Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Angst

Gisela Brackert

03.03.2003 in "Zuspruch am Morgen" (Hessischer Rundfunk)

Das absurdeste, was ich in den letzten Wochen gelesen habe, war die Liste mit den "Vierhundertsechsundzwanzig Namen der Angst", die ein amerikanischer Psychiater in zehnjähriger Arbeit aus den einschlägigen wissenschaftlichen Zeitschriften herausgefiltert und ins Internet gestellt hatte.

Sie begann mit der Ablutophobie, der Angst sich zu waschen oder zu baden, endete mit der Zoophobie, der Angst vor Tieren, und enthielt so kuriose Ängste wie die Arachibutyrophobie, die Angst davor, dass Erdnussbutter am Mundwinkel hängen bleibt. Oder die Dextrophobie, Angst vor Gegenständen an der rechten Seite des Körpers, die Linonophobie, die Angst vor Bindfäden. Da wirkt es ja schon vergleichsweise beruhigend, dass auch Sexualängste und die Angst vor Einsamkeit in reicher Variation vorkamen.

Nur eines habe ich unter den 426 festgestellten, offenbar behandlungsbedürftigen amerikanischen Ängsten nicht gefunden: die Angst vor Krieg. Und glauben Sie mir: ich habe die Listen dreimal gelesen!. Unbegreifliches Amerika. Einfach keine Angst vor Krieg.
Wüsste es ich es nicht besser, - von meinen amerikanischen Freundinnen und
Freunden - ich würde die Hoffnung aufgeben, dass wir über diesen schwierigen Punkt überhaupt miteinander reden können.
Mir steht die Angst vor Krieg im Gesicht geschrieben.

Ich gehöre freilich auch zu denen, die noch wissen, wovon sie reden, wenn sie sagen: Nie wieder Krieg. Die die Höllenszenen überlebt haben in den Feuerstürmen, die durch unsere Städte rasten. Die noch wissen, wie es sich anfühlt in einem verschütteten Keller, wo jeder angstvoll auf die Kerze starrt, deren Erlöschen den Gas- oder Erstickungstod bedeutet. Die die Kämpfe um den Platz im Bunker noch im Gedächtnis haben, die geballte Angst, das Dröhnen der Bomber, das Murmeln der Betenden, das Schreien derer, die es nicht mehr aushielten. Die die verstümmelten Leichen nicht vergessen können, die Mütter, die ihre Kinder im Bombenhagel zur Welt brachten - ach, wer wissen will, was sich damals abspielte an der sogenannten Heimatfront, der greife zu dem Buch "Der Brand" von Jörg Friedrich. Mit einer ungewöhnlichen Mischung von Empathie und minutiöser, auch technischer Genauigkeit wird hier festgehalten, wie das vor sich ging und was das auslöste, als zwischen 1940 und 1945 über 1,3 Millionen Tonnen Bomben auf Deutschlands Städte fielen und nicht nur Hunderttausende von Menschenleben, sondern auch eine europäischer Stadtkultur auslöschten.

Das Kind, das ich damals war, konnte sich nicht sagen, das ist die Quittung für unseren Überfall auf Polen, für Auschwitz, für Coventry, für London. Es hatte einfach Angst, grauenvolle Angst, und verstand nicht, warum es überhaupt in die Welt gekommen war, wenn diese Welt ihm doch so ganz offenkundig nach dem Leben trachtete.

Und weil mir das in den Knochen sitzt, denke ich bei dem Stichwort Irak nicht an die Risiken des Militärs, nicht einmal an den erhofften Sturz des Diktators. Ich denke an die Menschenopfer, die schutzlose Zivilbevölkerung, die in den modernen Kriegen zur eigentlichen Front wird ohne irgendeine Chance zu haben.

Wer Kriege führt, hat Gründe. Gute und weniger gute. Er mag diese Gründe benennen. Doch selbst wenn sie uns als politisches Ziel überzeugen: Er muss Gott aus dem Spiel lassen. Denn alle Menschen sind Gottes Kinder. Und der Gott, zu dem wir beten, ist ein Freund des Lebens. Man kann zu ihm nicht über Leichen gehen.

(Quellennachweise:
Die vierhundertsechsundzwanzig Namen der Angst.
In. FAZ vom 7. Januar 2003.
www.phobialist.com
Jörg Friedrich, Der Brand, Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, München 200)