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Predigt über 5. Mose 6,4-9

Christiane Borchers, Pfarrerin

25.05.2008

V 4. Höre Israel,                       Schema Israel,
der Herr ist unser Gott,              Jahwe Elohenu,
der Herr allein.                          Jahwe ächad
V 5. Und du sollst den Herrn, deinen Gott,
lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele
und mit aller deiner Kraft.
V 6. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete,
sollst du zu Herzen nehmen
V 7. und sie deinen Kindern einschärfen
und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt
oder unterwegs bist,
wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
V 8.Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand,
und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,
V 9. und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.


Gnade sei mit uns und Friede von der Kraft, die ist, die war und sein wird. Amen.
5. Mose 6,4-9
Liebe Gemeinde !
War am letzten Sonntag, dem Sonntag Trinitatis, Gott in seiner Dreifaltigkeit Thema, so wird am heutigen Sonntag, dem ersten Sonntag nach Trinitatis, die Einheit und Einzigkeit Gottes betont.
Wurde an Trinitatis Gott in seiner Dreifaltigkeit: Gott, dem Schöpfer, Gott, dem Sohn und Gott, dem heiligen Geist die Ehre gegeben, so steht heute der Lobpreis des einen Gottes, der von  Ewigkeit her ist, im Mittelpunkt.
Der heutige Predigttext ist das Höre Israel, - das Schema Israel, wie es im hebräischen heißt - ein Bekenntnis zu dem einen Gott.

Das Schema Israel ist das Herzstück des jüdischen Glaubens. - Geht das? Das Herzstück des jüdischen Glaubens in einer christlichen Gemeinde predigen? - Ja, das geht. Der Bibelabschnitt erinnert uns daran, wo unsere Herkunft liegt. Der christliche Glaube hat seinen Ursprung im Judentum. Es ist identitätsstiftend, sich diese Wurzeln ins Bewusstsein zu rufen. Durch Jesus Christus beziehen wir die alttestamentlichen Verheißungen auch auf uns, davon ist auch das jüdische Bekenntnis nicht ausgeschlossen.  
Die Anordnung des heutigen Predigtextes auf den ersten Sonntag nach Trinitatis betont, dass der christliche dreieinige Gott kein anderer ist als der eine Gott Israels.

Wir dürfen dieses Herzstück des jüdischen Glaubens in Respekt und Achtung vor den jüdischen Schwestern und Brüdern auslegen. Dabei sei aber davor gewarnt, die Geschichte, die sie in der jüngsten Vergangenheit bei uns in Deutschland gehabt haben, aus den Augen zu verlieren. Das Schema Israel ist eng verbunden mit ihrem Schicksal im 3. Reich. Jüdinnen und Juden haben es gesprochen, als sie in den KZ’s ermordet wurden.

Das Schema Israel ist das unverrückbare Bekenntnis zu dem einen und einzigen Gott, das schon vierjährige jüdische Kinder auf dem Schoß ihrer Eltern auswendig lernen. Jedes Kind kann diese Worte sprechen. Sie lassen sich mit der Bedeutung und Wichtigkeit des Unser-Vater-Gebetes vergleichen, obwohl das Schema Israel kein Gebet ist.
Ich möchte mich dem Inhalt dieses Bekenntnisses über die Form und Funktion des Textes nähern. Scheinbare Äußerlichkeiten erweisen sich als wichtig für das Verständnis des Inhaltes.

Jüdinnen und Juden sprachen und sprechen diese Worte laut: Schema Israel, Höre Israel Jahwe Elohenu: Jahwe ist unser Gott, Jahwe ächad, Jahwe allein. Luther hat den hebräischen Namen Gottes Jahwe mit Herr übersetzt. Überall, wo in der Luther-Übersetzung der Bibel für Gott der Herr steht, steht im hebräischen Urtext Jahwe. Gott hat einen Namen. Er heißt Jahwe. Das klingt fremd in unseren Ohren, erinnert uns womöglich an eine Namensbezeichnung für Gott von Sekten, ist es aber nicht. Mose offenbart sich Gott als Jahwe. - Laut sollen die Gläubigen das Schema Israel sprechen.
Höre Israel“ Die Voraussetzung für das Hören ist, dass deutlich und vernehmbar gesprochen wird. – Wer soll die Worte hören? Wer ist angesprochen? – Nicht Gott ist angesprochen, sondern Israel: „Höre Israel“  Gott bedarf keiner laut artikulierten Worte, er vernimmt auch ohne Phonzahl, Gott sieht auch, was im Herzen ist. Andere jüdische Hauptstücke wie z.B. das 18-Bitten-Gebet sollen ohne Ton gesprochen werden. Jesus wird sich später darüber äußern, dass man das Gebet nicht öffentlich zur Schau stellen soll. Man soll in der Stille beten, damit es auch wirklich um das Gebet geht und nicht um Selbstdarstellung. Wer aber das Schema Israel nicht hörbar betet, der wird zu den Kleingläubigen gerechnet.

Warum? – Weil das Schema Israel kein Gebet ist, das an Gott gerichtet ist, sondern es ist an Israel, bzw. an den gläubigen Menschen gerichtet. Es soll laut gesprochen werden, weil es ein Bekenntnis ist und weil es der eigenen Vergewisserung dient. „Höre Israel, Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein.“ Wenn es jemand vor sich hinmurmelt oder so spricht, dass es niemand versteht, ist es zu nichts nütze. Klar und deutlich soll das Bekenntnis zu Gott als dem einen und einzigen bezeugt werden, vor sich selbst und vor anderen.

Für das Sprechen von frommen Texten und für das Beten gelten im Judentum unterschiedliche Regeln. Gebete dürfen leise gesprochen werden oder in der Stille, denn Gott kennt unser Herz und weiß, wie wir es meinen. Das Schema Israel aber ist deutlich hörbar zu bezeugen. Man soll die Stimme erheben, als ob einer zum andern in der Synagoge sagen würde: „Höre, Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein.“

In den Handschriften und Drucken des hebräischen Textes sind zwei Buchstaben größer geschrieben. Das ist kein Zufall, durch die größere Schreibweise sollen diese Buchstaben hervorgehoben werden, ähnlich wie wir mit Kursivschrift oder indem wir unterstreichen etwas hervorheben. Die beiden Buchstaben ergeben im Hebräischen ein neues Wort: Es ist das Wort Zeuge. In der Schreibweise des Textes liegt also selber der Schlüssel zum Verstehen. Die Worte legen Zeugnis ab. Wer das Schema Israel spricht, muss es laut sprechen, sonst kann er nicht Zeuge sein.
 
Was wird bezeugt? -  Jahwe Elohenu: Jahwe ist unser Gott. Mit der Bezeichnung „unser Gott“ wird sichergestellt, wer Jahwe für Israel ist und was Israel für Jahwe ist, nämlich: Jahwe ist der Gott Israels und Israel ist sein Volk. Das Schema Israel enthält eine Verhältnisbestimmung zwischen Israel und seinem Gott.
Als dieses Bekenntnis formuliert wurde, war es nicht selbstverständlich, dass alle sich zu demselben Gott bekannten. Der Monotheismus, der Glaube an einen Gott, hatte sich längst noch nicht durchgesetzt. - Das Bekenntnis zu Jahwe, dem Gott Israels, was an sich aber noch nichts Besonderes. Andere Völker hatten auch ihre Bekenntnisse. So konnten die Bewohner von Assur sagen: „Unser Gott ist Assur. Und die Bewohner von Babel konnten sagen: Unser Gott ist Marduk. Die Bewohner von Theben sagten: Unser Gott ist Amun. Das Besondere ist, dass das Bekenntnis weitergeht:  Jahwe allein. Das Bekenntnis lautet also vollständig: Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein. Das besondere Anliegen Israels ist, zu bekennen, dass Gott allein Gott ist. Ein Exklusivitätsanspruch für einen Gott gab es damals nicht. Es war nicht ungewöhnlich neben dem einen Gott eines Landes oder einer Stadt eine ganze Reihe anderer Götter zu verehren. Das Schema Israel schließt diese Möglichkeit aus: Jahwe ist unser Gott, Jahwe allein. Damit nimmt es das zentrale Anliegen des ersten Gebotes auf: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Jahwe allein. Er ist der eine Gott. Es geht um die Einzigartigkeit und um die Alleinigkeit, um die Einheit und Einheitlichkeit. Der eine Gott soll vom ganzen Menschen als einer Einheit geliebt werden.  
Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft  (V5). Die Liebesforderung verlangt den Einsatz des ganzen Menschen. Von ganzem Herzen, heißt es.  Das Herz ist der Ort, an dem sich Gefühl und Verstand verbinden. Von ganzer Seele. Die Seele wird körperlich der Kehle zugeordnet. Gott blies den Menschen seinen göttlichen Atem ein. Alles, was in uns lebendig ist, soll von dem Wunsch beseelt sein, Gott zu lieben. Mit aller deiner Kraft, damit ist neben der körperlichen und geistigen Kraft auch das materielle Vermögen einbezogen. So wie Jahwe, Gott, sich seinem Volk als einer und einziger in seiner ungeteilten Liebe erwiesen hat, so soll auch Israel in ungeteilter Liebe bei ihm bleiben.
Es geht in der Liebesforderung nicht um eine romantische Liebeslyrik des Volkes Israels zu seinem Gott, sondern um das Bundesverhältnis zwischen Jahwe und seinem Volk. So wie Gott seinem Volk treu ist, so soll Israels Liebe nicht in Halbheiten stecken bleiben, sondern den ganzen Menschen und sein Vermögen in Anspruch nehmen.

Ein Leben in Liebe zu Jahwe und seiner Tora hat in der Geschichte des Judentums oftmals bis zum Äußersten geführt. Die lange Kette der jüdischen Blutzeugen reicht bis ins 20.Jahrhundert. Wenn Jesus der Forderung der Gottesliebe die der Nächstenliebe an die Seite stellt, dann legt die Duldung und Beteiligung an Judenverfolgung und Judenmord in der Geschichte der Christenheit eben nicht nur einen elementaren Mangel an Nächstenliebe offen, sondern auch ein vollkommenes Versagen in der Gottesliebe. Wie kann man den Schöpfer lieben und seine Geschöpfe, sein Volk Israel, das er geschaffen hat, verachten? Der Mangel an Nächstenliebe – unabhängig gegenüber wem  – stellt einen Mangel an Gottesliebe dar. Umfassende Gottesliebe zeigt sich in umfassender Menschenliebe und in der Liebe zu Gottes Schöpfung und Kreatur.

Der Aufruf im Schema Israel zum gesamtheitlichen Zeugesein in Wort und Tat gilt permanent und überall und umfassend.
Diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen! Der gläubige Mensch soll sie möglicherweise in einer Art Amulettenanhänger regelrecht auf dem Herzen tragen. Er soll die Worte nicht für sich behalten, sondern sie seinen Kindern einschärfen. Wenn Kinder nichts mehr wissen von Gott und seiner Güte, wie sollen sie glauben lernen geschweige denn den einen Gott bezeugen? Wie sollen sie zeugen von einem Gott der Liebe und des Lebens, wenn sie selbst nichts von ihm wissen? Immer wieder sollen die Eltern ihnen Geschichten von Gott erzählen, damit sie sich ins Gedächtnis einprägen, wer und wie Gott ist.

Überall und jederzeit soll man davon zeugen: Schema Israel: Höre Israel: Jahwe Elohenu: Jahwe ist unser Gott, Jahwe ächad, Jahwe allein.
Wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du unterwegs bist, - also  privat und öffentlich - sollst du davon reden. Den Tag sollst du mit diesem Bekenntnis beginnen und beschließen.
Wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst, sollst du bezeugen: Gott allein. Fromme Jüdinnen und Juden sprechen das Shema Isarel beim Aufstehen und beim Schlafengehen.

Du sollst diese Worte binden zum Zeichen auf deine Hand, sie sollen dir ein Merkmal zwischen deinen Augen sein. An den Handgelenken und zwischen den Augen tragen fromme Juden kleine Lederkapseln, in denen ein Pergamentstreifen enthalten ist mit den Worten des jüdischen Grundbekenntnisses.
Du sollst diese Worte schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore. Ebenso hängt eine Lederkapsel mit dem Schema Israel an der Eingangstur des Hauses oder der Wohnung eines jeden gläubigen Juden.

Worte erhalten durch sichtbare Zeichen Nachdruck. Dadurch, dass das Bekenntnis überall präsent ist, werden die Menschen ständig an den Inhalt erinnert. Solche sichtbaren Zeichen lassen sich auch in christlichen Häusern finden: ein Bibelspruch an der Wand oder über der Tür, ein Engel in der Hand. Martin Luther wusste von sich zu sagen, dass der tägliche Umgang mit der Bibel eine äußerst wirksame Hilfe gegen alles Böse sei und über die Maßen stärkt. Dies sind keine Erfahrungen, die nur besonders fromme Menschen machen. Diese Erfahrung kann jeder machen. Das Aufsagen bekannter Sprüche oder das Gebet geben Kraft und Zuversicht. Die dauernde Wiederholung bieten Schutz und Vergewisserung, dass Gott uns hält.  

Wer als Christin oder Christ das Schema Israel spricht, legt damit zunächst vor sich, aber auch vor denen, die es hören, Zeugnis ab. Der Gott, zu dem wir sprechen, ist und bleibt der Gott, dessen erste Wahl Israel ist. Durch Jesus Christus sind wir mit in den Bund Gottes, den er zuerst mit Israel geschlossen hat, hinein genommen. Wer zwischen dem Gott, der Israel erwählt hat, und dem Gott für Christen unterscheidet, löst die bezeugte Einheit Gottes, so wie das im Schema Israel geschieht, auf. An Israel vorbei führt kein Weg zum einen Gott.

In der Schriftlesung haben wir die Geschichte vom reichen Mann und von Lazarus gehört. Der reiche Mann wollte wenigstens seine Brüder vor den Höllenqualen bewahren, indem er Abraham bat, er möge Lazarus senden, damit der seine Brüder warne. Daraufhin verwies Abraham auf Mose und die Propheten. Wenn diese sie nicht zur Nächstenliebe bewegen können, kann es niemand, selbst von er von den Toten käme. „Sie haben Mose und die Propheten.“ Das heißt: An Israel geht kein Weg vorbei. Die christliche Gemeinde bedarf der Schule Israels, um sich selbst zu verstehen.

Höre Israel,                     Schema Israel
Jahwe ist unser Gott         Jahwe Elohenu
Jahwe allein.                    Jahwe ächad

Höre Christenheit!
der Gott Israels ist unser Gott.
Gott allein.                                 

Amen.