Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Acta Apostolorum 2, 1-6.22-24.36

Pastor Dr. Dr. Günter Goldbach (ev)

27.05.2012 im Osnabrücker Land

Open-Air-Gottesdienst mehrerer evangelischer Kirchengemeinden zu Pfingsten 2012

Nachfolger des Petrus gesucht!

I.

Liebe Christinnen und liebe Christen,

Pfingsten feiern wir heute. Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Das sollte, das müsste heute geschehen: Ausgießung des Heiligen Geistes. In unseren Tagen. Zu unseren Zeiten. „Komm, Heiliger Geist!“ Das haben wir ja gerade gesungen. Darum geht es. Konkret heißt das, ich habe es schon gesagt: Ein Nachfolger des Petrus wird gesucht!

Vielleicht denkt jetzt manch einer von Ihnen: Na ja, den haben wir doch. Den gibt es doch schon. Jedenfalls hält er sich selbst dafür. Ach nein, an jenen alten Herrn im Apostolischen Palast zu Rom, der auf dem „Stuhl Petri“ residiert, an den sollten wir bei alledem eher nicht denken. Ich weiß: Auch heute wieder wird er von Tausenden bejubelt. „Papa Benedetto!“ schreien seine Fans. Und wollen von ihm gesegnet werden. Wenn er sich auf dem Balkon von San Pietro oder am Fenster seines Palastes sehen lässt. Oder auf einem rollenden Podest durch den Dom geschoben wird. Nun ja, er ist 85. Und nur Queen Elizabeth ist mit ihren 86 noch ein bisschen besser drauf. Nein, im Ernst: Von Papst Benedikt sollten wir keine Erneuerung, keine Be-geisterung der Kirche erwarten. Er ist ja gefangen in seinem dogmatischen Lehrsystem. Und wahrscheinlich selber am meisten beeindruckt von seiner theologischen Gelehrsamkeit. Aber ich bin sicher: Von der elenden Wirklichkeit, von der Notlage der Menschen allgemein und der der Christen im Besonderen hat er keine Ahnung.

Uns Protestanten geht es übrigens nicht besser. Der Herr Schneider wird bestimmt auch heute wieder Gelegenheit finden, an den tragischen Tod seiner Tochter Meike zu erinnern. Es sei ihm auch zugebilligt. Nur: Was hat der Ratsvorsitzende der EKD darüber hinaus zu sagen?! Man braucht kein Prophet zu sein, um es zu wissen: Ein paar Anmerkungen zur gesellschaftlichen Lage. Einige Hinweise auf die Herausforderungen für die Kirchen. So oder ganz ähnlich hat er das zu Weihnachten auch schon gesagt. Und zu Ostern. - Aus Freiburg, akustisch und inhaltlich womöglich noch schwächer, wird es vom Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz auch zu hören sein. Wirklich, kein wesentlicher Unterschied. Und das ist auch alles richtig, was da gesagt wird. Und das ist auch alles so langweilig!

Das alles bringt niemanden in Bewegung. Das reißt niemanden von den Stühlen oder von den Kirchenbänken. Nein: Ein Nachfolger des Petrus wird gesucht!

II.

Ich habe mir sagen lassen: Die Medienpräsenz der evangelischen Kirche sei nach dem Rücktritt von Bischöfin Käßmann um 50% zurückgegangen. In den Medien wisse man immer weniger, was aus der evangelischen Kirche überhaupt noch berichtenswert sei.

Ja, auch Margot Käßmann ist nicht mehr das, was sie als Bischöfin einmal war. Was war da in der Tat aus ihrer bischöflichen Zeit alles bemerkenswert und berichtenswert: ihr vorbildliches politisches Engagement und ihre mutige Kritik. Ihre mitreißenden und viele Menschen begeisternden Predigten. Ihre Kampagnefähigkeit: „Weihnachten ist im Dezember!“ – auf Fahnen und Plakaten wurde es propagiert. „Kinder als Zukunfts-Gestalten“ – jede hannoversche Straßenbahn fuhr mit diesem Slogan durch die Stadt. Ihr engagierter Kampf für Frauen in Führungspositionen sei genannt. Und dann die Gründung des „Netzwerkes Mirjam“; damit ihr Eintreten für anonyme Geburten, um jedes Leben um jeden Preis zu retten. - An so viele und noch mehr vom Geist Gottes erfüllten Aktionen und Demonstrationen könnte man erinnern. Aber: Margot Käßmann ist nicht die, die sie einmal war. Seit sie durch die Talk-Shows tingelt. Und z. B. bei Frank Plasberg zu Protokoll gibt: Am Tag der Auferstehung sei es ihr einziger Wunsch, ihre 4 Töchter wiederzusehen (16. 04. 12).

Und ihre, unsere Landeskirche?! Wie steht sie da – ohne die Bischöfin? - Ich will es Ihnen verraten: In diesen Tagen wird eine ganz neue Aktion gestartet: „Neuland“ heißt sie. Und gemeint ist dies: „Neuland“ sozusagen soll gewonnen werden durch originelle Veranstaltungsformate. Zum Beispiel durch Kirchenmusik an ungewöhnlichen Orten: in Fußgängerzonen, im Einkaufszentrum, auf einer Inselfähre… Auf facebook wird es abrufbar sein. Denn, so einer der am Projekt Beteiligten: Für diese Innovation gebe das Social Web ideale Rahmenbedingungen ab. - Ach, ich will es überhaupt nicht ironisieren. Es ist ja gut. Und es ist ja richtig. Und wie neu! Und wie aufregend!

Nein, glauben Sie im Ernst: So wird eine Erweckungsbewegung durch unser Land gehen?! So werden die Menschen wieder in die Kirchen strömen?! So werden die Menschen wieder zum Glauben finden?! - Ein Nachfolger des Petrus wird gesucht!

III.

Ja, wie nun? Auf Petrus sei endlich der Blick gerichtet. Auf das, was nach dem Bericht der Heiligen Schrift mit ihm durch den Geist Gottes zu Pfingsten geschah: Da waren viele fromme Juden zum Erntefest (7 Wochen nach Passah) in Jerusalem zusammengekommen: aus Judäa und Galiläa, aus vielen unterschiedlichen Ländern. Mit unterschiedlichen Sprachen. Wir haben es vorhin gehört: Parther und Meder, Elamiter und Libyer, Kreter und Araber, Ausländer aus Rom. Und was weiß ich wo noch her. Sie verstanden sich plötzlich alle. Ein Wunder? Kein Wunder: Weil doch jeder die Sprache der Sympathie und der Barmherzigkeit versteht. Und doch ein Wunder: Weil das Selbstverständlichste unter uns Menschen eben nicht selbstverständlich ist.

Und dann tritt Petrus auf mit den anderen Jüngern. Er kann das alles erklären. Jetzt kommt seine Stunde. – Ich weiß nicht, wie ihm zumute gewesen sein mag. Ich kann nur spekulieren: Bestimmt waren er und die anderen Jünger immer noch verwirrt. Durch das, was in den letzten Tagen und Wochen geschehen war: die schändliche Hinrichtung des Jesus aus Nazareth vor den Toren Jerusalems durch die römische Soldateska. Die Berichte von Maria Magdalena und von Maria, des Jakobus Mutter, und der Salome über seine Auferweckung (Mk. 16, 1ff). Die Begegnungen mit IHM. Ihre Beauftragung durch IHN. Und dann nach 40 Tagen ( Act.1, 9), als er „vor ihren Augen aufhörte, vor ihren Augen zu sein“ (Karl Barth).

Und jetzt an diesem pfingstlichen Morgen: War es ein Sabbat? Oder wieder „der erste Tag der Woche sehr früh“, ein Sonntag also? Den sich die Jüngergemeinde als Auferstehungstag ihres Herrn heilig zu halten vorgenommen hatte? Petrus hat vielleicht seine Jünger-Kollegen gar nicht so leicht zusammenbringen können. Der eine oder andere hat vielleicht noch im Bett gelegen. Vielleicht hat Petrus auch wieder Ärger mit seiner Schwiegermutter gehabt. Wer weiß?!

Aber das alles spielt jetzt keine Rolle mehr. Jetzt öffnet er seinen Mund. Er weiß auch nicht wie. „Das sei euch allen kundgetan“, beginnt er (v 14). Er, der einfache galiläische Fischer. „Gott will seinen Geist ausgießen auf alle Menschen“ (v 17), sagt er. „Und jeder Mensch soll gerettet werden“ (v 21). „Denn Gott hat Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht“ (v 36). - Das predigt er. Nur das: Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, den verkündet er. Und er vermag das Kraft des Geistes Gottes so zu tun, dass viele Menschen, Tausende, ihm glauben. Dass sie Christen werden wollen. Dass sie sich taufen lassen.

Petrus war damit ein Mann, der den Lauf der Geschichte veränderte. Wäre er nicht gewesen, die Jüngergemeinde wäre womöglich eine kleine jüdische Sekte geblieben. Die sich in der Finsternis ihrer Ängste nicht ans Licht gewagt hätte. Aber die geisterfüllte Predigt des Petrus verändert die Lage. - Sein Einfluss ist zeitlos und überdauert seine Lebenszeit um Jahrhunderte. Er (und dann natürlich auch Paulus und die anderen Apostel) bringen mit ihrer Predigt eine neue Welt in die alte Welt der Antike. Die Märtyrerkirche erobert mit ihrer friedlichen Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes die auf Gewalt gegründete Herrschaft des römischen Imperiums.

IV.

Doch dann geschieht es: Die Wirkungskraft des Geistes Gottes erlischt. Die Botschaft des Evangeliums von der Barmherzigkeit Gottes wird immer weniger vernehmbar. Vielleicht weil die Kirche Staatskirche wird (380 n. Chr.). Weil sie plötzlich selber Macht und Gewalt ausübt. Weil sie plötzlich Andersdenkende und Andersgläubige verfolgt. Kreuzzüge und weltliche Macht des Papsttums, Kampf um die Weltherrschaft zwischen Kaisertum und Papsttum, Inquisition und Hexenwahn seien als Stichworte erinnert für das „finstere“ Mittelalter. Und den Niedergang der Kirche Jesu Christi. Nur wenige leuchtende Sterne am Himmel dieser finsteren Epoche lassen sich nennen: Franz von Assisi. Elisabeth von Thüringen. Für eine totale Erneuerung der mittelalterlichen Kirche aber wäre ein Nachfolger des Petrus vonnöten gewesen.

Sie wissen es hier ja vermutlich alle: Gott hat sich dieser Finsternis des Mittelalters und seiner heruntergekommenen Kirche erbarmt. Eine gewaltige, die Welt verändernde Reformation seiner Kirche hat Gott herbeigeführt: durch Martin Luther. Der Rebell gegen Kaiser und Papst, gegen Weltmächte und etablierte Institutionen war aber nicht nur Auslöser gewaltiger historischer Prozesse, die bis heute andauern. Vielmehr: Millionen Menschen jener Zeit vermochte er Kraft des Geistes Gottes aus ihrer ganz persönlichen Furcht und ihrer existentiellen Angst zu befreien. Indem er ihnen als absurd erklärte, was sie da so alles trieben und wozu sie sich hatten verführen lassen: die Materialisierung der Frömmigkeit durch Heiligenverehrung, Devotionalienhandel, Reliquienkult und Ablasswesen. Er konfrontierte sie mit der eigentlichen Frage nach dem Sinn des Lebens. Und mit der von ihm gefundenen Antwort: dem Evangelium, der Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade um Jesu Christi willen.

Aber Luther ist tot! Die Kraft seiner genialen geistvollen Entdeckungen lässt nach. - Nach einem meiner Vorträge zur lutherischen Theologie auf Borkum zu Ostern dieses Jahres schrieb mir eine katholische Christin: „Aus katholischer Sicht möchte ich sagen: Es müsste nochmals ein Martin Luther kommen!“ Wohl wahr. Aber seit Jahrhunderten ist eine solche Petrusfigur, ein neuer Martin Luther, nicht mehr zu sehen.

Und seit Jahrzehnten nicht einmal mehr ein neuer Martin Luther King. Der immerhin auf seinem Kontinent die Gesellschaft und das Leben von Millionen Menschen grundlegend veränderte: durch die Predigt von der Gleichheit aller Kinder Gottes. Und durch die politische Forderung nach der Gleichberechtigung aller Menschen.

Damit im Übrigen kein Missverständnis entsteht: Petrus oder Martin Luther oder Martin Luther King waren natürlich keine Heiligen. Sie waren vom Heiligen Geist Erwählte ! Aber daneben durchaus wirkliche Menschen; mit allen Fehlern und Schwächen, die ein Mensch nur haben kann. Petrus: Wir erfahren von seinem Verrat, von der Verleugnung seines Herrn. Wir wissen um seine Anfechtungen und Zweifel. Der „sinkende Petrus“ (Mt. 14, 30) ist dafür eine schöne Metapher. Petrus, „der Fels“, war oft genug nicht standfest, sondern eher ein Wackelpeter. - Und Dr. Martinus: Längst nicht alles, was er gesagt und geschrieben hat, war ihm vom Heiligen Geist eingegeben. Mit seinen Schriften gegen das Judentum zum Beispiel lag er ja so was von daneben! - Und Martin Luther King, so als Mensch gesehen, war er wohl vor allem ein genialer Frauenversteher, um nicht zu sagen: ein notorischer Schürzenjäger.

V.

Also: Ein Nachfolger des Petrus wird gesucht! Eine vom Geist Gottes erfüllte Petrusfigur, die uns den richtigen Weg zeigt. Einen Weg, der uns heute in der Welt und in der Kirche das Leben und seine Herausforderungen bestehen lässt. Sieht der Heilige Geist das nicht?! Dass wir ohne ihn nicht zurechtkommen?! Dass wir uns in Irrtümer und Unterlassungen verrennen und - essentiell und existentiell - auf einen Abgrund zustürzen?! Was macht er nur?! Wo bleibt er nur: der Heilige Geist und seine großen Möglichkeiten?!

Stattdessen: In unserer Kirche meldet sich immer öfter ein Kleingeist zu Wort, der uns mit billigster Effekthascherei zum Narren hält:

Da wird in eine ehrwürdige 1200 Jahre alte Münsterkirche ein altertümlicher Badzuber hinein geschoben. Und hinein steigen ein Kurdirektor und ein leibhaftiger Superintendent der hannoverschen Landeskirche – verkleidet als Luther und Melanchthon. Und dann sondern sie aus dieser Badewanne heraus mehr oder weniger kluge Gedanken zur zeitgemäßen Erneuerung der Kirche ab. - Man möchte doch nur noch in die Kissen schluchzen ob dieses theatralischen Blödsinns.

Da hat ein Pastor mit seinem Auto auf der Straße einen Hasen überfahren. Als „Wort zum Sonntag“ glaubt er, eben das vielen tausend Lesern einer Osnabrücker Zeitung mitteilen zu müssen: „Ich sehe es noch vor mir: Das große dunkle Auge sieht zum Himmel auf… Das kleine Hasengesicht wirkt friedlich… Vielleicht gibt es ja einen Hasenhimmel mit viel Klee und Wurzeln und Kohlblättern – und ohne Autos, Hunde und Füchse, ohne Jäger... Dort mag er in Frieden dahinhoppeln“. - Mit einem 16-Jährigen habe ich darüber gesprochen. Er kommentierte das im Jargon seiner Generation so: „Also dieser Pastor sollte aber wirklich mal seinen Denkmuskel beschlauen“. Das empfand ich als eine freundliche Formulierung. Mir sind andere Worte eingefallen. Die ich Ihnen aber hier nicht preisgeben will.

Liebe Christen, viele Beispiele wären mir noch zur Hand dafür, wie unsere eigenen Leute marktschreierisch und selbstreferentiell mitten unter uns eine Kuriositätenbühne aufbauen, auf der der Kleingeist triumphiert. - Aber: Viel schlimmer, viel gefährlicher für das Ansehen unserer Kirche, für unser Leben und für unseren Glauben als der Kleingeist ist noch sein größerer und stärkerer Bruder: der Ungeist ! Der scheint wild entschlossen, alles, was wir glauben und worauf wir im Leben und im Sterben vertrauen können, in der Substanz zu zerstören. Und nun nicht nur in der weiten Welt irgendwo. Nein, hier mitten unter uns, im „christlichen Abendland“, in unserem Land, in unserer Kirche, bei uns Christen und Pastorenkindern macht sich dieser Ungeist immer breiter:

Zunächst auch dafür ein Beispiel aus der geschätzten Kollegenschaft: Da äußert sich ein Pastor zu der alles entscheidenden Frage von Leben und Tod angesichts des Sterbenmüssens. Noch einmal: im „Wort zum Sonntag“ einer Osnabrücker Zeitung, das tausende von Menschen lesen: In der Natur, steht da zu lesen, sei alles wunderbar geordnet. Man könne es beobachten, wenn die Kraniche ziehen. Wenn nun die Menschen an den Gräbern Abschied von ihren Angehörigen nehmen müssen, sollten sie mal nach oben schauen: zu den Kranichen. Die ziehen in ihr Winterquartier. Und im Frühjahr kommen sie wieder. „Gibt das (!) nicht Hoffnung?“:: - Man möchte seinen Talar vor Scham und Schande zerreißen. Ich bin sicher: Der bischöfliche Großvater dieses Pastors würde in seinem Grab auf dem Loccumer Klosterfriedhof unaufhörlich rotieren, könnte er diesen unchristlichen Schwachsinn seines Enkels lesen.

Der HSV muss sich öfter mit den Wünschen von Fans auseinandersetzen, die ihre Asche auf dem Stadionrasen verstreut haben oder ihre Urne unter dem Elfmeterpunkt versenkt haben möchten. Das haben die Verantwortlichen bisher nun noch nicht gemacht. Aber sie haben in Sichtweise des Stadions ein größeres Grundstück gekauft und als Friedhof eingerichtet. Natürlich wird dieser Friedhof nicht von einem Kreuz überragt. Aber von einem in Beton gegossenen Fußballtor. - Entscheidend für uns hier ist nun nicht die Frage, ob diese Ultrafans, die sich da begraben lassen, vielleicht doch eine ziemlich faule Birne hatten. Wichtig ist doch, wie die Hamburger Kirchen darauf reagieren: Statt sich ihrerseits zu dem christlichen Glauben zu bekennen, bieten sie ein peinliches Aggiornamento, ein frivoles Sich-einhaken und Mit-schunkeln bei Hinz und Kunz: „Wenn ein HSV-Fan seinem Verein auch nach dem großen Schlusspfiff nahe sein möchte – warum denn nicht?“ verlautete ein Sprecher des erzbischöflichen Ordinariats. Und die evangelische Bischöfin (Maria Jepsen) äußerte persönlich großes Verständnis dafür, „dass Menschen, die über den Fußball Zusammengehörigkeit im Leben suchen, diese über den Tod hinaus bewahren möchten“.

VI.

Liebe Christen, ein Nachfolger des Petrus wird gesucht! Der uns und allen Menschen prestigewirksam und nachvollziehbar zeigt und vorlebt, wie man vom Geist Gottes erfüllt leben und worauf man getrost sterben kann. Welche Lebenseinstellung, welche Lebensführung, welche Lebenshoffnung das leisten kann.

Vielleicht denken schon lange viele von Ihnen: Ja, nun komm schon, Pastor! Nun sag doch endlich mal konkret, in welche Richtung uns der Heilige Geist bewegen sollte. Was heißt denn buchstäblich: Lebenseinstellung? Lebenspraxis? Lebenshoffnung? Was ist bei uns und unter uns so, dass es unbedingt geändert werden müsste? - Nun gut. Zum Schluss meiner Predigt will ich dazu drei Anmerkungen machen:

Zunächst: Das ist unfassbar, wie wir umgehen mit den allerschwächsten Gliedern unserer mitmenschlichen Gesellschaft: den Kindern und den Alten. - Ich rede jetzt nicht von mehr oder weniger Kita-Plätzen. Für oder gegen das Betreuungsgeld. Von 25 oder 50 Euro mehr für die Betreuung von Demenzkranken. Das sind sozialpolitische Tagesprobleme. Von zweitrangiger Bedeutung. Ich denke an die geschändeten und missbrauchten Kinder (über 12.400 waren es – aktenkundig gewordene – im letzten Jahr! Die Dunkelziffer ist hoch.) Deren Leiden menschlichen Schweinen Freude bereitet, wenn sie es auf bestimmten Internetseiten anklicken können. - Ich denke an die Kinder auf den Krebsstationen. Wo man den Eindruck gewinnt: Die Schutzengel sind anscheinend nur noch damit beschäftigt, das Lob des Herrn zu singen. Jedenfalls sind sie nicht da, um diese Kinder der schwarzen und schweigenden Nacht zu entreißen.

Was wissen wir schon von alledem? Wir wollen uns nicht berühren, nicht hineinziehen lassen. Ja doch, bei der Josè-Carreras-Show haben wir 15 Euro gespendet. Aber: Kompassion (Mitleiden) ist das Schlüsselwort. Sieh hin! lautet der kategorische Imperativ. D. h. wo ist unser Wunsch und unsere Bemühung nach ganz persönlicher Teilnahme und Sympathie für betroffene Kinder, Eltern und Geschwister?! Vor allem: Wo ist unser Gebet, unser Appell an den Protektor und Hüter des Lebens?!

Hunderttausende alter Menschen in unserem Land (viel mehr als in den Gefängnissen sitzen) werden in den Alters- und Pflegeheimen durch freiheitsentziehende Maßnahmen ihrer Menschenwürde beraubt: Sie werden in Betten und an Rollstühlen fixiert und medikamentös sediert. Sie liegen sich wund und werden nicht ausreichend ernährt. Sie werden allein gelassen und sind von Gott und aller Welt ver-lassen.

Ich weiß: Das ist schnell gesagt. Und es ist natürlich ungerecht gegenüber der mühevollen und schweren Arbeit vieler Pflegekräfte. Es ändert aber nichts daran, dass an diesen Orten millionenfach furchtbar gelitten wird. Dass viele der Betroffenen, wenn sie sich überhaupt noch etwas wünschen können, sich nur noch eines wünschen: tot zu sein. Und niemand kann das scheinbar ändern. Was in Zukunft noch viel, viel schlimmer werden wird – in unserer immer älter werdenden und maßlos gleichgültigen Gesellschaft. Wenn nicht ein Wunder geschieht!

Die zweite Anmerkung: Das ist unfassbar, wie wir umgehen mit unseren Mitgeschöpfen. Mit unseren millionenfach leidenden, misshandelten, verstümmelten Mitgeschöpfen: z. B. den am Kälberstrick gemästeten, bewegungsunfähig gemachten Rindviechern. Den ohne Betäubung kastrierten Ferkeln. Den mit Psychopharmaka voll gepumpten, genmanipulierten, fettarm produzierten Langschweinen. Den in Legebatterien auf Din-A-4-Größe eingepferchten Puten und Hennen. Den in Hähnchen-Kzs in 6-8 Wochen Lebenszeit hoch gezogenen Flattermännern, die geschlachtet werden, bevor sie ein einziges Mal krähen konnten.

Das alles sehen wir nicht. Das alles wissen wir nicht. Das alles ist uns egal. Hauptsache: Es schmeckt. Hauptsache: billig. Aber: Kompassion ist auch hier das Schlüsselwort für eine verantwortbare Lebenseinstellung. Sieh hin! lautet auch hier der kategorische Imperativ. Sieh hin auf jedes uns anvertraute Lebewesen! Ja, es sind Tiere und keine Menschen. Ja, sie können nicht denken. Aber sie können fühlen und Angst haben und Schmerzen empfinden. Es sind Geschöpfe Gottes, Teil der uns von ihm anvertrauten Lebenswelt.

Die dritte und letzte, ganz bestimmt nicht unwichtigste Anmerkung: Das ist unfassbar, in einer wie total ungerechten Gesellschaft wir leben: Da überlegt der eine, wie er seine Millionen mit welchen Tricks am Finanzamt vorbei ins Ausland verschiebt. Und eine allein erziehende Mutter weiß nicht, wie sie mit Hartz IV über die Runden kommen soll. Da zahlt ein Multimillionär (nicht nur in den USA) weniger Steuern als seine Sekretärin. Da verdient ein Manager 400 mal so viel wie die Bundeskanzlerin. Sie wissen alle: Tausende von Beispielen ließen sich aufzählen, die diese soziale Ungerechtigkeit belegen. Das ist wirklich schlimm. Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, was diese immer weiter auseinander klaffende Schere von reich und arm mit uns Menschen macht!

Wir müssen es verstehen: Die Ungerechtigkeit steckt seit jeher und für immer in den sozialen Bedingungen der Menschen. Bei den aufflammenden sozialen Unruhen überall in Europa kann man das gerade jetzt beobachten. Die offenkundige Ungerechtigkeit lässt die Menschen nämlich vergessen, dass sie Geschwister sind. Das zeigen schon die Geschichten der Bibel. Es sind dieselben Geschichten, die wir gerade erleben. Sie beginnen mit Kain und Abel. Wobei Kain und Abel natürlich Symbole sind. Sie sind Symbole für die stärksten Triebe, die die Mitglieder der menschlichen Gesellschaft in Streit, Hass und Blutvergießen treibt. Die schließlich zur Selbstzerstörung führen: zur Besitzgier, immer mehr und mehr haben zu wollen und nie genug zu kriegen auf der einen Seite. Zu dem elenden Gefühl, immer zu kurz zu kommen und so im totalen Frust, in der Depression, in Abhängigkeiten und der Sucht zu enden auf der anderen Seite. - Und das ist die Schuld der Menschen auf der einen wie auf der anderen Seite: Sie alle – und wir mit ihnen – glauben, vom Haben-wollen leben zu können. Daran und darin scheitern wir alle. Weil wir unseren Nächsten nicht sehen wollen und ihn darum auch nicht verstehen können. Aber wenn einer dem anderen total gleichgültig ist – dann beginnt das Drama des Menschen.

Aus diesem Dilemma können wir uns nicht selbst befreien. Keiner von uns. Sie nicht und ich nicht. Das ist nur möglich durch die Kraft des Heiligen Geistes. Und weil der Geist Gottes durch Menschen wirkt und handelt, sei es noch einmal gesagt: Ein Nachfolger des Petrus wird gesucht!

Seine Geschichte, von der wir heute wieder einmal gehört haben, kann uns zur Quelle des Trostes und der Hoffnung werden. Stellen Sie sich ihn jetzt noch einmal vor Augen: Da steht er vor dem Unverständnis der Menge. Und er behauptet: Es gibt einen Gott, der da gegenwärtig ist und eingreift, wo man ihn anruft. Wo man den Nächsten neben sich ansieht und ihn verstehen kann. Wo das Schicksal der ersten Menschen eben so widerrufen wird. Wo der Tod besiegt ist. Wie Gott es an Jesus bewiesen hat für den, der an ihn glaubt. Das Leben mit und bei Gott kann neu beginnen. Übrigens: Auch bei uns. Hier und heute. Wenn wir miteinander singen und beten: „O komm, du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein, verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein. Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an, dass jeglicher Getreuer den Herrn bekennen kann“. Amen.