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Predigt über Apostelgeschichte 10

Norbert Meier

09.11.2008 in der Ev. ref. Gemeinde St. Pauli, Lemgo

70 Jahrestag der Reichsprogromnacht

Der Hauptmann Kornelius

Regeln sind eine feine Sache. Vor allem wenn sie von allen verstanden werden und alle sich dran halten. Aber mit dem Verstehen einer Regel ist das ja schon so eine Sache. Im Fussball z.B: die Abseitsregel, dass es verboten ist ein Tor zu erzielen, wenn im Moment des Abspielens nur noch ein Spieler der gegnerischen Mannschaft und dem ballführenden Spieler vor der Torauslinie und dem Torwart.. oder ...?

Manche Regeln sind hier verboten und wo anders erlaubt. Rechts überholen z.B. in Amerika, da darf man überholen wo man will. Ja wo kommen wir denn da hin, wenn jeder überholt wo er will. (Zitat, Verfasser unbekannt) „Regeln schützen das Eigentum und die freie Ausübung der menschlichen Dummheit.“ Garagendächer haben eine festgelegte Neigungsnorm, Bananen eine Regelgröße und Regenwürmer dürfen, wenn Sie die Grundstücksgrenze überqueren mit dem Spaten zerteilt werden, Näheres regelt das Faustrecht.

Regeln regeln das Leben. Das Leben an sich ist chaotisch und Regeln gebieten dem Chaos Einhalt, geben uns Orientierung. Wir brauchen Orientierung in einer Welt, die uns zu groß erscheint. Manche brauchen so viel Orientierung, das sie sich selber Regeln erfinden müssen. Wenn das ausufert, nennen wir das Aberglauben. Wenn eine schwarze Katze von links nach rechts...usw ist halt nur der Versuch mit einer Regel Ordnung zu schaffen in einem verunsicherten Leben, in einer chaotischen Welt. Wir brauchen das Gefühl, das wir das Leben ein bisschen im Griff haben und manche Regeln helfen uns dabei oder auch nicht (im Fall des Aberglaubens)

Wie reagieren wir aber auf Menschen, die meinen sie könnten sich über Regeln einfach hinwegsetzen, als stünden sie darüber? In der Regel sind wir empört, entsetzt, verärgert. Manchmal kommt es sogar vor, dass Menschen, die eigentlich Vorbildfunktionen haben (Lehrer, Pastor, Politiker) eine Regel brechen. Dann gesellen sich zu diesen Gefühlen noch Verunsicherung, Angst und Ratlosigkeit und Enttäuschung dazu. Es wird uns ein Stück unserer Sicherheit genommen. Das müssen noch nicht einmal die grossen Regelverstösse sein, keine schweren Delikte. Es reicht wenn jemand daher kommt und mit einer schnoddrigen Bemerkung oder einem schlechten Witz abfällig über eine Regel spricht, die uns unheimlich wichtig ist.

Ich setze jetzt mal noch einen drauf. Was ist wenn Gott die Regeln bricht? Das gibt es nicht meinen Sie? Gott ist der Einzige, der sich immer an alle Regeln hält?

Weil der heutige Predigtext sehr lang ist, habe ich ihn in drei Teile aufgeteilt.

Apg. 10

9 Am nächsten Tag, (als diese auf dem Wege waren und in die Nähe der Stadt kamen), stieg Petrus auf das Dach, zu beten um die sechste Stunde. 10 Und als er hungrig wurde, wollte er essen. Während sie ihm aber etwas zubereiteten, geriet er in Verzückung 11 und sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenes Tuch herabkommen, an vier Zipfeln niedergelassen auf die Erde. 12 Darin waren allerlei vierfüßige und kriechende Tiere der Erde und Vögel des Himmels. 13 Und es geschah eine Stimme zu ihm: Steh auf, Petrus, schlachte und iss! 14 Petrus aber sprach: O nein, Herr; denn ich habe noch nie etwas Verbotenes und Unreines gegessen. 15 Und die Stimme sprach zum zweiten Mal zu ihm: Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. 16 Und das geschah dreimal; und alsbald wurde das Tuch wieder hinaufgenommen gen Himmel.

Petrus hatte eine Vision und in dieser Vision soll er eine Regel brechen. Wir kennen das vielleicht in unseren eigenen Visionen und Träumen: Dass wir von ungeheuer verführerischen Bildern gefangen genommen werden, die uns das dolce vita in aller triefenden Sinnlichkeit vor Augen stellen - und wenn sich das nur aufs unsittliche Essen und Trinken bezog, mag es noch harmlos gewesen sein. Aber wer von uns hätte es gewagt, darin eine göttliche Erleuchtung zu sehen - anstelle einer teuflischen Versuchung. So etwas können wir uns wie einen Traum aus den Augen reiben. Aber hier geschieht das im Gebet und Petrus redet sein Gegenüber mit Herr an. Oder hat er sich vielleicht getäuscht? Kam die Stimme vielleicht gar nicht von Gott? Merken Sie?.. Da ist sie wieder die Unsicherheit, die Angst, von der ich eben sprach.

Denn die Speiseregeln waren ein wichtiger Bereich des täglichen Lebens. Man kann im Judentum ein Leben studieren und sich nur mit den Speiseregeln und ihrer Anwendung im täglichen Leben befassen, so umfangreich ist das. Die wichtigsten sind: Keine Fleisch und Milchprodukte zusammen essen, nichts von unreinen Tieren (Schweine, Meeresfrüchte) Und so eine Palette wird dem Petrus hier vielleicht serviert: Also z.B. Schweineschnitzel in Rahmsauce, dazu Tintenfischringe oder Muscheln. Lecker werden sie jetzt vielleicht sagen und Petrus solle sich mal nicht so anstellen, schon gar, wenn der Befehl zum Essen von ganz oben kommt. Vergessen wir nicht, bevor wir Petrus so schnelle, kluge Ratschläge erteilen: wie reagieren wir wenn Menschen leichtfertig mit unseren Regeln umgehen oder sich locker drüber hinwegsetzen?

Trotzdem tun wir uns schwer zu verstehen warum Petrus solche Schwierigkeiten hatte den göttlichen Befehl einfach Folge zu leisten. Wir können uns da schlecht hineinversetzen, da wir so gut wie keine Speiseregeln - und Verbote im religiösen Sinne kennen. Was man essen sollte oder nicht ist für uns keine Sache, die mit Glauben zu tun hat, sondern mit Gesundheit. Wir unterscheiden nicht zwischen heiliger und unheiliger Speise, sehr wohl aber zwischen gesund und ungesund. Wagen wir also mal eine Übertragung. Stellen wir uns mal vor Gott würde uns BSE verseuchtes Fleisch vorsetzen und sagen: Iss, es wird dir nicht schaden. Oder frische Milch aus China, Hähnchen, die an der Vogelgrippe gestorben sind, die Liste lässt sich ja endlos erweitern, Skandale in der Richtung haben wir ja genug. Jemand würde sagen: Iss. Da würde die oberste Regel der Gesunderhaltung gebrochen. Eine Regel mit hohem Stellenwert. Oder eine andere Baustelle: ich würde sie heute auffordern entgegen ihrer guten Kinderstube zu handeln und sagen ab nächsten Monat sollen alle zum Abendmahl im Pyjama und Nachthemd erscheinen (nach dem Motto: Komm so, wie du bist). Wenn ich das sagen würde, wäre die Sache klar, das wäre meine vorerst letzte Predigt. Aber was wenn Gott... Unsicherheit? Mehr noch du witterst Gefahr, du merkst das dein Weltbild anfängt zu wackeln und das ist ein ganz hässliches Gefühl. Niemand sucht das, niemand möchte das, auch Petrus nicht.

Aber eins bleibt, wir wären vor allem eins ziemlich ratlos, was das Ganze soll, das steht auch in der Bibel:

17 Als aber Petrus noch ratlos war, was die Erscheinung bedeute, die er gesehen hatte, siehe, da fragten die Männer, von Kornelius (?) gesandt, nach dem Haus Simons und standen an der Tür, 18 riefen und fragten, ob Simon mit dem Beinamen Petrus hier zu Gast wäre. 19 Während aber Petrus nachsann über die Erscheinung, sprach der Geist zu ihm: Siehe, drei Männer suchen dich; 20 so steh auf, steig hinab und geh mit ihnen und zweifle nicht, denn ich habe sie gesandt. 21 Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin's, den ihr sucht; warum seid ihr hier? 22 Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein frommer und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast. 23 Da rief er sie herein und beherbergte sie.

Manchmal wählt Gott geradezu ketzerische Bilder, um uns theologisch aufzuklären. Manchmal bedarf es eines religionsgeschichtlichen Skandals, um uns zur Wahrheit und Erkenntnis zu führen.

Hier kommt quasi die Antwort des Rätsels, die Lösung für die Ratlosigkeit des Petrus. Während Petrus noch völlig ratlos war, was ihm die seltsame Erscheinung zu sagen hat, klopft es bereits an der Tür. Gott handelt auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Hier hat Petrus eine Vision, von dort sind bereits Leute auf dem Weg zu ihm

Gott hat vorher schon Leute zu ihm geschickt. Es waren Diener eines römischen Hauptmanns mit Namen Kornelius. Das war ein frommer Mann. Er betete, er fastete, gab Almosen usw. Er hatte nur ein Problem, er war der Einzige seiner Art. Seine ganze Umgebung war heidnisch geprägt, diente anderen Göttern und hatte andere moralische, ethische Werte. So eine römische Kohorte war quasi ein Mikrokosmos, eine Welt für sich, vor allem im religiösen Sinn. Die Soldaten glaubten dass das Lager unter dem Schutz der militärischen Götter stand, Sie verehrten den Geist der Centuria und den Geist der Legion. Den Geist der Standarte und den Adler, als Symbol Jupiters, sowie sämtliche römischen Götter (Mars, Jupiter, Juno, Minerva usw.) Daraus ergaben sich bestimmte Verhaltensweisen, ethische Werte. Kornelius hingegen glaubte an den einen Gott, nicht nur das, er glaubte an den Gott der Juden. Er lebte seinen Glauben nicht nur alleine, sondern mit seinem ganzen Haus. Er gab dem jüdischen Volk Almosen und betete zu ihrem Gott. Er wirkte Gerechtigkeit. Man kann sich aber auch leicht vorstellen, dass dieser Lebensstil für einen römischen Hauptmann in den 30er Jahren n.Chr. nicht ganz einfach war, eine aktive Sympathie zum jüdischen Volk und zu leben.

Und so kommt es dass Gott ihn in Kontakt bringen möchte mit anderen Gläubigen. Aber das war nicht so einfach, denn den anderen war der Kontakt mit Kornelius verboten. Weil er von Haus aus Heide war und damit zu meiden, wie verbotene Speise. Warum? In einer Kultur großer Gastfreundschaft, gingen Kontakte und Essen quasi Hand in Hand, sind kaum zu trennen. Wer zu Besuch ist, bekommt auch etwas zu Essen angeboten und schon sind wir wieder mittendrin, in einer langen Liste von Regeln. Im Grunde war die Welt im alten Israel ganz einfach. Innerhalb ihrer gesellschaftlichen Grenzen war alles klar. Hier das auserwählte Volk, draußen der Rest. Hier heilig, dort unheilig. Die Grenze verlief quasi mit der Landesgrenze. Später wurde es etwas schwieriger, da kam unheiliges in das Land. Aber die Grenze wurde nur verrückt. In meinem Haus heiliger Bereich, bei den fremden (besonders Besatzer) unheilig. So einfach und doch so schwierig war das Leben. Wie bei uns: Gutes Benehmen – schlechtes Benehmen, gesundes Essen, ungesundes Essen. Aber auf einmal soll diese Grenze überschritten werden? Weil Gott wußte, dass er es damit bei Petrus nicht einfach haben wird, warnt er ihn quasi schon mal vor mit dieser Vision.

Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm. 24 Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. 25 Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. 26 Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch. 27 Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. 28 Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll. 29 Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen. 30 Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand 31 und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. 32 So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. 33 Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist. 34 Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; 35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm. 36 Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist Herr über alle.

Jetzt klärt sich die Geschichte auf. Vorher hatte jeder Beteiligte nur ein Puzzlestück in der Hand. Jetzt sehen sie das ganze Bild. Und dieses Bild beschreibt Petrus, dem hier ein Kronleuchter aufgeht, mit den Worten „Keinen Menschen meiden oder unrein nennen“...“das Gott die Person nicht ansieht“...

Das ist Gottes Antidiskriminierungsgesetz Mehr noch es ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Wir werden hier Zeuge eines religionsgeschichtlichen und sozusagen kirchenpolitischen Skandals. Wir werden Zeuge der Begegnung zwischen dem Hauptmann Kornelius und dem Apostel Petrus. Und das war eine an sich ganz und gar unmögliche Begegnung. Sie hätte, wenn es nach rechten - und rechtgläubigen – Dingen zugegangen wäre, nie stattfinden dürfen. Da sitzen auf einmal Menschen verschiedener Klassen und Rassen zusammen und wissen selbst nicht wie ihnen geschieht.

 

Mehrere Punkte an dieser Geschichte sprechen uns an.

1. aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll. Da gibt es eigentlich immer eine lange Liste von Menschen, deren Kontakt ich nicht gerade suche und damit meide. Nun kann ich nicht jedem gleich aufgeschlossen sein, aber meiden, aus dem Weg gehen ist da doch was anderes. Wen meiden wir? Wer muss erst bestimmte Bedingungen erfüllen, bevor ich mich ihm zuwende? Wer muss erst sein Verhalten ändern, seinen Lebensstil, bevor ich mich herablasse mich ihm völlig und ehrlich zu zuwenden. Wir haben viele gute Gründe, anderen aus dem Weg zu gehen. Da denke ich zunächst an die, die am Rand stehen oder schon herunter gefallen sind. An die, die riechen, denen man schon von weitem ansieht, das es ihnen nicht geht. An die , die das Unglück scheinbar anziehen. Bei Petrus hat sich das durch eine Vision verändert. Was muss Gott bei uns aufwenden, bis wir verstehen uns dem unbeliebten zu zu wenden? Welche krassen Bilder und Vergleiche muss er bei uns benutzen?

 

2. Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten. Manchmal ist es nötig, sich auf neue Wege einzulassen. Sie helfen uns, auf unserem eigenen Weg weiterzukommen. Manchmal ist es uns zunächst unbequem, jemanden zu vertrauen, es verunsichert uns, niemand sucht das, aber unser Blick wird geweitet.

Vielleicht müssen wir manchmal über unseren eigenen Schatten springen, d.h. etwas tun, was wir uns vorher selbst nicht zugetraut haben oder was wir nie machen wollten. Es ist auch nötig, erste Schritte zu tun und auf diese Weise neue Türen zu öffnen. Viele haben ein langes Regelwerk, eine Liste , die erfüllt werden muss, bevor Gott handeln kann. Mission funktioniert so, Anbetung geht am besten wenn...einen Gottesdienst feiert man so und so. Bedenken wir Jesus hat oftmals immer genau das Gegenteil getan, von dem was man von ihm erwartet hatte. Er hat immer wieder Erwartungen enttäuscht, sowohl die des Volkes, als auch die seiner Jünger. Hat sich das heute geändert? Ob Jesus heute vielleicht immer die Erwartungen seiner Leute erfüllt?

 

3. Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm. Man zählt die Bekehrung des Kornelius als Beginn der Mission unter den Heiden. Der Glaube verlässt die Grenzen eines Landes und sprengt förmlich hinaus in die ganze Welt. Begonnen hatte es mit der Verheißung an Abraham: in dir sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden...dann geschieht lange erst mal lange nichts. Dieser Segen bleibt sehr exklusiv, wird sozusagen nur vererbt. David hatte in seinen Psalmen schon prophezeit, dass alle Welt den Herrn loben soll. Aber zu seiner Zeit war das ein gewagter Anspruch. Denn von aller Welt konnte nicht die Rede sein. Der Glaube an den einen Gott spielte sich nur innerhalb der Landesgrenzen Israels ab. Begonnen hatte alles mit einem unbedeutenden Nomaden, irgendwo in der Wüste. Jetzt aber geht es hinaus in die Welt. Früher die Trennung auserwähltes Volk - Heiden, heilig, unheilig, jetzt ist scheinbar alles möglich, eine uralte Verheißung bricht sich ihren Weg. Jetzt passiert etwas, das vorher nicht möglich war. Auch zu Jesu Zeiten scheinbar noch nicht. Denn Jesus hat fast ausschließlich unter Juden gewirkt. Fast.

Wir lesen in den Evangelien nur von sehr wenigen Menschen, die keine Juden waren und denen Jesus diente.

Die syro-phönizische Frau, deren Tochter geheilt wurde, (Mk 7,24ff.). Diese Frau gewann eine theologische Diskussion mit Jesus, alle Achtung. Eine zweite Frau am Brunnen. Dann war da noch ein anderer römischer Hauptmann, dessen Diener von Jesus geheilt wurde. Was hatten all diese Personen (Frau und zwei römische Soldaten) gemeinsam? Alle hatten eine klare Kenntnis der heilgeschichtlichen Stellung Israels. Die Frau wusste, dass ihr nur die Krumen zustehen und den Juden das Brot. Über den anderen römischen Hauptmann, dessen Knecht von Jesus geheilt wurde, heißt es: "Er liebt unsere Nation, und er selbst hat uns die Synagoge erbaut" (Lk 7,5). Von Kornelius, heißt es wiederum: "...der dem Volk viele Almosen gab... Kornelius, ein Hauptmann, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann, und der ein gutes Zeugnis hat von der ganzen Nation der Juden" (Apg 10,2.22). War es ein Zufall, dass der erste Heide, dem Jesus diente, und der erste Heide, der den christlichen Glauben annahm, beide eine tiefe Liebe für das jüdische Volk hatten? Nein, weil die Verbundenheit mit den Wurzeln des Glaubens zum Glauben dazu gehört. Paulus warnt die Heidenchristen in Rom, sich nicht über die Juden zu erheben. Er sagt, dies könne die Konsequenz haben, dass sie - im Bild vom Ölbaum dargestellt - als Zweige wieder ausgebrochen werden aus dem Stamm (Röm 11,18-22). Dieser Gefahr sind wir heute keineswegs enthoben.

Weiter sagt Paulus über das Verhältnis von Juden und den Gläubigen aus den Nationen:

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Eph 2,14f. Er (Jesus) hat aus beiden (Juden und Heiden) eins gemacht und die Zwischenwand der Umzäunung abgebrochen. Er hat die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, beseitigt, um die zwei - Frieden stiftend - in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen.

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Jetzt könnte man Amen sagen und sich einfach nur über Gottes Absichten freuen. An einem Tag, wie dem heutigen, wäre es aber zu kurz gedacht nur zu sagen, wie schön das doch von Gott gedacht ist. Halleluja, der Heide hat sich bekehrt und wir dürfen heute auch dazu gehören. Das greift heute zu kurz.

Heute ist der 09. November, der 70. Jahrestag der Reichsprogromnacht. Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, bis hin zum kaltblütigen Mord, der knapp drei Jahre später in den Holocaust an den europäischen Juden mündete. Es geht mir heute nicht so sehr um die Erinnerung an einen einzigen Tag. Der eine Tag und was darauf folgte waren die Symptome eines großen Ganzen: Das Phänomen des Antisemitismus Es ist so etwas wie der dicke rote Faden der Weltgeschichte vorher gewesen und noch heute deutlich zu sehen. Es ist ein Tag des Erinnerns, aber auch des Hinsehens. An so einem Tag kann man sich auch mal unbequemen Fragen stellen:

Ich habe eine Menge Fragen, eigentlich mehr Fragen als Antworten, mehr Fragen, als eine Predigt beantworten kann. z.B. die Frage: Sind wir dem Ziel Gottes, dem einen neuen Menschen (Eph.3), ohne Zäune, Frieden stiftend usw. wenigstens ein Stück näher gekommen? Wenn nicht, was ist die letzten 2000 Jahre eigentlich schief gelaufen?

Ich habe noch mehr Fragen:

Kann es sein, dass das gesamte Phänomen Antisemitismus vor allem das Ziel hatte, dem o.g. Bibelvers und der Verheißung an Abraham (alle Völker werden durch dich gesegnet) entgegen zu wirken?

Kann es sein das diese Judenfeindlichkeit vor allem eine Wirkung hatte, nämlich Feindschaft zu sogen. Christen unter den Juden zu säen und ihnen damit den Zugang zu ihrem jüdischen Messias zu versperren?

Kann es sein, dass wir uns selbst ausgeschlossen haben oder ausgeschlossen wurden von einem reichen Erbe, das in der jüdisch-hebräischen Kultur und dem Denken liegt? Wenn wir auch nur eine dieser Fragen mit Ja beantworten können, sollten wir uns ernsthaft weiteren Fragen stellen.

Zum Beispiel die Frage was unserem Glauben heute dadurch abhanden gekommen ist? Oder wie wir zurück kommen können in den Segensstrom, in dem Leute wie Kornelius standen? Oder wie wir Versöhnung erwirken können (für die es ja gute Beispiele gibt) An einem Tag wie heute, angesichts des unfassbaren Leides, das die Juden durch sogen. Christen erfahren haben, fällt es mir schwer in Petrus und Kornelius nicht nur einen Einzelfall zu sehen. Es fällt mir schwer an die Verheißung zu glauben. Es fällt mir schwer an den einen neuen Menschen zu glauben. Trotzdem will ich glauben.

36 Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist Herr über alle.

Ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, das in Jesus Heilung geschehen kann. Ich möchte glauben, das ihn ihm Frieden möglich ist. Nicht nur unter Christen (was schon schwierig genug wäre), sondern auch darüber hinaus. Aber viele Tatsachen schreien meinem Glauben ins Gesicht, so das er manchmal ganz klein wird oder völlig verschwindet.

Wir werden jetzt einen Tanz sehen, der dieser Hoffnung, diesem Glauben Ausdruck verleiht. Die Worte zu denen getanzt wird sind uralt. Sie stammen von Maimonides, (Moshe ben Maimon) einem jüdischen Gelehrten des Mittelalters.

Maimonides hat dreizehn Artikel des Glaubens verfasst: Der Berühmteste heißt Ani Maamin. Übersetzt heißt es: Ich glaube.

Mit einem perfekten Glauben, glaube ich an das Kommen des Messias. In das Kommen des Messias vertraue ich. Obgleich er zurück bleibt, glaube ich schon. Obwohl er zurück bleibt, glaube ich.

Warum hat mir dieses Lied geholfen?

Ani Maamin wurde zum Glaubensbekenntnis der jüdischen Männer und Frauen, die in den Konzentrationslagern verschluckt wurden. Es wurde gesungen in den Viehwagons, bis zur Ankunft in den Duschen, die keine Duschen waren. Es wurde gesungen von Menschen die gesehen haben, wie ihre Kinder verhungerten. Was haben sie gesungen? Ich glaube. Es wurde wie eine Hymne von Menschen gesungen, die Leid gesehen und erlebt haben, dass ich nur aus Bildern und Filmen kenne.

Es wird heute zu meiner Hymne, weil ich glaube das dieser Messias trotz allen Leides Versöhnung erwirken kann. Ich glaube das sein Reich angebrochen ist und das es sichtbarer wird auch wenn mein Blick durch unvorstellbares Leid verstellt wird. Wenn diese Menschen das glauben konnten, kann ich es auch.

Ani ma´amin        Beémuna shelema

Beviat hamashiach ani maámin

Veaf al pi sheyit mahmeha

Im koh zeh achake loh

Achake bechol yom sheyavoh       Amen