Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Apostelgeschichte 1,4-11 / Lukas 24,50-53

Christian Bauer

17.05.2007 in der katholischen Frauenkirche in Nürnberg

Eine ‚emanzipierte’ Männerpredigt zu Christi Himmelfahrt

Gott – ein allein erziehender Vater?

Eine ‚emanzipierte’ Männerpredigt zu Christi Himmelfahrt

Liebe Gemeinde,

9. Klasse Hauptschule. Das Thema Männer-Frauen-Partnerschaft steht auf dem Lehrplan, und wir haben die Religionsklasse aufgeteilt: die Mädchen sind bei meiner Kollegin, die Jungs arbeiten mit mir. Zum Einstieg lesen wir einen Text, der Nur für Jungs – Nur für Mädchen heißt. Vielleicht kennen Sie das noch als Rubrik aus der inzwischen eingestellten Jugendbeilage der Süddeutschen Zeitung. Ich habe diese auch als Erwachsener noch immer gerne gelesen – vor allem wegen ihrer legendären Doppelseite Nur für Jungs – Nur für Mädchen in der Heftmitte. Es ging dabei um in Geschlechterfragen so entscheidende Dinge wie Friseurbesuche, den Einkauf im Supermarkt und den besten Freund oder die beste Freundin. Und zwar jeweils aus Männer- und aus Frauenperspektive. Einen solchen Text hatten wir keine fünf Zeilen weit gelesen, als sich Benni aus der letzten Reihe schon mit der entscheidenden Frage meldete: „Stimmt das denn überhaupt? Ich habe auch sechs Paar Schuhe. Das sind doch alles nur Klischees!“

‚Gott Vater’ und ‚Mutter Kirche’

„Alles nur Klischees“ – stimmt das? Ja und nein. Denn immer wenn von Männern und Frauen die Rede ist, von Vätern und Müttern, von Mädchen und Jungs, sind natürlich jede Menge Klischees im Spiel – auch und gerade in der Kirche. Oft handelt es sich dabei aber eben doch um mehr als nur um bloße ‚Abziehbilder’ dessen, wie ‚es wirklich ist’. So ein Klischee trifft nie die ganze Realität. Dennoch hilft es uns, uns in dieser komplizierten Welt besser zurechtzufinden. Damit stellt es auch selbst einen Teil von Wirklichkeit dar – einen sehr wichtigen Teil sogar, der unseren Alltag noch immer prägt und zu dem wir uns als Männern und Frauen irgendwie verhalten müssen. – Ein solches Klischee möchte ich mit Ihnen nun im Licht der beiden heutigen Schrifttexte betrachten: unsere umgangssprachliche Rede von ‚Gott Vater’ und ‚Mutter Kirche’. Der Evangelist Lukas, aus dessen Evangelium und aus dessen Apostelgeschichte wir gerade zwei Abschnitte gehört haben, bietet hierfür einen guten Ausgangspunkt. Denn Lukas spricht von Gott in gängigen, scheinbar typischen Positiv-Klischees beider Geschlechter:
- einerseits beschreibt er ihn im Munde Jesu mit einem bei uns noch viel zu unbekannten Bild als eine mütterlich bergende „Henne, die ihre Kücken unter die Flügel nimmt“ (Lk 13,34),
- und andererseits beschreibt er ihn im ungleich bekannteren Gleichnis vom Verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) als einen seine Kinder großherzig in Freiheit setzenden Vater.

Bei Gott sind diese Klischees von der ‚bergenden’ Mutter und vom ‚freisetzen’ Vater eindeutig positiv besetzt. Anders ist es bei uns Menschen. Dort können dieselben Eigenschaften positiv und negativ zugleich sein – und sicherlich weiß der eine oder die andere von Ihnen aus eigener Erfahrung ein Lied davon zu singen: mütterliches ‚Behütenwollen’ kann sehr schnell zur Umklammerung werden und väterliches ‚Freisetzen’ zum Alleinlassen.

Gott als ‚alleinerziehender Vater’…

Was aber heißt das für unsere gewohnheitsmäßige Alltagsrede von ‚Gott Vater’ und ‚Mutter Kirche’? Um dies zu verdeutlichen, möchte ich am heutigen ‚Vatertag’ ausnahmsweise einmal nur die positiven Seiten des Väterlichen und die negativen Seiten des Mütterlichen herausgreifen. Zwei Einschränkungen sind hierbei unbedingt nötig. Erstens nämlich wäre selbstverständlich auch eine umgekehrte Zuordnung möglich. Dann wäre zum Beispiel von Gott als einer barmherzigen Mutter zu sprechen und von der Kirche als einem strengen Vater. Und natürlich trägt die Kirche zweitens auch sehr viele positive und nicht nur negative Züge – und zwar sowohl des Mütterlichen als auch des Väterlichen. Diese beiden Einschränkungen stelle ich heute einmal bewusst zurück, wenn ich bei Gott als einem unbedingt guten Vater und der Kirche als einer menschlich zwiespältigen Mutter bleibe – und damit bei zwei unter unseren Zeitgenossen weitverbreiteten ‚Beziehungslagen’.

Dann erscheint Gott wie im Gleichnis vom Verlorenen Sohn als ein Vater, der seinen Kindern wirklich etwas zutraut und sie aus dem ‚sicheren Nest’ heraus in das Abenteuer der Freiheit entlässt – wohl wissend um die Kraft, die er ihnen mit auf den Weg gegeben hat und mit der festen Zusage, jederzeit in die Geborgenheit seines Hauses zurückkehren zu dürfen. Dies ist die positive Seite des Väterlichen bei ‚Gott Vater’: er gibt dem Freiheitsdrang seiner Kinder weiten Raum, denn er möchte von ihnen Selbststand, Unabhängigkeit und aufrechten Gang. Und dies nicht selten gegen eine ‚Mutter Kirche’, die ihre ‚Kücken’ wie eine übervorsichtige ‚Glucke’ umhütet – weil sie diese nicht loslassen kann aus Sorge, von ihnen verlassen zu werden. Hier wirkt sich die negative Seite des Mütterlichen aus. Nicht wenige (und nicht die unfrommsten!) unserer Zeitgenossen haben der Kirche daher den Rücken gekehrt, obwohl sie um Gott als den himmlischen Vater ihrer Freiheit wissen. Gott und seine Kirche erscheinen ihnen wie ein scheidungsreifes ‚Ehepaar’. Für sie ist er längst zu einem ‚allein erziehenden Vater’ geworden.

… und unser Fest Christi Himmelfahrt?

Gott als ‚allein erziehender Vater’: das passt gar nicht schlecht zum heutigen Vatertag, werden Sie jetzt vielleicht denken. Aber passt es auch zu unserem heutigen Fest Christi Himmelfahrt? Schauen wir noch einmal auf die beiden Schrifttexte, die von dieser ‚Himmelfahrt’ Christi erzählen. – Jesus spricht noch einige letzte Worte mit seinen Jüngern, so heißt es darin, und dann wird er ihren Blicken entzogen. In der ausführlicheren Version der Apostelgeschichte treten nun zwei Engel auf, welche die in die Höhe starrenden Jünger zurechtweisen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ (Apg 1,11). Das ist auch uns gesagt: Ihr Frauen und Männer, Ihr Mädchen und Jungs, Ihr Mütter und Väter aus Nürnberg, was steht Ihr da und schaut zum Himmel empor? Auch unser Blick wird auf die Erde zurückgelenkt. Jesus ist nicht wie eine Rakete in die Luft gegangen, die allmählich verblassende Kondensstreifen am Blau des Himmels hinterlässt. Die beiden Engel lenken unsere Blicke vielmehr vom sichtbaren ‚Himmel über uns’ hin zu jenem verborgenen „Himmel zwischen uns“ (W. Willms), dessen Spuren überall dort zu finden sind, wo Menschen sich nachfolgend auf den Weg Jesu einlassen. Sie mahnen sie uns, nicht nach oben zu starren und uns von den Herren dieser Welt abhängig zu machen – von ihren vielen ‚Übervätern’ nicht und auch nicht von ihren ‚Heiligen Vätern’, die alles so genau zu wissen scheinen.

Denn der Apostelgeschichte zufolge ist der Ort des himmlischen Vaters eine „Wolke“ (Apg 1,9), in die hinein Jesus entschwindet. Sie kennen das aus dem Alten Testament: Gott zieht seinem Volk in einer Wolke voran. Er ist von einem undurchdringlichen Geheimnis umgeben. Wir können ihn nicht greifen und nach unseren Maßstäben ‚dingfest’ machen – alle unsere Versuche sind nur ein Stochern im Nebel. ‚Christi Himmelfahrt’, das sagt uns: Diese geheimnisvolle Wolke des Nichtwissens umgibt nun auch Jesus – und wenn er wirklich wie eine Rakete in den Himmel aufgestiegen wäre, dann könnten wir noch nicht einmal seine Kondensstreifen festhalten. Er bleibt unserem direkten Zugriff vielmehr entzogen. Und dieses Entzogensein setzt unsere heutigen Wege der Nachfolge frei – ganz so, wie es der gute Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn tat. Was das für die vielen kleinen ‚Wiederkünfte’ Jesu in unserem Alltag und für seine große Wiederkunft am Ende der Zeiten heißt, hat im vergangen Jahrhundert kaum einer besser durchdacht als Albert Schweitzer. Der als ‚Urwalddoktor von Lambarene’ berühmte Friedensnobelpreisträger war auch ein anerkannter Bibelwissenschaftler. Die folgenden Schlusssätze seines Buchs zur Geschichte der Leben-Jesu-Forschung gehören für mich zum Großartigsten, was die Theologie im 20. Jahrhundert begriffen hat. Sie bündeln in sich alle Freiheit der Nachfolge Jesu, in die hinein uns Gott als treuer ‚Gatte’ seiner Kirche entlässt:
„Jesus [...] wird [...] für unsere Zeit immer etwas Fremdes und Rätselhaftes behalten. […] Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er heute wieder zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer herantrat, die nicht wussten, wer er war. Er sagt dasselbe Wort: Du aber folge mir nach! Und er stellt uns vor die Aufgaben, die er in unserer Zeit lösen muss. [...] Und denjenigen, die ihm nachfolgen, [...] wird er sich offenbaren in dem, was sie in seiner Gemeinschaft an Frieden, Wirken, Kämpfen und Leiden erleben dürfen, und als ein unaussprechliches Geheimnis werden sie erfahren, wer er ist...“

Amen.

 

 

Kontext der Predigt:
Diese Predigt wurde am 17. Mai 2007 in der katholischen Nürnberger Frauenkirche im Rahmen eines pastoralen Praxisjahres mit Schwerpunkt ‚Männerarbeit’ gehalten. Der pfarrliche Festgottesdienst zu Christi Himmelfahrt war in diesem Zusammenhang als eine ‚Männer-Messe’ mit eigenem ‚Vater-Kind-Segen’ am Schluss gestaltet. Nach dem Gottesdienst folgte ein moderiertes Predigt-Nachgespräch mit Frühschoppen im nahen Gemeindezentrum, bei dem zahlreiche eigene Erfahrungen von Frauen und Männern zur Sprache kamen.