Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Amos 5,21-24

Björn Büchert (ev)

19.02.2012 in der Ev. Kirchengemeinde Ebhausen

Liebe Gemeinde,

Woche für Woche wird hier in Ebhausen Gottesdienst gefeiert. echt.Zeit Gottesdienst, traditioneller Gottesdienst, Kindergottesdienst, Jugendgottesdienst. Ich weiß, dass einige das Thema Gottesdienst beschäftigt. Es gibt unterschiedliche Meinungen über die Gottesdienstform, das Liedgut und auch über die Räumlichkeiten in denen wir Gottesdienst feiern. Ich hätte große Lust auf all diese Dinge heute einzugehen, weil sie mich selbst sehr beschäftigen. Es gibt jedoch noch eine ganz andere Dimension des Gottesdienstes und um diese wird es heute gehen. Eine Dimension, die wir oftmals gar nicht im Blick haben.

Was denkt ihr, was gehört für Gott zu einem echten Gottesdienst?

Der heutige Predigttext findet sehr deutliche Worte zum Thema Gottesdienst. In gewisser Weise unangenehme Worte. Vielleicht sollen diese prophetischen Worte uns provozieren und herausfordern damit unser Bild von Gottesdienst erweitert wird.

Ich lese aus Am 5,21-24: Text Beamer

21 Der Herr sagt: »Ich hasse eure Feste und kann eure Feiern nicht ausstehen.

22 Eure Brandopfer und Speiseopfer sind mir zuwider; das gemästete Vieh, das ihr für das Opfermahl schlachtet, kann ich nicht mehr sehen.

23 Hört auf mit dem Geplärr eurer Lieder! Euer Harfengeklimper ist mir lästig!

24 Sorgt lieber dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen wie ein Strom, der nie austrocknet.

Ich gebe euch einen Moment Zeit, damit ihr diesen Text auf euch wirken lassen könnt.

 

Klare Worte, die Gott hier durch den Propheten Amos an sein Volk richtet. Um es gleich vorwegzunehmen. Die Feste und Feiern, die Gott hier kritisiert sind nicht irgendwelche ausgelassenen Partys oder Vereinsfeste sondern er kritisiert die Gottesdienstpraxis der Israeliten. Die religiösen Feste und Feiern werden hier von Gott angeprangert.

Natürlich können wir sagen: Das ist lange her. Wir opfern keine Tiere mehr, mit der Harfe klimpert in unserem Gottesdienst auch niemand und außerdem haben wir ja Jesus. Was sollen wir also mit diesem Bibeltext machen? Sollen wir diesen Teil aus unserer Bibel rausreißen? Sollen wir sagen Altes Testament betrifft uns nicht?

So ein kritisches Prophetenwort geht uns vermutlich nicht so leicht runter wie eine „Fürchte dich nicht“ Zusage die auch aus dem Alten Testament stammt.

Gott fordert uns dazu heraus unser Verständnis vom Gottesdienst unter die Lupe zu nehmen und zu hinterfragen. Er hat nicht grundsätzlich etwas gegen religiöse Feste und liturgische Feiern. Ebenso wenig hat er etwas gegen unterschiedliche Musikstile. Er sagt jedoch, echter Gottesdienst ist mehr. Mehr als sich sonntags für eine Stunde zu treffen. Mehr als gemeinsam Lieder zu singen, zu beten und eine Predigt zu hören. Echter Gottesdienst muss weitergehen, wenn wir das Kirchengebäude verlassen. Ein Gottesdienst, wie er Gott gefällt muss sich in unserem Alltag auswirken.

Amos

Der Prophet Amos hatte den Auftrag dem Volk Gottes anzukündigen, dass es so nicht weitergehen kann. Die Israeliten haben zwar geopfert und Gottesdienst gefeiert, wie Gott ihnen das aufgetragen hatte, in ihrem alltäglichen Leben wurde jedoch nicht sichtbar, dass sie mit Gott unterwegs sind. Sie waren dabei, ihr Leben in zwei Bereiche zu unterteilen. Den geistlichen, religiösen Bereich und den, alltäglichen Bereich. Sie konnten einerseits schön fromm tun und andererseits ungerecht mit ihren Mitmenschen umgehen. Sie haben die Armen aus dem Blick verloren und zu Sklaven gemacht. Und an dieser Stelle sagt Gott: Stopp!

Er beauftragt den Schafhirte Amos Umkehr zu predigen. Das kommt uns vielleicht bekannt vor. In christlichen Kreisen wird auch Umkehr gepredigt, jedoch oftmals nur den Menschen, die Gott scheinbar noch nicht kennen. Bei Amos ist das anderes. Er predigt dem Auserwählten Volk Gottes. Er predigt Menschen, die schon mit Gott unterwegs sind. Er predigt dir und mir. Uns, die wir Gott kennen. Gott will uns die Augen öffnen und sagen: Freunde versteckt euch nicht hinter euren frommen Veranstaltungen und euren religiösen Ritualen. Er möchte unseren Blick weiten und uns zeigen, was in seinen Augen auch zu einem echten Gottesdienst dazu gehört. Er sagt: Sorgt dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen.

Vielleicht würden sich die Worte von Amos heute etwas überspitzt folgendermaßen anhören:

Der Herr sagt: »Ich hasse eure Gottesdienste und kann eure Gebete nicht ausstehen.

Eure Jugendkreise, Gesprächsgruppen und Chöre sind mir zuwider; eure großen Events, kann ich nicht mehr sehen.

Hört auf mit dem Geplärr eurer Lobpreislieder! Eure Orgel, Klavier und Bandmusik ist mir lästig!

Sorgt lieber dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen bei euch lokal und global gelebt werden.

Es geht mir nicht darum, christliche Veranstaltungen oder geistliche Übungen schlecht zu machen. Ich möchte jedoch ernst nehmen, was der Bibeltext sagt auch wenn das vielleicht unbequem für uns ist.

Recht und Gerechtigkeit

Gott will unser Blickfeld erweitern und uns vor Augen malen, dass zu echtem Gottesdienst auch aktives Handeln außerhalb religiöser Veranstaltungen dazu gehört. Er fordert sowohl die Israeliten als auch uns dazu auf: „Sorgt dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen..“ In Gottes Augen gehört gelebte Gerechtigkeit elementar zu einem echten Gottesdienst dazu. Die Frage ist: Haben wir diese Dimension im Blick. Hat soziale Gerechtigkeit in unseren Augen etwas mit Gottesdienst zutun? Oftmals wird Christ sein darauf reduziert, dass man sagt: „Bekehr dich, glaube an Jesus, dann wirst du nach dem Tod in den Himmel kommen.“ Das stimmt auch, das ist jedoch nur ein Teil der Guten Nachricht. Das Evangelium vom Reich Gottes beinhaltet auch, dass Gott ein Interesse daran hat, dass heute hier und jetzt schon Recht und Gerechtigkeit gelebt wird. Das Reich Gottes kommt nicht irgendwann ganz plötzlich und unerwartet. Es fängt jetzt schon an sich auszubreiten. Selbstverständlich wird es erst vollendet und für alle sichtbar sein, wenn Jesus wieder kommt. Als Christen, als Gemeinde Jesu sind wir jedoch jetzt schon dazu berufen so zu leben, wie Gott sich das gedacht hat. Gelebte Gerechtigkeit ist ein Teil davon.

Die meiste Zeit meines Lebens wurde mir vermittelt. Es gibt liberale Christen, die nicht richtig an Jesus glauben sich aber für Gerechtigkeit einsetzten. Und es gibt fromme Christen, die glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist, denen jedoch das Thema Gerechtigkeit egal ist, weil sie eh irgendwann in den Himmel kommen.

Erst in den letzten Jahren ist mir bewusst geworden, wenn ich als Nachfolger Jesu leben will, darf ich das eine vom anderen nicht trennen. Eine persönliche Beziehung zu Jesus und verantwortliches handeln gehören zusammen. Als mir das klar wurde, ist manches ganz schön kompliziert geworden. Wenn wir anfangen darüber nachzudenken, was es bedeutet gerecht zu leben merken wir, dass dies gar nicht so einfach ist. Das kann schon beim Kaffee trinken morgens anfangen. Da stellt sich mir die Frage: Bin ich bereit dazu mehr Geld auszugeben um fair gehandelten Kaffee zu kaufen. Dafür bekommt der Plantagenarbeiter in Afrika einen gerechten Lohn. Oder sage ich, soll doch der Typ am anderen Ende der Welt den Preis bezahlen indem er einen Hungerlohn bekommt. Das ist nur ein Beispiel. Millionen von Menschen arbeiten für unter 1 US Dollar am Tag, damit wir so leben können wie wir leben. Nach Angaben von open doors befinden sich ca. 200 000 Christen allein in Nordkorea in Straflagern und müssen unter erbärmlichsten Bedingungen dort arbeiten. Die Produkte, die sie herstellen, kommen unter dem Label „made in Korea“ in unsere Geschäfte. Computerzubehör, Stahl, Maschinen und Textilien aller Art.

Es gibt ein Zitat von Tony Campolo, das mich provoziert hat neu über soziale Gerechtigkeit nachzudenken. Er ist Pastor uns Soziologe und sagt in einer Predigt:

"Drei Dinge möchte ich heute gerne sagen. Erstens: Während Sie heute Nacht geschlafen haben, sind 30.000 Kinder verhungert oder an den Folgen von Unterernährung gestorben. Zweitens: Die meisten von Ihnen interessiert das einen Scheißdreck. Und das Schlimmste ist drittens, dass Sie sich mehr daran stören, dass ich 'Scheißdreck' gesagt habe, als daran, das heute Nacht 30.000 Kinder gestorben sind."

Ich glaube Gott hat kein Interesse daran, dass wir ständig mit einem schlechten gewissen leben sollen. Er will uns jedoch die Augen öffnen und sagt: „Sorgt dafür, dass jeder zu seinem Recht kommt! Recht und Gerechtigkeit sollen das Land erfüllen.“

Der ein oder andere denkt jetzt vielleicht. Naja, jetzt versuch das mal in allen Lebensbereichen umzusetzen. Beispielweise darauf zu achten, dass die Menschen die Dinge für mich herstellen gerecht behandelt werden. Beim Kaffee geht das ja noch relativ einfach aber wie sieht das mit Kleidung, Möbel, und technischen Geräten aus. Wenn wir anfangen über gelebte Gerechtigkeit nachzudenken werde wir feststellen, dass wir immer auf Kosten von anderen leben. Als mir das bewusst wurde hat mir das richtig Mühe gemacht. Vor allem weil ich gemerkt habe, ich kann nicht alles auf einmal ändern. Irgendeiner wird immer für meinen Lebensstil bezahlen müssen. Wenn es nicht der Plantagenarbeiter in Afrika ist, ist es eben die Näherin in Bangladesch, die meine Jeans näht.

An diesem Punkt angekommen habe ich entdeckt es gibt zwei Möglichkeiten damit umzugehen. Entweder ich sage: Ok gerecht zu leben gelingt eh nicht, deshalb versuche ich es erst gar nicht. Oder ich entscheide mich für einen Lebensbereich indem ich versuche Schritt für Schritt etwas umzusetzen. Schwarz / weiß Denken. Ganz oder gar nicht bringt uns an dieser Stelle nicht weiter. Wenn wir jedoch zunächst an einer Stelle bewusst einen Teil dazu beitragen, dass Gerechtigkeit zum Ausdruck gebracht wird, wird sich etwas verändern.

Ein Blick zu bekommen für die weltweite Armut kann ein Beispiel dafür sein, wie diese Dimension des Gottesdienstes gelebt werden kann. Sicherlich gibt es auch ganz andere Bereiche in unserem Leben, in denen wir uns für Recht und Gerechtigkeit einsetzen können:

  • In der Schule oder am Arbeitsplatz. Wir können unsere Stimme erheben für Mitschüler oder Kollegen, die gemobbt oder ungerecht behandelt werden.

  • Wir können uns einmischen in die Diskussion zum Schutz von Embryonen.

  • Wir können Menschen in unserem Umfeld helfen, denen es gerade familiär nicht so gut geht.

Gott möchte unser Bild vom Gottesdienst erweitern. Der Gottesdienst geht weiter, wenn wir das Kirchengebäude verlassen.

Vielleicht hilft es uns, einen Moment Zeit zu nehmen um zu überlegen wie das bei uns ganz praktisch aussehen kann. Rainer wird ein Stück spielen und danach singen wir: Ein Leben für Gott.