentag aneignen?

Nach vierzig Jahren gemeinsamer Arbeit am jüdisch-christlichen Gespräch solch ein Misstrauen, ich war einigermaßen perplex. Unsere jüdischen Gesprächspartner, Freunde, trauen uns nicht zu, diesen Text gegen Missbrauch zu sichern? Sie kritisierten eine so mutige Entscheidung, den Kirchentagsbesuchern, diesen Text angemessen auszulegen, sie fühlten sich übergangen? Zwei Dinge sind mir aufgegangen:
Erstens in dieser Skepsis in diesem Misstrauen liegt die Gegenwart des Mordens von Auschwitz und der jahrhundertlangen antijüdischen Gewalt meiner Kirche.
Zweitens auch ich, der ich seit 20 Jahren im jüdisch-christlichen Dialog arbeite, bin nicht gefeit davor, „ohne zu fragen“ von einer solchen Entscheidung des Kirchentagspräsidiums begeistert zu sein. Noch immer habe auch ich nicht, die Tragweite des Bruchs, die Tiefe des Grabens so präsent, um mindestens zu überlegen, könnte diese Entscheidung für unsere jüdischen Partner schwieriger sein als für uns. Das bedeutet nicht gleich, dem Einspruch zu folgen. Aber die Spannung sollte doch gegenwärtig sein. Der Wunsch den Graben zu überspringen ist groß und kann aber nicht ohne dieses Fragen - wenn überhaupt - gelingen. „Ohne zu fragen“ wird es keine Brücke geben.
Zu fragen ist von uns: Wie wirkt es auf euch, wenn wir „eure“ Texte, die auch unsere sind, lesen? Welche Bilder habt ihr im Kopf? Wir müssen uns fragen, wie wollen wir diese Texte lesen, nach Auschwitz?
Wohl doch nur so, dass wir sie hören, nicht als ureigenen, sondern als Text der unser eigen ist; nur darüber, dass wir hier dem Gott Israels und dem Vater Jesu Christi zuhören, dass wir Israel zuhören, wie es diesen Antwortversuch unternimmt. Ohne Israel kein Christentum und deshalb ist das Hören auf diese Antwort für uns existentiell wichtig.
So lernen wir, wie Israel die Befreiung aus Ägypten über die Zeiten als gegenwärtig versteht. Jede Generation wird von der nachfolgenden Generation befragt und antwortet mit: „Wir waren Sklaven…“ Der zeitliche Abstand wird größer und doch soll sich jede Generation als aus Ägypten befreit verstehen. Die Gebote, Vermahnungen und Rechte erfüllen die Aufgabe, Freiheit und Gerechtigkeit, die Ziel dieser Befreiung aus Ägypten war, zu erhalten. Sie dienen dazu die Herrschaft Gottes zu erhalten und damit die Herrschaft von Menschen über Menschen auszuschließen oder zu bekämpfen, mindestens aber einzudämmen.
Freiheit und Gerechtigkeit Gottes, darum geht es in jeder Generation, die Sklaverei, also die Ungerechtigkeit vor Augen. Jede Generation geht diesen Weg mit, um nicht in den so verführerischen und gewaltförmigen Konkurrenzkampf um Reichtum, Liebe, Macht, um das „ich bin besser als du“ zu verfallen. Um sich nicht abzufinden damit, dass der Fremde drangsaliert wird, der Nachbar zum Feind wird, das Recht zum Unrecht für die Armen, Witwen und Waisen. So gedenkt Israel praktisch der eigenen Befreiung, in dem sie Freiheit und Gerechtigkeit zum Schutz jeden Lebens für sich und die Fremden als Richtlinie der Weisungen und Satzungen umzusetzen versucht. Wir wissen, dass Israel dabei auch Mühe hatte, abfiel von den Geboten. Aber wir wissen auch, dass diese unbedingte Verpflichtung zum Schutz des Lebens einer der Gründe wurde, warum der Nationalsozialismus mit seiner Lebensfeindlichkeit das Judentum auszurotten versuchte. Dass die Kirchen dies nicht gesehen haben, ja dass sie nicht der eigenen Botschaft, sondern dieser Religion des Todes folgten, gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen des christlichen Glaubens, die abzuwehren so sinnlos wie üblich ist.
Um so eher ist es ein Wunder, dass wir diesen Text noch hören können. Können wir ihn hören? Wir dürfen ihn hören, obwohl der Tod nicht zuletzt ein christlicher Meister aus Deutschland war, der Shulamits Haare und ihr Leben genommen hat. Es wäre ja viel vorstellbar gewesen, an möglichen Strafen für die Beteiligung am Morden, für das frohe Begrüßen des Nationalsozialismus als endlich neuer Geist, für den nun kräftiger gebetet werden muss, dessen Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933 vor dem Ausland als berechtigtes deutsches Interesse gegen das Überhandnehmen der Juden im Handel von dem damaligen Generalsuperintendenten Dibelius verteidigt wurde. Viel an biblischen Strafen wäre möglich gewesen, bis hin zum Tod. Und tatsächlich haben ja viele Deutsche, weniger die Judenvernichtung aber doch die deutsche Kriegspolitik mit dem Leben bezahlt. Aber gerade wir Christen, die gegen die eigenen Grundlagen, gegen die biblische Orientierung so eklatant verstoßen haben, hätten ja auch enterbt werden können: Gott hätte nach doch einer geraumen Zeit Geduld mit den Kirchen zu der Einsicht kommen können, dass wir das Evangelium, die befreiende Botschaft doch nur gegen andere offenkundig allzumal gegen das jüdische Volk verwenden können.
Dass wir heute diese Texte aus der hebräischen Bibel und dem neuen Testament noch lesen dürfen, ist also gar nicht selbstverständlich.

Und das wäre wohl das erste, was zu sagen wäre, wenn unsere Kinder uns heute oder morgen fragen: Was sollen denn Gottesdienste, was die Gedenktage, was soll das Holocaust-Mahnmal, was ist der Israel-Sonntag, wo sind die Orientierungspunkte christlicher Existenz?
Von dieser Schuld zu erzählen ist nicht so einfach in einer Zeit, die von Schuld nur in der monströsen Form vergangenheitsbezogen - Auschwitz ist das Böse - oder eben nicht zu reden weiß. Wenn aber nicht von Schuld zu reden wäre, dann ist das Reden von der Gnade, dem Leben-Dürfen auch nicht zu verstehen. Stumpfheit gegenüber Schuld und Verfehlung lässt Gnade und Bedürftigkeit, lässt das Leben verschwinden.
Wenn uns die Kinder fragen werden wir also Geschichten erzählen müssen, Geschichten von Paulus, der die Jesus-Gemeinde öffnete für die Nicht-Juden, von der frühen Kirche, die es als großen Angriff erlebte, dass es Juden überhaupt noch gab. Und die Geschichten der Verfolgungen der Juden durch die Jahrhunderte. Auch die Begeisterung so vieler Christen in Deutschland und der meisten kirchenleitenden Menschen für den Nationalsozialismus sollte in dieser Geschichte beschrieben sein. Es tut weh diese Geschichten zu erzählen. Aber nicht um den Schmerz zu umgehen, sondern um die Geschichte nicht halb zu erzählen, muss dann auch von den anderen Christenmenschen erzählt werden, die dem nicht folgten. Sei es im 18. Jahrhundert Philip Spener, ein wahrhaft frommer Mann, der sagte: Wie könnten wir diesem Gott vertrauen, wenn er seine Zusage an das Volk Israel nicht einhalten würde, wenn sie nicht sein Volk wären, wie er versprochen hat. Könnten wir Christen dann noch auf Gott vertrauen, dass er seine Zusage an uns aufrecht erhält? Ohne Juden kein Christentum!
Es wäre zu erzählen von Marga Neusel, die immer und immer wieder die Kirchenleitung der Deutschen Ev. Kirche dazu drängte, etwas für die Rettung der Juden im NS Deutschland zu tun. Es wäre zu erzählen von Wilm Hosenfeld, dem Offizier, dem Roman Polansky ein Denkmal in seinem Film der Pianist gesetzt hat. Jener Offizier, der aus christlichen Motiven nicht nur Wladyslaw Spylman rettete im zerstörten Warschau. Es wäre zu erzählen von Martin Niemöller und von Lothar Kreyssig, dem Gründer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste, der die Euthanasieverantwortlichen Anklagte, dafür aus dem Dienst entlassen wurde und weiter für die Bekennende Kirche arbeitete. Es wäre zu erzählen von Gertrud Kurz, die Juden in die Schweiz zu holen vermochte und so rettete, oder von Helge Kohlbrügge, die Ähnliches in den Niederlanden tat.
Es wäre aber wiederum zu erzählen, wie schwer es den Kirchen nach dem Krieg, nach dem Völkermord an den Juden, den Roma und Sinti und dem millionenfachen Morden an den slawischen Völkern, darüber zu sprechen. Wie wenig oder wie wenigen es wirklich gelungen ist, das Gespräch mit den Überlebenden und ihren Kindern zu suchen, wirklich hören zu wollen und das Gehörte dann auch auszuhalten und in eine Praxis der Antwort, eine Antwort in kirchlicher und gesellschaftlicher Praxis umzusetzen zu versuchen. Das wäre dann Ver-Antwort-ung, von der heute so gerne gesprochen wird. Es ist eben auch eine Verantwortung für die Vergangenheit, wie sie sich im Gegenüber zeigt. Das Rettende an diesen Geschichten ist, dass es Menschen gegeben hat, die sich von der Menschenliebe Jesu Christi haben anstecken lassen, dass Kirchen spät zwar, aber doch sich diesen Fragen mit Antwortversuchen gestellt haben. Rettend ist nicht zuletzt, dass es Überlebende gab und gibt, die das Gespräch mit uns suchen, Fragen und Ver-Antwort-ung von uns erwarten. Schwer auszuhalten ist, dass wir hier bleibend auf der Suche sind, weil es kaum eine angemessene Antwort auf das Geschehen der Vernichtung der Juden, der Roma und Sinti und Millionen von anderen Menschen gibt.

Es bleibt eine Erzählung mit gebrochener Stimme, die verweist auf die Hilflosigkeit von Gedenktagen und Mahnmalen, die nötig, aber nicht alles sind.
Aber den Kindern zu sagen bleibt doch, dass wir die Freiheit zu fragen als Geschenk erhalten haben, zu fragen nach der Verwicklung unserer Kirche, unserer Gesellschaft und eben die Freiheit und Kraft, diese gebrochene Erzählung, den Schmerz des eigenen Versagens auszuhalten. Zu fragen, ohne Verweis auf eigenes Leid, das in den Wettkampf des Leidens geführt werden soll. Wir sind von Rechtfertigungszwängen befreit durch die Gnade Gottes, wir können offen aus- und ansprechen, was geschehen ist, auch dass wir den Abgrund, jenen Graben nicht überschreiten können, dies anzuerkennen, davon sollten wir den Kindern erzählen.
Nach weltlicher Art ist dies den Menschen ein Gräuel, offenkundig schlecht für ein kollektiv oder gar national verstandenes, vollmundig patriotisch daherkommendes Selbstbewusstsein. Ungebrochen von der eigenen Identität sprechen zu wollen, das ist nicht Gegenstand unserer Erzählung. Gerade in dem Gebrochenen und Suchenden, das Eigene wie das Fremde verstehen wollend, im Wissen darum, dass manche Antworten die Fragen nicht treffen können und es immer neu zu versuchen, im Wissen darum, dass unsere Sprache nicht an das Geschehen Auschwitz heranreicht und wir doch darüber erzählen müssen. Darin liegt doch die Freiheit, die in der Solidarität mit den Gebrochenen sich findet, die Jesus gelebt hat und in der er gestorben ist.
Das wären dann Geschichten, die zur Zärtlichkeit ermuntern, zur Achtung der Unversehrtheit des Anderen an Leib und Seele, also zu einer auch christlichen Möglichkeit zu antworten, zu Ver-Antwort-ung.

Amen.