Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Amos 5,21-27

Pfarrer Reiner Fröhlich (ev.)

26.02.2006 in der Christuskirche in Kierspe

Liebe Gemeinde,

Stellen Sie sich vor: Ein wunderschöner Gottesdienst zum Frühlingserwachen der Natur. Im alten Israel wurde im Frühling das Neujahrsfest gefeiert. Das Heiligtum in Bethel, das vor langer Zeit der König Israels gebaut hat, ist festlich geschmückt. Der Tempel und der Tempelvorhof ist voll von Menschen, die Gott andächtig den Gottesdienst feiern. Ein Chor von Tempelsängern stimmt ein Loblied an. Der Priester ist aufgestanden, um ein Brandopfer für den Gott Israels darzubringen.
Da steht plötzlich mitten aus der Volksmenge ein unbekannter Mann auf und schreit laut folgende Worte:
So spricht Gott, der HERR: Amos 5, 21 - 27

Totenstille. Leises Murmeln der Gottesdienstbesucher, das sich zum Wutschrei hin steigert. Tempelwächter stürzen sich auf den unbekannten Mann und nehmen ihn fest. Er kommt ins Gefängnis und wird nach dem Gottesdienst verhört.
So oder ähnlich muß es, liebe Gemeinde, zugegangen sein, als Amos die Worte des heutigen Predigttextes gesprochen hat.
- Unerhört !
- Was der sich erlaubt !
- So jemand gehört ins Gefängnis!

Aber es ist nicht ein verrückt gewordener Unruhestifter, der den Gottesdienst stört. Es ist ein Prophet Gottes. Es ist Gott selbst, der sich hier zu Wort meldet:
Ich mag eure Gottesdienst nicht riechen. Tut weg von mir das Geplärr eurer Lieder.
Nicht nur die Menschen damals sind völlig geschockt,
auch wir heute verstehen die Welt nicht mehr.
Ist Gott dagegen, daß wir Gottesdienst feiern? Will Gott nicht, daß wir Lieder singen zu seiner Ehre und zur Stärkung unseres Glaubens?
Wir müssen hier ganz genau hinhören, was Gott durch den Propheten Amos sagt:
"Ich mag eure Gottesdienst nicht riechen. Tut weg von mir das Geplärr eurer Lieder", sagt er.
Aber er fährt fort:
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Gott mag einen Gottesdienst nicht leiden, wenn er keine Auswirkungen auf den Alltag der Gläubigen hat. Gott hält sich die Ohren zu bei den Liedern, wenn sein Recht unter den Menschen mit Füßen getreten wird.

Was war damals geschehen? Geschieht so etwas auch heute bei uns?
Gott ist ein Gott des Rechtes. Gott setzt sich für die Armen ein. Die Geschichte des Volkes Israel beginnt damit, daß Gott das Schreien der unterdrückten Israeliten in Ägypten hört.
Der mächtige und im Gold schwimmende Pharao beutet die Israeliten fast wie Sklaven aus. Alle Israeliten sind entrechtet und vegetieren dahin. Gott kommt seinem Volk zu Hilfe und errettet die Israeliten aus dem Knechtshause in Ägypten. Die Macht des Pharao wird gebrochen. Er muß das Volk ziehen lassen. Mose führt das Volk durch die Wüste. Am Berg Sinai gibt Gott dem Volk seine Gebote, Gottes Gebote. Die 10 Gebote sind nur ein kleiner Teil davon. Das 2. Buch Mose und das 5. Buch Mose sind voll von Gottes Geboten und Gottes Rechten. Und alle Gebote Gottes besagen zweierlei:

Erstens: Nur Gott allein soll angebetet werden. Kein Mensch, kein anderer Gott und kein weltliches Prinzip soll angebetet werden. Der HERR allein ist dein Gott.
Zweitens: Das Verhältnis der Menschen untereinander soll bestimmt sein vom Recht und Gerechtigkeit. Und gerade die Kleinen und Armen sollen besonders geschützt sein vor dem Übergriff der Reichen und Mächtigen im Land.
Diese Gebote bekommt das Volk Israel, das anfangs eine von Gott errettete Sklavenschar auf dem Weg durch die Wüste ist.
Wir Christen sind zum Heil Gottes hinzugekommen. Was Gott mit der Errettung Israels aus Ägypten angefangen hat, das führt er durch Jesus Christus auch für andere Völker weiter.
Wir Christen aus den Völkern sind durch Jesus Christus errettet aus der Macht der Sünde und der ewigen Verlorenheit. Gott führt uns durch Christus und sein Wort durch die Zeiten. Und Gott gibt uns die gleichen Gebote, wie auch seinem Volk Israel. Und durch Jesus Christus spitzt er dies zu mit den Worten:
Erstens: Du sollst den HERRN, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen ....
Zweitens: Und deinen Nächsten wir dich selbst.
Von Gott her strömt Recht und Gerechtigkeit. Er errettet Israel aus Ägypten und alle Menschen aus der Macht der Sünde. Und Gott will, daß dieser Strom aus seiner Quelle durch uns weiterfließt, durch uns hindurchströmt zu allen anderen Menschen hin.
Im Gottesdienst werden wir erfüllt mit Gottes Güte und Gottes Erbarmen. Und wenn wir hinausgehen, dann soll das weiterfließen zu den anderen.
Damit können wir den Propheten Amos nun besser verstehen.
Gott spricht: Ich mag eure Gottesdienste nicht riechen. Tut von mir weg das Geplärr eurer Lieder. Ich werde euch wegführen lassen bis jenseits von Damaskus.
Was ist geschehen damals. Was geschieht heute bei uns?

Gott trägt sein Volk Israel. Als Gott seinem Volk das Land Kanaan schenkte, da bekam jeder Israelit ein Stück Land. Das war sein Erbbesitz, auf hebräisch: seine Nachala. Gott blieb der Eigentümer des ganzen Landes. Gott verlieh jeder Familie das Recht, auf einem Stück Land zu wohnen. Das Land war wichtig, damit jeder mit seiner Familie von der Frucht des Landes leben konnte. Jede Sippe, jede Familie sollte soviel haben, das jeder leben kann.
Dieses Recht galt jahrhundertelang in Israel. Doch dann bekam Israel einen König. Das ist etwas Neues und Unbekanntes. Einen König hatten nur die anderen Völker. Der König von Israel kennt die Gebote Gottes, aber er sieht auch, wie die anderen Könige ringsumher leben: die Philister, die Moabiter ...
Und die leben nach dem Motto: Jeder ist selbst seines Glückes Schmied. Das Land ist eine Ware wie jede andere Ware auch. Und auch Menschen sind eine Ware. Ja, bei den Heiden rings um Israel ist auch der Mensch eine Ware. Er kann gekauft und verkauft werden.
Dieses Motto übernehmen die Könige Israels dann nach und nach und immer mehr. Das wird das neue göttliche Prinzip neben Gott. Es gilt nicht mehr das Recht Gottes: Jede Familie bekommt ein Stück Land, damit sie genug zum Leben hat, sondern es gilt: Jeder ist seines Glückes Schmied, und: alles ist eine Ware, die man kaufen und verkaufen kann.
Der König und seine Fürsten und die großen Bauern sind natürlich die größten Schmiede, die ihr Glück schmieden können. Sie sind mächtig, sie haben viel Geld. Und so nehmen sie den kleinen Leuten deren Land und ihre Häuser ab.
Wenn es eine schlechte Ernte gibt, leihen die Fürsten und die Reichen den kleinen Bauern Geld und verlangen es mit Zinsen zurück. Zinsnehmen ist von den Geboten Gottes her verboten. Aber die Könige und die Reichen sagen: Jetzt ist eine neue Zeit. Alle machen das so. Es gibt dazu keine Alternative. So fallen manche Kleinbauern immer tiefer in Schuldknechtschaft. Ihr Land wird gepfändet. Sie selbst und ihre Kinder werden als Sklaven verkauft.
In der Hauptstadt Samaria gibt es bald Häuser mit Elfenbeinschnitzereien und Damastdeckchen. Großgrundbesitzer können sich ein Sommerhaus und ein Winterhaus leisten. Auf der anderen Seite gibt es Hungernde, Israeliten, die Sklaven im gelobten Land sind. Es gibt Elend und Not.
In dieser Situation tritt Amos auf. Gott offenbart sich ihm, als er seine Herde auf einer Wiese weidet und zeigt ihm den Untergang Israels in einer Offenbarung an. Mit Eifer und Wucht verkündet Amos den Oberen seines Volkes das Gericht Gottes:
Ich kann eure Gottesdienste nicht riechen. Ich werde euch wegführen lassen bis jenseits von Damaskus.
15 Jahre nachdem Amos predigte, erscheinen die wilden Horden der Assyrer, die mit ihrem Terror den ganzen vorderen Orient in Schrecken versetzen. Sie erobern und plündern die Hauptstädte der Länder rings um Israel. Gottes Gericht erscheint am Horizont. Gott greift ein, um sein Recht aufzurichten.

Das ist geschehen damals. Was geschieht heute? Hat das Wort von Amos uns heute etwas zu sagen?
Wir sind nicht das Volk Israel, - ja. Wir leben nicht in einem religiösen Staat, - ja.
Aber: Gottes Gebote gelten damals wie heute. Und Gottes Recht gilt nicht nur im Heiligen Land, Gottes Recht gilt auf der ganzen Welt. Jesus Christus ist das Licht der Welt. Und er hat seine Jünger beauftragt: Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker. Taufet sie auf den Namen des V + S + G und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.
Die Gläubigen damals wie heute sollen sich einsetzen für Recht und Gerechtigkeit.
In diktatorischen Ländern wie früher im kommunistischen Ostblock beten und handeln die Gläubigen für Recht und Freiheit. In Länder mit Unterdrückung, wie früher in Südafrika, beten und handeln die Gläubigen für Gleichheit und Zusammenleben.
Kann Gott unsere Gottesdienst riechen und sich an unseren Liedern freuen?
Nur wenn seine Gerechtigkeit durch uns hindurchfließt in die Welt, zu den Menschen, in unseren Alltag, in unser ganzes Land.
Aber: Und in unserer Welt heute und in unserem Land, da wird das Recht Gottes mit Füßen getreten. Da werden die kleinen Leute und die Armen kleiner gemacht, eingeschüchtert, ausgebeutet und als Dinge behandelt, nicht mehr als Menschen.
Wie geschieht das?
Früher gab es in jedem Land mehr oder minder gute Gesetze. Es gab Steuern und Zölle, die dafür sorgten, daß der Reichtum eines Landes und seiner Bewohner einigermaßen gerecht verteilt wurde. Die Politik steuerte das Leben der Menschen, die Wirtschaft, die Umweltbedingungen. Gesetze regelten den Handel. Es gab Bestimmungen, wie das Geld von einem Land in ein anderes fließen konnte, von einem Konto auf ein anderes.
In den letzten Jahren werden die Gesetze und Regeln immer mehr abgeschafft. Die Politik zieht sich zurück. Es gibt kaum noch Zölle. Es gibt immer weniger Kapitalsteuern.
Das Motto heißt: jeder ist seines Glückes Schmied. Der totale Markt wird der neue Gott, neben dem Gott Israels. Man sagt uns: Der Markt und die Kräfte des Marktes werden alles zum Guten wenden. Politik wird nicht mehr gebraucht. Alle Hindernisse für den Markt und den Handel müssen abgeschafft werden.
Liebe Gemeinde, das erinnert mich an die Zeit des Amos. Und genau wie damals gibt es die großen Schmiede, die ihr Glück schmieden.
Das sind nicht mehr Könige und Fürsten, das sind Deutsche Bank, Siemens, Eon, Continental, Texaco usw.
Die schmieden ihr Glück, und die kleinen Leute kommen unter die Räder. Die Großen können ihre Arbeitsplätze nach China verlagern und drohen den Arbeitern hier:
Entweder weniger Lohn - oder Arbeitslosigkeit.
Die großen Unternehmen drohen dem Staat: entweder ihr senkt die Unternehmenssteuern auf 30 % oder tiefer, oder wir gehen nach Bangla Desh.
Und in Bangla Desh oder China lassen die großen Konzerne dann so arbeiten, wie man das im Fernsehen so sieht:
Die Arbeiter müssen 7 Tage arbeiten, bis zu 12 Stunden am Tag, für einen Hungerlohn. Die Flüsse Chinas werden verseucht. Jede Woche neue Meldungen über neue Unglücke. Die Arbeiter in Bangla Desh verbrennen in der Fabrik, weil die Fabrik abschlossen ist. Die Arbeiter werden dort wie Tiere gehalten.

Liebe Gemeinde, Amos ist so aktuell wie lange nicht. Wir tanken hier im Gottesdienst auf. Gott schenkt uns seine Gegenwart. Er erfüllt uns mit seiner Güte und Gnade. Er ist die Quelle des Lebens. Durch uns soll sein Recht und seine Gerechtigkeit hindurchfließen in diese Welt hinein.
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Wir sollen dafür beten, daß Gott eingreift und das Übel der heutigen Zeit mit seiner göttlichen Kraft anpackt. Wir sollen darum beten, daß Gerechtigkeit aufgerichtet wird in der Wirtschaftspolitik der Staaten. Wir dürfen darum ringen, daß Gott die Herzen der Politiker anrührt und sie dahin führt, daß sie wieder regieren und gute Gesetze machen. Die Politiker sollen Gesetze machen:
-Gesetze, die den weltweiten Handel regulieren.
- Gesetze, die den Fluß des Geldes um die Welt kontrollieren und sanktionieren.
- Gesetze, die dem Staat das Geld für ausreichende soziale Leistungen und für die Arbeiter eine ausreichende Rente beschaffen. Der Staat ist pleite? Es ist genug Geld da, nur bei den Falschen. Es ist eine glatte Lüge, wenn alle behaupten, wir hätten zu wenig erwirtschaftet! Eon will in Spanien den Konzern Endesa zukaufen. Die Deutsche Bank hat den höchsten Gewinn ihrer Unternehmensgeschichte.
Die Politiker müssen beschließen, daß dieses Geld, das erwirtschaftet ist, in der Staatskasse und in den Sozialkassen ankommt. Darum sollen wir beten.

Wir sollen beten für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung.
Wir sollen beten für gerechten Lohn und gerechte Arbeitszeit in den Ländern des Südens.
Wir sollen beten für Umweltschutz weltweit.
Und zuletzt, wir sollen uns informieren, wo Unrecht herrscht, wie das Unrecht entstanden ist, wie das Unrecht weiter entsteht und wie es zu beheben ist.
Unser Gott ist die Quelle des Lebens. Er ist die Quelle der Gerechtigkeit. Ihm sollen wir uns öffnen und ihn sollen wir an uns handeln lassen. Dann wird unser Leben gesunden. Dann wird unser Gottesdienst unseren Glauben stärken und Gott Freude bereiten. Dann werden unsere Lieder Gott erheben und ihm ein Wohlklang sein.

Amen.