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Predigt über Apostelgeschichte 15,1-2.6.22-29

Katharina Barth-Duran (kath.)

09.05.2010 Ökumenischer Gottesdienst im Rahmen der Kirchenmusiktage Kraichtals

Ökumenischer Gottesdienst im Rahmen der Kirchenmusiktage Kraichtals

Da ging es hoch her, in den ersten christlichen Gemeinden damals.
Die hatten handfesten Streit.
Die Bibel beschönigt nicht und spricht von großer Aufregung, heftiger Auseinandersetzung, Unruhe und erregten Gemütern.
In Kürze gesagt, ging es um die Streitfrage, ob man erst Jude werden musste, bevor man Christ werden konnte.
Etwa auch, ob zunächst einmal jüdische Gesetze, wie die Beschneidung zu befolgen waren, ehe man getauft werden konnte.
Paulus - bei seinen Missionsreisen zu den sogenannten Heiden- war gegen diesen jüdischen Umweg. Petrus eher ängstlich auf das Einhalten jüdischer Regeln bedacht.
Es war ein hartes Ringen, damals beim sogenannten Apostelkonzil in Jerusalem.
Ein Ringen und Streiten, das mir sympathisch ist, und für uns alle wohl nachvollziehbar.
Viel eher nachzuvollziehen, als jene Berichte in der Apostelgeschichte, in denen es von den ersten Christen heißt: sie hatten alles gemeinsam, teilten alles miteinander und waren ein Herz und eine Seele.
Da denken wir dann doch eher: Viel zu schön, um wahr zu sein.
Damals und heute ist es doch wohl eher so, dass die Realität, das wirkliche Leben, und unser Wunschdenken, unsere Visionen, oft auseinandergehen ...ob es nun in der Kirche, in der Gesellschaft oder im persönlichen Leben jedes einzelnen ist:
Die Christen sind wie ein Ehepaar, das von Liebe redet, aber getrennt lebt, dieser Satz ist irgendwann bei mir hängen geblieben:
Die Christen – ein Ehepaar, das von Liebe redet, aber getrennt lebt...
Dabei war es ein letzter Wunsch Jesu in seinen Abschiedsreden: Ich will, dass
ihr eins seid, so wie der Vater und ich eins sind.
Eure Einheit ist notwendig, damit die Welt glauben kann, sagte er.
Unsere Glaubwürdigkeit hängt also von der gelebten Einheit ab.
Mir fielen dazu die Umfragen zu Partnerschaft und Liebe bei Jugendlichen ein:
Mehr als 80% setzten die Treue zum anderen an die 1. Stelle.
Und im wirklichen Leben kommt es dann oft so ganz anders...
Wie viele erleiden heutzutage die Katastrophe der Trennung.
Die Katastrophe der Trennung.
Jeder von uns weiß, dass eine Trennung viel Leid, Verlust, vielleicht sogar Krankheit und Untergang mit sich bringt.
Schon ein Blick in die Natur zeigt uns, dass eine Höher- und Weiterentwicklung allen Lebens nicht durch Trennung erfolgt, sondern durch Vereinigung und Zusammenschluss.
Sogar in der Wirtschaft ist das so: Weiterentwicklung durch Zusammenschluss, Teamwork, Globalisierung.
Vielleicht entstehen deshalb auch im persönlichen Leben Patchworkfamilien und Mehrgenerationenhäuser.
Für uns Christen hieße das, wenn wir überleben wollen in einem Meer von Unglauben, wenn wir weiterbestehen wollen in Zukunft, dann gibt es keine dringlichere Frage für uns als diese:
Wie können wir uns zusammenschließen? Wie finden wir zur Einheit? Wie können wir das Trennende überwinden?
Ich möchte Sie jetzt gerne mitnehmen und in drei Schritten einige Gedanken aufzeigen, die uns einen Weg zur Einheit bahnen können.

Der 1. Schritt ist immer: wahrzunehmen, was ist. Wahrnehmen, was ist.
Das ist beim Arzt die Diagnose, beim Therapeuten in der Eheberatung die Frage, wie sieht es eigentlich aus bei den beiden?
Bei uns Christen wäre das ein genaues Hinschauen auf unsere Herkunft, auf unsere Entwicklung und auf unsere Geschichte.
Nun reicht mir die Zeit nicht, all´ das mit Ihnen jetzt anzusehen.
Aber eines kann uns wohl schon beim ersten Blick deutlich werden:
dass wir sehr, sehr verschieden sind.
Und Verschiedenheit, das wissen wir auch, sorgt für genügend Sprengstoff und Spannungen – wie es eben im wirklichen Leben so ist.
Um das anschaulich zu machen, liegt es mir nahe, mit Ihnen wieder auf diese beiden Säulen der Urkirche zu schauen, auf Petrus und Paulus. Ein Paar wie es unterschiedlicher nicht sein könnte.
Sie zeigen uns, dass es diese Spannung im Christentum schon von Anfang an gab. Und wenn ich diese beiden jetzt kurz charakterisiere, dann fallen Ihnen vielleicht sogar Parallelen zu unseren christlichen Konfessionen ein.
Auf der einen Seite ist da dieser Petrus. Schon am Anfang von Jesus in seinen Jüngerkreis berufen. Ein einfacher Mensch, Fischer am See Genezareth, der zum Wortführer der Apostelgruppe wird.
Sehr menschlich, spontan und gefühlsbetont. Er konnte aufbrausen, schwören und leugnen. Ein Mann der großen Gesten und Zeichen, einer, der aus Reue weinen konnte und für Jesus ins kalte Wasser gesprungen ist. Dieser oft so wankelmütige Simon, wurde von Jesus „Petros“ genannt, der Fels, auf den er seine Kirche bauen wollte.
Auf der anderen Seite Paulus, einst Saulus, ein Jude mit römischer Staatsbürgerschaft aus der Stadt Tarsus. Von Jugend an Studium der Heiligen Schriften, gelehrt und redegewandt, Pharisäer, Christenverfolger, bis es ihn wie ein Blitz bei Damaskus getroffen hat. Danach eifrig im Verkünden der frohen Botschaft und im Aufbau von christlichen Gemeinden.
Zwei Männer, so verschieden wie es unsere christlichen Konfessionen auch sind. Sie ringen um einen gemeinsamen Weg.
Hätte Petrus nicht dem Paulus zugestimmt, sondern ängstlich auf der Einhaltung jüdischer Regeln bestanden, dann wäre das Christentum eine kleine jüdische Sekte geblieben.
Hätte Paulus nicht die Leitungsfunktion des Petrus uneingeschränkt anerkannt, wäre die junge verfolgte Christengemeinschaft auseinandergebrochen.
Statt dessen:
Ein wunderbares Ergebnis, aus dem der Heilige Geist spricht, ein Lösungsweg, von dem wir heute noch für die Ökumene lernen können.

Petrus sagt abschließend: Wir alle glauben an den einen Herrn Jesus Christus. Es gibt verschiedene Wege zum gleichen Ziel. Das Evangelium gilt für Juden und Heiden.
Und Petrus hebt hervor, von wem diese Erkenntnis kommt: der Heilige Geist und wir.

Damit wäre ich bei einem 2.Schritt. Es sind kurze Überlegungen dazu, was in unserem Umgang hilfreich und heilsam ist, um zur Einheit zu finden.
Das, was ein Arzt Therapie nennt.
Zur Behandlung des „Problems“ möchte ich sozusagen drei Dinge anführen:
die Solidarität mit der eigenen Kirche, die Vergebung und den Dialog.

Es stimmt, dass das, was uns verbindet soviel mehr ist, als das, was uns trennt. Aber vielleicht ist es gerade deshalb so wichtig für die Ökumene, den eigenen Ursprung zu kennen und nicht zu verleugnen. Es ist wichtig, die eigene Kirche zu lieben.
Genauso wie ich meinen Nächsten nur lieben kann, wenn ich mich selbst annehme. Das heißt, wenn ich meiner eigenen Kirche gegenüber blockiert bin, kann ich nicht offen gegenüber anderen Kirchen sein. Oft sind es ja die Splittergruppen in meiner eigenen Konfession, die mir die größeren Probleme bereiten. Wir alle kennen die Lager von „Konservativen“ und „Progressiven“.
Es kann eine Ergänzung meines eigenen Glaubens sein, wenn ich lerne, den anderen, auch in der eigenen Kirche, zu akzeptieren.

Neben der Liebe zur eigenen Kirche ist die Vergebung eine wichtige Haltung.
Es ist uns allen wohl einleuchtend, dass ein 450 Jahre währender interkonfessioneller Konflikt nicht schlagartig und spurlos aus dem „Familiensystem Christenheit“ verschwunden sein kann.
Manfred Lütz, katholischer Theologe und Psychologe, sagt:
„Natürlich reden heutzutage Katholiken nicht mehr über Protestanten wie noch die eigenen Großmütter“. Schmunzelnd meinte er, als Kind sei er sich nie ganz sicher gewesen, ob es sich bei den Evangelischen wirklich um Menschen handelte, „sie sahen zwar genauso aus, aber irgendetwas stimmte mit denen nicht“.
Und auf der anderen Seite wurden seine protestantischen Schulfreunde gewarnt: Vorsicht bei den Katholiken, die lügen wie gedruckt und danach gehen sie beichten.
Ja, heute schmunzeln wir wohl darüber.
Aber eines steht fest: Nur, wenn wir Kränkungen verzeihen, kommen wir von der Vergangenheit los und in die Gegenwart, ins Heute.
Papst Johannes XXXIII hat erklärt, dass wir bei einem historischen Vorgang nicht mehr untersuchen wollen, wer recht und wer unrecht gehabt hat.
Und auch das gilt für jedes menschliche Miteinander:
Es gibt einen Ort jenseits von richtig und falsch, jenseits von gut und böse, dort werden wir uns begegnen. D.h. nicht zu urteilen.

Und dann natürlich auch den Dialog, das Gespräch miteinander zu pflegen. Was haben diese ersten Christen früher nicht alles auf sich genommen. Auf mühsamen Fußwegen und beschwerlichen Reisen haben sie sich immer wieder gegenseitig besucht, wollten sich begegnen, sich austauschen.
Es soll dabei weniger um theologische Grundsatzdiskussionen gehen. Das sind allzu oft nur Monologe, in denen nicht auf den anderen gehört, sondern die eigene Position verteidigt wird.
Die Brüder der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé schlagen vor, das viele Diskutieren zu lassen und stattdessen sich einfach mehr zu erzählen.
Uns erzählen, was uns bewegt, so mitten im Alltag, was unser Leben als Christen ausmacht, was uns diese oder jene Bibelstelle ganz persönlich sagt.
Ich glaube solche Gespräche sind der Weg, den anderen zu verstehen, zu akzeptieren.
Mich in ihn hineinzuversetzen und die Dinge mit seinen Augen sehen zu lernen.
Kommen wir nach diesen Haltungen - von der Liebe zur eigenen Kirche, dem Verzeihen und dem Gespräch - zum letzten und dritten Schritt auf dem Weg zur Einheit. Kurz gesagt:
Es sind die mutigen Zeichen und Gesten, mit denen wir unsere Einheit heute schon leben und verwirklichen.
Es ist gelebte Einheit, wenn in wenigen Tagen der zweite ökumenische Kirchentag in München stattfindet. Auch hier aus Kraichtal wird ein Bus mit evangelischen und katholischen Christen dorthin fahren.
Es ist gelebte Einheit, was wir hier in einer ökumenischen Bibelwoche jedes Frühjahr praktizieren, oder im traditionellen ACG-Gottesdienst am Pfingstmontag oder in einem ökumenischen Arbeitskreis Eine Welt.
Die Kirchenmusiktage hier feiern, das ist gelebte Einheit, dass wir in diesem ökumenischen Gottesdienst zusammen sind, und die Kirchenchöre Kraichtals gemeinsam eine lateinische Messe singen. Das ist doch was!

Die Einheit der Christen wird nicht durch Verhandlungen von Theologen oder durch juristische Abkommen in den oberen Kirchenetagen zustande kommen. Frère Roger aus Taizé hat immer gesagt: Wir werden eines Morgens aufwachen und die Einheit feststellen.
Das soll nicht heißen, dass wir nicht alles tun sollten, um aufeinander zuzugehen.
Aber es soll uns auch Mut machen und darauf hinweisen, dass es da noch einen Geist Gottes gibt, um den wir in dieser Zeit vor Pfingsten besonders beten.
Der Heilige Geist, der Erstarrtes bewegen und beleben kann, der Getrenntes zusammenfügt.
Der Geist Gottes, der mir Mut macht, zu einer ganz großen Vision, die ich Ihnen jetzt zum Schluss noch mitgeben will:
Ich habe einen Traum, den Traum dass eines Tages evangelische und katholische Christen von Kraichtal zum Gottesdienst zusammenkommen, auf Gottes Wort hören, miteinander beten und singen, und dass alle gemeinsam Mahl halten können, vereint an einem Tisch, vereint im Wort und im Brot, vereint in Jesus Christus.