Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Amos 5,24

EKD-Bischof em. Dr. h.c. Rolf Koppe

07.06.2008 auf der Trabrennbahn in Berlin-Karlshorst

Anlässlich der deutsch-russischen Festtage

Anlässlich der deutsch-russischen Festtage

Liebe Gemeinde!
Liebe Schwestern und Brüder!

Im Buch des Propheten Amos im 5. Kapitel heißt es:
„Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“.

Dieses eindrucksvolle Bild stellt der Prophet einer Gesellschaft vor Augen, die in viele Arme und wenige Reiche gespalten ist. Vor nahezu 3000 Jahren in Israel klagt er im Namen Gottes die skrupellosen Besitzer an: „Ich kenne Eure Freveltaten, wie Ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgelder nehmt und die Armen unterdrückt … Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass Ihr leben könnt“. Ob sie denn nicht merken, dass das Gericht Gottes bevorsteht?
Die Werte, die im Gottesdienst beschworen werden, stimmen mit den Taten nicht überein.
„Ich habe genug davon“, lässt Gott ausrichten. Recht und Gerechtigkeit sind zu einem Rinnsal geworden. Sie gleichen einer Pfütze in der Wüste.

Das Hohe Lied des Rechts und der Gerechtigkeit – so könnte man die Rede des Amos nennen. Sie wurde zum ersten schriftlichen Prophetenwort und damit zum festen Bestandteil der Bibel. Seine Spuren finden sich auch im Hohen Lied der Liebe, das wir eben als Lesung gehört haben und wo es heißt: „Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit“.

„Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“. So heißt die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland. Von der biblischen Tradition ausgehend, betont sie den unauflöslichen Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit und Frieden; Frieden unter den Bürgern eines Landes wie auch Frieden unter den Völkern.

Heute leben Russen und Deutsche in Frieden miteinander. Aber die Ursachen und Folgen zweier Diktaturen haben sich tief ins kollektive Gedächtnis beider Völker eingegraben, Das elementare Recht jedes Menschen als Ebenbild Gottes war hier im Namen einer Rasse, dort im Namen einer Klasse außer Kraft gesetzt worden. Und als Folge dieser Ideologien haben sich noch vor 20 Jahren die Militärblöcke hoch gerüstet hier in Berlin gegenüber gestanden. Gott sei Dank hat es mit Hilfe besonnener Politiker und nicht zuletzt auch dank dem Engagement von Christen in der DDR eine friedliche Wende gegeben.

Aber noch nicht gelöst ist die Aufgabe, durch Recht und Gerechtigkeit einen dauerhaften Frieden zu schaffen – weltweit wie auch innerhalb der Gesellschaft.

In Russland nimmt – nach 70 Jahren kommunistischer Herrschaft – der Einfluss der Russischen Orthodoxen Kirche wieder zu, und es wächst die Überzeugung, dass in der neuen Gesellschaft den religiös und ethisch entwurzelten Menschen christliche Orientierung gegeben und soziales Verantwortungsbewusstsein geweckt werden muss.

Im vorigen Jahr appellierte das von der Kirche initiierte „Weltkonzil des russischen Volkes“ an den Präsidenten und die Regierung, die tiefe Kluft zwischen Reichen und Armen zu verringern, die „eine Bedrohung für Frieden und Stabilität in der Gesellschaft“ sei.

Und in Deutschland haben die evangelische und die katholische Kirche mit ihrem Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage dazu aufgerufen, die zunehmende Armut im allgemeinen Wohlstand als unchristlich zu erkennen und nicht fatalistisch hinzunehmen.

„Es ströme das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“.
Der Prophet Amos ist nicht müde geworden, besonders die Ausbeutung und die Bestechung beim Namen zu nennen. Er hat im Namen Gottes dagegen Einspruch erhoben, dass immer prächtigere Gottesdienste gefeiert wurden, Recht und Gerechtigkeit aber immer mehr auf der Strecke blieben.

Ich habe heute die Sorge, dass in unserer Gesellschaft, in der alle Dinge berechnet werden und nur der eigene Vorteil zählt, das Bewusstsein für Recht und Unrecht schwindet, weil die geistig-geistlichen Quellen zu dünnen Rinnsalen werden oder ganz versiegen. So ist der soziale Frieden gefährdet. Notwendig ist die Besinnung auf Gottes Gerechtigkeit und Liebe, aus denen ein gerechter Frieden entspringt.

Amos hat die Katastrophe seines Volkes – die babylonische Gefangenschaft – kommen sehen und im Namen Gottes zur Umkehr aufgerufen. Er hat später, viel später dem Gottesvolk auch das künftige Heil vor Augen gestellt und im Namen Gottes geweissagt: „Ich will die Gefangenschaft meines Volkes Israel wenden, dass sie die verwüsteten Städte wieder aufbauen und bewohnen sollen, dass sie Gärten anlegen und Früchte daraus essen“.

Wer heute durch Berlin oder Moskau fährt und weiter draußen die Datschen oder Schrebergärten sieht, der kann auf den Gedanken kommen, die Verheißung habe nicht nur Israel gegolten, sondern auch unseren beiden Völkern.

Wir möchten als Christen und als Kirchen, dass das Recht wie frisches Wasser zwischen den ströme und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach alle Bereiche des Lebens erfrische. Denn Gott ist die Quelle der Gerechtigkeit und die Quelle der Liebe, die nie versiegt.

Amen.