Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über 5. Mose 6,4-9

Pfarrerin Anna-Lena Frey

24.02.2002 in Magstadt

Höre, Israel,
der Herr, unser Gott, ist Einer.
Und du sollst ihn lieben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
Und diese Worte, die ich dir heute gebiete,
sollst du zu Herzen nehmen
und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden,
wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist,
wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand,
und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein
und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Liebe Gemeinde,

"Höre, Israel" damit beginnt unser Bibelwort.
"Höre, Israel", "Sch'ma Jisrael" - das ist die Einleitung des zentralen jüdischen Glaubensbekenntnisses.
Höre, sei ganz Ohr.

Das Ohr ist das Organ, das grundlegend mit dem Glauben zu tun hat. Unseren Ohren trauen wir in aller Regel viel weniger zu als unseren Augen. Oder was meinen Sie? Welches Organ nimmt genauer wahr? Das Ohr oder das Auge des Menschen? Es gibt ein einfaches Experiment, das Sie selbst einmal zu Hause durchführen können. Wir spannen eine Saite auf oder nehmen irgendein Saiteninstrument und wollen die Mitte der Saite bestimmen. Wir machen das zunächst mit den Augen. Wir schätzen die Mitte und markieren sie - mit Kreide z.B. oder am besten mit einem Stift oder einem kleinen Steg. Wenn man dann nachmisst mit einem Zentimeterband, ergibt sich im allgemeinen, dass selbst die besten Schätzer und Schätzerinnen sich erheblich vertun. Wer sich dabei nur um drei bis vier Zentimeter vertut, ist noch verhältnismäßig gut. Binden wir danach die Augen zu und versuchen nun die Mitte der Saite mit dem Ohr festzustellen. Wir schieben Stift oder Steg an der Saite so lange hin und her, bis beide Saitenhälften exakt gleich klingen. Wenn man dann die Augenbinde abnimmt und mit dem Zentimeterband nachmisst, wird man feststellen, dass man die Mitte der Saite genau gefunden hat. Viele Menschen, selbst angeblich unmusikalische, können sie auf den Millimeter exakt ermitteln. Niemand kann das mit dem Auge.

Nicht nur um die Mitte einer Saite zu ermitteln, sondern auch die Mitte des Glaubens, die Mitte des Lebens zu finden, ist es ratsam, sich weniger vom Auge und mehr vom Ohr leiten zu lassen. Denn der Glaube kommt aus dem Hören (vgl. Römer 10, 14-17).

Das Ohr, sagt uns die Biologie, ist zehnmal präziser als das Auge, kann zehnmal mehr Impulse verarbeiten. Würden wir das Maß, was das Ohr an Schwingungen, an Dezibel, verkraften kann, entsprechend dem Auge an Lichtstärke, an Lux, zumuten, wir würden sofort geblendet und erblinden. Noch vor wenigen Jahren glaubte man in der Biologie, die stärkste Konzentration von Nervenfasern beim Menschen befinde sich im Bereich der Geschlechtsorgane. Inzwischen ist festgestellt worden, dass eine winzige Stelle, die Cortea des Innenohrs, mehr als doppelt so stark ausgestattet ist. Dort also muss der Mensch am intensivsten und sorgfältigsten wahrnehmen, um zu überleben.

Das will unsere Augengesteuerte Zivilisation irgendwie nicht wahr haben. Ich glaub' nur, was ich sehe. Wie oft werden so ganz wesentliche Erfahrungen - nicht nur des Glaubens - abgewehrt.

Unser Überleben hängt aber wirklich an unserer Hörfähigkeit, an unserer Empfangseinstellung. Wie viel Antenne haben wir entwickelt oder schon verloren ...? Der weit verbreitete Vorwurf "Du hörst mir ja gar nicht zu!", den wir alle schon einmal geschleudert oder abbekommen haben, ist ein Warnsignal, wie's um uns steht. Höre, Mensch, höre hin, höre zu, lausche.

Das Ohr eines Embryos hört bereits lange bevor das Auge das Licht der Welt erblickt. Über das Ohr erlernt ein Kind Sprache und Verständigung, über das Vernehmen bildet sich die Vernunft. Und wenn schließlich im Sterben die Augen längst gebrochen blicken, bleibt das Ohr wach bis der letzte Pulsschlag abgeebbt ist.

Höre, Mensch, höre. Sei ganz Ohr, um ganz Mensch zu sein.

"Höre, Israel". Diese zwei ersten Worte wurden zur festen Bezeichnung für das ganze jüdische Glaubensbekenntnis. So wie wir sagen: das "Vaterunser", weil unser wichtigstes Gebet mit diesen beiden Worten beginnt.

Das "Höre Israel" sprechen gläubige Juden bei jedem Morgen- und Abendgebet und es wird in jedem Synagogengottesdienst gesprochen. Man kann die Bedeutung des "Höre Israels" für das Überleben des Volkes Israel gar nicht hoch genug einschätzen. Es wurde als Kernsubstanz des Glaubens durch die Generationen hindurch weitergegeben. Es drang aus Vernichtungslagern und Gaskammern. Ja, bis heute ist die Tradition nicht ganz ausgestorben, dass gläubige Juden ihre Sterbenden besuchen, um ihnen zu helfen, mit der letzten Kraft der Stimme mit diesen Worten auf den Lippen zu sterben:
Höre, Israel,
der Herr, unser Gott, ist Einer.
Und du sollst ihn lieben
von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.
Das ist - in eine Nussschale gepackt - der Kern des jüdischen Glaubens.

Die Juden haben die pädagogischen Anweisungen des Abschnitts aus dem Mosebuch wörtlich genommen. Sie haben das "Höre Israel" auf kleine Pergamentblätter geschrieben, in Lederbeutelchen gepackt und binden sie zum Gebet mit Riemen an Stirn und Oberarm. Und in andere Kapseln haben sie dieselben Worte gepackt, um sie über Eingangstoren und an Türrahmen anzubringen.

Wo man geht und steht soll daran erinnert werden. Wiederholen, Aufsagen, Memorieren, bis man's schließlich auswendig, nein, inwendig kann. Ganz fest einprägen soll es sich in Denken, Trachten und Handeln.

Als die Juden mit dieser Einprägepraxis begannen, war das in der damaligen Welt etwas völlig Neuartiges. Es stellte wirklich eine kulturelle Revolution dar. Das Wort, das bislang nur gesprochen und gehört wurde, konnte nun davor bewahrt werden, einfach zu verhallen, indem es aufgeschrieben, gelesen und gelernt wurde. Und ganz wichtig war, dieses neue Know-how der ganzen Jugend zugänglich zu machen, je früher, desto prägender.
Nein, es ging dabei nicht um die Nasenlänge, die man konkurrierenden Völkern voraus sein wollte, es ging nicht um ein Bildungsverständnis im wirtschaftlichen Sinn, es ging um Herzensbildung. Ziel war nicht ein überlegener Mensch, sondern ein Glaubensmensch, fähig zum Hören, Lieben und Handeln aus ungeteiltem Herzen. Und als zentrales Erziehungsmittel hatte man das unermüdliche Wiederholen des Wortes Gottes entdeckt.

Solche Memorier- und Einprägetechnik war bei uns in den letzten Jahrzehnten in Familie, Schule und Kirche ziemlich verpönt. Methode und Inhalte des Auswendiglernens galten als unzeitgemäß und der Mündigkeit hinderlich, zu der man erziehen wollte.

Für sich genutzt hat währenddessen die mächtige Wirkung von gleichförmigem Wiederholen vor allem die Werbung. Und die hat nun wahrlich kein Interesse an unserer Herzensbildung, sondern an unserem Geldbeutel. Werbung will ja nicht geradlinige, unabhängige Charakter bilden, sondern nachgiebige, produktabhängige Typen.

Schauen wir ruhig mal hin, wie das Lernen unserer Kinder und Jugendlichen - außerhalb der Schule - funktioniert. Achtklässler der Hauptschule haben vielleicht Mühe, ihr Englischdiktat in der Schule zu übersetzen, aber sie können unzählige Songs auswendig und wissen durchaus, was da drin vorkommt. Und das haben sie alles nur durch die chronische Berieselung nebenher gelernt. Ein ganz enormes Reservoir an Liedern, Ohrwürmern und Werbesprüchen - was sich da im Laufe der Jahre ansammelt. Ist doch so, oder?!

So, und wenn wir uns nun hinsetzen und bewusst klären,
womit will ich mich eigentlich anfüllen,
mit was für Sprüchen und Liedern,
was soll mir ständig im Kopf rumgehen,
dann ist das überhaupt nicht rückständig, sondern sehr viel selbstbestimmter und mündiger als die allgemeine Massenberieselung. Memorieren von wertvollen Worten, Versen und Psalmen ist, wenn man so will, eine selbstgesteuerte Berieselung mit System.

Und von Zeit zu Zeit sind Bildungsdebatten angesagt, und da müssen wir uns hinsetzen und bewusst klären, womit wollen wir unsere Kinder anfüllen, und da braucht es Mut, gegen die breite Zeitströmung zu schwimmen. Aber wir brauchen überhaupt keine Sorge zu haben, rückständig zu sein jetzt im angebrochenen Computerzeitalter, wenn wir beharrlich mit unseren Kindern - ja vielleicht auch in unseren Jungschargruppen - die ganz klassischen Fertigkeiten der jüdisch-christlichen Kultur üben:
Zuhören und Sprechen,
Lesen und Vorlesen,
Schreiben und Dichten,
Aufsagen und Wiederholen,
Forschen und Hinterfragen,

aber auch:

Singen und Spielen,
Feiern und Beten,
Teilen und Helfen,
Schweigen und sich Hingeben,
Arbeiten und Ruhen.

Wer darin Fertigkeit erlangt hat, kann auch bestens den Umgang mit den Bildschirmmedien lernen.

Es bringt nichts, diese Fertigkeiten überspringen zu wollen. Bildung hat eine Reihenfolge. Ein Kind kann schließlich nicht Rad fahren, bevor es nicht Laufen gelernt hat.

Vorrangiges zuerst - das ist die Mahnung unseres Bibelwortes. Vorrangig ist das Hören, hören auf den Einen, den Vorrangigen, den Allumfassenden, den allumfassend Liebenden. Vorrangig ist, seine Art lieben zu lernen, Liebe aus ungeteiltem Herzen, Liebe zu ihm und zu seinen Menschen.

Liebe Gemeinde,
Lieben lernen, das ist ein Erziehungsziel, das sicherlich äußerst schwer einzubringen ist in die derzeitige Bildungsdebatte. Und doch geht es letztlich um nicht weniger als die Kunde lieben zu lernen, Gott lieben zu lernen. Das ist und bleibt die oberste Herausforderung dieses Glaubensbekenntnis der Juden. Und es ist uns Christen genauso angesagt, denn es war Jesu Leitlinie. Jesus hat das "Höre Israel" in engste Verbindung gebracht mit dem anderen jüdischen Hauptgebot, dem der Nächstenliebe (Markus 12, 19). Und er hat es nicht nur so ausgelegt, sondern auch so ausgelebt. In ihm begegnet uns die vollkommene Liebe Gottes in Person. Und er hat uns ein weiteres Herzstück hinterlassen, es zu lernen, auswendig und mehr noch inwendig - das Vaterunser. Das Vaterunser erfüllt wirklich in mancher Hinsicht die Rolle, die das "Höre Israel" für Juden hat. Ich erlebe das immer wieder bei der Arbeit im Krankenhaus. Das Vaterunser gehört zur "eisernen Ration", zum Glaubensgerüst oder -geländer, nach dem man in der Not greifen kann. Selbst wer es lange nicht mehr gebetet hat, kann wieder daran anknüpfen.

Ich denke da an eine alte Dame, die meine Freundin in den ersten vierzehn Tagen ihres Pflegepraktikums kennen gelernt hat. Sie machte dieses Praktikum, bevor sie als Krankenhausseelsorgerin begann. Dazu gehörte, dieser Dame täglich bei der Morgentoilette behilflich zu sein. Ihre Kräfte waren mehr und mehr am Schwinden und es war auch klar, dass sie von der Krankheit nicht mehr genesen würde. Eines Morgens, nach dem meine Freundin ihr die Haare gewaschen und geföhnt hatte, saß sie schön gerichtet im Bett. Sie plauderten noch ein wenig und da wies die Frau plötzlich mit der Hand zur Wand. Da hing ein Kruzifix, wie es ja in einem katholischen Krankenhaus in jedem Zimmer zu finden ist. Und sie sagte: "Der ist immer da. Ich würde so gerne mit ihm reden." Sie vermied, den Namen auszusprechen, sprach nur von "IHM". Dann sagte sie in einer Art Selbstgespräch: "Früher habe ich mit ihm gesprochen. Da wusste ich noch, wie das ging. Es ist so schrecklich lange her. Wissen Sie, als Kind gingen wir durchaus in die Kirche. Wir waren eine christliche Familie. Aber dann war Krieg, und danach war man irgendwie immer beschäftigt. Glauben Sie mir, es ist mir peinlich, Sie das zu fragen, aber ich wüsste gerne, wie es noch mal ging, dieses Gebet, dieses bekannte. Ich glaube, es ist aus dem Neuen Testament. Kann das sein? Wenn ich es nur noch zusammenbrächte. Ich weiß nicht mal mehr den Anfang. Ich würd' so gerne mit ihm reden ..." "Meinen Sie das Vaterunser?" "Ja!!!" strahlte sie. "Lachen Sie mich bitte nicht aus, aber könnten Sie mir vielleicht dieses Gebet irgendwoher auftreiben?" Dieser Wunsch war leicht zu erfüllen. Bei einem Besuch nach ein paar Tagen, sagte sie mit warmem, fröhlichem Blick: "Jetzt sprech' ich wieder mit ihm, jeden Tag ... und vor allem Nachts, wenn ich nicht schlafen kann."

Und immer wieder erlebe ich ganz ähnliches, wenn ich alte und schwerkranke Menschen besuche. Da mag der Geist schon völlig verwirrt sein, die Augen nur noch geradeaus starren, aber wenn ich etwas den 23. Psalm anfange zu sprechen, dann geht ein Strahlen über das Gesicht und die Lippen bewegen sich mit den Worten.

Das Kreuz an der Wand ... ein Symbol, das wirkt wie die Kapsel an der Tür, wie der Lederriemen an der Stirn, das erinnert, da war doch Einer ... Mit dem konnte man reden ...

Wenn einem nur jemand die Worte sagte, mit denen man sich ihm wieder in die Arme werfen kann ...

Amen