Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 12,1-11

Schuldekan Manfred Jeub (ev)

23.09.2012 in der Friedenskirche in Freiburg

Sonntagsgottesdienst am 16. So.n.Tr.

Wir werden nicht ins Gefängnis kommen

Als Glaubensbekenntnis im Wechsel gesprochen: Barmer Bekenntnis 1, 2+4. Lied vor der Predigt: EG 351, 1.5-7; nach der Predigt: EG 653, 2-4

Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln.

2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.
3 Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.

4 Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen.

5 So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.

6 Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis.

7 Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen.

8 Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir!

9 Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen.

10 Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel.

11 Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.

Liebe Gemeinde,

es ist heute bei diesem Predigttext besonders wichtig, dass wir den Eindruck, den diese Geschichte auf uns macht, nicht wegdrücken, sondern dass er zur Sprache kommt. Was ist das, was wir da gerade gehört haben? Ein schönes Märchen, zu schön um wahr zu sein? Ach, wenn es so ginge, dann könnte amnesty international seine Aktivitäten wohl einstellen, dann wären die Nachrichten um sehr viel Bedrückendes ärmer, dann wäre die Welt eine andere. Aber so ist es nicht. Können fromme Legenden uns im Ernst eine Glaubenshilfe sein? Wo soll denn die Moral von der Geschicht’ liegen? Ist es der Umstand, dass die Gemeinde für den glaubensverfolgten Petrus betet – und dann folgt auf dem Fuße die Erhörung als wundersame Befreiung aus dem Hochsicherheitstrakt? Man kommt ja nicht umhin, die Betonung auf den vielen Sicherheitsmaßnahmen, den Wachtposten, Ketten und Eisentoren zu bemerken, mit der die Geschichte das Unmögliche der Befreiung hervorhebt. Und dann passiert das Unmögliche auf mysteriöse Weise – durch einen Engel. Petrus selbst, heißt es, habe ihn zuerst für eine Erscheinung gehalten; aber durch Erscheinungen kommt kein Gefangener auf freien Fuß. Ist das mehr als eine unglaubwürdige Wundergeschichte? Sollen wir das vielleicht für tatsächlich passiert halten? –

Genug der Vorfragen; es geht nur um die eine: Wie soll uns mit dieser Geschichte Evangelium werden? Wir wollen heute Morgen in Auslegung dieser Bibelstelle Gottes Wort hören, das uns betrifft. Darum pflücke ich jetzt 1. kein Stichwort heraus, mit dem elegant an dieser Geschichte vorbei zu predigen wäre, ich halte 2. keine Moralpredigt, dass wir verfolgte christliche Minderheiten in der Welt unterstützen müssten und ich verflüchtige 3. diese massive Wundergeschichte auch nicht ins allgemein Symbolisch-Gemeinte.

Lasst uns stattdessen heute mit dem Eingeständnis beginnen, dass uns dieser Text verschlossen ist. Er will zu uns nicht reden. Das gibt es. Das kennt jeder, dem die Bibel Lebensbegleiter ist: Texte können verschlossen sein, lange nicht zu uns sprechen und sich dann irgendwann doch öffnen. Und das gilt nicht nur individuell, sondern das gibt es zu Zeiten kollektiv. Dietrich Bonhoeffer hat sich am Tag des Synagogenbrandes 1938 eine Bibelstelle angestrichen, die vom Schweigen Gottes spricht. Ja, auch die Bibel kennt das. Gott redet nicht. Und den Menschen der Bibel gilt es als ein Unglück, das sie zur Buße ruft, zum selbstkritischen Nachdenken bringt. So wollen auch wir es heute halten.

Wir werden um unseres Glaubens willen nicht ins Gefängnis kommen.

Ich denke, dessen sind wir uns alle ziemlich sicher. Bei uns herrschen Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit und das wird auch so bleiben. Wir werden als Christen nicht verfolgt – das unterscheidet unsere Lage grundlegend von der der frühen Christen, von denen wir hier hören. Bei uns herrscht kein Herodes Agrippa und es gibt keine Volksstimmung, die uns böse will und gar zum Pogrom neigt.

Was war es nun aber, das die frühe Christenheit zum Opfer von Verfolgungen machte? Die Antwort ist ganz einfach: sie unterschieden sich von ihrer Umwelt. Sie fielen auf. Hier in der Apostelgeschichte ist es die jüdische Umgebung, später, ausgebreitet ins Römische Reich, wird es die heidnische sein, auch da werden die Christen zur Zielscheibe von Aggression und Vorurteilen, das ist gut belegt und hat zu den bekannten Christenverfolgungen geführt. Die frühe Christenheit wurde zum Objekt der ewigen Außenseitermechanismen, weil sie auffiel, Dinge nicht mitmachte, die alle machten, weil sie in der Tat nach anderen Maßstäben zu leben versuchte.

Ihr Meister hatte sie eine Umwertung der Werte gelehrt (Was sind denn die Seligpreisungen anderes?), er hatte es ihnen ausdrücklich gesagt: Ihr wisst, wie die Machtspiele der Welt gehen, aber: So soll es nicht sein unter euch! – wir haben es eben mit Barmen 4 zitiert. Dasselbe hatte Paulus seinen Gemeinden eingeschärft: Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene (Röm 12,2). Gefährliche Sätze sind das, Harakiri-Sätze wären das, beruhten sie nicht auf der Gewissheit, die unser Wochenspruch zum Ausdruck bringt: Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. Der Abschied nehmende Jesus gibt seinen Jüngern im Johannesevangelium das stärkende Wort mit: In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Joh 16,33) und er verheißt ihnen den Hl. Geist, den Parakleten - Luther hat das Wort mit „Tröster“ übersetzt, aber eigentlich kommt es aus der Rechtssprache und bedeutet Anwalt, Beistand.

Nein, wir werden nicht ins Gefängnis kommen.

Wir werden gar nicht angeklagt. Wir brauchen keinen Anwalt. Wir fallen nicht auf. Wir ecken nicht an. Wir stehen nicht mehr in diesem gespannten Verhältnis zur Welt. Hat sich also die Welt soweit verbessert, dass nicht mehr gilt: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun..? Leben wir in einer Gesellschaft, in der sich die Maßstäbe Jesu weitgehend durchgesetzt haben, in einer veränderten Welt, in Verhältnissen darinnen Gerechtigkeit wohnt? All das werden wir im Ernst nicht behaupten wollen. Wir wissen es: die Botschaft Jesu steht nach wie vor im Widerspruch zu einer Welt, die zutiefst in Unordnung ist, die unter dem Diktat von Macht und Geld immer irrationaler zu werden droht, zu einer verkehrten Welt.

Unlängst hielt die Adorno-Preisträgerin Judith Butler ihre Dankesrede über das provozierende Diktum des Philosophen: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Bringt nicht dieser Satz die Herausforderung jeder christlichen Existenz auf den Punkt: Wie ist das verheißene wahre Leben im Kontext einer verkehrten Welt möglich? Kann es christlich eine andere Antwort geben, als Butler sie gab: nur im Widerspruch, im Widerstand?

Wir werden nicht ins Gefängnis kommen.

Wirklich und wahrhaftig nicht! Es ist paradox: Damals drohten dem Christenglauben ernstliche Konsequenzen bis hin zum Tod – aber sein Einspruch gegen eine gottlose Welt ließ sich nicht zum Schweigen bringen. Heute haben wir die Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit als Grundrechte verbrieft, keine Gefahr für Leib und Leben droht, aber der Einspruch ist nicht mehr zu hören. Machen wir den Mund auf für die Stummen? Gilt Zivilcourage als christliches Markenzeichen? Unterscheiden wir uns, machen wir es in der Kirche wirklich anders? Wie viel Konflikte riskieren wir aufgrund unseres Christenglaubens? Worin bezeugt sich überhaupt unser Bekenntnis zum Mann aus Nazareth?

In der Welt habt ihr Angst – könnte es sein, dass diese Angst zugenommen hat, obwohl uns weder Tod noch Gefängnis drohen? Aber die Selbsterhaltungsangst, von der uns der Glaube befreien will, meint eben nicht nur den physischen Tod. Ebenso bedrohlich ist der soziale Tod. Als soziale Wesen trifft uns Herabsetzung und Ansehensverlust wie eine Prügelstrafe, soziale Isolation wie Gefängnis. Und diese Ängste nehmen zu: Abstiegsangst, Zukunftsangst. Der Druck wächst und mit ihm die Verdruckstheit. Mir könnten Nachteile entstehen, wenn ich den Mund aufmache. Aber auch der direkte Konformitätsdruck wächst, die Verpflichtung auf Loyalität bis hin zum Maulkorb, das Einschwören auf eine corporate identity. Also lieber nicht auffallen, lieber schweigen?

Mein Sohn Benjamin, der Kommunikationswissenschaft studiert, hat mich unlängst mit der von Elisabeth Noelle-Neumann entwickelten Theorie der „Schweigespirale“ bekannt gemacht, und die geht so:

  1. Die allermeisten Menschen wollen nicht sozial isoliert sein, sie empfinden „Isolationsfurcht“.

  2. Menschen machen sich ständig ein Bild von der Verteilung der Meinungen in der Öffentlichkeit und von deren Entwicklung (Noelle-Neumann spricht von einem „Quasi-statistischen Wahrnehmungsorgan“).

  3. Menschen, die den Eindruck haben, ihre Meinung sei im Aufsteigen begriffen oder schon in der Mehrheit, äußern sich bereitwilliger in der Öffentlichkeit, bekennen sich eher öffentlich durch Meinungsäußerungen, Verhalten oder Symbole zu ihrer Meinung, als diejenigen, die glauben, mit ihrer Meinung zu den Verlierern oder zur Minderheit zu gehören. Die Minderheitsfraktion verfällt in Schweigen aus Furcht, sich sozial zu isolieren. Dadurch erscheint die Gruppe der ersteren noch stärker und in einem Spiralprozess scheint diese Meinung die alles beherrschende zu werden – ohne es tatsächlich sein zu müssen.

  4. Die Wahrnehmung der Menschen, welche Meinungen vorherrschend sind, wird maßgeblich durch die in den Massenmedien vertretenen Meinungen und Argumente bestimmt.

  5. Voraussetzung für das Auftreten einer Schweigespirale ist, dass das Thema des Meinungskampfes „moralisch geladen“ ist, also das emotionale Potential hat, die Meinung der Minderheit nicht als rational falsch, sondern als moralisch schlecht erscheinen zu lassen.

Man ahnt, welche Herrschaftstechniken hier bereitstehen, was mediale Macht bedeutet, wie schädlich für eine lebendige Demokratie eine Schweigespirale ist. Wie viel mehr ist sie das in der Kirche. Hier darf es – gerade bei Reformprozessen – kein Herstellen von Meinungsführerschaft und Mainstream geben, sondern kann nur im offenen Diskurs gehen; in der Gemeinschaftsform Kirche darf niemand verstummen, weil er soziale Isolation fürchtet. Ich habe einmal einen persönlichen Bescheid zur Visitation bekommen, in dem stand – ich zitiere wörtlich: Sie sind dafür bekannt, dass Sie mutig Ihre ehrliche Meinung sagen. Das war erst einmal als Kompliment gedacht, das andere folgte dann. Sie sind dafür bekannt, dass Sie mutig Ihre ehrliche Meinung sagen? Ich habe zurückgeschrieben: Merkt ihr auch, was ihr da sagt? Wo sind wir hingekommen, wenn es als mutig gilt, „seine ehrliche Meinung zu sagen“?

Vor zwei Wochen (Sa. 8.9.) brachte die Badische Zeitung einen sympathischen Artikel mit dem Titel „Bedrohte Wörter“; das lutherdeutsche „abermals“ war dabei. In der Apostelgeschichte fällt ein Wörtchen auf, das viel wichtiger wäre, auf die rote Liste gesetzt zu werden. Es fällt gleich am Anfang in der Pfingstgeschichte, wo Petrus die erste christliche Predigt hält: Ihr Männer, liebe Brüder, sagt er zu den Zuhörern, lasst mich freimütig zu euch reden… (Apg 2, 29). Als dann Petrus das erste Mal im Gefängnis landet, betet die Gemeinde: Und nun, Herr, sieh an ihr Drohen und gib deinen Knechten mit allem Freimut zu reden dein Wort. (Apg 4, 29). Und als die Apostel dann wieder in den Schranken des Gerichts stehen, angeherrscht, dass sie das Redeverbot übertreten hätten, da zeigen sie, was Freimut heißt: Petrus aber und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg 5, 29).

Nein, wir werden nicht ins Gefängnis kommen.

Wir werden auf freiem Fuß bleiben. Aber auch freimütig? Von Ernst Bloch stammt das schöne Paradoxon: Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um. Wenn wir jetzt noch einmal auf die befremdliche Geschichte von der Befreiung aus dem Hochsicherheitstrakt schauen: Wer sitzt eigentlich im Gefängnis? Petrus mit seinem Freimut oder wir?

Ja, wenn das dämmert, dann beginnt sich der verschlossene Text zu öffnen wie das eiserne Tor in der Wundergeschichte: das tat sich ihnen von selber auf. (V.10)

Dann wird der Text allegorisch und bringt jeden Einzelnen an seine Fragen. Die Frage, wer meine Wächter sind? Warum treten sie immer paarweise auf? Welche Dialektik ist das? Todesangst und Lebensgier? An welchen Ketten liege ich? Und was liegt hinter dem großen eisernen Tor? In solchen Fragen ist ein Engel schon am Werk.

Ich schließe mit einem Gedicht, einem Liedtext von Peter Beier. Er hat mich als Religionslehrer Ende der 60er Jahre zum Theologiestudium angeregt durch die große Freiheit, die dieser Mann spüren ließ. Später wurde er Präses der Rheinischen Landeskirche und ist allzu früh verstorben.

Pilgerlied

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1

Ich ging über sieben Meere

und über den gläsernen Fluss,

von Bord der goldenen Galeere

den Pilgern Salut und Gruß.


Ich ritt durch sieben Wüsten

An Sodomgomorrha vorbei.

Es brannten die Bernsteinküsten,

vom Himmel regnete Blei.

2

Und als ich kam gekrochen

vor das Tor der großen Stadt,

war mir das Rückgrat gebrochen,

das ein guter Prophete hat.


Ich sollte ein Wörtlein sagen,

das keiner zu sagen gewagt.

Sie gingen mir an den Kragen,

da hab ich das Wort nicht gesagt.

3

Jetzt heule ich mit den Wölfen,

und ich heule wunderschön.

Längst zähl ich nicht mehr zu den Zwölfen,

die mit dem Menschensohn gehen.


Der ist wohl weiter gegangen

zu Wasser, zu Land, in der Luft.

Mich halten die Bürger gefangen

In klimatisierter Gruft.

4

Da ist die Hitze vergessen,

und die erste Liebe auch,

Was tut der Mensch nicht fürs Fressen

Und für einen sanften Bauch.


Habt acht, ihr fahrenden Brüder,

grüßt mir den Menschensohn.

Ich pfeif kapitale Lieder

und warte auf meine Pension.

5

Ich ging über sieben Flüsse,

durchschritt das gläserne Meer.

Meine klirrenden Pilgerfüße,

die wiegen zentnerschwer.


Vielleicht kommt er wirklich wieder,

der Rabbi mit Brot und Fisch,

und lässt sich neben mir nieder

und lädt mich an seinen Tisch.

Amen.